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Dies ist der zwölfte Teil einer Übersicht meiner Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



600
Das Geheimnis des perfekten Tages Dieter Nuhr: Das Geheimnis des perfekten Tages
Bastei Lübbe, 2013
307 Seiten, gebunden

Der Inhalt von Dieter Nuhrs Büchern hat normalerweise relativ wenig mit dem Titel zu tun. Und so wird auch diesmal natürlich nicht enthüllt, wann ein Tag als perfekt bezeichnet werden kann, oder was man tun muss, damit ein Tag perfekt wird. Immerhin kann man lernen, dass für Dieter Nuhr ein Tag dann perfekt ist, wenn es praktisch gar nichts zu tun gibt, wenn er ein bisschen mit offenen Augen träumen kann, gut zubereiteten Kaffee trinkt (Bier erst ab vier), früh wieder einschläft, und wenn bis dahin nichts wehgetan hat. Das Buch folgt den Ereignissen eines solchen Tages, oder vielmehr gibt es Nuhrs Gedankenstrom wieder, seine freien Assoziationen, Träume und Visionen. Das alles ist nur chronologisch gegliedert, aber nicht nach irgendwelchen Themengebieten. Wie Nuhr selbst schreibt, (Zitat) "steht Nützliches gleichberechtigt neben wirrem Zeug und kranken Visionen" (Zitat Ende).

Es beginnt um 05:21 Uhr an einem freien Montag damit, dass Nuhr erstmals wach wird, sich aber noch einmal umdreht, um in den seligen Zustand der Bewusstlosigkeit und somit Sorgenfreiheit zurückzukehren. Ab 07:30 Uhr ist an Schlaf nicht mehr zu denken, weil draußen lautes "Padumm, Padumm, Padumm" erklingt - ein Bauarbeiter verdichtet den Straßenbelag. Nuhr macht Frühstück, fragt sich, warum Käse eigentlich Stabilisatoren enthält (damit er nicht umfällt?), und warum der Urologe nicht anruft, um die Ergebnisse der Prostata-Untersuchung bekanntzugeben. Nuhr liest Zeitung, also die Neuigkeiten von gestern, aber via Tablet-PC, also mit einem Gerät, das ihm die aktuellsten Nachrichten anzeigen könnte. Sehr retro! Der Tag endet um 21:31 mit mehreren Bierchen. Nuhr schläft ein, dann verliert die Zeit ihre Bedeutung und läuft rückwärts.

Wie immer wird der Leser durch gedankliche Hakenschläge überrascht, mit denen Nuhr alltägliche Banalitäten mit hochphilosophischen Überlegungen verknüpft. Stets ironisch und sarkastisch, auch mal zynisch und schwarzhumorig. Manch platter Kalauer ist allerdings auch dabei. Und einiges kam mir sehr bekannt vor - entweder aus den älteren Büchern oder aus Nuhrs Bühnenprogrammen. Besonders schön fand ich eine Textstelle, die gar nicht von Nuhr stammt; es ist ein Zitat der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach: "Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man konnte". (09.12.2013)

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599
Die Teufelsbibel Richard Dübell: Die Teufelsbibel
Bastei Lübbe, 2009
668 Seiten

Die Teufelsbibel wurde der Legende nach vom Höllenfürsten höchstpersönlich geschrieben und enthält das gesamte Wissen der Menschheit. Sie wird in einem alten Kloster aufbewahrt, dessen Standort nur wenigen Menschen bekannt ist. Sieben schwarz gewandete Mönche - die Kustoden - bewachen die Teufelsbibel, denn wenn sie in die falschen Hände fällt, könnte das zum Untergang der Menschheit führen. Im Jahre 1572 versuchen ein Dieb und seine schwangere Frau die Teufelsbibel zu stehlen. Sie mischen sich unter eine Gruppe von protestantischen Flüchtlingen, die im Kloster Zuflucht gesucht haben, aber die Sache bleibt nicht unbemerkt. Ein Kustode wird wegen des Diebstahlsversuchs wahnsinnig und wütet mit der Axt unter den Flüchtlingen, bis er von einem seiner Brüder mit einer Armbrust erschossen wird. Im Sterben liegend bringt eine der niedergemetzelten Frauen ein Kind zur Welt. Es soll ebenfalls beseitigt werden, aber der mit dieser Aufgabe betraute Klosterbruder bringt den Mord nicht über sich. Er überlässt das Mädchen einer Dorfbewohnerin, die ihr eigenes Kind verloren hat. Das Mädchen kommt später in ein Waisenhaus und wird unter dem Namen Agnes von dem wohlhabenden Wiener Händler Niklas Wiegant adoptiert.

Zwanzig Jahre später versuchen einige Kardinäle, die Teufelsbibel in die Hände zu bekommen. Die Verschwörer wollen die Macht des Buches zur Einigung der zerfallenden Christenheit einsetzen. Der skrupellose Dominikanerpater Xavier Espinosa reist in ihrem Auftrag nach Wien, denn Agnes ist, wie er glaubt, die letzte Verbindung zu den Geschehnissen der Vergangenheit. Agnes liebt den Nachbarsjungen Cyprian. Er ist der Protegé seines Onkels, des Wiener Bischofs Melchior Khlesl. Der Bischof kennt die Pläne der Verschwörer und will sie mit Cyprians Hilfe durchkreuzen. Doch inzwischen haben auch die Kustoden erfahren, dass es eine Überlebende des Massakers vor zwanzig Jahren gibt. Zwei von ihnen werden entsandt, um das damalige Versäumnis zu bereinigen. Niemand ahnt, dass es noch jemanden gibt, der vom Versteck der Teufelsbibel weiß. Es ist Andrej, der Sohn des Diebes. Er ist dem Gemetzel unbemerkt entkommen und lebt inzwischen am kaiserlichen Hof in Prag, wo seine einzige Aufgabe darin besteht, Kaiser Rudolf II. immer und immer wieder die Geschichte von der Teufelsbibel zu erzählen. Und es gibt nicht nur eine Version dieses gefährlichen Buches...

Die Teufelsbibel (der Codex Gigas) existiert wirklich. Sie ist eine der größten mittelalterlichen Handschriften und wird in der königlichen Bibliothek Stockholm aufbewahrt. Einige Seiten fehlen. Nach Dübells Roman ist das der Beweis dafür, dass es sich nur um eine Kopie handelt. Die echte Teufelsbibel befindet sich irgendwo anders, und die fehlenden Seiten enthalten einen Code, ohne den das in der Teufelsbibel gespeicherte Wissen nicht entschlüsselt werden kann. Für den Roman ist die Teufelsbibel allerdings lediglich dasselbe wie der berühmte McGuffin für das Filmgenre: Das Buch selbst spielt im Roman fast überhaupt keine Rolle, es wird aber gebraucht, damit die verschiedensten Personen ihm nachjagen und sich gegenseitig das Leben schwer machen können. Wert und Gefährlichkeit der Teufelsbibel werden dementsprechend immer wieder behauptet, aber nie gezeigt.

Tatsächlich fällt es schwer zu glauben, dass mächtige katholische Würdenträger auf die Idee kommen könnten, mit diesem Buch sei das Kirchenschisma rückgängig zu machen, oder dass gläubige Mönche zu Mord und Totschlag greifen, um die Teufelsbibel zu schützen - vom recht unmotiviert wirkenden Tobsuchtsanfall eines Kustoden, mit dem alles beginnt, ganz zu schweigen. Auch verstehe ich nicht, welches Interesse die Kustoden und Pater Xavier an Agnes haben. Weder weiß sie, wo sich das Versteck der Teufelsbibel befindet, noch kann sie irgendjemandem auf andere Weise gefährlich werden. Darüber hinaus dauert es ziemlich lange, bis die Geschichte nach dem blutigen Auftakt in die Gänge kommt. Ständig tauchen neue Haupt- und Nebenfiguren an verschiedenen Handlungsschauplätzen auf, deren Interessen und Motivationen nicht immer klar werden, so dass es etwas schwer fällt, nicht die Orientierung zu verlieren. Vielleicht war das dem Autor bewusst, denn es werden immer wieder Dinge wiederholt, die man längst weiß. Und schließlich finde ich den Roman schlicht zu lang. 200 Seiten mit weitschweifigen Beschreibungen und geschichtlichen Exkursen weniger hätten sicher nicht geschadet! Immerhin: Am Ende werden alle losen Fäden zusammengeführt, zwei Liebende "kriegen" sich (für ein anderes Pärchen geht es nicht so gut aus) und die Fieslinge finden ihre gerechte Strafe. Abgesehen vom manchmal eher peinlichen Humor (bis hin zum Slapstick!), dem eindimensionalen Hauptbösewicht und einzelnen sprachlichen Anachronismen fühlte ich mich somit doch ganz gut unterhalten. (03.12.2013)


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598
Winnetou 3 Karl May: Winnetou III
Kindle Edition

Unterwegs nach Texas begegnet Old Shatterhand zufällig dem berühmten Westmann Sam Hawerfield. Hawerfield war Farmer, bis seine Farm von Bushheaders niedergebrannt wurde. Seitdem verfolgt Hawerfield die Mörder seiner Familie und hat alle bis auf zwei (Fred und Patrik Morgan) bereits erledigt. Seit er seine Ohren an die Navajos verloren hat, ist Hawerfield unter dem Namen "Sans-ear" bekannt. Sans-ear und Old Shatterhand reiten zusammen weiter und verhindern einen Bahnüberfall der Ogellallahs. Es stellt sich heraus, dass Fred Morgan an der Sache beteiligt ist. Der Schurke wird bis zum Llano estacado verfolgt, wo Old Shatterhand und Sans-ear nur knapp dem Tod durch Verdursten entrinnen. Sie begegnen Bernard Marshal, einem Juwelierssohn, dessen Vater von den Morgans betrogen und ermordet worden ist. Marshal ist unterwegs zu seinem Bruder Allan, auf den es die Morgans ebenfalls abgesehen haben. Die Westmänner stehen Marshall bei. Hilfe erhalten sie von Winnetou, der auf dem Weg zu den Goldfeldern von San Francisco zu ihnen stößt.

Nach diesen Abenteuern begibt sich Old Shatterhand geschäftlich nach Hamburg, kehrt aber bald in den Wilden Westen zurück und fährt mit der Pacific-Bahn von Omaha City weiter nach Westen. Im Zug begegnet Old Shatterhand dem inkognito reisenden Detektiv Fred Walker und unterstützt ihn im Kampf gegen Bahnräuber, die sich mit den Sioux verbündet haben. Winnetou schließt sich den beiden an. Nachdem die Gefährten einen Überfall auf die Bahnstation Echo-Cannon vereitelt haben, müssen sie die Bewohner der Siedlung Helldorf-Settlement aus den Händen der überlebenden Indianer befreien. Kurz vor der entscheidenden Attacke wird Winnetou von einer Todesahnung ergriffen. Er bittet seinen Blutsbruder, sein Testament zu vollstrecken...

Da Winnetous Schicksal jedermann bekannt sein dürfte, spoilere ich wohl nicht zu viel, wenn ich verrate, dass sich Old Shatterhand wirklich um Winnetous Testament kümmern muss. Winnetous Tod dürfte eine der ersten schmerzlichen Erfahrungen meines jungen Leserlebens gewesen sein. Hauptfiguren wie der berühmte Apachenhäuptling können sterben?!? Das war damals völlig neu für mich.

Der dritte Winnetou-Roman ähnelt dem zweiten sehr. Die ersten sieben Kapitel wurden aus älteren Geschichten zusammengestellt, das letzte Kapitel wurde nachträglich geändert. Wieder gibt es eine Unterteilung in zwei weder miteinander noch mit den früheren Romanen zusammenhängende Geschichten, wieder verhält sich Winnetou erstaunlich grausam gegenüber seinen Feinden, und zumindest im ersten Teil spielt er eine untergeordnete Rolle. Wie immer begegnet Old Shatterhand irgendwelchen skurrilen Sidekicks, die ihn für ein Greenhorn halten, dann aber seine Überlegenheit anerkennen müssen und sich spätestens dann mehr oder weniger unterordnen, wenn sie begreifen, wer er wirklich ist. Hier: Sans-ear und Fred Walker. Und die christliche Botschaft wird so dick aufgetragen, dass es weh tut! In Helldorf-Settlement nimmt Winnetou den christlichen Glauben an, nachdem Old Shatterhand ihn entsprechend belabert hat. Dadurch wird er zum "edlen Wilden", der künftig darauf verzichten will, seine Feinde zu skalpieren und so weiter. Au weia!

Erst im letzten Kapitel schließt sich der Kreis. Old Shatterhand fällt Santer in die Hände, dem Mörder Intschu tschunas und Nscho-tschis. Santer eignet sich Winnetous Vermächtnis an, denn darin wird genau beschrieben, wo der Goldschatz der Apachen versteckt ist und wie er verwendet werden soll. Am Schluss erfährt man, dass das Gold nach Winnetous Willen an Bedürftige verteilt werden sollte. Davon hält Santer natürlich nichts! Erst in dieser Phase wird der Roman richtig spannend, und durch das tragische Ende wurde ich mit dem restlichen Unsinn versöhnt. (26.11.2013)


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597
Elfentod Justina Robson: Lila Black 03 – Elfentod
Blanvalet, 2009
416 Seiten

Lila Black verbringt ihre Flitterwochen mit dem Elfen-Rockstar Zal und dem Dämonen-Assassinen Teazle in Daemonia. Noch immer versteckt sich der immaterielle Elfen-Nekromant Tath in Lilas Körper. Der Kobold Thingamajig, Lilas geschwätziges "Haustier", ist stets mit dabei. Nach wie vor muss sich Lila ständig mit geltungssüchtigen Dämonen duellieren, und dabei stellt sie fest, dass die Umwandlung ihres Mensch-Maschinen-Körpers noch längst nicht abgeschlossen ist. Die Cyborg-Bestandteile sind nicht nur perfekt mit den Überresten der Frau verschmolzen, die sie einst war - Lila kann die Maschinenteile jetzt auf eine Art und Weise verändern, die nie vorgesehen gewesen ist. Eines Tages erhält Lila Besuch von ihrem Feen-Kollegen Malachi, der von einer neuen Bedrohung berichtet. In der Menschenwelt Otopia ist es zu einer "Mottenplage" der besonderen Art gekommen. Geisterhafte Wesen aus Feenland laben sich an den Seelen der Menschen, was zu Wahnvorstellungen und zum Koma führen kann. Durch das massenhafte Auftreten der "Motten" wird das gute Verhältnis zwischen Menschen und Feen ernsthaft gefährdet. Lila soll sich um dieses Problem kümmern.

Lila möchte ohnehin gern nach Otopia zurückkehren, obwohl sie befürchtet, dass ihr Körper trotz aller Veränderungen vom Geheimdienst ferngesteuert werden kann. Doch bevor es soweit ist, müssen Lila, Zal und dessen Adoptivschwester Sorcha in eine besonders gefährliche Region von Daemonia vordringen, um Teazle vor dessen eigener Familie zu retten. Sie haben Erfolg, doch Sorcha wird von einem mächtigen Dämon getötet. Noch unter Schock stehend kehrt Lila mit ihren Ehemännern nach Otopia zurück. In der Geheimdienstzentrale findet sie heraus, dass ihre Befürchtungen zutreffen, und dass sie nicht der einzige Cyborg ist, der - wie sich erst jetzt herausstellt - nach Bauplänen erschaffen wurde, die aus unbekannter Quelle nach Otopia gelangt sind. Zur Eindämmung der Mottenplage wird ein Jäger aus Feenland benötigt. Lila und ihre Gefährten dringen dorthin vor und werden in uralte Konflikte verwickelt, die einige Nummern zu groß für sie sind...

Der dritte Roman der Lila-Black-Reihe sollte nicht ohne Kenntnis der ersten beiden gelesen werden. Am Ende sind längst nicht alle Fragen beantwortet, aber einige Hauptfiguren dürften endgültig aus der Reihe verschwunden sein, und ganz am Schluss überspringt Lila bei der Rückkehr aus dem Feenreich mehrere Jahrzehnte. Was danach noch kommen soll, werde ich wohl nur erfahren, wenn ich mal wieder zu englischen Originalausgaben greife, denn die Bände 4 und 5 aus den Jahren 2009 und 2011 sind in Deutschland noch immer nicht erschienen.

Obige Handlungszusammenfassung kommt euch verworren vor? Dabei habe ich so manches wichtige Story-Element gar nicht erwähnt, von diversen Nebenhandlungen ganz zu schweigen. Der Roman beginnt ganz handfest mit brutalen Duellen - die Herausforderer haben keine Chance gegen Lila, deren Prothesen jetzt in jede beliebige Form morphen können - sowie mit einer neuen Bedrohung (die "Motten") und den Enthüllungen in der Geheimdienst-Zentrale. Das ist spannend geschrieben, wie immer mit sehr ausführlicher Figurenzeichnung und viel Emotion. Sorchas Ende ist ein ziemlicher Schock, und dabei bleibt es nicht! Doch irgendwie läuft bald alles aus dem Ruder. Ständig werden irgendwelche neuen Gefahren und dunkle Verwicklungen angesprochen, Geheimnisse wie die Herkunft der Cyborg-Baupläne werden angedeutet usw., aber nichts davon wird richtig ausgearbeitet oder wirklich aufgeklärt. Ich nehme an, dass das in den Folgebänden geschieht.

In jedem Buch wird eine andere Realitätssphäre erkundet. Erst Alfheim, dann Daemonia, jetzt Feenland. Unter den Feen darf man sich keine lustigen Tinkerbells mit Libellenflügeln vorstellen. Sie sind uralte, sehr gefährliche Wesen, eher so etwas wie Elementargeister, deren Form nicht festgelegt ist, und die eng mit der Mythologie der Menschen verwoben sind. Sie folgen unverständlichen Gesetzen und ihre Welt ist irrealer als alles, was Lila bisher kennengelernt hat. Das ist durchaus faszinierend, aber leider gerät Lilas Auftrag dabei in Vergessenheit. Außerdem fehlt das SF-Element in dieser Phase fast völlig. (18.11.2013)


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596
Perry Rhodan - Die Chronik Band 3 Hermann Urbanek: Perry Rhodan - Die Chronik Band 3: 1981 - 1995
Hannibal 2013
655 Seiten, gebunden

Der dritte Band der PR-Chronik ist genauso aufgebaut wie die ersten beiden. Jedes Kalenderjahr wird mit einer kurzen Zusammenfassung der wichtigsten politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Ereignisse eingeleitet. Die Handlung der Perry Rhodan - Serie im jeweiligen Jahr wird ausführlich wiedergegeben. Der Inhalt von Taschenbüchern und anderen Publikationen wird stichwortartig zusammengefasst. Hinzu kommen längere Texte, die bereits an anderer Stelle veröffentlicht worden sind, zum Beispiel in Fanzines. Besonders interessant fand ich die Berichte über die PR-Weltcons in Saarbrücken (1986) und Karlsruhe (1991). Umfangreiche Porträts von Autoren und Verlagsmitarbeitern, Begriffserklärungen aus dem Perryversum (ebenfalls kopiert, z.T. aus der Perrypedia) und zeitgenössische sowie aktuellere Interviews runden das Ganze ab.

Besonders lobenswert finde ich, dass dem Fandom viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, und dass auch unangenehme Details nicht unter den Tisch fallen. Man liest so einiges über die Probleme, in die der Verlag durch den frühen Tod von William Voltz geraten ist - ein Verlust, den die PR-Serie meiner bescheidenen Meinung nach nie ganz überwunden hat. Die Spannungen zwischen Marianne Sydow und Peter Griese bzw. Günter M. Schelwokat, die zum Ausstieg der Autorin geführt haben, bleiben nicht unerwähnt. Wie schon in den ersten beiden Bänden wird auch auf die deutsche Science Fiction - Szene außerhalb des Perryversums eingegangen, und was es darüber zu berichten gibt, weckt bittersüße Erinnerungen. Denn die späten Siebziger und frühen Achtziger - das war "meine" Zeit! In diesen Jahren bin ich quasi als SF-Fan sozialisiert worden, 1982 bin ich dann in die PR-Serie eingestiegen.

Die PR-Serie war damals auf dem absoluten Gipfelpunkt angelangt, aber Mitte/Ende der Achtzigerjahre kam die Ernüchterung. Zunächst der durch den Tod von Willi Voltz verursachte Einschnitt und die fast schon verzweifelten Bemühungen, die PR-Serie irgendwie auf Kurs zu halten. Ich erinnere mich noch so deutlich, als wäre es erst gestern gewesen, wie ich im Jahre 1984 das neueste PR-Heft aufgeschlagen und als erstes die ganzseitige Todesanzeige gelesen habe - ich konnte einfach nicht glauben, dass der Vordenker und Motor der PR-Serie tot sein sollte! Nur zu bald war dann das Abflauen des Anfang der Achtzigerjahre von Filmen wie Krieg der Sterne, Unheimliche Begegnung der dritten Art und E.T. ausgelösten SF-Booms zu bemerken, was zum Ende fast aller SF-Reihen quer durch die Verlagslandschaft geführt hat. Selbst die PR-Serie hat das nicht unbeschadet überstanden. Mehrere Nachauflagen und die Schwesterserie Atlan wurden zum Beispiel komplett eingestellt. Dann noch die Tode von K.H. Scheer (1991), Günter M. Schelwokat (1992) und Kurt Mahr (1993)... Die Neunziger waren für die PR-Serie eine Zeit des Umbruchs, die aber auch Gutes gebracht hat. Zum Beispiel viele neue Autoren, darunter Robert Feldhoff und Uschi Zietsch.

All das wird im dritten Band der Chronik kenntnisreich aufgearbeitet. Leider sind mir noch weit mehr Fehler (auch inhaltliche!) aufgefallen als in den ersten beiden Bänden, außerdem wurden einige Texte schon in Band 2 verwendet. Und dann die Bilder. Es ist ja schön, dass zahlreiche Aufnahmen von Cons und anderen Treffen beigesteuert wurden, aber die sind so klein (und wie immer schwarz-weiß), dass man kaum etwas oder jemanden erkennt! Für den nächsten Band, der ja noch 2013 erscheinen soll, wünsche ich mir weniger Cover-Abbildungen, dafür mehr Platz für andere Fotos im größeren Format! (13.11.2013)

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595
Das Schapdetten-Virus Jürgen Kehrer: Das Schapdetten-Virus
Grafit-Verlag, 1997
157 Seiten

Die Detektei Security Check GmbH, für die Georg Wilsberg immer noch arbeitet, gerät aufgrund schlechter Auftragslage in Finanznot. Um niemanden entlassen zu müssen, schlägt Chefin Sigi Bach neue Wege ein. SecCheck wird deshalb neuerdings auf dem Sektor "Gebäudeschutz" tätig. Das Objekt, in dem Wilsberg und seine Kollegen ab sofort rund um die Uhr als Wachleute arbeiten müssen, ist ein umzäuntes Gelände bei Schapdetten im Kreis Coesfeld. Dort betreibt die Tier-Importfirma Arilson eine Primatenstation. Da die Affen für Tierversuche bereitgehalten werden, befürchtet Arilson-Manager Michael Holtgreve Anschläge seitens radikaler Tierschützer. Wilsberg ist nicht begeistert, Nachtwächter spielen zu müssen, zumal er sich übers Wochenende um Töchterchen Sarah kümmern soll, weil seine Ex-Frau Imke und ihr neuer Freund Chris verreisen wollen.

Wilsberg wird schon während der zweiten Nachtwache von Unbekannten mit Betäubungsmitteln außer Gefecht gesetzt. Zwölf Kapuzineraffen werden entführt. Holtgreve erhält einen Erpresserbrief des Veganen Kommandos Münster. Alle Affen sollen freigelassen werden, sonst wird die Presse informiert. Holtgreve kann sich keinen Skandal leisten und weigert sich, die Polizei einzuschalten. SecCheck muss alles daransetzen, die Affen wiederzubeschaffen. Als Wilsberg Holtgreve auf den Zahn fühlt, findet er heraus, dass dessen neunzehnjährige Tochter Franka zum harten Kern des VKM gehört und hinter der Affen-Befreiung steckt. Er beschattet Frankas jüngere Schwester Yvonne, die ihn tatsächlich zum Versteck des VKM führt. Wilsberg tappt dort in eine Falle, außerdem stellt sich heraus, dass die Affen mit einem tödlichen Virus infiziert sind!

Damit nimmt Wilsbergs neunter Fall ganz ungeahnte Dimensionen an. Zuvor muss er zur Strafe dafür, bei einem Einsatz mit Koslowski Mist gebaut zu haben, derart ungeliebte Arbeiten erledigen, dass er ernsthaft darüber nachdenkt, sich selbstständig zu machen. Mal sehen, ob daraus was wird. Dann wäre der Roman-Wilsberg wieder näher am Film-Wilsberg dran. Die Unterschiede in Wilsbergs Privatleben kommen noch hinzu: Er und Imke sind inzwischen geschieden, Sarah entfremdet sich mehr und mehr von ihm. Am Ende des Romans steht Wilsberg ausnahmsweise besser da als zu Anfang, denn der Fall wurde zwar nicht zur Zufriedenheit des Kunden gelöst, hat aber für derart viel Publicity gesorgt, dass sich Sigi nicht mehr über mangelnde Aufträge beklagen kann – und Wilsberg ist ihr gefragtester Mann!

Der Fall selbst ist schnell gelöst. Tatsächlich wird Wilsberg (und der Leser) geradezu mit der Nase darauf gestoßen, wer die Täter sind. Es steht fest, dass sich die Affen-Entführer in der Primatenstation auskennen und Schlüssel besitzen, Franka ist ein rebellischer Teenager, bekennende Tierschützerin und glühende Gegnerin der Arbeit ihres Vaters. Außerdem ist sie seit drei Tagen verschwunden. Zum Ausgleich für die eher dünne Story werden einige Seiten mit Diskussionen über das Für und Wider von Tierschutz und veganer Lebensweise gefüllt, die üblichen Argumente werden ausgetauscht. Die möglicherweise auch für Menschen gefährliche Viruserkrankung der Affen soll wohl zeigen, dass man nicht ungestraft mit Mutter Natur herumpfuschen kann. Wie immer wäre der Roman ohne die Hauptfigur nicht halb so gut, mit Wilsberg wird er aber zu einem zwar etwas vorhersehbaren, aber sehr kurzweiligen Lesevergnügen. (04.11.2013)


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594
Als es noch Menschen gab Clifford D. Simak: Als es noch Menschen gab
Heyne, 2010
412 Seiten

Die Menschen verlassen die Städte, denn moderne Kommunikations- und Verkehrsmittel sowie hydroponische Farmen haben diese Form des Zusammenlebens obsolet gemacht. In ihren autarken Landsitzen werden die Menschen von intelligenten Robotern umsorgt, die alle Arbeiten erledigen. So können sich die Menschen ganz der Erkundung des Weltraums und anderen Forschungsgebieten widmen. Infolge von Mutationen machen manche Menschen einen großen Evolutionssprung nach vorn. Sie entwickeln besondere Fähigkeiten, setzen diese aber nicht zum Wohl der "normalen" Menschen ein, sondern verfolgen ihre eigenen Ziele und ziehen sich schließlich ganz zurück. Immer mehr Menschen wandern zum Jupiter aus, wo sie sich einer körperlichen Transformation unterziehen, um in der tödlichen Umgebung des Riesenplaneten überleben zu können. Sie verwandeln sich praktisch in "Loper" - so werden die Ureinwohner Jupiters genannt. Für die Menschen ist diese Umwandlung der Übertritt in ein Paradies, das sie nie wieder verlassen wollen, denn in Loper-Gestalt wird ihre Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit extrem verstärkt.

Die Webster-Familie und ihr Roboter Jenkins stehen stets im Mittelpunkt der Geschehnisse. Bruce Webster verleiht den Hunden durch chirurgische Eingriffe Intelligenz. In den folgenden Generationen übernehmen die intelligenten Hunde die Weltherrschaft, denn es gibt nur noch sehr wenige Menschen auf der Erde. Für die Hunde werden die Menschen allmählich zur Legende. Irgendwann erinnert sich nur noch Jenkins daran, dass sie einst wirklich existiert haben. Die Hunde streben ein friedliches Zusammenleben aller Wesen an. Es gelingt ihnen mit Hilfe der Roboter, praktisch alle anderen Säugetiere intelligent zu machen und ihnen den Jagdtrieb abzugewöhnen. Doch es gibt noch eine andere Gefahr. Die Hunde können Parallelwelten wahrnehmen, die von den "Koblern" bewohnt werden. Diesen geisterhaften Entitäten haben die Tiere nichts entgegenzusetzen, als die Kobler eines Tages in die Welt der Hunde vordringen. Den Hunden fehlt die Fähigkeit der Menschen, Hass zu empfinden...

Dieser Episodenroman besteht aus acht Kurzgeschichten, die zwischen 1944 und 1951 erschienen sind. Eine neunte Geschichte aus dem Jahre 1973 sowie ein Nachwort des Autors und ein Vorwort des SF-Schriftstellers Peter Watts sind in dieser Ausgabe ebenfalls enthalten. Jede Geschichte hat ein Vorwort. Diese Vorbemerkungen sind Bestandteil des Episodenromans, denn sie wurden von den intelligenten Hunden verfasst. Es wird so dargestellt, als sei das Buch eine von den Hunden zusammengestellte Sammlung uralter Lagerfeuergeschichten und Legenden mit einem Handlungszeitraum von über zehntausend Jahren. Die Hunde halten die Menschen für mythische Wesen, die wahrscheinlich nie existiert haben, und niemand weiß genau, was ein Mensch eigentlich ist...

Bei einigen zentralen Elementen der Geschichten geht der Autor von unglaublich naiven Voraussetzungen aus. So kann ich mir kaum vorstellen, dass Hunde praktisch sofort ebenso intelligent werden wie Menschen, sobald ihre Kehlköpfe derart umgestaltet sind, dass sie sprechen können, und wenn es Roboter gibt, die ihnen die Hände ersetzen - ganz abgesehen von der unmöglichen Annahme, dass die chirurgische Neugestaltung der Hundekehlköpfe erblich sei. Und das ist nur eines von vielen Beispielen für schwer zu schluckende unwahrscheinliche Grundvoraussetzungen.

Dennoch gehört Simaks ganz spezielle Vision der Endzeit zu den Klassikern der Science-Fiction-Literatur. Das Ende der Menschheit spielt sich hier auf faszinierend andere Weise ab, als es in diesem Genre sonst meist üblich ist. Es gibt keinen Krieg, keine Seuche, keine Naturkatastrophen, keine Zombie-Invasion. Stattdessen finden die Menschen eine Art Paradies in der körperlich veränderten Existenz auf dem Jupiter und in virtuellen Traumwelten. So ermöglichen sie den Hunden einen völlig neuen Start. Melancholie herrscht anstelle von Action vor. Die gewaltfreie Zivilisation der Tiere funktioniert aber selbst bei Simak nicht so wie von den Hunden gewünscht. Jenkins erkennt, dass der Mensch immer ein Störfaktor sein wird, weil man ihm den Hang zur Gewalt nicht aberziehen kann, und bei manchen Tieren ist es genauso. Bär und Wolf jagen heimlich, obwohl sie es nicht müssten, weil sie von den Hunden ernährt werden. (28.10.2013)


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593
Das Schwert des Liktors Gene Wolfe: Das Schwert des Liktors
Heyne, 1984
330 Seiten

Severian und Dorcas sind endlich in der Provinzstadt Thrax angekommen. Severian nimmt dort wie vom Großmeister der Folterergilde vorgesehen das Amt des Liktors auf. Doch seine scheinbar gesicherte Existenz wird schon bald gestört, denn ein Mann namens Hethor verfolgt ihn seit geraumer Zeit im Auftrag Agias, die sich für den von Severian verursachten Tod ihres Bruders rächen will. Ein von Hethor entfesseltes Feuerwesen macht Thrax unsicher, greift Severian an und kann nur knapp abgewehrt werden. Außerdem verhilft Severian Cyriaca zur Flucht, einer Frau, die er im Auftrag des Archons von Thrax hätte töten sollen. Severian muss wegen dieser Tat aus Thrax fliehen. Dorcas begleitet ihn nicht, denn sie hat erkannt, dass sie von Severian mit Hilfe der Klaue des Schlichters aus dem Reich der Toten zurückgeholt worden ist. Um herauszufinden, wer sie in ihrem alten Leben war, muss sie nach Süden zurückkehren, während Severian nach Norden wandert. Es ist noch immer sein Ziel, die wundertätige Klaue zurückzugeben.

Unterwegs lässt sich Severian von einer Bäuerin in einer Waldhütte bewirten, nicht ahnend, dass sich Agia dort versteckt. Agia entkommt ein weiteres Mal, als ein Alzabo in die Hütte eindringt. Das Untier hat bereits den Mann und die Tochter der Bäuerin getötet. Die Frau und ihr Vater werden am nächsten Tag von Tiermenschen umgebracht. Nur der kleine Sohn der Bäuerin, ein Namensvetter Severians, bleibt am Leben. Severian nimmt den Jungen auf und wird ein zweiter Vater für ihn. Die beiden müssen sich gegen im Dschungel lebende Magier und eine weitere Kreatur Hethors zur Wehr setzen. Schließlich erreichen sie eine Statue mit den Ausmaßen eines Gebirges, zu deren Füßen sich eine uralte Stadt erhebt. Der Versuch, etwas Gold vom Ring des gewaltigen Standbildes zu gewinnen, wird dem kleinen Severian zum Verhängnis...

Der Einstieg in diesen dritten Roman aus dem fünfbändigen Zyklus "Die Urth der Neuen Sonne" ist mir leichter gefallen als beim letzten Band. Severian ist sesshaft geworden, übt sein Liktorenamt aus und experimentiert ein bisschen mit der Klaue, indem er ein todkrankes Mädchen heilt. Nebenbei wird die Stadt Thrax beschrieben. Die Handlung kommt also ein wenig zur Ruhe, dem Leser werden nicht ständig neue Personen, Orte und Begriffe ohne nähere Erklärungen an den Kopf geworfen. Doch diese Phase währt nicht lange. Wie schon in den beiden vorherigen Bänden zerfällt die Story wieder in scheinbar nicht zusammenhängende Episoden, sobald Severian Thrax verlassen hat. Die Lektüre verlangt einiges an Aufmerksamkeit und Erinnerungsvermögen; Zusammenhänge und Hintergründe werden nur angedeutet, vermeintlich unwichtigen Details aus den ersten beiden Romanen kommt plötzlich große Bedeutung zu.

Severians Erlebnisse führen dazu, dass er sich innerlich immer mehr von seinem alten Leben löst. Seine teils hochphilosophischen Gedankengänge nehmen breiten Raum ein. Im Gebirge begegnet er einem von den Toten auferstandenen Herrscher aus alter Zeit, später trifft er mit Außerirdischen zusammen, deren Ziel darin besteht, die Menschheit aus der Barbarei herauszuführen. So gewinnt der Leser neue Erkenntnisse über die von Gene Wolfe ersonnene fantastische Welt. Hethor setzt höchstwahrscheinlich Biowaffen ein, die er von anderen Planeten zur Erde gebracht hat. Die Notulen, mit denen es Severian in Band 2 zu tun hatte, gehören dazu. Am Ende steht Severian sogar selbst einem Raumschiff gegenüber. Wir begegnen vertierten Menschen, die diese Existenz selbst gewählt haben, Ungeheuern, die die Bewusstseinsinhalte der von ihnen verschlungenen Opfer assimilieren, und der Riese Baldanders macht grausige Experimente mit Menschen… Gene Wolfes Ideenreichtum fasziniert einmal mehr. Dies ist Fantasy fernab jeglicher Genre-Klischees. (21.10.2013)


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592
Tagebuch der Apokalypse 3 J.L. Bourne: Tagebuch der Apokalypse 3
Heyne, 2013
495 Seiten

Nach der Zombie-Apokalypse existieren in den USA nur noch Reste des Militärs. Sie werden von einer Notregierung befehligt. Man geht davon aus, dass die globale Katastrophe ihren Ursprung in China hatte. Das Atom-U-Boot USS Virginia wird dorthin entsandt. Der Auftrag: Patient Null (genannt CHANG), also das erste zombiefizierte Lebewesen, soll sichergestellt werden. Wenn überhaupt ein Gegenmittel entwickelt werden kann, dann nur aus CHANGS Körperzellen. Der ehemals namenlose Marinesoldat - er trägt jetzt den Spitznamen "Kilroy" - und sein Kamerad Saien sind mit von der Partie. Sie werden in die wahren Hintergründe eingeweiht und erfahren, dass die Zombieplage wahrscheinlich außerirdischen Ursprungs ist. Kils andere Gefährten und seine schwangere Freundin Tara bleiben an Bord des Flugzeugträgers USS George Washington zurück. Als sie erfahren, dass dort Experimente mit verstrahlten Untoten durchgeführt werden, ist es bereits zu spät. Es kommt zu einem Zwischenfall und die Situation gerät außer Kontrolle.

Zur selben Zeit besetzen vier Männer der Kampfgruppe Phoenix den Atomraketenbunker "Hotel 23", der Kilroys Leuten bis vor einiger Zeit als Zuflucht gedient hat. Sie sollen herausfinden, was es mit der Geheimorganisation "Remote Six" auf sich hat, von der Kilroy unterstützt, später aber angegriffen worden ist, weil er sich geweigert hat, die George Washington mit der noch intakten Nuklearwaffe von Hotel 23 zu vernichten. Die Rakete soll im Falle von Kilroys Scheitern auf die chinesische Forschungseinrichtung abgefeuert werden, in der sich CHANG befindet. Tatsächlich ist Remote Six immer noch aktiv. Unterstützt von mächtigen Quantencomputern arbeitet diese Organisation daran, die Notregierung zu zerschlagen und selbst die Macht zu übernehmen. Währenddessen kämpfen die letzten Besatzungsmitglieder einer US-Forschungsstation am nördlichen Polarkreis ums Überleben. Crusow Ramsay, inoffizieller Leiter der Station, erhält Funkkontakt mit der George Washington. Untote verirren sich zwar nur selten in diese lebensfeindliche Gegend, aber der Station geht allmählich der Treibstoff für die Stromgeneratoren und das Schneemobil aus...

Ich hatte angenommen, "Tagebuch der Apokalypse" sei eine Trilogie. Tatsächlich werden einzelne Handlungsstränge abgeschlossen. So wird mehr oder weniger geklärt, wie es zum Ausbruch der Seuche gekommen ist, Remote Six existiert nicht mehr und Kilroy setzt sich mit Tara auf einer untotenfreien Insel zur Ruhe. Woher die Außerirdischen gekommen sind und was sie auf der Erde wollten, bleibt aber unklar. Schade! Gerade das hätte mich besonders interessiert. Ein richtiges Ende ist das sowieso nicht, jedenfalls hält sich der Autor einige Türen für einen weiteren Band offen. Es gibt nach wie vor kein Heilmittel gegen die Seuche und die ganze Welt wird noch für Jahrzehnte fest in der Hand der Zombies sein, die sich beharrlich weigern, einfach zu verwesen. Sie sind durch radioaktive Verstrahlung haltbarer gemacht worden...

Mit den ersten beiden Bänden ist es dem Autor gelungen, dem inzwischen doch einigermaßen ausgelutschten Zombie-Endzeit-Szenario neue Aspekte abzugewinnen. Das liegt hauptsächlich am Tagebuchstil dieser Romane, an der meist sehr sachlichen Schilderung der Ereignisse aus der Sicht eines Durchschnittsmenschen, der das Ganze ja erst nachträglich erzählt. Das ist jetzt anders. Es sind nur noch ganz wenige Tagebucheinträge Kilroys vorhanden, 99 Prozent ist ganz normale Horror-Roman-Kost aus der Perspektive des allwissenden Erzählers. Kilroys Erlebnisse sind nur eine Handlungsebene von vielen. Zugegeben: Anders wäre es wohl nicht möglich gewesen, die Geheimnisse von Remote Six zu enthüllen, aber dadurch geht der besondere Reiz der ersten beiden Romane komplett verloren! Viele Kapitel enthalten fast nichts anderes als explizit beschriebenes Geballer; Man metzelt sich durch Zombiehorden, bis die Gewehrläufe glühen. Nur in den Arktis-Kapiteln kommt manchmal noch makabre Stimmung auf. Die Männer stellen Biodiesel aus dem Fett gefrorener Zombies her! Spannend ist das alles durchaus. Es ist aber nichts Besonderes mehr. (15.10.2013)


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591
Die sieben Säulen der Weisheit T.E. Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit
List, 2011
857 Seiten

T.E. Lawrence, besser bekannt als Lawrence von Arabien, beschreibt in diesem voluminösen autobiografischen Werk seinen Beitrag zum arabischen Aufstand gegen das mit Deutschland verbündete osmanische Reich in den Jahren 1917 und 1918. Lawrence war schon Jahre vorher als Mitglied des britischen Nachrichtendienstes in Kairo tätig. Er hatte Gelegenheit, sich mit Sprache und Kultur des Landes vertraut zu machen. Nach Beginn des Aufstandes wurde er aufgrund seiner Kenntnisse als Verbindungsmann und Militärberater zu Prinz Faisal geschickt, einem der Anführer der arabischen Bewegung. Lawrence passte sich der Lebensweise der Beduinen an, so dass er fast einer der ihren wurde, führte mit britischer Unterstützung Guerillaangriffe auf türkische Stützpunkte, Bahnlinien usw. durch und wirkte bei der Vereinigung der verfeindeten Beduinenstämme mit. So konnten die kriegswichtigen Städte Akaba und Damaskus eingenommen werden. Die Eroberung von Damaskus brachte die Entscheidung, aber die Araber gewannen nicht die von Lawrence versprochene Freiheit, denn die Aufteilung Arabiens in britische und französische Einflusszonen war schon lange vorher beschlossen worden. Diese historischen Fakten, vor allem aber die faszinierende Figur des exzentrischen Briten sind Thema des Films Lawrence von Arabien, allerdings werden Geschehnisse und Hauptpersonen im Film etwas anders dargestellt als in Lawrences Bericht.

Lawrences wirkliche Bedeutung für den arabischen Aufstand ist umstritten, auch ist nicht ganz klar, inwieweit er in "Die sieben Säulen der Weisheit" den wahren Verlauf der Geschehnisse wiedergibt. Für den Lesegenuss ist das aber unerheblich. Lawrence beschreibt nicht nur den Feldzug und die Militärstrategie, sondern auch die Schönheit und Grausamkeit der Wüste, die arabische Mentalität und die Lebensweise der Beduinen, sowie die Eigenheiten seiner Kampfgefährten, wobei der Humor nicht zu kurz kommt. Selbst wenn nicht alles, was Lawrence von seinen Taten, Gedanken und Gefühlen preisgibt, der Wahrheit entsprechen sollte, so kann man doch erkennen, wie sehr er darunter gelitten haben muss, von Anfang an gewusst zu haben, dass die Araber letzten Endes betrogen werden würden. Die auch im Film vorkommende Episode, in der Lawrence von türkischen Soldaten gefoltert und missbraucht wird, nimmt im Buch sogar noch breiteren Raum ein. In jüngerer Zeit wurde der Wahrheitsgehalt dieses Erlebnisses allerdings angezweifelt.

Wie dem auch sei: "Die sieben Säulen der Weisheit" ist kein trockener Kriegsbericht, sondern ein hochinteressantes geschichtliches Dokument und kann wie ein packender, oft poetischer Abenteuerroman gelesen werden. Der Titel hat übrigens nichts mit dem Inhalt zu tun; Lawrence hatte ihn eigentlich für ein ganz anderes, nie veröffentlichtes Werk vorgesehen. (07.10.2013)

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590
Zeitfenster Robert Quint: Die Terranauten - Zeitfenster
Bastei-Lübbe, 1983
173 Seiten

Ende des 21. Jahrhunderts führt die globale Erwärmung zum Ansteigen des Meeresspiegels. Viele Küstenstädte gehen buchstäblich unter. Naturkatastrophen und der Einsatz von Nuklearwaffen tun ein Übriges. Es kommt zu einer neuen Völkerwanderung und zum Zusammenbruch der Nationalstaaten. Die Macht geht in die Hände der multinationalen Wirtschaftskonzerne über. Die Multis betreiben intensive Forschung auf verschiedenen Gebieten. Dazu gehört auch die außersinnliche Wahrnehmung. In einem Mitte des 21. Jahrhunderts von der NATO gegründeten Institut werden Experimente durchgeführt, die beweisen, dass PSI-Kräfte keineswegs in den Bereich der Esoterik gehören, sondern wirklich genutzt werden können. Die Konzerne bekämpfen sich unerbittlich, und der Wirtschaftskrieg wird zunehmend mit Waffengewalt ausgefochten.

Thomas Frank Gral, Vizedirektor der Abteilung Sicherheit im Eurochem-Konzern, wurde von seinem Vorgesetzten Zamuel zu einem Geheimtreffen gerufen, doch Zamuel ist tot - er wurde erschossen. Zunächst geht Gral davon aus, dass der konkurrierende Konzern General Chemical dahintersteckt. Doch Eurochem-Chef Daun behauptet, Zamuel sei bei einem Düsenkopter-Absturz ums Leben gekommen und gibt Gral den Befehl, Zamuels Witwe zu heiraten. Gral soll sich außerdem um "Engramm-3" kümmern. Was es damit auf sich hat, erfährt Gral nicht. In den Unterlagen seines toten Vorgesetzten findet Gral eine Notiz, der zufolge Zamuel mit General Jodekain Rücksprache wegen Engramm-3 halten wollte. Jodekain ist der letzte Getreue des entmachteten deutschen Bundeskanzlers, der noch immer inmitten der Ruinen Bonns haust. Gral reist zur Kanzlerfestung und wird zu einer bizarren Cocktailparty eingeladen, an der die mächtigsten Menschen der Erde teilnehmen. Allmählich erkennt Gral das ganze Ausmaß der Verschwörung und kommt einer Gefahr auf die Spur, die die gesamte Menschheit bedroht...

Dies ist der vierte Roman der "Terranauten"-Taschenbuchreihe, mit der die gleichnamige Heftserie fortgesetzt wurde. Ein paar Infos zur "Terranauten"-Serie findet ihr hier.

Die Gefahr, mit der sich Gral auseinandersetzen muss, stammt aus der Zukunft, und diese Zukunft ist die Handlungsgegenwart der "Terranauten"-Serie. Im zwölften Heftroman wird eine Katastrophe beschrieben, die auf dem Planeten Zoe durch den Einsatz der so genannten Kaiserkraft ausbricht. Dort kämpfen die Truppen des Diktators Max von Valdec gegen die PSI-begabten Treiber. Als die Treiber ihr Ende kommen sehen, senden sie einen telepathischen Hilferuf aus, der bis in Grals Zeit hineinreicht, dort aber aufgrund der Machenschaften der Konzernsherren gänzlich unerwartete Folgen zeitigt. "Zeitfenster" ist lange vor der Handlungszeit des ersten "Terranauten"-Heftromans und noch vor den Geschehnissen im ersten Taschenbuch angesiedelt. Es handelt sich also nicht um eine Fortsetzung der Serie, sondern erneut um ein Prequel.

Das ist solange in Ordnung, wie die chaotischen Zustände im zu Ende gehenden 21. Jahrhundert und die vielleicht etwas zu kompliziert gestrickte Intrige beschreiben werden. Der Krieg der Konzerne liegt ja in der "Terranauten"-Heftserie schon Jahrhunderte zurück, man liest dort immer nur über die Auswirkungen dieser Epoche. In "Zeitfenster" darf sich Robert Quint (ein Pseudonym Rainer Zubeils, bekannt als Perry Rhodan-Autor Thomas Ziegler) dagegen richtig austoben. So entsteht eine schöne Endzeitstimmung mit bissigen Seitenhieben auf unsere Realität in den Achtzigerjahren. Die Auflösung enthält für meinen Geschmack zu viel Psi-Geschwurbel, aber immerhin hat man es hier nicht mit bösen Aggressoren zu tun, sondern mit der pervertierten Todesfurcht der Treiber - eine interessante Idee. (30.09.2013)


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589
Einfache Zauberdinge Max Frei: Das Echo-Labyrinth 5 - Einfache Zauberdinge
Blanvalet, 2009
351 Seiten

Vor einiger Zeit haben Max und Sir Schurf Lonely-Lokley im wahrsten Sinne des Wortes einen Traum geteilt. Neuerdings träumt Sir Schurf oft von einem Strand, den die beiden in diesem Traum besucht haben. Der Traumstrand ist quasi Wirklichkeit geworden, und Sir Schurf kann ihn aufsuchen, ohne gemeinsam mit Max zu träumen. Weil er dort eine bedrohliche Präsenz spürt, bittet Sir Schurf Max um Hilfe. Doch wenig später versucht er Max zu berühren - ohne Schutzhandschuhe, und bekanntlich sind Sir Schurfs Hände tödlich! Max entgeht dem Mordanschlag nur knapp. Schnell wird klar, dass Sir Schurf nicht aus freiem Willen gehandelt hat. Er ist Opfer eines "Reiters" geworden. So bezeichnet man Personen, die das Tor zwischen den Welten nicht aus eigener Kraft durchqueren können und Besitz von fremden Seelen ergreifen, um sich deren Kräfte anzueignen. Sir Juffin Halli identifiziert den gefährlichen Magister Gugimagon als Täter. Eigentlich hat Max aber ganz andere Sorgen, denn er wird zum König von Fangachra gekrönt. Nun muss er seine Untergebenen glücklich machen und sich mit den Geschenken auseinandersetzen, die ihm bei der Krönungszeremonie überreicht werden. Dazu gehören drei identische Ehefrauen, die aussehen wie junge Versionen von Liza Minelli, und der Riesenhund Drupi.

Kurz nach diesen Abenteuern wird Max erneut um Hilfe gebeten, diesmal von Ande Pu. Dem Journalisten und Dichter wurde ein Koffer gestohlen, den er von seinem Großvater, einem Piraten, geerbt hat. Das ist eigentlich kein Fall für den Kleinen Geheimen Suchtrupp, aber es stellt sich heraus, dass in dem Koffer "Einfache Zauberdinge" aufbewahrt wurden: Talismane von geringer Wirksamkeit, die nur in Echo große Kraft entfalten. Als Max und seine Kollegen der Sache nachgehen, kommen sie einem finsteren Racheplan auf die Spur.

Der fünfte Band der Abenteuer Max Freis in der magischen Parallelwelt von Echo krankt an denselben Schwächen wie die anderen vier. Seite um Seite wird mit Nebensächlichkeiten gefüllt, die zwar irgendwie locker-flockig geschrieben, aber weder spannend noch lustig sind, zumal nur dasselbe wiederholt wird, womit man schon in allen vorherigen Bänden gelangweilt wurde: Endloses Geplänkel zwischen Max, seinen Kollegen und Freunden, lang und breit beschriebene Fressgelage in den unzähligen Wirtshäusern Echos... Wirklich neu ist eigentlich nur das Interesse von Maxens Kollegen an der DVD-Sammlung, die der Tausendsassa aus "unserer" Welt nach Echo gezaubert hat. Immerhin werden Geschehnisse aus den vorherigen Storys aufgegriffen und ein wenig weitergesponnen. So träumt Max von Lojso Pondochwa, dem Vater seiner Freundin Techi, der keineswegs so tot ist, wie Max bisher geglaubt hat.

War das Szenario zu Beginn der Reihe noch interessant, so hat sich der Reiz des Neuen inzwischen fast vollständig abgenutzt. In meinem Kommentar zu Band 4 habe ich gefragt, welche Steigerung noch möglich sein sollte. Ganz einfach: Es ist überhaupt keine möglich. Es wird nur Altbekanntes zum x-ten Mal durchgekaut. Und wie immer erledigen sich die Kriminalfälle praktisch von selbst, sie sind sowieso nur Nebensache. Ich will nicht leugnen, dass der Roman einiges an Wortwitz, skurrilen Typen und absurden Situationen enthält. Aber all das zündet irgendwie nicht - wie immer habe ich das Gefühl, dass mir die allermeisten Pointen entgehen, weil Verhältnisse karikiert werden, die ich als Nicht-Russe nicht kenne. Es könnte sein, dass ich damit nicht allein bin, denn seit dem Jahre 2009 ist keines der vielen weiteren Abenteuer Max Freis, die es laut der englischsprachigen Wikipedia gibt, in Deutschland erschienen... (23.09.2013)


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588
Old Surehand 3 Karl May: Old Surehand III
Kindle Edition

Die Reisegesellschaft um Winnetou und Old Shatterhand ist noch immer auf der Suche nach Old Surehand. Unterwegs wird Apanatschka aus der Gewalt Old Wabbles und der Osagen befreit. Der ehemalige König der Cowboys will sich mit Hilfe der Indianer an Old Shatterhand und dessen Freunden rächen, doch dies wird vereitelt. Schahko Matto, der Häuptling der Osagen, bleibt zunächst als Geisel bei der Gesellschaft, wird aber bald zu einem verlässlichen Gefährten. Von ihm erhält Old Shatterhand wertvolle Hinweise auf Old Surehands Vergangenheit. Unter anderem wird klar, dass Tibo-taka, der angebliche Medizinmann der Komantschen, in Wahrheit ein weißer Falschspieler namens Lothaire Thibaut und keineswegs Apanatschkas Vater ist. Er hat die Osagen vor Jahren gemeinsam mit einem Spießgesellen beraubt. Tibo-taka zieht mit seiner geistig verwirrten Frau Tibo-wete-elen durch die Lande, immer auf der Flucht vor Schahko Matto und neuerdings auch vor Old Shatterhand, der allmählich erkennt, wie sehr Tibo-taka in Old Surehands Geheimnis verwickelt ist. Um sich Old Shatterhands zu entledigen, hat sich der Betrüger mit dem Quasi-General Douglas verbündet. Dieser versichert sich später der Hilfe der Capote-Utahs.

Old Wabble schließt sich mit kriminellen Tramps zusammen und nimmt Old Shatterhands Gruppe gefangen. Mit der Hilfe des einzelgängerischen Indianers Kolma Puschi kommen sie wieder frei, nur um bald darauf mit Toby Spencers Rowdies zusammenzustoßen. Dabei erhält Old Shatterhand eine üble Beinschusswunde. Nachdem die Rowdies unschädlich gemacht sind, begegnen Old Shatterhand und seine Freunde Old Surehand. Dieser wird von den Capote-Utahs gezwungen, vier Grizzlybärenfelle zu beschaffen. Old Shatterhand und Winnetou erlegen einige Bären und befreien ihren Freund. Doch Old Surehand gibt sich abweisend und trennt sich schon bald wieder von der Gruppe, denn er hat erkannt, dass Old Shatterhand mehr über das so sorgfältig gehütete Geheimnis weiß, als ihm lieb ist...

Im letzten Band der Surehand-Trilogie werden die üblichen Versatzstücke der Karl-May-Romane gleich mehrfach wiederholt. Mal ist Apanatschka in Gefangenschaft, dann Old Surehand, dann Old Shatterhand und seine Freunde selbst, dann wieder Old Surehand. Old Wabble verbündet sich mit den Tramps, der Quasi-General macht gemeinsame Sache mit den Utahs. Es kommt zu mehreren Zweikämpfen, Grizzlybären werden mit dem Bowiemesser erlegt. Die Gegner werden immer erfolgreich beschlichen, ausgehorcht und überlistet oder problemlos überwältigt, denn niemand kann Old Shatterhand und Winnetou auch nur annähernd das Wasser reichen. Die Überlegenheit der beiden ist natürlich nicht glaubwürdig, man muss das einfach als gegeben hinnehmen. Dennoch ist das Wildwest-Abenteuer ein gut verdaulicher Spaß, nicht zuletzt wegen der Späße von Dick Hammerdull und Pitt Holbers.

Nach und nach kommt Old Surehands und Apanatschkas Geheimnis ans Licht. Der Leser kann es sich schon recht bald selbst zusammenreimen, aber die Story bleibt bis zuletzt spannend. Unvergesslich ist mir das grausige Ende der Haupt-Bösewichte geblieben. Old Wabble wird in einem gespaltenen Baumstamm zerquetscht, der Quasi-General erleidet ein sehr ähnliches Schicksal. Old Wabble lässt sich am Ende doch noch von Old Shatterhand bekehren – ganz im Gegensatz zum "General", der seine Gegner bis zuletzt verhöhnt und auslacht. Wenigstens einmal versagt der tiefgläubige Old Shatterhand also, allerdings ist er bei Old Surehand wieder erfolgreich. Der glaubt nämlich in der glücklichen Auflösung der alten Familientragödie, die der Trilogie zugrunde liegt, das Wirken Gottes zu erkennen... (17.09.2013)


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587
Wächter der Tiefe Lincoln Child: Wächter der Tiefe
Rororo, 2010
447 Seiten

Der ehemalige Marinearzt Peter Crane, Spezialist für Erkrankungen von Tauchern und Besatzungen von U-Booten, wird zur Ölbohrplattform Storm King im Nordatlantik gerufen. Auf Storm King - oder vielmehr in der Forschungseinrichtung Deep Storm, die tief unter der Plattform am Meeresgrund errichtet wurde - sind innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Menschen zum Teil schwer erkrankt. Die Symptome sind unspezifisch und niemand weiß, mit welcher Krankheit man es zu tun hat. Dr. Howard Asher von der National Oceanic Agency (NOA), wissenschaftlicher Leiter der Forschungseinrichtung, weiht Crane in das Geheimnis von Deep Storm ein. Bei Ölbohrarbeiten wurde vor knapp zwei Jahren die womöglich wichtigste archäologische Entdeckung aller Zeiten gemacht. Asher deutet an, dass der legendäre versunkene Kontinent Atlantis gefunden wurde! An der Fundstelle wurde eine riesige, aufwändig ausgestattete stählerne Kuppelstadt für mehrere Hundert Besatzungsmitglieder eingerichtet, die vom US-Militär betrieben wird. Oberbefehlshaber ist Admiral Spartan. Auf strikte Geheimhaltung wird größter Wert gelegt.

Crane begreift schnell, dass es erhebliche Differenzen zwischen Spartan sowie dessen Sicherheitschef Commander Korolis und dem zivilen NOA-Team gibt. Crane selbst erhält zunächst nur eine beschränkte Freigabe. Die wirklich brisanten Bereiche darf er nicht betreten. Zusammen mit der Stationsärztin Dr. Michele Bishop versucht er der Ursache für die Erkrankungswelle auf die Spur zu kommen. Als ein Arbeiter durchdreht und eine Geisel nimmt, kann Crane Schlimmeres verhindern. Damit Crane mehr Daten über die Krankheit sammeln kann, gewährt ihm Admiral Spartan schließlich doch Zutritt zu den tieferen Decks. Jetzt erst erfährt Crane, was es mit der Ausgrabung wirklich auf sich hat. In Wahrheit wurden fremde Signale aufgefangen, die darauf schließen lassen, dass unter der Erdkruste unfassbar weit entwickelte außerirdische Technologie verborgen liegt. Man nimmt an, dass das Artefakt absichtlich so versteckt wurde, dass es erst entdeckt werden konnte, sobald die Menschheit eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hatte. Die Krankheitswelle erweist sich bald als kleinstes Problem, denn in Deep Storm ist ein Saboteur unterwegs und das außerirdische Artefakt ist nicht das, was es zu sein scheint...

Bisher kannte ich Lincoln Child nur als Co-Autor Douglas Prestons, mit dem zusammen er schon eine erkleckliche Anzahl so genannter "Wissenschafts-Thriller" geschrieben hat. Romane dieser Art zeichnen sich im Idealfall dadurch aus, dass eine scheinbar übernatürliche oder zumindest äußerst ungewöhnliche Ausgangssituation am Ende plausibel erklärt wird. Spekulationen und Extrapolationen kommen dabei durchaus vor, aber die Geschichten bleiben doch mehr oder weniger auf dem Boden der Tatsachen.

Genauso beginnt auch "Wächter der Tiefe". In der Realität wird ja schon seit langer Zeit nach Atlantis gesucht. Manche Forscher meinen, die griechische Insel Santorini sei mit Atlantis identisch. Andere glauben, die als "Doggerland" bezeichnete, vor Jahrtausenden versunkene Landmasse zwischen den Britischen Inseln und dem Kontinent als Atlantis identifiziert zu haben. Das passt ganz gut zum Roman. Nur erweist sich die angebliche Suche nach Atlantis als Täuschungsmanöver, der Wissenschafts-Thriller wird zu waschechter Science Fiction. So mancher Leser wird von dieser Wendung womöglich ganz und gar nicht angetan sein, ich finde sie eigentlich nicht schlecht. Die Pointe der Story erinnert an Ridley Scotts Film "Prometheus" - mehr verrate ich nicht.

Leider ist der Roman bis auf die Grundidee nicht besonders berauschend. Die Figuren sind zu klischeehaft und oberflächlich, die Expositionsphase ist zu lang, die Geschichte kommt nicht richtig in Fahrt, die Bedrohung durch Saboteure wirkt viel zu aufgesetzt, und dann ist das Ding auch schon wieder zu Ende. Ohne die erwähnte Pointe als Alleinstellungsmerkmal könnte ich nicht einmal sagen, worin sich das Buch von Dutzenden nach demselben Muster zusammengeschusterten Werken unterscheidet... (05.09.2013)


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586
Feuermönche James Rollins: Feuermönche
Blanvalet, 2006
540 Seiten, gebunden

Unbekannte verüben einen Anschlag im Kölner Dom. Fast alle Besucher einer Mitternachtsmesse, darunter der Kölner Erzbischof, werden ermordet. Die Gebeine der Heiligen Drei Könige werden entwendet. Nicht nur das lässt im Vatikan alle Alarmglocken schrillen. Auch die Umstände der Tat sind mehr als besorgniserregend. Der einzige Überlebende, ein junger Tourist, hat beobachtet, dass die meisten Besucher der Messe durch eine Art Energiefeld getötet worden sind, nachdem sie die Heilige Kommunion empfangen hatten. Durch dasselbe Energiefeld war der kugelsichere Behälter der Reliquien zerstört worden. Nur wer keine Hostie in Empfang genommen hatte, war davongekommen, anschließend aber erschossen worden. Der Vatikan bittet die US-Behörden um Hilfe. Die SIGMA-Force wird eingeschaltet, eine Spezialeinheit, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn es um Schutz oder Sicherstellung neuer Forschungsergebnisse und Technologien geht. Painter Crowe, der neue Chef von SIGMA, betraut seine besten Leute mit der Angelegenheit. Teamchef ist Commander Grayson Pierce, ihm zur Seite stehen sein alter Freund, der Forensiker Monk Kokkalis, sowie die Geologin und Ingenieurswissenschaftlerin Kathryn Bryant.

In Köln treffen die SIGMA-Agenten auf Monsignore Vigor Verona, offiziell Leiter des Pontifikalinstituts für christliche Archäologie und päpstlicher Nuntius, in Wahrheit aber ein Geheimagent des Vatikans. Er hat seine Nichte Rachel Verona eingeweiht, die in einer für Kunst- und Antiquitätenraub zuständigen Einheit der Polizei von Rom arbeitet. Pater Vigor geht davon aus, dass der Drachenorden - ein mächtiges, mit der katholischen Kirche verfeindetes Adelshaus - hinter der Sache steckt. Er selbst und Rachel sind jüngst erst Mordanschlägen entgangen, die von Ordensangehörigen mitten in Rom und sogar im Vatikan verübt worden sind. Bei der Untersuchung des Kölner Doms greift der Drachenorden nochmals an. Durch Brandbomben wird ein Feuersturm im Gotteshaus entfesselt. Greys Leute entkommen dem Inferno mit knapper Not. Das erneute Attentat hat seinen Zweck verfehlt, denn Grays Leute haben im geschändeten Sarkophag ein Pulver entdeckt, das sich als Gold im so genannten M-Zustand erweist. Es muss sich um Rückstände der Reliquien handeln, und genau dieselbe Substanz wird auch in den tödlichen Hostien nachgewiesen. Außerdem hat Grey erkannt, dass Seichan, eine Agentin der Gilde, mit dem Drachenorden zusammenarbeitet. Seichan hat noch eine alte Rechnung mit SIGMA und speziell mit Grey offen...

Soviel zur Ausgangssituation des zweiten Bandes aus der Reihe "SIGMA-Force", der nur wenige Monate nach Sandsturm spielt, aber unabhängig davon gelesen werden kann. Hauptfiguren sind diesmal Grayson Pierce und Rachel Verona, die sich (natürlich) ineinander verlieben. Painter Crowe, Held des ersten Romans, muss meistens im Büro herumsitzen und hat nicht viel zu tun. Monk, Kat und Vigor fungieren als Sidekicks. Auf der Gegenseite stehen irgendwelche Geheimbünde und plakativ-bösartige Fieslinge, die schon seit dem Mittelalter eine neue Weltordnung anstreben. Die undurchsichtige Seichan fungiert als Doppelagentin, spielt mehrmals das Zünglein an der Waage und wäre eine viel interessantere Partnerin für Grey als Rachel, von der mir nur der halsbrecherische Fahrstil in Erinnerung geblieben ist. Die wilde Mixtur aus Verschwörungstheorien, herbeigezwungenen geschichtlichen Zusammenhängen, Pseudowissenschaft und Grabräuber-Action nach dem Vorbild von Indiana Jones ist zwar nicht langweilig, letztlich aber nicht wirklich überzeugend. Möglicherweise liegt das daran, dass mir der Handlungsverlauf des Romans allzu bekannt vorkommt. Im Grunde wird das Strickmuster von "Sandsturm" wiederholt, das ja schon sehr an Sakrileg und "Illuminati" von Dan Brown erinnert.

Es würde zu weit führen, wollte ich erklären, was es mit dem MacGuffin des Romans (Gold im M-Zustand) auf sich hat. Ob es dieses Zeug in der Realität gibt oder nicht, ob wirklich diese Substanz gemeint ist, wenn vom Stein der Weisen, dem Elixier des Lebens und dem biblischen Manna die Rede ist - keine Ahnung. Ist aber auch unerheblich. Man muss einfach akzeptieren, dass die vermeintlichen Gebeine der Heiligen Drei Könige aus M-Gold bestehen, und dass sie nur ein kleiner Teil einer Schnitzeljagd sind, deren Beginn in die Epoche Alexanders des Großen fällt. Grey und seine Leute hetzen von einem Weltwunder der Antike zum anderen und liefern sich immer wieder Gefechte mit den Leuten des Drachenordens, wobei nicht nur der Kölner Dom schwer in Mitleidenschaft gezogen wird. Nach dem x-ten Kampf, bei dem immer nur die bösen Buben wie die Fliegen sterben, unsere Helden aber bestenfalls mal eine harmlose Fleischwunde erleiden, war ich doch einigermaßen ermüdet. (02.09.2013)


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585
Game of Thrones - Hinter den Kulissen Brian Cogman: Game of Thrones - Hinter den Kulissen
Panini Books, 2012
192 Seiten, gebunden

Obwohl der Titel dieses Pracht-Bildbandes etwas irreführend ist, kann ich ihn doch jedem Fan der Fernsehserie Game of Thrones wärmstens empfehlen. Irreführend ist der Titel deshalb, weil gar nicht so viel vom Geschehen hinter den Kulissen berichtet / gezeigt wird. Stattdessen könnte man das Buch als "Führer durch Westeros" bezeichnen, denn es enthält hauptsächlich Beschreibungen der Hauptpersonen, Adelshäuser, Gruppierungen und Schauplätze aus den ersten beiden Staffeln der Fernsehserie. Wunderbare großformatige Stand- und Szenenfotos, Produktionszeichnungen und Entwürfe auf Kunstdruckpapier sind die Highlights des Buches. Die Schauspieler, Regisseure, Drehbuchautoren und andere Mitglieder des Produktionsteams kommen in Interviews zu Wort. Darin sind dann durchaus einige Hintergrundinformationen, Anekdoten und dergleichen zu finden. Witzig: Es sind einige Drehbuchseiten abgedruckt, mit denen die Schauspieler veräppelt wurden. Sie enthalten haarsträubende Alternativversionen der bekannten Handlung, denen zufolge z.B. Alfie Allen (Theon) als nackter Zombie hätte auftreten müssen! Zwei kleine Wermutstropfen: Das Buch folgt der neuen Übersetzung und ist nicht ganz fehlerfrei, außerdem sind (zumindest in meinem Exemplar) einzelne Seiten nicht sauber gedruckt. Trotzdem ist das aufwändig und liebevoll gestaltete Buch mit Einband in Lederoptik jeden Cent wert. (26.08.2013)

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584
Ein Tanz mit Drachen George R.R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer 10 - Ein Tanz mit Drachen
Penhaligon, 2012
798 Seiten

Während Stannis Baratheons Heer beim Marsch nach Winterfell in einem nicht enden wollenden Schneesturm langsam aber sicher schrumpft, öffnet Jon Schnee die Mauer für die Wildlinge. Sie sollen bei der Besetzung der Festungen entlang der Mauer helfen, denn der Winter ist da, und mit der Kälte kommen die "Anderen" - jene Kreaturen, deren Angriffe vor vielen Jahrhunderten zum Bau der Mauer geführt haben. Dem jungen Kommandanten der Nachtwache ist klar, dass er die Flüchtlinge schon deshalb retten muss, damit sie nicht den Weißen Wanderern in die Hände fallen. Nicht allen Brüdern Jons leuchtet ein, dass jeder Gerettete ein untoter Feind weniger ist. Sie wittern Verrat, zumal die Nachtwache Schulden bei der Eisernen Bank von Braavos machen muss, um die benötigten Vorräte zu beschaffen. Jon gibt die Neutralität der Nachtwache auf, um sich Ramsay Bolton zu stellen. Der neue Herr von Winterfell behauptet, er habe Stannis vernichtend geschlagen und Manke Rayder enttarnt, der nach Winterfell entsandt wurde, um Arya Stark zu retten. Jon ahnt nicht, dass die echte Arya in Braavos zur Assassinin ausgebildet wird, und dass Jeyne Poole (die an Aryas Stelle mit Bolton verheiratet worden ist) bereits von Theon Graufreud befreit wurde. Als Jon Freiwillige für einen Angriff auf Winterfell sammelt, holen seine von Bowen Marsh angeführten Widersacher zum entscheidenden Schlag gegen ihn aus.

Die intrigante Königsmutter Cersei Lennister wurde verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Nachdem sie einige geringere Sünden gestanden hat, darf sie ihr Gefängnis verlassen. Sie wird jedoch gedemütigt und verliert alle Macht sowie jegliches Ansehen, das sie in der Bevölkerung noch hatte. Ihr Bruder Jaime ist weit weg, angeblich ist er mit Brienne von Tarth aufgebrochen, um Sansa Stark zu suchen. Doch Cersei hat einen neuen Beschützer, einen riesigen stummen Ritter, dessen Herkunft niemand kennt und der sein Gesicht nie zeigt. Nachdem der Krieg zwischen den Starks und den Lennisters praktisch zu Ende ist, regt sich in den Sturmlanden neues Unheil. Aegon Targaryen und Jon Connington sind mit den Söldnern der Goldenen Armee aus Essos zurückgekehrt. Sie erobern einige Burgen und bereiten einen Angriff auf Sturmkap vor, den alten Sitz des Hauses Baratheon.

Jenseits des Meeres schließt Tyrion Lennister, der von Jorah Mormont entführt worden ist, ein Bündnis mit den zu den Belagerern Meereens gehörenden Söldnern. Daenerys hat inzwischen den Edlen Hizdahr zo Loraq geheiratet, der ihr versprochen hat, den Frieden in der belagerten Stadt wiederherzustellen. Daenerys stimmt sogar der Wiedereröffnung der Kampfarenen zu, um das unter Seuchen und Nahrungsknappheit leidende Volk ruhig zu halten. Beim ersten Schaukampf fällt Daenerys beinahe einem Giftanschlag zum Opfer. Da landet ihr Drache Drogon mitten in der Arena. Panik bricht aus. Daenerys tritt dem Ungeheuer gegenüber und schwingt sich auf seinen Rücken, als es davonfliegt...

An dieser Stelle höre ich einfach mal mit der Kurzzusammenfassung auf. Es gibt noch viele weitere Handlungsebenen, die ich nur angerissen oder gar nicht erwähnt habe. Und dabei werden Bran und Sansa Stark sowie Davos Seewert in diesem zehnten Roman aus dem monumentalen Zyklus "Das Lied von Eis und Feuer" noch nicht einmal erwähnt! Endlich kommt es zu dem Ereignis, auf das ich schon die ganze Zeit gewartet habe: Daenerys reitet auf einem Drachen. Leider hat sie nichts davon, im Gegenteil! Da sie weit von Meereen entfernt landet und vorerst nicht zurückkehrt, hält man sie für tot, und tatsächlich ist sie dem Tod am Ende des Romans näher als dem Leben. Da geht es ihr aber immer noch besser als Jon, der (Achtung! Spoiler!) im vorletzten Kapitel scheinbar erstochen wird (Spoiler Ende). Die "Rote Hochzeit" war ja schon extrem starker Tobak - und darüber hinaus nur ein Gemetzel unter Hauptfiguren von vielen - aber als ich das gelesen habe, da habe ich mich gefragt, ob George R.R. Martin denn überhaupt niemanden von denen am Leben lassen möchte, die man als Leser ins Herz geschlossen hat! Wenigstens erfreut sich der vom Schicksal gebeutelte Tyrion, meine Lieblingsfigur, weiterhin bester Gesundheit und wird sicher künftig noch ein Wörtchen mitzureden haben.

Der Zyklus wird immer düsterer, so dass man fast Angst vor dem Ende kriegen könnte. Die Frage, ob "die Guten" gewinnen können, stellt sich nicht, denn nach wie vor ist eine eindeutige Trennung in Gut und Böse nicht möglich. Selbst mit jemandem wie Cersei kann man eigentlich nur Mitleid empfinden, wenn sie gezwungen wird, nackt vor den Augen des Pöbels durch Königsmund zu marschieren. Aber Vorsicht! Ich glaube nicht, dass die Dame schon am Ende ist. Sie mag erkannt haben, dass sie ihre besten Tage hinter sich hat, aber vielleicht wird sie dadurch nur noch gefährlicher. Ihr Champion Ser Robert Kraft ist nicht nur ein Beispiel für die grenzwertige Neuübersetzung, sondern auch für die immer breiteren Raum einnehmende Magie. Der zweieinhalb Meter große Metallkoloss ist anscheinend so etwas wie ein Frankenstein-Monster, erschaffen aus den Überresten Gregor Cleganes in den Verliesen von Cerseis Festung!

Alle Ereignisse nähern sich ganz allmählich einem Höhepunkt, der nach allem, was bisher zu lesen war, nur schrecklich sein kann. Im Grunde gibt es nur eine Möglichkeit, wie die Menschen (die ja immer noch hauptsächlich damit beschäftigt sind, sich selbst zu zerfleischen) den Ansturm der "Anderen" (von dem man übrigens leider noch herzlich wenig mitbekommen hat) überstehen können: Daenerys muss mit ihren Drachen nach Westeros kommen... (19.08.2013)


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583
Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes Ted Chiang: Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes
Golkonda Verlag, 2011
179 Seiten

Diese Sammlung enthält fünf Kurzgeschichten Ted Chiangs, für die der Autor einige Preise eingeheimst hat. In allen Storys wird das Weltbild der Protagonisten in Frage gestellt oder komplett umgedreht, der Glaube spielt in einigen Geschichten eine große Rolle (aber keineswegs im Sinne christlichen Bekehrungseifers), scheinbar bekannte Szenarien erhalten unerwartete Wendungen, nicht zuletzt geht es immer wieder um den Konflikt zwischen Vorherbestimmung und freiem Willen. Verblüffende Ideen, die zum Nachdenken anregen, eine klare, auch bei komplizierten Sachverhalten gut verständliche Sprache - das ist Science Fiction, wie sie sein soll, auch wenn sich z.B. die Titelstory gar nicht wie SF liest. Die Storys im Einzelnen:

Der Turmbau zu Babel

Der Turm von Babylon wurde fertig gestellt. Das viele Kilometer hohe Bauwerk stößt ans Himmelsgewölbe, welches nun von kundigen Bergarbeitern geöffnet werden soll. Es dauert Jahre, bis allmählich ein Schacht im Himmelsgewölbe entsteht. Eines Tages stechen die Arbeiter versehentlich eines der gewaltigen Wasserreservoirs in der Himmelssphäre an. Eine Sicherheitstür verhindert, dass sich die Wassermassen als neue Sintflut zur Erde ergießen, doch ein Arbeiter befindet sich auf der falschen Seite der Schleuse. Er wird nach oben gespült, durchquert auf diese Weise das gesamte Himmelsgewölbe und glaubt nun, das Reich Gottes betreten zu haben.

Was zunächst wie eine Alternativweltgeschichte klingt, nimmt schnell etwas andere Züge an. Während die Arbeiter den Turm erklimmen, dessen Aufbau detailreich und stimmig geschildert wird, lassen sie die Sonne und die Sterne hinter sich. Der Aufstieg dauert Monate! Das Himmelsdach ist ein Gewölbe aus besonders hartem Stein. Das Weltbild der Antike ist hier also Realität. Der Arbeiter befindet sich allerdings am Ende keineswegs im Reich Gottes, sondern praktisch wieder am Beginn seiner Reise. Diese Welt ist in sich geschlossen. Somit erweist sich der menschliche Erkenntnisdrang als sinnlos, weil jeder Weg zum Ausgangspunkt zurückführt...

Geschichte deines Lebens

Außerirdische Raumschiffe umkreisen die Erde. Tentakelwesen versuchen Kontakt mit den Menschen aufzunehmen, aber die Verständigung gestaltet sich schwierig. Das Militär zieht die Linguistin Dr. Louise Banks als Beraterin hinzu. Allmählich gelingt es ihr, die Denkweise der wegen ihres Erscheinungsbildes als "Heptapoden" bezeichneten Wesen zu verstehen und ihre Sprache zu entschlüsseln. Beim Studium der Heptapoden-Schrift verändert sich Louises eigenes Bewusstsein. Sie beginnt eine ebenso ganzheitliche, nichtlineare Weltsicht zu entwickeln wie ihre Gesprächspartner, was dazu führt, dass sie praktisch alle Ereignisse ihres eigenen Lebens (auch die zukünftigen) gleichzeitig wahrnimmt.

Nicht das Sein - die Sprache bestimmt das Bewusstsein! Ähnlich wie die Tralfamadorianer in Kurt Vonneguts "Schlachthof 5" können die Heptapoden in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft blicken. Das gelingt schließlich auch Louise, und so besteht die Story aus zwei Ebenen. Einmal wird die Kommunikation mit den fremdartigen Heptapoden beschrieben, außerdem berichtet die Ich-Erzählerin Louise von verschiedenen Ereignissen aus dem Leben ihrer Tochter, die sich erst noch ereignen werden. Obwohl Louise weiß, welches Schicksal ihrer Tochter bevorsteht, kann sie nichts daran ändern. Oder besser gesagt: Sie will es nicht. Als "Vorherbestimmung" kann man das eigentlich nicht bezeichnen, denn Louise entscheidet sich dafür, den Ereignissen ihren Lauf zu lassen. Es ist so ähnlich wie bei einer Hochzeitszeremonie. Obwohl von Anfang an feststeht, wie sie ausgehen wird, muss sie bis zum Ende durchgeführt werden, um gültig und richtig zu sein.

Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes

Die Existenz von Himmel und Hölle ist eine bewiesene Tatsache. Man kann sehen, wie die Seelen der Verstorbenen entweder zur Hölle fahren oder die ewige Seligkeit erreichen, und immer wieder steigen Engel zur Erde herab. Engelserscheinungen führen stets zu Todesfällen und schweren Sachschäden, aber auch zu Wunderheilungen und Offenbarungen des göttlichen Lichts. Neil Fisks Ehefrau Sarah kommt bei der Manifestation des Engels Nathanael in einem Einkaufszentrum ums Leben. Damit hat Neils Leben seinen Sinn verloren, aber Selbstmord kommt für ihn nicht in Betracht, denn diese Sünde würde ihn geradewegs in die Hölle führen, und Sarah ist im Himmel. Um dort mit ihr wiedervereinigt zu werden, muss Neil lernen, Gott zu lieben...

Eine wirklich traurige Geschichte, denn am Ende ist Neil unabänderlich von der Liebe zu Gott erfüllt und kommt trotzdem nicht in den Himmel. Denn Gott interessiert sich nicht nur nicht für das Schicksal der Menschen - es ist ihm nicht einmal bewusst, dass sie überhaupt existieren. Die Hölle ist gar kein so schlimmer Ort für all jene, die sich nicht für Gott interessieren, denn man wird dort nicht gefoltert oder dergleichen. Man hat nur nicht die Chance, jemals die Seligkeit zu erreichen. Was wiederum Folter genug ist, weil man in dieser fiktiven Welt genau weiß, dass Gott existiert.

Der Kaufmann am Portal des Alchemisten

Der Tuchhändler Fuwaad ibn Abbas berichtet dem Kalifen von Bagdad von seiner Begegnung mit dem Alchemisten Bashaarat. Dieser hat ein Portal konstruiert, durch welches man zwanzig Jahre in die Zukunft und wieder zurück reisen kann. Der Alchemist erzählt dem Tuchhändler die Geschichten einiger Kunden, die das Portal bereits benutzt und ihr Schicksal dadurch auf mehr oder weniger kluge Weise beeinflusst haben. Fuwaad erfährt, dass es in Kairo ein zweites Portal gibt, mit dem man zwanzig Jahre in die Vergangenheit reisen kann. Er durchschreitet es, um seine damals beim Einsturz einer Moschee gestorbene Frau zu retten, obwohl ihm aufgrund der von Bashaarat erzählten Geschichten klar ist, dass sich der Verlauf der Ereignisse nicht ohne weiteres ändern lässt.

Klingt ganz wie eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht, ist aber durchaus Science Fiction, denn die allseits bekannten Zeitreise-Probleme werden mehrmals variiert. Zeitparadoxa gibt es nicht, man kann Vergangenheit und Zukunft selbst nach Benutzung des Portals nicht ändern. Alles geschieht so, wie es geschehen ist oder geschehen muss. Trotzdem erreicht Fuwaad sein Ziel zumindest teilweise.

Ausatmung

In einem von undurchdringlichen Chromwänden umschlossenen kleinen Universum leben intelligente Maschinenwesen. Sie müssen ihre Lungen täglich gegen neue auswechseln, die an Zapfstellen mit frischer Luft gefüllt werden. Eines Tages wird ein Wissenschaftler auf eine seltsame Diskrepanz zwischen der von unfehlbaren Uhren gemessenen Zeit und der Dauer eines Rituals mit normalerweise immer gleichem Zeitablauf aufmerksam. Er vermutet, dass sich die Denkvorgänge seines gesamten Volkes verlangsamen und unternimmt einen riskanten Selbstversuch, um zu ergründen, wie sein eigenes Gehirn funktioniert. Dabei stellt er fest, dass sogar sein Gedächtnis buchstäblich aus Luft besteht.

Die "typischste" SF-Story der Sammlung. Mit Luft betriebene intelligente Roboter in einem Universum, das auf der "Ausatmung" eines davon getrennten, anderen Universums basiert und zum Stillstand kommen wird, sobald der endgültige Druckausgleich erreicht ist - wieder so eine wunderbare, konsequent in allen Details durchdachte Idee! Wie in allen Storys wird einiges zwar nicht erklärt (wie ist das Universum entstanden, was befindet sich jenseits seiner Grenzen, wer hat die Roboter erschaffen), das ist aber für den Kern der Geschichte unerheblich. (13.08.2013)

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582
Upload Cory Doctorow: Upload
Heyne, 2008
318 Seiten

Durch die allgegenwärtige Vernetzung der Menschen per Internet, Mobilfunk usw. haben sich im Jahre 2022 die so genannten "Stämme" herausgebildet. Menschen in der ganzen Welt, die sich womöglich nie persönlich begegnen, fühlen sich aufgrund gleichartiger Interessen und anderer Gemeinsamkeiten so sehr miteinander verbunden, dass sie nur noch mit ihren "Stammesmitgliedern" kommunizieren wollen. Aufgrund der unterschiedlichen Zeitzonen führt das dazu, dass viele Menschen einen von ihrer Umwelt abweichenden Tagesrhythmus entwickeln. Die Stämme werden nach den Zeitzonen benannt, in denen das Gros ihrer Mitglieder lebt. Wer sich einem Stamm zugehörig fühlt, legt Wert darauf, hauptsächlich mit anderen Stammesangehörigen Geschäfte zu machen und so weiter. So entwickelt sich allmählich eine neue Gesellschaftsstruktur. Staatsgrenzen werden bedeutungslos. Handelsbeziehungen, Industriespionage und dergleichen nehmen einen völlig neuen Charakter an.

Art Berry, hochtalentierter Berater für benutzerfreundliches Design bei Virgin/Deutsche Telekom, ist Agent Provocateur des "Eastern Standard Tribe". Um den eigenen Stamm zu stärken, liefern Art und sein Kollege Federico ihren Auftraggebern interessant klingende, in Wahrheit aber nutzlose Vorschläge. Auf diese Weise soll ein konkurrierender Stamm langfristig geschädigt werden. Eines Tages lernt Art bei einem Autounfall in London die Amerikanerin Linda kennen. Beide landen im selben Krankenzimmer. Art verliebt sich in die attraktive, leicht ausgeflippte junge Frau. Eines Tages entwickelt er ein ebenso revolutionäres wie gewinnträchtiges Verfahren für den Datenaustausch zwischen den Stereoanlagen von Autos. Art will, dass der Stamm hiervon profitiert, aber Fede wirtschaftet insgeheim in die eigene Tasche. Als Art dahinterkommt, wie sehr er von seinen Freunden betrogen wurde, rastet er aus. Prompt wird er in eine Nervenklinik eingewiesen...

Der deutsche Titel "Upload" suggeriert einen Zusammenhang mit Doctorows Roman Backup, aber einen solchen gibt es nicht. Die Geschichten haben rein gar nichts miteinander zu tun.

Das Konzept der Internet-Stämme und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, dass man nur noch dem Stamm gegenüber loyal ist, aber nicht gegenüber dem Staat, dem Arbeitgeber usw. - all das ist zwar interessant, im Grunde spielt es für die Story aber kaum eine Rolle. Im Klappentext ist vom erbitterten Kampf der Stämme die Rede. Davon ist im Roman praktisch nichts zu bemerken; tatsächlich könnte das Stammeskonzept komplett Arts Fantasie entsprungen sein. Jedenfalls scheinen alle (außer vielleicht Fede), mit denen Art darüber spricht, nichts von der Existenz der Stämme zu wissen.

Abgesehen davon ist der Roman nettes, humorvolles Lesefutter. Die Story wird aus zwei Gesichtspunkten erzählt: Art ist bereits zwangseingewiesen worden und versucht vergeblich zu beweisen, dass er nicht verrückt ist. Rückblickend werden die Geschehnisse geschildert, die zu dieser Situation geführt haben. Am Ende gehen beide Ebenen ineinander über. In den Rückblick-Kapiteln steht die turbulente Beziehung zwischen Art und Linda im Mittelpunkt. Quasi nebenbei flicht Doctorow immer wieder Details über das Leben in der nahen Zukunft ein, die gar nicht so unwahrscheinlich klingen. Doctorow übertreibt die Tücken des digitalen Zeitalters bewusst und erklärt dies mit den subtilen Sabotageakten der Stämme. Vielleicht gibt es so etwas in der Realität ja auch schon? Das würde zum Beispiel Absurditäten wie DRM und den Onlinezwang bei PC-Spielen erklären... (07.08.2013)


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581
Das Kappenstein-Projekt Jürgen Kehrer: Das Kappenstein-Projekt
Grafit-Verlag, 1997
185 Seiten

Georg Wilsberg hat sich einen Untermieter zugelegt. Imke ist ausgezogen, und obwohl der Privatdetektiv immer noch recht erfolgreich für seine ehemalige Sekretärin Sigi Bach arbeitet, kann er sich die teure Wohnung im Kreuzviertel ohne zusätzliche Einnahmen nicht mehr leisten. Da kommt ihm ein neuer großer Auftrag gerade recht. Die grüne Stadtkämmerin Jutta Rausch heuert ihn als Leibwächter an, denn seit der Ermordung zweier Parteifreunde fühlt sie sich bedroht. Wie die Mordopfer gilt Jutta Rausch als Befürworterin eines umstrittenen Bauprojekts. Der US-Medienkonzern Global Artists plant den Bau eines riesigen Vergnügungsparks im Norden Münsters. Das Großprojekt würde 300 Arbeitsplätze schaffen und Geld in die Stadtkasse spülen, aber auch Umweltprobleme verursachen. Von der Enteignung der Bewohner des kleinen Ortsteils Kappenstein, dessen Namen das Projekt trägt, ganz zu schweigen. Das LKA wurde bereits eingeschaltet. Oberrat Lewandowski hat eine Sonderkommission eingerichtet. Wilsberg nimmt den Job unter der Bedingung an, dass er freie Hand erhält, um eigene Ermittlungen anzustellen. Er nächtigt fortan bei seiner Auftraggeberin, der er bald menschlich näher kommt.

Die rot-grüne Koalition in Münster droht am Kappenstein-Projekt zu zerbrechen. Hauptgegner bei den Grünen ist Heiner Kleine-Langen, der ebenso zum Kreis der Verdächtigen gehört wie die Mitglieder der Bürgerinitiative "Kein Hollywood in Kappenstein". Kurz nach einer Parteiversammlung wird Dirk Holthausen ermordet, ein weiterer Kappenstein-Befürworter. Wilsberg hat kurz zuvor von Holthausen erfahren, dass dieser von einem Unbekannten angerufen worden ist, der angekündigt hat, Holthausen werde "sich erinnern". Von seinem Freund Hauptkommissar Stürzenbecher erfährt Wilsberg, dass alle Leichen eine Gemeinsamkeit aufweisen. Der Täter hat ihre Fingerkuppen in Goldfarbe getaucht - ein Symbol für Bestechlichkeit. Als ein Drohbriefschreiber aus Kappenstein medienwirksam festgenommen werden kann, ist der Fall für Lewandowski klar. Für Wilsberg nimmt er eine unerwartete Wendung, denn nach einer Liebesnacht gesteht ihm Jutta, dass sie in den Siebzigerjahren Mitglied einer KPD-Splittergruppe war. Ein jung verstorbener Genosse hatte der Partei damals viel Geld vermacht, das nur einem kleinen Personenkreis zugutegekommen ist. Die drei Mordopfer haben dazugehört - Jutta ebenfalls...

In seinem achten Fall wagt sich Wilsberg aufs schlüpfrige Parkett der Politik. Im Gegensatz zu den beiden vorherigen Romanen wurde "Das Kappenstein-Projekt" unter dem Titel "Wilsberg und der Schuss im Morgengrauen" vom ZDF verfilmt. Die Story eignet sich sehr gut dazu, denn sie ist komplexer und in sich geschlossener als die der beiden letzten Romane. Durch unerwartete Wendungen steigt die Spannung stetig an. Wilsberg sagt selbst, dass der Fall jeden Tag anders aussieht. Er ist genervt deswegen, der Leser aber keineswegs! Man wird auf falsche Fährten gelockt, denn es gibt viele Verdächtige mit handfesten Motiven. Da muss Wilsberg schon sein ganzes detektivisches Können aufbieten, und wie so oft gerät er selbst ins Visier der Polizei.

Wilsbergs Privatleben bleibt nicht ganz außen vor, nimmt aber nicht mehr so breiten Raum ein. Man erfährt, dass Imke einen neuen Freund hat. Sie ist dagegen, dass Wilsberg seine kleine Tochter weiterhin zu gemeinsamen Nachmittagen abholt. Wilsbergs Untermieter, der Publizistikstudent Jan, schleppt immer neue Betthäschen an, mit denen er sich lautstark vergnügt. Da geht Wilsberg lieber in den Außeneinsatz. Diesmal erhält er sogar einen (zeitlich begrenzten) Waffenschein! Kehrer spart wieder nicht mit Humor und Gesellschaftskritik. Ob der Bau der Warner Bros. Movie World in Bottrop-Kirchhellen Pate beim Kappenstein-Projekt gestanden hat? Abgesehen davon ist Wilsberg natürlich zynisch wie eh und je. Insgesamt würde ich sagen: "Das Kappenstein-Projekt" ist der bisher beste Wilsberg-Roman. (29.07.2013)


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580
Wahn Stephen King: Wahn
Heyne, 2008
Kindle Edition

Der erfolgreiche Bauunternehmer Edgar Freemantle verliert bei einem Arbeitsunfall den rechten Arm und erleidet ein schweres Schädelhirntrauma. Er leidet monatelang unter schrecklichen Schmerzen und hat Erinnerungs- sowie Wortfindungsstörungen. Außerdem neigt er zu unkontrollierbaren Wutanfällen, bei denen er unter anderem seine Ehefrau Pamela angreift. Obwohl er diese Probleme allmählich unter der Anleitung des Psychotherapeuten Dr. Xander Kamen und mit Hilfe der Wutpuppe Reba in den Griff bekommt, leitet Pamela noch während der Rehabilitationsphase die Scheidung ein. Freemantle einigt sich gütlich mit ihr. Er will schon deshalb keinen Streit, weil er gedenkt, seinem Dasein ein Ende zu setzen. Er will es wie einen weiteren Unfall aussehen lassen, damit die Versorgung seiner Familie nicht gefährdet wird. Kamen durchschaut Freemantle, rät ihm aber nicht von dem Vorhaben ab. Er gibt nur zu bedenken, dass sich ein Selbstmord zum jetzigen Zeitpunkt nicht vertuschen lassen würde. Freemantle soll ein Jahr verstreichen lassen und auch räumlichen Abstand zu der ganzen Angelegenheit gewinnen.

Freemantle mietet ein Strandhaus auf der kleinen Insel Duma Key vor der Küste Floridas. Dort nimmt er einem Vorschlag Kamens folgend ein altes Hobby wieder auf: Er beginnt zu malen. Der junge Student Jack Cantori sieht regelmäßig bei Freemantle nach dem Rechten und wird zu einem guten Freund. Einen weiteren neuen Freund findet Freemantle in Jerome Wireman, dem exzentrischen Betreuer einer unter beginnendem Alzheimer leidenden Frau namens Elizabeth Eastlake, der praktisch die gesamte Insel gehört. Freemantles Gemälde sind gut - so gut, dass die lokale Kunstszene in Euphorie verfällt. Freemantle malt wie im Wahn. Diese Besessenheit ist mehr als künstlerische Inspiration, wie ihm bald klar wird. Seine Bilder zeigen Geschehnisse, die sich noch nicht ereignet haben oder die ihm noch nicht bekannt sein dürften. Und schließlich stellt er fest, dass er mit der Malerei Einfluss auf die Realität nehmen kann. Was er malt, ereignet sich wirklich. Doch weder vollbringt er dies aus eigener Kraft, noch hat er sich zufällig für Duma Key als Refugium entschieden. Eine böse Macht, die eng mit dem Schicksal Elizabeth Eastlakes und der Vergangenheit von Duma Key verknüpft ist, beeinflusst ihn. Als er versucht, sich dieser Macht entgegenzustellen, bringt er damit sich selbst und alle, die er liebt, in größte Gefahr.

Exposition - also die Einführung des Lesers in die Ausgangssituation der Geschichte, die Personen und Orte, sowie die Erschaffung einer bestimmten Grundstimmung - ist eine der Stärken Stephen Kings. Deshalb ist die Expositionsphase in seinen Romanen oft ziemlich lang. So ist es auch in "Wahn". Weit mehr als die Hälfte des Buches entfällt darauf! Bei weniger geschickten Autoren könnte das zum Problem werden. Der Leser könnte sich bald langweilen und nur noch darauf warten, dass die Story endlich Fahrt aufnimmt und dass etwas Bedeutungsvolles passiert. Nicht so bei King, denn er lässt immer wieder Andeutungen einfließen, die erahnen lassen, dass bald etwas Schlimmes geschehen wird, streut Rückblicke auf die mysteriöse Geschichte Duma Keys ein, und lässt ganz allmählich eine Atmosphäre des Unheimlichen entstehen. Die Annahme liegt nahe, dass King bei der Beschreibung von Freemantles qualvollem Genesungsprozess einmal mehr seinen eigenen schweren Unfall verarbeitet, den er im Jahre 1999 erlitten hat.

King nimmt sich viel Zeit, um die übernatürlichen Elemente der zweiten, weit kürzeren Phase des Romans für den Leser plausibel zu machen. In dieser Phase geht es dann Schlag auf Schlag, purer Horror mit allem Drum und Dran wird geboten: Geister, Zombies, ein Spukhaus, uralte böse Mächte und so weiter. Wäre es King zuvor nicht gelungen, den Leser gut auf all das einzustimmen, dann könnte man einiges davon für lächerlich halten. Durch die sorgfältige Vorbereitung bleibt alles in sich stimmig. Für mich steht übrigens fest, dass sich Freemantle nicht alles nur einbildet. Auf diese Idee könnte man kommen; schließlich sind all jene, die ungewöhnliche Erlebnisse haben oder sich merkwürdig benehmen, in irgendeiner Weise "beschädigt". Sowohl Freemantle als auch Wireman haben Schädelverletzungen erlitten, Elizabeth Eastlake ist dement, andere Figuren stehen unter Medikamenten- oder Alkoholeinfluss. Eine Massenpsychose also? Aber da ist noch Freemantles Faktotum Jack, der mit ihm und Wireman zusammen den Showdown bestreitet. In seinem Fall gibt es keine Anzeichen dafür, dass er unter Wahnvorstellungen leiden könnte.

Mein Problem dabei ist nur, dass ich mich nicht so gut mit der Hauptfigur identifizieren kann. Jedenfalls ist mir sein Schicksal und das seiner Angehörigen nicht so nahe gegangen wie das der Hauptfiguren in Kings Meisterwerk Der Anschlag (Jake Epping und Sadie Dunhill), an das "Wahn" leider nicht heranreicht. Ein zeitreisender Lehrer steht mir also irgendwie näher als ein einarmiger Ex-Bauunternehmer und Maler. Was mag diese Tatsache über mich aussagen? (23.07.2013)


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579
Qual Richard Bachman: Qual
Heyne, 2009
383 Seiten

Der Ganove Clayton Blaisdell jr., genannt Blaze, ist ein Zwei-Meter-Mann mit gewaltiger Körperkraft, aber schwachem Verstand. Als Kind wurde Blaze von seinem Vater die Treppe hinuntergeworfen und hat dabei schwere Schädelverletzungen erlitten. Erst danach wurde dem Vater das Sorgerecht entzogen. Nach einem langjährigen Aufenthalt im Waisenhaus Hetton House ist Blaze auf die schiefe Bahn geraten und schließlich im Gefängnis gelandet. Ohne seinen Freund George Rackley, den Blaze nach der Haftentlassung kennen gelernt hat, wäre er praktisch nicht lebensfähig. Ohne Georges ständige Ermahnungen würde Blaze sogar vergessen, sich die Zähne zu putzen, die Schuhe zuzubinden, oder dass es nicht ratsam ist, einen Laden ohne Strumpfmaske zu überfallen.

Das Problem ist nur: George ist tot. Er ist vor drei Monaten bei einer Messerstecherei ums Leben gekommen. Trotzdem hört Blaze immer noch Georges Stimme, und diese Stimme ermutigt ihn, einen großen Coup durchzuziehen, den George schon lange geplant hat. Blaze entführt das sechs Monate alte Kind der reichen Eheleute Gerard und fordert eine Million Dollar Lösegeld. Blaze geht ungeschickt vor und verletzt ein zufällig hinzukommendes Familienmitglied tödlich. Außerdem hinterlässt er viele Spuren, so dass ihm die Polizei schnell auf die Spur kommt...

Vierte Urlaubslektüre im Sommer 2013.

Richard Bachman ist bekanntlich ein Pseudonym Stephen Kings. Dieser Name verkauft sich besser, deshalb steht er groß auf dem Cover. "Qual" gehört zu den Büchern, die unter dem Pseudonym veröffentlicht wurden, und es ist eines von Kings/Bachmans frühesten Werken. Der Roman wurde aber erst 2007 endgültig fertig gestellt. Anders als es der Klappentext suggeriert, ist "Qual" nicht dem Horror-Genre zuzurechnen. Eher könnte man den Roman als sozialkritische Tragödie bezeichnen. Georges Stimme ist sicherlich nichts anderes als Einbildung. Es gibt nur eine kurze Textstelle, die etwas anderes vermuten lassen könnte. Da spricht Georges Stimme in Blazes Kopf von Zahnschmerzen. George, der zu diesem Zeitpunkt noch lebt, war wirklich beim Zahnarzt, aber davon konnte Blaze nichts wissen.

Jedenfalls gibt es keine Horror-Elemente in dem Roman, und obige Handlung ist eigentlich fast schon Nebensache. Viel wichtiger sind die Rückblicke auf Blazes Kindheit und Jugend. Die entsprechenden Kapitel machen ungefähr die Hälfte des Texts aus. Sie zeigen, dass es mit Blaze ganz anders hätte kommen können, wenn sich bessere Menschen als der trunksüchtige Vater, der gewalttätige Heimleiter und der kriminelle George um ihn gekümmert hätten. Im Nachwort gibt King selbst zu, dass John Steinbecks Roman "Von Mäusen und Menschen" Pate gestanden hat. Spannend ist der Roman zwar nicht unbedingt, aber ich habe Blaze gleich ins Herz geschlossen und fand sein Schicksal berührend.

Das Buch enthält außerdem die Kurzgeschichte "Erinnerung", die King später zum Roman "Wahn" ausgearbeitet hat - siehe oben! (21.07.2013)


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578
Revenge - Eiskalte Täuschung Douglas Preston / Lincoln Child: Revenge - Eiskalte Täuschung
Knaur eBook, 2011
Kindle Edition

Judson Esterhazy unternimmt einen Jagdausflug mit dem FBI-Agenten Pendergast. Er will seinen Schwager erschießen und die Leiche in einem abgelegenen schottischen Moor verschwinden lassen, denn durch die Suche nach dem Mörder seiner Frau Helen hat Pendergast in ein Wespennest gestochen. Esterhazy ist tief in eine internationale Verschwörung verwickelt, deren Anfänge bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges zurückreichen, und er muss jeden beseitigen, der Wind von der Sache bekommt. Der Coup gelingt. Mit einer Kugel in der Brust versinkt Pendergast in einem Sumpfloch. Im Hochgefühl des Triumphes verrät ihm Esterhazy, dass Helen lebt. Er hat den als Jagdunfall getarnten Mord an Pendergasts Frau inszeniert, aber das alles war nur ein groß angelegtes Täuschungsmanöver. Esterhazy kehrt ins Jagdcottage zurück, bevor Pendergast ganz versunken ist. Bei der anschließenden polizeilichen Untersuchung wird zu Esterhazys Entsetzen jedoch keine Leiche gefunden.

Pendergast überlebt den Anschlag trotz der schweren Verwundung. Nachdem er sich erholt hat, kennt er nur noch ein Ziel: Helen zu finden. Erneut beginnt ein Katz- und Maus-Spiel zwischen Pendergast und Esterhazy, doch diesmal sind dessen Hintermänner informiert. Esterhazy ist einer mächtigen Geheimorganisation Rechenschaft schuldig und wird aufgrund seiner anhaltenden Erfolglosigkeit im Kampf gegen Pendergast von seinen einstigen Gönnern ins Visier genommen. Er entführt Constance Greene, um Pendergast in eine Falle zu locken. Ein gnadenloser Killer der Geheimorganisation räumt hinter Esterhazy auf. Ein Käseblatt-Reporter aus der Provinz gerät hierbei in tödliche Gefahr. Corrie Swanson, die inzwischen in New York studiert und nicht glauben will, dass ihr Mentor getötet wurde, wird ebenfalls in die Sache hineingezogen.

Dritte Urlaubslektüre im Sommer 2013.

Der zweite Teil der so genannten "Helen-Trilogie" ist eine einzige Enttäuschung. Das liegt nicht nur daran, dass meine Erwartungshaltung nach dem packenden ersten Roman sehr hoch war. Auf diesen Mittelteil könnte man komplett verzichten! Zumindest wäre es kein Problem gewesen, den ohnehin nicht allzu langen Text so zu kürzen, dass er ans Ende von Band eins und an den Beginn von Band drei gepasst hätte. Es dauert viel zu lang, bis Esterhazy kapiert hat, dass Pendergast noch lebt, und bis beide endlich aus Schottland herauskommen. Die komplette Nebenhandlung mit dem Käseblatt-Reporter ist vollkommen sinnlos. Auch die Corrie-Nebenhandlung (wer diese Figur nicht kennt: Sie hat Pendergast in Ritual unterstützt) trägt nicht zur eigentlichen Handlung bei, aber es könnte sein, dass Corries Erkenntnisse im dritten Roman noch von Bedeutung sein werden. Pendergast - so viel sei gespoilert - begegnet Helen in "Revenge" nämlich tatsächlich, verliert sie aber gleich wieder und dürfte eigentlich keine Chance haben, sie jemals wiederzufinden. Vielleicht wird das von Corrie ermöglicht. Dazu müsste sie das Ende von "Revenge" überleben...

Die durch unnötige Nebenhandlungen und ausufernde Beschreibungen aufgeblähte, ewig nicht in die Gänge kommende Handlung ist nicht nur zum Gähnen langweilig, sondern derart mit unglaublich dämlichen Klischees überladen, dass ich irgendwann geglaubt habe, die Autoren hätten sich einen Scherz mit ihren Lesern erlaubt. Schon Pendergasts erstaunliche Kugelfestigkeit kann nicht überzeugen, und am Ende mutiert er zu einem Superkämpfer, der es ganz allein mit einem Dutzend Nazis aufnimmt. Nazis? Ja, genau. Das meinte ich mit "Klischees". Böse Nazis wollen die Weltherrschaft übernehmen! Ihre Namen, ihr Sadismus, ihr Aussehen - das ist alles heillos übertrieben und einfach nur albern. Die Erklärung für Helens wundersame "Wiedergeburt" wird zwar recht lustlos aus dem Hut hervorgezaubert, ist aber, wenn auch vorhersehbar, wenigstens in sich schlüssig. Damit wird klar, warum der grausame Löwenangriff im ersten Roman so detailreich geschildert wurde: Der Leser durfte - genauso wie Pendergast - nicht den geringsten Zweifel an Helens Tod haben. Aber warum musste sie auf so bizarre Weise untertauchen? Diese Frage bleibt offen. (18.07.2013)


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577
Fortune de France Robert Merle: Fortune de France
Aufbau Digital, 2011
Kindle Edition

Jean de Siroac und Jean de Sauveterre, zwei Veteranen der französisch-habsburgischen Kriege, sind einander in brüderlicher Liebe zugetan. Sie bleiben nach der Entlassung aus der normannischen Legion zusammen und teilen alles, was sie besitzen. Drei treue Soldaten aus ihrer Einheit bilden ihr Gefolge. Siroac wird wegen seiner Tapferkeit zum Ritter geschlagen, später wird er für seine Verdienste bei der Rückeroberung von Calais zum Baron ernannt. Sauveterre verlässt den Militärdienst als Hauptmann. Im Jahre 1545 erwerben die beiden Freunde die im Périgord in der Nähe der Stadt Sarlat gelegene Burg Mespech. Damit ziehen sie sich die Feindschaft eines verbrecherischen Nachbarn zu, der sich Mespech und die dazu gehörenden Ländereien gern selbst unter den Nagel gerissen hätte. Siroac und Sauveterre sind Anhänger der Lehren Calvins, halten dies aber zunächst geheim. Siroac heiratet die junge Adlige Isabelle de Caumont. Sie ist und bleibt Katholikin, was in den folgenden Jahren immer wieder zu heftigen Streitereien führt.

Im Jahre 1551 kommen Siroacs Söhne Pierre und Samson zur Welt. Sie sind Halbbrüder, denn Siroac ist im Gegensatz zu Sauveterre ein sinnenfroher Mensch und nimmt es mit der ehelichen Treue nicht so genau. Die beiden Jungen, obwohl charakterlich grundverschieden, werden unzertrennlich. Durch Sparsamkeit, geschickte Einkäufe und Bündnisse wird die Baronie weiter vergrößert. Als die grausamen Glaubenskriege zwischen Katholiken und Hugenotten ausbrechen, müssen Siroac und Sauveterre Position beziehen. Sie zwingen alle Burgbewohner, zum neuen Glauben überzutreten. Nur Isabelle bleibt standhaft. Sie stirbt nach einer Fehlgeburt, als Pierre fünfzehn Jahre alt ist. Auf dem Sterbebett schenkt sie ihm ein Marien-Medaillon, das er wie von ihr gewünscht immer trägt. Er ahnt nicht, dass diese unschuldige Tat eines Tages zum Zerwürfnis mit seinem Vater führen wird...

Zweite Urlaubslektüre im Sommer 2013.

"Fortune de France" bildet den Auftakt des gleichnamigen Romanzyklus über die Geschichte Frankreichs während der Religionskriege des 16. Jahrhunderts im Allgemeinen und das Schicksal der Familie Siroac im Besonderen. Der Zyklus ist unvollendet; Merle ist während der Arbeit an Band 13 gestorben. Hauptfigur und Ich-Erzähler der ersten Romane ist Pierre de Siroac. Im ersten Band der Reihe berichtet Pierre von der Herkunft seiner Familie und vom Aufbau der Baronie von Mespech. Mit viel Einfühlungsvermögen und Liebe zum Detail werden die Haupt- und Nebenfiguren vorgestellt. Die Beziehungs- und Machtkonstellationen werden ausgearbeitet, zeitgeschichtliche Ereignisse werden eingebunden - meist in Form erklärender Kapitel, also nicht als Bestandteil der Handlung selbst. Dabei spiegeln die familiären Verhältnisse stets die Situation im Land wider. So will das Gesinde nicht auf die naive Marien- und Heiligenverehrung verzichten - nicht zuletzt deshalb, weil damit gleichzeitig einige Dutzend Feiertage abgeschafft werden. Die Eheleute Siroac sind glühende Verfechter ihrer jeweiligen Religion und machen sich damit das Leben unnötig schwer. Die Kinder, insbesondere Pierre, stehen hilflos zwischen den Fronten.

Das Leben in Mespech steht immer im Mittelpunkt. Die Burg und ihre Bewohner, ihre Lebensweise und ihr Lebensgefühl werden so eindrucksvoll geschildert, dass man sich alles bildlich vorstellen kann und Anteil am Schicksal der Protagonisten nimmt. Es macht wirklich Spaß, der Baronie beim Wachsen und Gedeihen "zuzusehen". Merles geistreiche, humorvolle Erzählweise, die Pierres Charakter entspricht, trägt hierzu nicht unerheblich bei. Für Spannung ist gesorgt, denn der missgünstige Nachbar gibt keine Ruhe, die Burg wird von einer Räuberbande belagert und schließlich bricht in Frankreich die Pest aus. Da Siroac eine medizinische Ausbildung genossen hat und stets auf Sauberkeit auch beim Gesinde achtet, übersteht Mespech die Seuche unbeschadet. Der Gegensatz zwischen Siroacs vergleichsweise fortschrittlichen Ansichten und den an Aberglauben grenzenden ärztlichen Lehrmeinungen verleiht diesen Episoden eine besondere Note. So lernt man auf unterhaltsame Weise mehr über diese geschichtliche Epoche, als einem im trockenen Geschichtsunterricht je beigebracht wurde. Das gilt jedenfalls für mich. (17.07.2013)


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576
Fever Douglas Preston / Lincoln Child: Fever - Schatten der Vergangenheit
Knaur, 2012
511 Seiten

FBI-Agent Pendergast verliert seine über alles geliebte Frau Helen bei einem Jagdunfall in Sambia. Sie wird vor seinen Augen von einem menschenfressenden Löwen zerfleischt. Helen wollte das riesige Tier erlegen, nachdem es über Pendergast hergefallen war, hat jedoch vorbeigeschossen. Zwölf Jahre später stellt Pendergast durch Zufall fest, dass es sich keineswegs um einen Unfall gehandelt hat, sondern um Mord: Helens Gewehr war mit Platzpatronen geladen. Pendergast setzt alles daran, den oder die Verantwortlichen zu finden, obwohl die Spur längst kalt ist. Er arbeitet ohne offiziellen Auftrag und zieht seinen Freund, den Polizeileutnant Vincent D'Agosta, mit in die Sache hinein. Laura Hayward, Vincents Lebensgefährtin, ist hierüber alles andere als erfreut, zumal schnell klar wird, dass Pendergasts Vorgehensweise jegliche professionelle Distanz vermissen lässt.

Pendergast muss erkennen, dass Helen Geheimnisse vor ihm hatte, und dass ihr erstes Zusammentreffen möglicherweise kein Zufall war. Ihr Bruder Judson Esterhazy scheint mehr zu wissen, gibt sich aber zugeknöpft. Fest steht, dass Helen ein großes Interesse am Werk des im Jahre 1851 gestorbenen Malers und Naturforschers John James Audubon hatte, insbesondere an einem verschollenen Bild, von dem nur der Name "das Schwarzgerahmte" bekannt ist, nicht aber das dargestellte Motiv. Audubons künstlerisches Genie hatte sich erst nach einer schweren Krankheit gezeigt, und einige Zeit später war er in geistige Umnachtung versunken. Als Pendergast und D'Agosta auf einen ähnlichen Fall mit Ausbruch genialer Kreativität und anschließendem Absturz in mörderischen Wahnsinn stoßen, den Helen kurz vor ihrem Tod untersucht hatte, fügen sich die Puzzleteile allmählich zusammen. Doch es gibt jemanden, der alles aus dem Hintergrund beobachtet und sich anschickt, die beiden lästigen Schnüffler zu beseitigen.

Zur selben Zeit reist Pendergasts Mündel Constance Greene per Schiff in die USA. Sie hat auf unbekannte Weise davon erfahren, dass eine tödliche Gefahr auf Pendergast zukommt, und will ihm beistehen. Sie wird jedoch festgenommen, denn sie soll ihr Kind über Bord geworfen haben, weil es, wie sie selbst sagt, die Verkörperung des Bösen ist...

Erste Urlaubslektüre im Sommer 2013.

Endlich wieder ein solider, geradliniger Thriller mit dem exzentrischen FBI-Agenten Pendergast, ganz ohne Mystizismus und (vermeintliche) übernatürliche Elemente! Tatsächlich halte ich "Fever" für den besten Pendergast-Roman seit langer Zeit. Das Buch bildet den Auftakt zu einer neuen Trilogie, und wie immer schadet es nicht, die vorherigen Romane zu kennen. Man kann die Story aber durchaus auch so verstehen. Schließlich geht es diesmal um einen Aspekt aus Pendergasts Vergangenheit, der bisher noch keine Rolle gespielt hat, nämlich seine Ehe und Helens Tod. Der wird gleich zu Beginn des Romans sehr drastisch geschildert, und das hat gute Gründe - aber mehr dazu in meinem Kommentar zum zweiten Roman der Trilogie, der in Bälde folgt. Ich fand "Fever" so spannend, dass ich mir die Fortsetzung gleich noch im Urlaub zugelegt habe!

Leider ist ausgerechnet die Ausgangssituation, d.h. der allzu umständlich konstruierte Mord an Helen, viel zu weit hergeholt. Einen "Unfall" hätte man auch weit unkomplizierter inszenieren können. Trotzdem wurde ich von der ersten Seite an gefesselt. Immer wieder ergeben sich neue Aspekte, stets ist Pendergasts großer Gegenspieler (dessen Identität vielleicht etwas zu früh enthüllt wird) dem FBI-Agenten um eine Nasenlänge voraus, und wieder mal geht es einer Hauptfigur an den Kragen. Ohne zu viel zu verraten, kann ich sagen, dass D'Agosta nach diesem Abenteuer nicht mehr ganz derselbe Mensch ist wie vorher. Pendergast ermittelt noch unkonventioneller als sonst und diesmal vor allem absolut rücksichtslos. Ist ja auch klar, denn die Sache trifft ihn im tiefsten Inneren, und er nimmt sie persönlich. Pendergast zeigt zwar nicht zum ersten Mal Gefühle, aber nie zuvor war er so verletzlich und stinkwütend! Es geht ihm um Rache, und um sein Ziel zu erreichen, schreckt er vor illegalen Aktionen nicht zurück. Angesichts des Schicksalsschlages, den er erlitten hat, wirkt das nicht unglaubwürdig, aber inzwischen frage ich mich, warum der gute Mann nicht schon längst von seinen Vorgesetzten zurückgepfiffen worden ist.

Aber egal; somit ist neben dem unverzichtbaren finsteren Geheimnis auch für zünftige Action gesorgt. Nachdem D'Agosta... ähm... ausgefallen ist, nimmt Laura Hayward wider Willen seinen Platz an Pendergasts Seite ein. Allerdings trägt sie nicht entscheidend zur Aufklärung des Falles bei. Und er wird ja auch nicht wirklich aufgeklärt. Man erfährt zwar, wer Helens Gewehr mit Platzpatronen geladen hat, von wem dies eingefädelt wurde und was hinter der Audubon-Story steckt, aber das ist längst nicht alles! Nur die Sache mit Constance und ihrem Kind bleibt völlig ungeklärt. Diese Nebenhandlung scheint keinerlei Beziehung zur eigentlichen Geschichte zu haben. (15.07.2013)


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575
Old Surehand II Karl May: Old Surehand II
Kindle Edition

Old Shatterhand quartiert sich in Jefferson-City bei Mutter Thick ein. Bevor er sich im Bankhaus Wallace nach dem Verbleib Old Surehands erkundigt, lauscht er in Mutter Thicks Schankraum einigen teils wahren, teils übertriebenen Geschichten. Eine Gruppe von Rowdies, angeführt von Toby Spencer, unterbricht das gemütliche Beisammensein. Die Burschen geraten aber an den Falschen. Nachdem Old Shatterhand erfahren hat, dass die zwielichtigen Gestalten mit dem Quasi-General Douglas nach Colorado reiten wollen, um die dortigen Goldsucher zu berauben, macht er Spencer und dessen Spießgesellen vorerst unschädlich. Später begegnet Old Shatterhand den "verkehrten Toasts". So werden die Westmänner Dick Hammerdull und Pitt Holbers genannt, weil sie immer Rücken an Rücken kämpfen. Es stellt sich heraus, dass die beiden von Douglas bestohlen wurden. Da auch Old Surehand auf der Suche nach Dan Etters nach Colorado reisen wollte, ist Old Shatterhand gern bereit, den verkehrten Toasts beizustehen. Der Detektiv Treskow, der Douglas schon lange verfolgt, schließt sich ihnen an. Winnetou stößt später dazu.

Das ist schon fast der gesamte Inhalt des eigentlichen Romans. Der größte Teil des Texts besteht nämlich aus den Erzählungen, die bei Mutter Thick zum Besten gegeben werden. In manchen spielen Old Shatterhand oder sein Blutsbruder Winnetou wichtige Rollen, es gibt aber keine Zusammenhänge mit den anderen beiden Romanen der Surehand-Trilogie – abgesehen davon, dass die verkehrten Toasts und Treskow ebenfalls in den Geschichten vorkommen. Nur die Rahmenhandlung ist für die Surehand-Trilogie von Bedeutung.

Old Shatterhand hört aufmerksam zu und erfährt die Lebensgeschichte Tim Kroners, der auch "Colorado-Mann" genannt wird und mit Abraham Lincoln (!) den Verbrecher Kanada-Bill gejagt hat. Das Schicksal des besagten Schurken ist Gegenstand einer weiteren Erzählung. Old Shatterhand persönlich vereitelt darin einen Coup Kanada-Bills und versetzt dem Bösewicht einen Faustschlag, an dem der Gauner einige Zeit später zugrunde geht. Eine Geschichte handelt von einem verborgenen Schatz, der schon mehrere Menschen ins Verderben geführt hat. Ein Schatz von weit größeren Ausmaßen sorgt in einer anderen Erzählung für viel Blutvergießen. Anton Helmers, genannt Itinti-ka (der Donnerpfeil) und sein Freund, der Apatsche Bärenherz geraten mit dem Grafen Alfonso de Rodriganda aneinander, der die sagenhaften Reichtümer der Mizteca-Indianer in seinen Besitz bringen will. Und schließlich wird sogar noch etwas Seemannsgarn gesponnen. Ein Piratenkapitän, der sich einige Zeit im wilden Westen aufgehalten hat, will sein Schiff zurückgewinnen. Er hat aber die Rechnung nicht mit dem Steuermann Peter Polter, dem Apatschenhäuptling Winnetou und einer Rivalin gemacht, die als "Miss Admiral" berühmt und berüchtigt ist.

All diese kleinen Episoden können durchaus unterhalten, aber ich finde, man merkt ihnen an, dass sie älteren Datums sind. Die "Guten" scheuen nicht davor zurück, ihre Gegner grausam zu töten und es wird skalpiert, was das Zeug hält! (25.06.2013)


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574
Die Saat Guillermo del Toro / Chuck Hogan: Die Saat
Heyne, 2010
524 Seiten

Vampire existieren schon seit Urzeiten. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts leben noch sieben so genannte "Meister"; unfassbar mächtige Unsterbliche, deren Alter sich nach Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden bemisst. Drei von ihnen sind nach der Entdeckung der Neuen Welt in die heutigen USA übergesiedelt, drei sind in Europa geblieben. Zwischen den beiden Gruppen herrscht Waffenruhe. Man ist übereingekommen, das jeweils andere Jagdrevier nicht zu betreten. Der siebte Meister, ein dämonisches Wesen im riesenwüchsigen Körper des ehemaligen polnischen Adligen Jusef Sardu, ist jedoch ein Renegat. Er interessiert sich nicht für den alten Pakt und fürchtet die Macht der anderen Meister nicht. Mit Hilfe des todkranken Milliardärs Eldritch Palmer, der sich von ihm das ewige Leben erhofft, überquert Sardu den Atlantik und schickt sich an, die USA mit der Seuche des Vampirismus zu überziehen.

Auf dem New Yorker JFK-Flughafen reagiert eine Boeing 777 nach der reibungslosen Landung plötzlich nicht mehr auf Funksprüche. Alle Bordsysteme sind deaktiviert. Die Maschine bleibt auf dem Rollfeld stehen. Die Türen scheinen von innen versperrt zu sein, öffnen sich dann aber von selbst. Die Crew und sämtliche Passagiere sind tot. Verletzungen sind ebenso wenig erkennbar wie Anzeichen für eine Panik. Dr. Ephraim Goodweather von der staatlichen Seuchenschutzbehörde und seine Kollegin Nora Martinez werden hinzugezogen. Sie können zwar ebenfalls keine Todesursache feststellen, finden aber vier Überlebende. Diese machen in kürzester Zeit eine erschreckende körperliche Metamorphose durch. Dann verschwinden alle Todesopfer aus den Leichenschauhäusern.

Professor Abraham Setrakian, Holocaust-Überlebender und Besitzer eines Pfandhauses in New York, verfolgt die Fernsehberichte über diesen Vorfall mit besonderem Interesse. Er weiß genau, womit er es zu tun hat, denn er ist Sardu bereits im Konzentrationslager Treblinka begegnet. In den seither vergangenen Jahrzehnten hat er sich auf das vorbereitet, was jetzt folgt: Den letzten Kampf der Menschheit gegen die Vampire.

Und wieder mal droht die Welt von lebenden Toten überrannt zu werden. Aber nicht von Zombies, sondern von Vampiren. Hier ist der Vampirismus eine Viruserkrankung. Die Viren werden anscheinend direkt oder durch "Blutwürmer" übertragen, die sich im Körper des Opfers einnisten. Nach der Infektion beginnen die Viren mit dem Umbau des Wirtskörpers. Tumorartige Gebilde verdrängen allmählich die ursprünglichen Organe, bis der Vampirkörper nur noch die grobe äußere Form mit normalen Menschen gemein hat. Rachen und Luftröhre werden in eine Art Tentakel mit einem Stachel an der Spitze umgeformt. Das Ding kann blitzartig ausgestülpt werden und dient dem Aussaugen neuer Opfer, die sich innerhalb weniger Stunden ebenfalls in Vampire verwandeln. Der Vampir ist also so etwas wie ein wandelnder Virus, eine nur von der Gier nach Blut getriebene tierische Kreatur ohne menschliche Regungen. Kreuze und Weihwasser sind wirkungslos, aber mit Sonnenlicht und Waffen aus Silber kann man Vampire vernichten.

Die Vermischung traditioneller Mythen mit wissenschaftlichen Erklärungen für den Vampirismus ist fast schon die einzige Besonderheit dieses Romans. Ansonsten wird das übliche Weltuntergangsszenario geboten. Nur eine etwas zu klischeehafte Gruppe aufrechter Kämpfer kennt die Wahrheit (Goodweather und Martinez arbeiten mit der van Helsing - Kopie Setrakian zusammen, gegen Ende stößt der Kammerjäger Vasiliy Fet hinzu), und natürlich glaubt man ihnen nicht, bis es zu spät ist. Für zusätzlichen Reiz sorgen Rückblicke in Setrakians Vergangenheit, die Machenschaften Palmers, und die Existenz der anderen Meister. Die wollen Sardus Alleingang nicht hinnehmen. Da bahnt sich ein ganz besonderer Konflikt an, der aber erst in den Folgebänden "Das Blut" und "Die Nacht" thematisiert wird.

Im ersten Roman der Trilogie geht es um die Vorstellung der Hauptpersonen und die Etablierung des Bedrohungsszenarios. Es dauert ziemlich lange, bis es so richtig losgeht. Zunächst muss man unter anderem Ephs Familienprobleme über sich ergehen lassen. Der Leser weiß viel früher Bescheid als die offenbar mit Blindheit geschlagenen Protagonisten, und das macht die Sache nicht besser. Der Kampf gegen die Vampirbrut, genauer gesagt das dabei eingesetzte Waffenarsenal, erinnert dann frappierend an den Film Blade 2. Ist ja auch kein Wunder, denn da hat Guillermo del Toro Regie geführt. Spannend ist das Ganze durchaus, teilweise aber sehr dick aufgetragen. Mit unappetitlichen Details wird nicht gegeizt, aber dagegen habe ich nichts einzuwenden. Von klassischer Vampir-Romantik findet sich in diesem Roman (zum Glück) keine Spur. (17.06.2013)


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573
Auf dem Zeitstrom Philip Jose Farmer: Auf dem Zeitstrom
Piper, 2008
291 Seiten

Alle Menschen, die jemals existiert haben, wurden an den Ufern eines endlosen Flusses auf einem fremden Planeten wiederbelebt. Krankheiten und sonstige Gebrechen sind auf der Flusswelt unbekannt. Wer getötet wird, erwacht 24 Stunden später an einem anderen Ort in einem neuen, völlig unversehrten Körper. Die Bevölkerungszahl von gut 35 Milliarden Menschen bleibt stets identisch, denn alle Bewohner der Flusswelt sind unfruchtbar. Durch die "Grale" - zylindrische Behälter, die mehrmals täglich an den "Gralsteinen" gefüllt werden - wird die Versorgung mit Nahrungs- und Genussmitteln sichergestellt. Metalle und andere Rohstoffe sowie Tiere und essbare Pflanzen sind rar. Die Menschen sind somit fast in jeder Hinsicht auf das angewiesen, was ihnen die Grale liefern. Entlang des Flusses, dessen Tal durch unüberwindliche Berge begrenzt ist, entwickeln sich die verschiedensten Gemeinschaften und Staatsformen. Niemand weiß, von wem all dies veranlasst wurde und welchen Sinn es hat. Gerüchten zufolge soll es am Nordpol der Flusswelt einen Turm geben, in dem die Unbekannten residieren, denen die Menschheit die Auferstehung zu verdanken hat.

Samuel Langhorne Clemens, in seinem ersten Leben besser bekannt als Mark Twain, träumt davon, den Polturm mit einem Flussdampfer zu erreichen. Joe Miller, ein riesenhafter Titanthrop aus der Frühzeit der menschlichen Evolution, ist Sams treuer Freund und Begleiter. Eines Tages stürzt ein großer Meteorit in den Fluss und verursacht eine gewaltige Flutwelle, die weite Teile des Tales vernichtet. In der Nacht wird Sam von einem schattenhaften Fremden aufgesucht, der ihn in die Hintergründe einweiht. Der Unbekannte ist ein Renegat in den Reihen der Ethiker, die für die Wiedererweckung der Menschheit verantwortlich sind. Er selbst hat den Meteoriten zur Flusswelt gelenkt, denn der Himmelskörper enthält große Mengen von Eisen. Sam macht sich auf den Weg nach Norden und sichert den Meteoriten mit Hilfe seiner Freunde, zu denen auch der ehemalige deutsche Jagdflieger Lothar von Richthofen gehört. Die benachbarten Staaten sind natürlich sehr an den wertvollen Rohstoffen interessiert. Sam ist deshalb gezwungen, ein gefährliches Bündnis mit John Lackland (Johann Ohneland) einzugehen, einem gewissenlosen Monarchen aus der Zeit der Kreuzzüge.

Mit Hilfe einiger Ingenieure aus dem zwanzigsten Jahrhundert, denen es gelingt, die Energie der Gralsteine anzuzapfen, entsteht rund um den Meteoriten eine riesige Baustelle. Längst verloren geglaubte Technologien werden quasi neu entdeckt und allmählich nähert sich Sams Schiff, das den Namen "Nicht vermietbar" tragen soll, der Vollendung. Doch die Machtgier des intriganten John nimmt immer groteskere Züge an, und um das dringend benötigte Holz zu erhalten, muss Sam die Nachbarstaaten mit fortschrittlichen Waffen beliefern - Waffen, die schließlich gegen ihn eingesetzt werden...

Der zweite von fünf Romanen des "Flusswelt"-Zyklus ist zwar in sich geschlossener als der etwas zerfasert wirkende erste Band, hat aber ein offenes Ende. Der Leser muss sich außerdem an ein völlig neues Figuren-Ensemble gewöhnen. Richard Francis Burton und dessen Gefährten, die Hauptpersonen aus dem ersten Band, werden nur mal am Rande erwähnt. Ihre Erkenntnisse und Theorien haben sich entlang des Flusses verbreitet, im zweiten Band sind seitdem ca. zwanzig Jahre vergangen. Aber die neuen Figuren sind mindestens ebenso schillernd und sympathisch wie die Helden des ersten Romans. Farmer benutzt nicht nur bekannte Namen, sondern versucht die Figuren so handeln zu lassen, wie man es angesichts ihrer irdischen Vorgeschichte erwarten kann. Sam Clemens vertritt zum Beispiel immer noch die Ansichten, für die er zu Lebzeiten bekannt war. Joe Miller, ein drei Meter großer, ungemein starker, aber feinfühliger und zu allem Überfluss lispelnder Urmensch, ist ein ziemlich ungewöhnlicher und äußerst liebenswerter Sidekick. Wichtigster Gegenspieler ist Johann Ohneland, für Sam Clemens die Schlechtigkeit in Person.

Die Ausganssituation wird als bekannt vorausgesetzt. Die Flusswelt beginnt sich aber zu verändern. Einige neue Staaten werden vorgestellt, Flusswelt-Politik nimmt breiten Raum ein. Der Ethiker-Renegat tritt erneut in Erscheinung, gibt aber keine neuen Informationen preis. Im Vordergrund steht der vom Renegaten geförderte Einzug der Technik. Ohne die von ihm bereitgestellten Rohstoffe wären die Menschen auf einer relativ primitiven Entwicklungsstufe stecken geblieben. Am Ende des Romans haben sie (was vielleicht etwas zu schnell geht) Elektromotoren, Schusswaffen, Flugzeuge und natürlich die mächtige "Nicht vermietbar" hergestellt. Das kann eigentlich nicht im Sinne der Ethiker sein, so dass ich mich frage, warum sie nicht eingreifen. Schließlich haben sie die vom Meteoriten angerichteten massiven Schäden über Nacht beseitigt. Da dürfte es ihnen ein Leichtes sein, die große Baustelle einfach verschwinden zu lassen. (10.06.2013)


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572
Tagebuch der Apokalypse 2 J.L. Bourne: Tagebuch der Apokalypse 2
Heyne, 2012
448 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Tagebuch der Apokalypse.

Der ehemalige Marinepilot und seine Gefährten haben sich in einem verlassenen Atomraketenbunker ("Hotel 23") verschanzt. Bisher konnten sie alle Angriffe von Untoten und menschlichen Plünderern abwehren. Tara und der Marinepilot werden ein Paar. Bei Erkundungstouren retten er und John weitere Überlebende, darunter eine Gruppe von US-Marines, deren Panzerfahrzeug stecken geblieben ist und von unzähligen Zombies belagert wird. Man versucht zwar, den Standort des Bunkers zu verheimlichen, aber nachdem die Soldaten zu ihrem Stützpunkt zurückgekehrt sind, bleibt Hotel 23 nicht lange unentdeckt. Die militärischen Strukturen existieren noch, und so wird die Übergabe der Einrichtung gefordert, denn die Soldaten nehmen an, der Bunker sei von Zivilisten besetzt. Der Marinepilot kann die angespannte Situation in einen Vorteil für seine eigene Gruppe verwandeln, denn er ist der ranghöchste Offizier vor Ort und übernimmt das Kommando. Nach und nach werden alle Soldaten und Überlebenden vom Militärstützpunkt nach Hotel 23 verlegt.

Der Marinepilot absolviert weitere Missionen, unter anderem auf Befehl des auf einem Flugzeugträger residierenden Oberkommandos. Von dort wird ihm ein Hubschrauber zur Verfügung gestellt. Die unzureichend gewartete Maschine stürzt bei einem Erkundungsflug hunderte Meilen von Hotel 23 entfernt ab. Nur der Marinepilot überlebt. Nachdem er sich von einer leichten Verletzung erholt hat, macht er sich auf den Rückweg. Er erhält unerwartete Hilfe von einer Organisation namens "Remote Six", die über experimentelle Waffentechnik verfügt und genau über die Aktivitäten des Militärs informiert ist. Der Kontakt wird ausschließlich über Funk und durch abgeworfenes Material hergestellt. Allerdings stellt sich die Unterstützung durch Remote Six als zweischneidiges Schwert heraus, denn die Organisation stellt Forderungen an den Marinepiloten, die dieser nicht erfüllen will...

J.L. Bourne bringt das Kunststück fertig, dem nicht mehr ganz taufrischen Zombie-Revival in Film und Literatur noch einmal neue Aspekte abzugewinnen. Das liegt wie schon im ersten Band zum Teil am sachlichen Tagebuchstil. Der immer noch namenlose Ich-Erzähler beschreibt seine Erlebnisse meistens sehr nüchtern. Das Grauen wird oft nur angedeutet oder durch sarkastische Formulierungen relativiert. Das ist eben die Art des Erzählers, mit dem täglichen Irrsinn fertig zu werden. Ähnlich "leidenschaftslos" schildert er seine Beziehung zu Tara (die junge Frau, die im ersten Band aus einem von Zombies umzingelten Auto gerettet wurde), allerdings lässt er hier doch ab und zu mal seine Gefühle einfließen. Anders als in vielen anderen Zombie-Endzeit-Romanen ist die Welt zumindest noch teilweise intakt und es könnte sein, dass Hotel 23 sowie die auf Flugzeugträgern und anderswo übrig gebliebenen Reste der US-Streitkräfte zur Keimzelle einer neuen Zivilisation werden. Eine Besonderheit stellen auch die radioaktiv verseuchten Zombies dar. Sie sind schneller, "haltbarer" und womöglich intelligenter als normale Untote - und es gibt seit der Bombardierung zahlreicher Großstädte Millionen davon...

Als der namenlose Held - der übrigens Mitglied der National Rifle Association ist; ein Schelm, wer Böses dabei denkt - mit dem Hubschrauber abstürzt, sieht es zuerst so aus, als mache die Handlung einen Schritt zurück. Wie zu Beginn von Band 1 ist der Erzähler wieder auf sich allein gestellt. Doch dann kommt ein weiteres neues Element hinzu, das erst einmal sehr geheimnisvoll bleibt: Remote Six. Wer mag diese Gruppe sein, die anscheinend nicht gut auf das US-Militär zu sprechen ist? Tja, und dann der Schluss. Der Roman endet damit, dass der namenlose Held den Auftrag erhält, nach dem Ursprung der Zombie-Seuche zu suchen. Es folgen noch einige Seiten, die nicht zum Tagebuch gehören. Sie enthalten nachrichtendienstliche Informationen über den Ausbruch der Pandemie in China, und durch diese Informationen wird der Roman eindeutig ins Genre der Science Fiction gerückt! Nicht zuletzt deshalb bin ich schon sehr gespannt auf den dritten Band. (04.06.2013)


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571
Old Surehand I Karl May: Old Surehand I
Kindle Edition

Old Shatterhand erhält eine Nachricht Winnetous, in der von einem bevorstehenden Raubzug der Komantschen gegen einen Freund Winnetous und Old Shatterhands namens Bloody-Fox die Rede ist. Der junge Komantschenhäuptling Schiba-bigk kennt dessen Versteck, eine Oase in der Llano estacado - Wüste, denn er war einst mit Bloody-Fox befreundet. Doch jetzt wurde das Kriegsbeil ausgegraben. Schiba-bigk beabsichtigt, zwei von den Häuptlingen Nale-Masiuv und Vupa-Umugi angeführte Kampfgruppen zur Oase zu führen. Gleichzeitig wollen die Komantschen einen Soldatentrupp im Llano estacado ins Verderben locken. Winnetou ist bereits unterwegs, um Bloody-Fox und den Soldaten mit seinen Apatschen beizustehen. Old Shatterhand folgt ihm und gewinnt unterwegs die Unterstützung einiger Westmänner, zu denen Fred Cutter alias Old Wabble gehört, der "König der Cowboys". Cutter war mit dem berühmten Jäger Old Surehand unterwegs, doch der ist den Komantschen in die Hände gefallen. Auch Bob, der Diener des Bloody-Fox, ist ein Gefangener der Komantschen.

Old Shatterhand befreit Old Surehand und Bob. Cutter besteht darauf, mittun zu dürfen, bringt sich und die anderen aufgrund seiner leichtsinnigen Alleingänge aber jedes Mal in Gefahr. Bei den Befreiungsaktionen erbeutet Old Shatterhand die Medizinen der Indianer, was sich bei den späteren Verhandlungen als sehr nützlich erweist. Außerdem begegnet er Tibo-wete-elen, der geistig verwirrten Frau eines Medizinmannes der Komantschen. Sie fragt ihn, ob er ihren "Wawa (= Bruder) Derrick" gekannt habe. Außerdem erwähnt sie einen Tibo-taka und ihren Myrtle-wreath (Myrtenkranz). Mit all diesen Begriffen kann Old Shatterhand noch nichts anfangen. In der Oase des Bloody-Fox kommt es zum Wiedersehen mit Winnetou. Jetzt sollen die Pläne der feindlichen Indianerstämme vereitelt werden. Dabei erweist sich Old Surehand als wertvoller Gefährte, aber es kommt zum Zerwürfnis mit Cutter. Old Surehand begegnet Apanatschka, einem Komantschen, der ihm nach Old Shatterhands Ansicht erstaunlich ähnelt...

"Old Surehand" ist vielleicht noch typischer für die Wildwestromane Karl Mays als Winnetou. Es ist wirklich alles drin: Man schleicht sich an und belauscht die bösen Komantschen, befreit Gefangene, steht der Kavallerie bei, überlistet die Gegner, duelliert sich Mann gegen Mann. Die Freundschaft zwischen Old Shatterhand und Winnetou spielt natürlich eine große Rolle, aber es werden auch unverwechselbare neue Figuren vorgestellt. Zum Beispiel der eigensinnige alte Indianerhasser Old Wabble, der stets auf eigene Faust handelt und sich immer überschätzt. Er verspottet Old Shatterhands Glauben und will sich nicht bekehren lassen. Großer Fehler! So kommt es, wie es kommen muss; die Freundschaft zerbricht. Old Wabble schließt sich dem zwielichtigen Quasi-General Douglas an. Dann natürlich der titelgebende Old Surehand, um dessen Person ein großes Geheimnis gemacht wird. In welcher Beziehung mögen Dan Etters, den er am Ende des Romans verfolgt, sowie Apanatschka und Tibo-wete-elen zu ihm stehen? Bloody-Fox, der an sich kaum etwas zur Story beiträgt, ist ebenfalls eine faszinierende Persönlichkeit. Seine Hintergrundgeschichte und sein Rachefeldzug als "Geist des Llano estacado" gegen die als "Geier" bekannten Räuberbanden - unvergesslich.

Im ersten Kapitel werden Geschichten am Lagerfeuer erzählt, die nichts mit der restlichen Story zu tun haben. Eine davon hat sich mir bei der ersten Lektüre vor Jahrzehnten womöglich noch mehr eingeprägt als der Roman selbst. Darin geht es um zwei Dachdecker, Vater und Sohn. Der Vater stößt den Sohn bei der Arbeit auf einem hohen Kirchturm in die Tiefe. Man stellt ihn als Mörder vor Gericht. Es stellt sich heraus, dass der Mann nicht anders handeln konnte, weil er sonst von seinem Sohn, den der Schwindel gepackt hatte, mit ins Verderben gerissen worden wäre. Irgendwie hat mich das damals so beeindruckt, dass ich noch lange danach davon geträumt habe... (30.05.2013)


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570
Die Triffids John Wyndham: Die Triffids
Heyne, 2012
300 Seiten

Die Triffids sind künstlich gezüchtete Pflanzen, aus denen ein besonders hochwertiges Öl gewonnen werden kann. Sie wurden in Russland entwickelt und haben sich infolge eines schiefgegangenen Falles von Industriespionage über die ganze Welt verbreitet. Die Triffids haben einen Giftstachel, der an einem peitschenartigen Tentakel sitzt, und können sich auf ihren Wurzeln fortbewegen. Sie können untereinander kommunizieren und sind lernfähig. Das Gift der Triffids ist für Menschen tödlich. Man kann sich ihnen nur mit spezieller Sicherheitskleidung nähern. Die wertvollen Pflanzen werden deshalb in besonders gesicherten Plantagen gehalten, der nur langsam nachwachsende Stachel wird regelmäßig gestutzt. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahme entgeht der englische Biochemiker Bill Masen nur knapp einem Angriff der von ihm betreuten Triffids. Sein Gesicht wird von Giftspritzern getroffen. Er muss einige Zeit mit verbundenen Augen in einem Krankenhaus in London verbringen. Deshalb entgeht ihm ein Schauspiel, das von fast allen Menschen weltweit beobachtet wird: Eines Nachts geht ein besonders starker Meteoritenschauer über der Erde nieder, wodurch spektakuläre grüne Lichtblitze verursacht werden.

Am nächsten Morgen haben alle Menschen, die das Meteoritenlicht gesehen haben, ihr Augenlicht verloren. Als Bill die Augenbinde entfernt, ist er einer der letzten Sehenden in einer Welt der Blinden. Bereits Stunden später versinkt die ganze Stadt im Chaos. Die öffentliche Ordnung bricht zusammen und es kommt keine Hilfe. Bill rettet die junge Autorin Josella Playton vor einem Blinden, der sie versklaven wollte. Die beiden begegnen anderen Sehenden, die bereits dabei sind, eine isolierte Gemeinschaft mit neuen, an die dramatisch veränderten Lebensumstände angepassten Regeln aufzubauen. Bill und Josella verlieben sich ineinander und wollen London verlassen, werden aber getrennt, als die Gemeinschaft von einer anderen Gruppe angegriffen wird. Deren Oberhaupt, ein Mann namens Coker, ist der Überzeugung, dass die Sehenden verpflichtet sind, die Blinden so gut wie möglich zu versorgen. Bill wird zur Mithilfe gezwungen. Die Situation wird jedoch trotz gut gefüllter Läden und Vorratslager unhaltbar, denn eine tödliche Seuche breitet sich aus, so dass sich die Stadt in ein Massengrab verwandelt. Zudem dringen die Triffids, nun von niemandem mehr bewacht, auf der Jagd nach den hilflosen Blinden unaufhaltsam weiter vor...

Dieser 1951 erstmals erschienene Roman wirkt erstaunlich zeitlos. Abgesehen von einzelnen Stellen, an denen von veralteten Gerätschaften die Rede ist, könnte es sich um eine aktuelle Endzeit-Geschichte handeln. Mit dem Unterschied allerdings, dass die Bedrohung nicht von den heute so beliebten lebenden Toten ausgeht. Zombies kommen hier nicht vor, stattdessen Fleisch fressende Pflanzen, die ihre Opfer mit dem Giftstachel töten und dann neben den Leichen abwarten, bis diese soweit verwest sind, dass sie problemlos verzehrt werden können. Entscheidend für den Zusammenbruch der Zivilisation ist nicht die Invasion der Triffids, sondern die vom Meteoritenlicht verursachte Blindheit. Die Triffids nutzen die neue Situation nur aus. Sie sind lediglich einer von vielen Faktoren für die Probleme der Überlebenden, die sich vor allem gegenseitig das Leben schwer machen. Bill Masen entwickelt am Ende die Theorie, dass es sich gar nicht um Meteoriten gehandelt habe, sondern um geheime Satellitenwaffen, durch die möglicherweise auch die tödliche Seuche ausgelöst worden ist. Eine geradezu visionäre Idee!

Wyndham zeigt einige denkbare Entwicklungen auf. In der Gruppe, der sich Bill und Josella ursprünglich anschließen wollten, müssen persönliche Interessen und moralische Erwägungen hintanstehen. Man lässt sich ausschließlich von der Logik leiten. Unter anderem sollen deshalb die Blinden sich selbst überlassen werden, da ihr Schicksal sowieso besiegelt ist. Coker sieht das anders. Er will Hilfe um jeden Preis leisten, wodurch er das Leiden der Betroffenen aber nur verlängert. Dann gibt es noch Menschen, die sich nicht anpassen können und an ihren überholten - in der neuen Situation sogar gefährlichen - Grundsätzen festhalten. Am Ende tritt eine Gruppe auf, die eine Art mittelalterliches Feudalsystem etablieren will. Bill und seine Freunde versuchen sich als Selbstversorger, müssen aber erkennen, dass sie es allein nicht schaffen können. Welcher Weg ist der richtige? Wyndham legt sich da nicht fest, der Leser muss sich seine eigenen Gedanken machen.

Masen bleibt als Ich-Erzähler eher sachlich (britische Zurückhaltung und Understatement, könnte man sagen), er deutet die Schrecken des Weltuntergangs meist nur an. Dennoch ist die Atmosphäre absolut überzeugend, die Geschichte von Anfang bis Ende packend. Interessant ist übrigens die Wandlung Josellas vom Society-Girl zur pragmatischen Überlebenskünstlerin - solche Frauenfiguren sind für SF der Fünfzigerjahre nicht unbedingt typisch. (21.05.2013)


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569
Die Klaue des Schlichters Gene Wolfe: Die Klaue des Schlichters
Heyne, 1984
333 Seiten

Severian ist unterwegs nach Thrax, um dort das vakante Amt des Scharfrichters zu übernehmen. Er wurde von Dorcas und den anderen Reisegefährten getrennt. Severian und sein neuer Freund Jonas machen Zwischenstation in der Stadt Saltus, denn dort gibt es Arbeit für den Folterer. Severian erhält einen angeblich von Thecla verfassten Brief, in dem er zu einem Treffen gebeten wird. Severian ist überglücklich und bricht sofort auf, um die tot geglaubte Chatelaine wiederzusehen. Der Weg zum Treffpunkt führt durch eine uralte unterirdische Stadt voller Schätze. Als Severian dort von degenerierten Menschen angegriffen wird, setzt er erstmals bewusst die Klaue des Schlichters ein, die seine damalige Gefährtin Agia in Nessus aus dem Tempel der Pelerinen entwendet hat. Die affenartigen Höhlenwesen haben Respekt vor der Klaue und stellen ihre Angriffe ein. Severian erkennt, dass das Artefakt Heilkräfte besitzt. Er setzt sich das Ziel, die Klaue zu den Pelerinen zurückzubringen.

Am Treffpunkt angekommen, erlebt Severian eine Enttäuschung. Thecla ist wirklich tot; der Brief wurde von Agia verfasst. Die Frau wollte Severian in einen Hinterhalt locken. Severian behält die Oberhand, verschont Agia jedoch. Wenig später überwinden Severian und Jonas einige Meuchelmörder, mit deren Reittier sie ein Versteck der von Vodalus angeführten Rebellen erreichen. Vodalus strebt die Wiederherstellung der alten Macht der Menschheit an und will den Autarchen stürzen. Er nimmt Severian in seine Organisation auf und gibt ihm den Auftrag, eine Botschaft zu einer Kontaktperson im Haus Absolut - der Residenz des Autarchen - zu bringen.

Zuvor nimmt Severian an einem grausigen Ritual teil. Er und alle Gefolgsleute Vodalus' nehmen eine bestimmte Droge ein und verzehren Theclas Leichnam, den Vodalus in seinen Besitz gebracht hat. Dadurch gehen die Erinnerungen der Frau, die er einst geliebt hat, auf Severian über. Da er über ein absolutes Gedächtnis verfügt, ist diese Vereinigung von dauerhafter Natur, und manchmal ergreift Theclas Bewusstsein Besitz von Severians Körper...

Dies ist der zweite Roman aus dem fünfbändigen Zyklus "Die Urth der Neuen Sonne". Seit den in Band 1 geschilderten Ereignissen scheint einige Zeit vergangen zu sein. Es wird nicht darauf eingegangen, wie Severian von der Schauspielertruppe des Dr. Talos getrennt wurde, wie Jonas zu seinem besten Freund geworden ist und warum beide jetzt in Saltus leben. Doch nicht nur wegen dieses Bruchs fällt es manchmal schwer, der mäandrierenden Geschichte zu folgen. Zu allem Überfluss wird sie zweimal unterbrochen. Einmal durch eine Erzählung aus dem "Braunen Buch", das eine Sammlung antiker Fabeln zu enthalten scheint. Die Erzählung erinnert an den Kampf des Theseus gegen den Minotaurus - auch hier begeht der Vater des Helden Selbstmord, weil dieser mit einem Schiff zurückkehrt, das schwarze Segel gesetzt hat. Die andere Unterbrechung ist weit rätselhafter. Es handelt sich um den kompletten (und ziemlich langen) Text eines Schauspiels, das von Dr. Talos aufgeführt wird. Ich muss zugeben, dass ich den Sinn dieses Schauspiels nicht durchschaut habe...

Auch sonst habe ich mich gefragt, ob all die unzähligen in den Raum geworfenen, oft aus dem Griechischen und Lateinischen stammenden (oder zumindest so klingenden), aber nicht erklärten Namen für Personen, Objekte, Orte, Rituale und so weiter irgendeine tiefere Bedeutung haben, die sich mir nicht erschlossen hat, oder ob Wolfe all diese Begriffe nur verwendet, um eine Atmosphäre der Fremdartigkeit zu erzeugen. Zumindest das ist ihm definitiv gelungen, aber leider hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass mir wesentliche Informationen fehlen, um den Roman gänzlich zu verstehen. Zusammenhänge werden bestenfalls angedeutet, hinzu kommen rätselhafte Visionen und kafkaeske Erlebnisse Severians, bei denen man nicht weiß, ob sie real sind oder nicht. Aber vielleicht macht ja die so erreichte Fremdartigkeit einen Teil der Faszination des Zyklus aus! Wenigstens enthält dieser Band einen kurzen Anhang, in dem Wolfe ein paar Details zum Gesellschaftssystem, zur Währung, den Maßen und den Zeiteinheiten liefert.

Im Verlauf der Handlung werden neue Einblicke in Severians Welt vermittelt, und wieder muss ich sagen: Diese Romane sind eher Science Fiction als Fantasy. Ein Mann aus einer (alternativen?) Zukunft taucht auf, Außerirdische (die "Cacogens") leben getarnt unter dem Menschen, das Drüsensekret eines von einem fremden Planeten stammenden Tieres wird für das kannibalistische Ritual verwendet, Severian wird von den Notulen angegriffen - anscheinend Biowaffen, die ihren Opfern jegliche Wärme entziehen. Jonas ist eine Art Maschinenwesen, das vermutlich vor sehr langer Zeit bei der Notlandung eines Raumschiffes auf der Erde beschädigt und mit menschlichen Körperteilen ausgebessert wurde. Umgekehrt wurde eine Frau namens Jolenta aus Dr. Talos' Truppe mittels biomechanischer Manipulation buchstäblich "aufgehübscht"... (13.05.2013)


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568
Der Fänger im Roggen J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen
rororo, 2010
270 Seiten

Holden Caulfield, 16 Jahre alt, Sohn aus gutem Hause, fällt in vier von fünf Prüfungsfächern durch und fliegt vom Internat. Wieder einmal. Er hat schon verschiedene Schulen ähnlich erfolglos "beendet". Einige Tage vor Beginn der Weihnachtsferien verlässt Holden die Schule nach einem Abschiedsbesuch bei dem einzigen Lehrer, den er nicht verabscheut, und fährt nach New York. Dort wohnen seine Eltern und seine zehnjährige Schwester Phoebe. Holden quartiert sich zunächst in einem billigen Hotel ein, denn er will nicht zu Hause sein, wenn die Nachricht über den Abbruch eintrifft.

Holden irrt ziellos durch die New Yorker Bars, macht Zufallsbekanntschaften, gerät mit einer Prostituierten und deren Zuhälter aneinander, und verabredet sich schließlich mit seiner alten Flamme Sally Hayes. Das Rendezvous gerät jedoch zu einem Desaster. Da er nach der Sache mit der Prostituierten nicht im Hotel bleiben kann, schleicht sich Holden in der zweiten Nacht doch schon in die elterliche Wohnung. Er spricht mit Phoebe, die ihn fragt, was er gern sein würde. Daraufhin erinnert er sich an ein Gedicht von Robert Burns, das in ihm die Vorstellung erweckt, er habe die Aufgabe, die in einem Roggenfeld spielenden Kinder zu fangen, bevor sie in eine Schlucht stürzen. Das würde ihm gefallen. Doch wer soll Holden vor dem Sturz in den Abgrund bewahren, auf den er selbst zusteuert?

Zum Glück musste ich diesen Roman, der zu den wichtigsten Werken der englischsprachigen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts gezählt wird, nicht in der Schule lesen und analysieren. Das hätte ja bedeutet, dass ich dann ungefähr im selben Alter gewesen wäre wie der Ich-Erzähler Holden Caulfield, und dass ich mich somit quasi selbst hätte analysieren müssen. Denn als pubertierender Jugendlicher hatte ich ganz ähnliche Probleme wie die Hauptfigur. Einerseits keinen Bock auf Lernen, auf die "Spitzentypen" in der Schülerschaft (Holden-Diktion für Sportskanonen und andere oberflächliche, aber hoch angesehene Wichtigtuer), und auf die ganze piefige Verlogenheit der Erwachsenenwelt. Andererseits totale Orientierungslosigkeit, was die eigene Identität und Fragen wie "was willst du denn mal werden" angeht. Außerdem wäre mir dann die Neuübersetzung aus dem Jahre 2003 entgangen, die den schnodderigen Stil ein wenig an den heutigen Sprachgebrauch anpasst. Holden verwendet gern absurde Übertreibungen und Kraftausdrücke, aber die Übersetzung ist relativ zeitlos (der Roman ist 1951 erschienen!), d.h. es wird zum Glück kein aktueller Jugendslang verwendet.

Es geschieht nicht viel; obige ultrakurze Zusammenfassung enthält schon fast das gesamte Handlungsgerüst. Es wird zwar fast akribisch genau erzählt, was Holden während der drei Handlungstage so unternimmt, aber wichtiger ist, was er denkt und fühlt. Diese "innere Handlung" ist ungemein lebendig und mitreißend, man lernt Holden genau kennen. Er möchte für hart, cool und lässig gehalten werden, ist aber im Grunde ein intelligenter und mitfühlender junger Mann mit einem ausgeprägten Beschützerinstinkt und den typischen gleichzeitig naiven und extremen Ansichten eines Teenagers. Am Ende weiß er zwar vermutlich immer noch nicht, was er aus sich und seinem Leben machen soll, lernt aber anscheinend, Verantwortung zu übernehmen. (06.05.2013)


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567
Sandsturm James Rollins: Sandsturm
Blanvalet, 2005
608 Seiten

Durch einen Blitzeinschlag wird in der arabischen Abteilung des Britischen Museums in London eine gewaltige Explosion ausgelöst. Ein Wachmann kommt dabei ums Leben. Die Kuratorin Dr. Safia al-Maaz und ihre Jugendfreundin Lady Kara Kensington, die reiche Stifterin der betroffenen Sammlung, untersuchen die Trümmer. Sie entdecken ein in den Überresten einer antiken Statue verborgenes eisernes Artefakt in Form eines anatomisch korrekt geformten Herzens mit Schriftzeichen, die das Wort "UBAR" bilden. Für beide Frauen hat die Katastrophe eine ganz besondere Bedeutung. Safia ist die einzige Überlebende eines Bombenanschlages in Tel Aviv und wollte sich in London eine neue, sichere Existenz aufbauen. Diese Sicherheit wurde jetzt zerstört. Kara glaubt, das eiserne Herz sei ein Hinweis auf das Schicksal ihres vor vielen Jahren bei der Suche nach der versunkenen Stadt Ubar in der Wüste von Oman verschwundenen Vaters. Kara bereitet umgehend eine Expedition vor, an der auch Safias Ex-Mann, der Archäologe Dr. Omaha Dunn, teilnehmen soll.

Die Nachricht über die Explosion kommt noch am selben Tag dem Chef der SIGMA-Force zu Ohren, einer Spezialeinheit der DARPA. Die Männer und Frauen von SIGMA sind Top-Agenten mit militärischer und akademischer Ausbildung. Sie kommen zum Einsatz, wenn die wissenschaftlich-technische Überlegenheit der USA gefährdet wird. SIGMA arbeitet stets verdeckt in hochriskanten Situationen, um neue Forschungsergebnisse oder Technologien sicherzustellen und zu schützen. Painter Crowe erhält den Auftrag, den Vorfall im Britischen Museum zu untersuchen, denn Messungen beweisen, dass dort eine Antimaterie-Annihilierungsreaktion stattgefunden hat. Offenbar war die Antimaterie über Jahrhunderte hinweg stabil, und möglicherweise gibt es dort, wo sie gefunden wurde, noch mehr davon. Crowe reist inkognito nach London und schließt sich Karas Expedition an, begleitet von seiner neuen Partnerin Coral Novak. Crowes alte Partnerin Cassandra Sanchez wurde beim letzten Einsatz als Verräterin enttarnt und ist ebenfalls unterwegs nach London. Sie arbeitet für die "Gilde", eine illegale Geheimorganisation, der hochrangige Militärs angehören, und soll die Quelle der Antimaterie in ihren Besitz bringen.

Cassandra überfällt das Museum mit einem kleinen Team, wird aber von Crowe und Coral abgewehrt. Crowe weiß jetzt zwar, mit wem er es zu tun hat, aber er ahnt nicht, welche Macht hinter Cassandra steht. Die Lage wird noch komplizierter, als sich Crowe in Safia zu verlieben beginnt, und als eine unbekannte dritte Gruppe versucht, Omaha und dessen Bruder Danny zu entführen...

Die Existenz stabiler Antimaterie als Anknüpfungspunkt für diesen Agententhriller ist zwar so unrealistisch nicht, aber was sich im weiteren Verlauf ereignet, spielt eindeutig in den Bereich der Science Fiction hinein. Da geht es neben der Art und Weise, wie die Antimaterie stabil gehalten und genutzt wurde unter anderem um einen Stamm von Wüstennomaden, deren ausschließlich weibliche Ahnenreihe bis zur Königin von Saba zurückreicht. Die Damen besitzen übersinnliche Fähigkeiten, für die eine nur schwer zu akzeptierende pseudowissenschaftliche Erklärung gegeben wird. Wie in den Games der Tomb Raider-Reihe oder wie bei Indiana Jones müssen die Protagonisten eine Art Schnitzeljagd absolvieren und diversen kryptischen Hinweisen folgen, um die verborgene Stadt Ubar zu finden, die am Ende des Romans selbstverständlich endgültig untergeht. Leider muss der Autor einen Kunstgriff anwenden, um die Protagonisten rechtzeitig in Sicherheit zu bringen: Es gibt eine Art Hintertür nach Ubar, die anscheinend weder absolut geheim noch besonders gesichert ist. Dadurch wird die gesamte aufwändige Schnitzeljagd leider ad absurdum geführt.

Die Bösen sind unserer Heldengruppe immer auf den Fersen oder sogar einen Schritt voraus, für Spannung ist also ausreichend gesorgt. Verfolgungsjagden, Feuergefechte, Explosionen - wäre der Roman ein Kinofilm, bekäme man sicher einiges geboten. Da sich der Autor bemüht, die Figuren für den Leser greifbar zu machen, funktioniert die ziemlich wilde Action aber auch sozusagen im Kopf. Safia und Painter sind die Dreh- und Angelpunkte der Handlung. Ihren Hintergrundgeschichten wird viel Aufmerksamkeit gewidmet. Aber auch die Nebenfiguren sind gut getroffen, so dass man auch bei ihnen mitfiebern kann, wenn sie in Gefahr geraten. Etwas Romantik ist ebenfalls dabei, denn natürlich keimen zwischen Safia und Painter zarte Bande, aber es gibt für beide Konkurrenz. Insgesamt kann ich sagen: Es wird solide Thriller-Unterhaltung geboten, garniert mit originellen Ideen und sympathischen Figuren - Figuren, denen man gern wiederbegegnen möchte. Und die Chancen dafür stehen gut, denn "Sandsturm" ist nur der erste einer ganzen Reihe von Romanen, in denen es um Einsätze der SIGMA-Force geht. Zwei weitere liegen bereits in meinem SUB. (01.05.2013)


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566
Der Hobbit: Eine unerwartete Reise - Das offizielle Filmbuch Brian Sibley: Der Hobbit: Eine unerwartete Reise - Das offizielle Filmbuch
Klett-Cotta, 2012
168 Seiten

Ähnlich wie das offizielle Begleitbuch von Jude Fisher enthält auch das "offizielle Filmbuch" zahlreiche Informationen zu den Figuren in Peter Jacksons neuestem Film, die sich überhaupt nicht aus dem Film selbst ergeben. Erstaunt nimmt der Leser zur Kenntnis, dass sich das Produktionsteam sehr viele Gedanken über den Hintergrund der neuen Hauptpersonen gemacht hat. So geht das Filmbuch zum Beispiel auf die Familiengeschichten, prägenden Charakterzüge und typischen Eigenschaften der dreizehn Zwerge ein. Jedem Zwerg ist ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem der jeweilige Schauspieler genauer vorgestellt wird und erläutern darf, was für ein Typ die von ihm gespielte Figur eigentlich ist. Maskenbildner und Kostümdesigner bringen Beispiele dafür, wie sich der Charakter einer Figur in ihrer Kleidung, ihren Waffen usw. widerspiegelt. Hinzu kommen unzählige Anekdoten. Wer hätte gedacht, dass Ori schon im ersten Herr der Ringe-Film zu sehen ist? Besser gesagt: Sein Skelett. Ori war nämlich jener Zwerg, der die letzten Einträge ins Buch von Mazarbul geschrieben hat.

Natürlich geht es nicht nur um die Zwerge. Bilbo, Gandalf, Radagast, Galadriel und andere Figuren haben ihre eigenen Kapitel. Großformatige Standfotos, Artworks, Skizzen, Bilder der Kulissen, Modelle, Requisiten usw. runden den informativen Inhalt ab. Außerdem sind die Schauspieler mal ohne Maske zu sehen - erstaunlich, was für Gesichter sich unter den riesigen künstlichen Bärten und Nasen verbergen! Erneut fällt auf, dass Azog hier mit keiner Silbe erwähnt wird, und dass es vom Großork nur Konzeptzeichnungen und Modelle gibt. Das ist im Begleitbuch genauso. Vermutlich waren die beiden komplett computergenerierten Kreaturen zum Zeitpunkt der Drucklegung noch nicht fertig.

Anders als das Begleitbuch dient das Filmbuch weniger als Nachschlagewerk zu Tolkiens Welt und den darin lebenden Figuren. Vielmehr steht - wie der Titel schon sagt - der Film im Mittelpunkt. Man könnte sagen: Das Buch ist ein Making of in Textform. Natürlich enthält es hauptsächlich Lob, aber zumindest werden diverse Probleme wie das extreme Arbeitspensum der Filmcrew ab und zu mal angedeutet. Verschiedene Aspekte des Produktionsprozesses werden erläutert, auf die Tücken der hochauflösenden 3D-Filmtechnik wird eingegangen, verschiedene Mitglieder der Filmcrew kommen zu Wort und erklären ihre Arbeitsweise. Unglaublich, was für ein Aufwand hier betrieben wurde! Allein mit der Herstellung der Frisuren und Bärte in x-facher Ausführung war ein ganzes Team monatelang beschäftigt. In ihren dicken "Fatsuits" und Silikonmasken haben die Zwergen-Darsteller derart geschwitzt, dass der Schweiß regelmäßig "gemolken" werden musste...

Insgesamt kann ich zufrieden feststellen, dass das Filmbuch mehr ist als nur nett bebildertes Werbematerial. Es ist ein sehr schönes Erinnerungsstück, dem man ein paar falsch geschriebene Namen und andere Fehler gern verzeiht. (28.04.2013)

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565
Blöder Hund Michael Lüders: Blöder Hund
Knaur, 2010
299 Seiten

Carl Siering ist ein Versager. Er fühlt sich von der Ehefrau verachtet, von der Tochter gemieden und vom Chef ausgenutzt. Selbst beim Suizid stellt sich Carl zu dumm an: Der Dübel kann das Seil nicht halten, mit dem sich Carl erhängen wollte. Deshalb geht er ins Teufelsmoor. Da landet direkt vor ihm ein UFO. Ein reptilienartiges Wesen entsteigt der fliegenden Untertasse, stellt sich als Yrr vom Planeten Zorr vor und bittet Carl um Hilfe. Yrr ist ein Gestaltwandler aus dem Volk der Ghules. Er tarnt sich als Pudel, den Carl auf den Namen Konrad tauft und mit nach Hause nimmt. Yrr verrät zunächst nicht, warum er zur Erde gekommen ist. Anfängliche Schwierigkeiten mit Carls Frau Alexandra und anderen Mitmenschen lassen sich mit Yrrs Gedächtnispistole, die zur Löschung von Erinnerungen dient, leicht beseitigen.

Yrr bringt Schwung in Carls Familienleben, betätigt sich insgeheim als Maler und schickt sich an, seinem Freund zu beruflichem Erfolg zu verhelfen. Dabei weiß er, dass das Glück nur von kurzer Dauer sein kann, denn seine Artgenossen wollen die Erde vernichten, um an ihrer Stelle einen intergalaktischen Freizeitpark für die ebenfalls auf Zorr lebenden genusssüchtigen Thorpes zu errichten. Yrrs Volk hält Emotionen für rückständig. Die lästigen Thorpes sollen sich künftig auf der ehemaligen Erde vergnügen. Doch dann verliebt sich Yrr in Carls Tochter Lucia...

Nach einigen Kapiteln habe ich mir verwundert die Augen gerieben und nochmal auf dem Cover nachgesehen. Doch, dieses Machwerk wurde tatsächlich nicht im Selbstverlag veröffentlicht. Wie hat es der Autor nur geschafft, das Manuskript bei Knaur unterzubringen? Schon nach den ersten paar Seiten hätte jedem Lektor klar sein müssen, dass das Ding aufgrund seiner eklatanten sprachlichen und inhaltlichen Mängel in die Rundablage gehört.

Was macht Carl als erstes, nachdem direkt vor ihm ein UFO gelandet ist? Er pinkelt es an. Urin scheint ein wichtiges Thema für den Autor zu sein, denn entsprechende Beschreibungen nehmen breiten Raum ein. Auch sonst ist der "Humor" eher unterhalb der Gürtellinie angesiedelt, von diversen Schlüpfrigkeiten ganz zu schweigen. Heillos überzeichnete Figuren, unterirdische Dialoge und eine wirre, teilweise dreist geklaute Handlung. Per Anhalter durch die Galaxis und Men in Black lassen grüßen! (22.04.2013)


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564
Narrenturm Andrzej Sapkowski: Narrenturm
dtv, 2009
741 Seiten

Das 15. Jahrhundert ist eine Zeit religiöser, politischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Der in Böhmen tobende grausame Hussitenkrieg greift allmählich auf Schlesien über. Agenten und Spione sind auf beiden Seiten unterwegs. Die Anhänger des 1415 AD auf dem Scheiterhaufen gestorbenen Reformators Jan Hus verfolgen ihre Feinde ebenso erbarmungslos wie die heilige Inquisition.

Reinmar von Bielau, genannt Reynevan, ein junger Medikus und Student der okkulten Künste, hat eine Affäre mit Adele von Sterz, der untreuen Gattin eines Kreuzfahrers. Ein Schäferstündchen mit der heißblütigen Burgunderin wird empfindlich von den Brüdern des abwesenden Ritters gestört. Sie jagen Reynevan durch ganz Oels. Dabei kommt Niklas Sterz durch einen Unfall ums Leben. Seine Brüder schwören Rache und heuern Meuchelmörder an, die sich auf Reynevans Spur setzen. Außerdem wird Reynevan (nicht ganz zu Unrecht) beschuldigt, verbotene Magie zu betreiben. Mit Hilfe einer schönen Unbekannten, die sich Nicoletta nennt, kann Reynevan entkommen. Kanonikus Otto Beess, ein Freund der Familie, hilft ihm mit Rat und Tat weiter. Reynevan soll sich nach Ungarn absetzen, bis sich die Wogen geglättet haben. Zuvor wird ihm ein Demerit namens Scharley zur Seite gestellt, ein gewitzter Gauner und geschickter Kämpfer, der Reynevan unter seine Fittiche nimmt.

Reynevan denkt aber gar nicht daran, den Rat des Kanonikus zu befolgen. Er glaubt, Adele sei in Münsterberg gefangen, und will sie befreien. Einen weiteren treuen Gefährten gewinnt Reynevan, als er und Scharley so tun, als würden sie einen Dämon exorzieren. Das Ritual zeitigt unerwartete Folgen, denn der gar nicht so böse Geist fährt in den Körper des tumben Riesen Simson Honig. Da er nur durch die exakte Wiederholung des Rituals in seine Dimension zurückkehren kann, schließt er sich Reynevan und Scharley in der Hoffnung an, dass diese sich irgendwann an den genauen Ablauf ihrer improvisierten Beschwörungen erinnern werden.

Die Freunde werden immer tiefer in die Wirren der Religionskriege und die Ränkespiele der Mächtigen hineingezogen. Reynevan muss schließlich erkennen, dass seine Geliebte ganz anders fühlt als er. Seine Träume werden ohnehin schon von der blonden Nicoletta beherrscht. Dann wird Reynevans Bruder Peterlin ermordet - und man schiebt ihm die Schuld in die Schuhe...

Die wahren Täter sind geheimnisvolle schwarze Reiter, die schon mehrere Morde auf dem Gewissen haben. Die Beschreibung eines solchen schwarzen Reiters war für mich überraschend, denn diese Typen können sich offensichtlich in riesige Vögel verwandeln. Das war aber nur das erste von sehr vielen übernatürlichen Elementen: Reynevan vollführt verschiedene magische Kunststücke, er begegnet Hexen sowie diversen Fabelwesen und nimmt selbst an einem Hexensabbat teil, ein leibhaftiger Dämon erscheint... "Narrenturm" ist also keineswegs ein realistischer historischer Roman, sondern im Grunde Fantasy vor realgeschichtlichem Hintergrund. Realistisch ist der Roman aber sicherlich, wenn es um die Darstellung der Lebensumstände im Mittelalter geht. Jedenfalls schreckt Sapkowski nicht vor drastischen Schilderungen und derber Sprache zurück.

Der Geschichte der Hussitenkriege wird viel Aufmerksamkeit gewidmet. Die Protagonisten führen Diskussionen über ihre unterschiedlichen religiösen und politischen Ansichten, sie berichten von Ereignissen, die man aus Geschichtsbüchern kennt und so weiter. Reynevan stolpert ziemlich ziellos durch die Lande, begegnet historischen Persönlichkeiten und erlebt epochemachende Ereignisse hautnah mit. Als unbedarfter Leser, der sich mit der Geschichte des 15. Jahrhunderts im Allgemeinen und jener Osteuropas im Besonderen kaum auskennt, war ich oft geradezu erschlagen von den unzähligen Namen und Daten, die hier heruntergebetet werden. Ich hätte ständig in der Wikipedia nachlesen müssen, um alles verstehen und in den richtigen Kontext einordnen zu können. Meiner bescheidenen Meinung nach wäre weniger hier mehr gewesen.

Im titelgebenden Narrenturm landet Reynevan gegen Ende des Romans tatsächlich, aber bis dahin wird er so oft von verschiedenen Gegnern gefangen genommen oder verfolgt und immer wieder in letzter Sekunde mehr oder weniger durch Zufall aus der meist selbst verschuldeten Bredouille gerettet, dass ich es irgendwann kaum noch glaubwürdig finden konnte. Dass der Roman dennoch lesenswert ist, liegt an der genialen Vermischung all dieser Elemente. Übernatürliche Bedrohungen, grausame Kämpfe, sinnenfrohe Liebeshändel, schmutzige Politik, religiöser Fanatismus, dazu lebendige Figuren jeglicher Couleur und die für Sapkowski so typische humorvolle Erzählweise heben "Narrenturm" deutlich über die Masse "normaler" historischer Romane hinaus. Leider fehlen sehr oft Satzzeichen bei den Dialogen. Manche Absätze musste ich zweimal lesen, um zu begreifen, ob da jemand spricht oder nicht, und wer einen bestimmten Satz gesagt hat! (15.04.2013)


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563
Bären und Bullen Jürgen Kehrer: Bären und Bullen
Grafit-Verlag, 1996
143 Seiten

Georg Wilsberg ist neuerdings Familienvater. Seine Frau Imke studiert seit der Haftentlassung in Münster und bereitet sich auf die Magisterprüfung vor. Um genug Zeit für die Betreuung der gemeinsamen Tochter Sarah zu haben, übernimmt Wilsberg nur noch gelegentlich Routineaufgaben als Angestellter der von seiner ehemaligen Sekretärin Sigi Bach geführten Security Check GmbH. Doch eines Tages wird Wilsberg von seinem Ex-Kompagnon Willi Feldmann um Hilfe gebeten. Willi betätigt sich seit einiger Zeit als Anlageberater und Börsenspekulant in der Firma Cominvest. Nazaré, die brasilianische Freundin seines Mitarbeiters Karsten Eichinger, wurde entführt. Zur Polizei will Karsten nicht gehen, weil sich Nazaré illegal in Deutschland aufhält. Wilsberg fühlt sich verpflichtet, ihm zu helfen.

Willi streckt die von den Entführern verlangte Summe von 200.000 Mark vor. Wilsberg hofft, die Entführer bei der Übergabe observieren zu können, doch die Unbekannten setzen sich mit dem Geld ab. Nazaré bleibt verschwunden. Wenig später melden sich die Entführer erneut. Jetzt fordern sie 300.000 Mark, und diesmal soll Willi das Geld überbringen. Wilsberg begreift, dass die Entführer einen persönlichen Groll gegen Willi hegen, weil die Cominvest schmutzige Geschäfte macht und ihre Kunden betrügt. In der Kundenkartei finden sich drei Personen, denen übel von Cominvest mitgespielt wurde und die einen kriminellen Hintergrund haben. Aber alle Spuren verlaufen im Sand und die Entführer sind Wilsberg immer eine Nasenlänge voraus...

Die Lösung für Wilsbergs siebten Fall ist so naheliegend, dass der Privatdetektiv schon zu Beginn des Romans selbst draufkommt, dann aber in ganz andere Richtungen ermittelt. Dabei muss er sogar nach Brasilien reisen, wo er an einer Candomblé-Zeremonie teilnimmt. Schließlich hilft ihm der Zufall dabei, doch noch die richtigen Schlüsse zu ziehen. Trotzdem steht er am Schluss wieder einmal als Verlierer da. Der Kriminalfall hat mich nicht so recht überzeugt; er ist zu konstruiert und vorhersehbar. Hinzu kommen einige in diesem Umfang nicht unbedingt erforderliche Ausführungen zu den realen Hintergründen der miesen Tricks, die Willis Firma abzieht.

Wilsbergs Privatleben nimmt breiten Raum ein. Wenn man die Hauptfigur der Serie ins Herz geschlossen hat, und das hat der sympathische Loser bei mir geschafft, dann ist das kein Nachteil. Handlungsstränge aus früheren Romanen werden aufgegriffen. So erfahren wir, was aus dem Kaufhaus geworden ist, das Wilsberg und Willi in Band 2 ("In alter Freundschaft") gemeinsam betrieben haben. Wichtiger ist natürlich, dass Wilsberg und Imke geheiratet haben. Imke, die Wilsberg in Band 5 ("Wilsberg und die Wiedertäufer") kennen und lieben gelernt hat, wurde nach den terroristischen Aktionen des Kommandos Jan van Leiden zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und wegen guter Führung nach zwei Jahren aus der Haft entlassen. Das sechs Monate alte Töchterchen Sarah ist der bestimmende Faktor in Wilsbergs Leben. Er muss mindestens ebenso oft Windeln wechseln und Fläschchen anwärmen, wie er Beweise sichten und Verdächtige beschatten muss! Wilsberg wäre aber nicht Wilsberg, wenn er das süße Familienleben nicht verbocken würde. Imke ist nicht erfreut, als sich Wilsberg mehr dem neuen Fall als der Familie widmet, und zieht schließlich zu ihren Eltern. Wilsberg verfällt in Depressionen und beendet seine jahrelange Abstinenz. Am Ende bleibt ihm nur noch der Alkohol, Geld und Familie sind futsch. (09.04.2013)


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562
Orangen und Datteln Karl May: Orangen und Datteln
Kindle Edition

1.: Die Gum

Old Shatterhand kämpft an der Seite seines Freundes Sir Emery Bothwell gegen Karawanenräuber, die den Sohn des reichen französischen Händlers Latreaumont entführt haben. Weitere Begleiter Old Shatterhands sind Hassan el Kebihr, ein feiges Großmaul, und Josef Korndörfer, ein deutscher Ex-Fremdenlegionär. Bevor er gegen die Karawanenräuber antritt, geht Old Shatterhand auf Panther- und Löwenjagd. Dabei rettet er einem Mann das Leben, der sich später als einer der beiden Räuberhauptmänner erweist. Von ihm erhält Old Shatterhand ein Geschenk, das ihm wertvolle Dienste bei der Zerschlagung der Gum leistet.

2.: Christus oder Muhammed

Der Ich-Erzähler ist mit Kapitän Frick Turnerstick unterwegs im Botanischen Garten von Marseille und beobachtet, wie ein fanatischer Moslem ein Kreuz zerstört. Als er den Mann niederschlägt, zieht er sich dessen Todfeindschaft zu. Später stellt sich heraus, dass es sich um den Henker des Bey von Tunis handelt, und dass seine Frau Christin ist. Der Ich-Erzähler bekehrt seinen Feind zum Christentum, indem er einen Panther tötet, der das Kind des Henkers zerreißen wollte.

3.: Der Krumir

Kara Ben Nemsi reist mit seinem Diener und Freund Achmed es Sallah in dessen Heimat Tunesien. Achmed musste sich im Ausland den Brautpreis für Mochalla verdienen, die Tochter des Scheiks Ali en Nurabi, die er über alles liebt. Unterwegs schließen sich ihnen Sir David Percy und Krüger-Bei an, ein zum Islam übergetretener Deutscher, der zum Gefolge des Bey von Tunis gehört. Da Achmed seinen Stamm verlassen hat, wird er vom Scheik abgewiesen. Mit Kara Ben Nemsis Hilfe kann er sich durch die Verfolgung von Saadis el Chabir bewähren, der Mochallah und zwei wertvolle Reittiere entführt.

4.: Eine Ghasuah

Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar befreien zwei Dutzend Schwarze aus der Gewalt von Sklavenjägern, deren Oberhaupt - ein falscher christlicher Missionar - dabei getötet wird.

5.: Nur es Sema – Himmelslicht

Bevor Kara Ben Nemsi unter Muslimen Weihnachten feiern kann, muss er einen Krieg zwischen den Beduinenstämmen der Anazeh und der Haddedihn vom Stamme der Schammar verhindern. Gleichzeitig steht er dem Parsen Wikrama bei, dessen Vater von den Anazeh entführt worden ist. Kara Ben Nemsi und Halef werden von den Anazeh gefangen genommen. Ein christlicher Einsiedler sorgt für unerwartete Hilfe.

6.: Christi Blut und Gerechtigkeit

Mit der Gastfreundschaft der Schirwani und Zibari (am Fluss Zab ansässige Kurden) ist es nicht weit her - Kara Ben Nemsi und Halef sollen ausgeraubt werden. Die Situation wird erst beigelegt, als der Deutsche im Gestammel der Enkelin des Stammesführers ein Gebet aus seiner Heimat erkennt, und als es ihm gelingt, einen in deutscher Sprache verfassten Text zu verfassen, der als Talisman gilt.

7.: Mater dolorosa

Kara Ben Nemsi und Halef sind unterwegs nach Persien. Sie retten eine Frau namens Fatima Marryah, die von Hunden der Mir Mahmalli-Kurden gehetzt wird, und gewinnen somit die Gastfreundschaft der Mir Yussufi-Kurden. Als Hussein Isa erscheint, der zum Christentum übergetretene Sohn Fatima Marryahs, kommt es zum Streit. Im Handgemenge erleidet Kara Ben Nemsi eine schwere Augenverletzung und ist nicht voll einsatzfähig, als Hussein Isa von den Mir Mahmalli gefangen genommen und gekreuzigt wird. Mit Halefs Hilfe gelingt die Befreiung des jungen Mannes doch noch.

8.: Der Verfluchte

Zusammen mit einer Zufallsbekanntschaft reist Kara Ben Nemsi zum Ex-Soldaten Osman Bei, dem er im Auftrag Said Kaled Paschas die seit fünfzehn Jahren überfällige Pension auszahlen soll. Der Mann jagt den Deutschen trotz dieser freudigen Nachricht davon, denn er ist ein Fanatiker, und Kara Ben Nemsis Begleiter ist der zum katholischen Glauben konvertierte Sohn Osman Beis. Er wurde mit einem Fluch belegt und verstoßen. Kara Ben Nemsi kann gerade noch verhindern, dass der Vater den Sohn ermordet. Als die Pension gestohlen wird, fällt der Verdacht auf Kara Ben Nemsi. Ein wütender Mob verfolgt den Deutschen und den Verfluchten bis zu einer Kapelle. Dort kommt es zu einem Felssturz, dem Osman Bei und zahlreiche andere Menschen zum Opfer fallen.

Dieser Sammelband enthält acht nicht zusammenhängende Reiseerzählungen. Die Storys folgen dem typischen Strickmuster des Orient-Zyklus mit klischeehaft fanatischen / abergläubischen / rückständigen Muslimen, die Kara Ben Nemsi in jeder Hinsicht unterlegen sind. Die christliche Botschaft ist teilweise so dick aufgetragen, dass es wehtut - unfreiwillige Komik inklusive. Immer wieder bekehrt Kara Ben Nemsi selbst strenggläubige Muslime zum Christentum, sei es durch sein ehrenhaftes Handeln oder durch die Tatsache, dass er als Christ jemanden rettet, der ausschließlich auf Allah und Mohammed vertraut hat, von diesen jedoch enttäuscht wurde. Wenn sonst nichts hilft, verschafft sich Kara Ben Nemsi mit dem vielschüssigen Henrystutzen Respekt. Als er in Story Nr. 8 einem Unbelehrbaren begegnet, greift Gott sogar quasi persönlich ein und lässt die Fanatiker in den Tod stürzen...

Immerhin ist Hadschi Halef Omar in der Hälfte der Geschichten mit von der Partie, und man kann annehmen, dass all diese Abenteuer nach dem Ende der Handlungszeit des Orient-Zyklus stattfinden. In Story Nr. 5 gibt es außerdem ein Wiedersehen mit Amad el Ghandur, einer Figur aus dem Orient-Zyklus. Nach dem Tod seines Vaters Mohammed Emin ist er zum Scheik der Haddedihn geworden. Die Ereignisse aus den ersten beiden Romanen des Orient-Zyklus (Kampf der Haddedihn gegen verfeindete Stämme, Verteidigung der Dschesidi-"Teufelsanbeter" gegen den Pascha von Mossul) wirken sich unmittelbar auf einige der Storys aus: Kara Ben Nemsi ist seit diesen Geschehnissen bekannt wie ein bunter Hund, hat sich mit seinen Aktionen aber nicht nur Freunde gemacht.

"Die Gum" spielt in der Handlungszeit von Winnetou II. Dort wird erzählt, dass Old Shatterhand nach Nordafrika reist, nachdem er den Henrystutzen erhalten hat. In "Die Gum" erfährt man, was Old Shatterhand erlebt, bevor er in den Wilden Westen zurückkehrt, woraufhin der zweite Teil von "Winnetou II" beginnt. Ähnlich wie in "Winnetou II" ist auch in dieser Story nichts von der später üblichen Schonung aller Feinde zu bemerken. Die Karawanenräuber werden unter anderem von Old Shatterhand persönlich gnadenlos niedergemacht. (02.04.2013)


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561
Verderbnis Mo Hayder: Verderbnis
Goldmann, 2012
447 Seiten

Schon zweimal hat ein Unbekannter in Bristol Autos vor den Augen der Besitzer gestohlen, in denen kleine Mädchen gesessen haben. Die Polizei ist bisher von Zufällen ausgegangen, denn die Fahrzeuge wurden stehen gelassen und die Kinder sind unbehelligt geblieben. Einige Zeit später wird ein Mädchen auf dieselbe Weise entführt, und diesmal bleibt das Opfer verschwunden. Die Eltern erhalten Briefe, in denen sich der Entführer darüber auslässt, was er der Entführten antun will oder bereits angetan hat. Detective Inspector Jack Caffery geht zunächst von einem Routinefall aus, muss aber feststellen, dass er es mit einem überlegenen Täter zu tun hat, der einem sorgfältig vorbereiteten Plan folgt. Der Unbekannte entführt ein weiteres Mädchen, muss sein neues Opfer aber laufenlassen. Caffery sorgt dafür, dass die Familie in Sicherheit gebracht wird. Der Entführer ist der Polizei jedoch immer einen Schritt voraus und schlägt erneut zu, um doch noch an das Kind heranzukommen. Es wird klar, dass er ein ganz besonderes Interesse an seinen Zielobjekten haben muss, aber Caffery kann keine Gemeinsamkeiten erkennen.

Cafferys Ratgeber, der als "Walking Man" bekannte Landstreicher, spricht nur in Rätseln und ist mehr als sonst mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Die Polizeitaucherin Phoebe Marlin, genannt "Flea", ist auch keine Hilfe, denn sie vernachlässigt ihre Einheit, so dass sich deren Arbeitsqualität verschlechtert. Caffery weiß, dass seine Kollegin in das Verschwinden der Fußballergattin Misty Kitson verwickelt ist. Er behält sein Wissen für sich, geht aber auf Distanz zu Flea. Dann beginnt Cafferys neuer Kollege Paul Prody auch noch damit, in dieser alten Sache herumzuschnüffeln. Flea findet ihren Elan wieder, übertreibt es allerdings mit Ermittlungen, die sie auf eigene Faust anstellt. Bei der Untersuchung eines baufälligen Tunnels, in dem sie das Versteck des Entführers vermutet, bringt sie sich in Lebensgefahr. Flea ist auf der richtigen Spur, aber der Täter ist ihr näher, als sie denkt...

Bisher war ich davon ausgegangen, dass die Romane Ritualmord, Haut und "Verderbnis" die so genannte "Walking Man" - Trilogie bilden. Irrtum: Es handelt sich mindestens um einen Vierteiler! Der nächste Band soll noch im Jahre 2013 in englischer Sprache erscheinen. "Verderbnis" ist nur insoweit in sich abgeschlossen, als die Entführungsfälle aufgeklärt werden. Wie geht es mit der angespannten Beziehung Cafferys und Fleas weiter? Wird der Walking Man je die Leiche seiner Tochter finden (Caffery erkennt endlich, dass die Wanderungen des Walking Man genau diesen Zweck haben)? Muss Misty Kitsons Leiche für immer in einer unzugänglichen Höhle verwesen? Wird das Geheimnis um den im vorliegenden Roman nicht in Erscheinung tretenden Tokoloshe noch aufgelöst? All diese Fragen werden - wenn überhaupt - wohl erst im vierten Band beantwortet. Immerhin werden die vermeintlich versehentlichen Kindesentführungen, die schon in den beiden letzten Romanen vorgekommen sind, diesmal zu einem eigenen Fall ausgebaut. Und wenn Band 4 wieder so spannend wird wie dieser hier, dann kann die Reihe gern weitergehen!

Der Roman unterscheidet sich sehr von allen bisherigen Fällen Jack Cafferys, und zwar auf positive Weise. Die Jagd nach dem Entführer (und die Jagd des Entführers nach seinen Opfern) steht immer im Mittelpunkt. In den beiden ersten Romanen der "Walking Man" - Reihe wurden die Fälle zu Gunsten der Figurenzeichnung eher stiefmütterlich behandelt. Natürlich dreht sich auch diesmal wieder alles um Caffery und Flea, aber die eigentliche Story gerät nie aus dem Fokus, der rote Faden geht nicht verloren. Auch sonst kann die Kriminalgeschichte überzeugen. Es muss viel solide Ermittlungsarbeit geleistet werden, diesmal mischen am Ende sogar die Opfer mit. Caffery und seine Kollegen stehen oft ziemlich dumm an, aber sie haben es ja auch mit einem äußerst gerissenen Gegner zu tun, der sie nach Belieben manipuliert. Die Auflösung ist plausibel. Der größte Unterschied liegt aber im fast vollständigen Verzicht auf Schockeffekte. Tatsächlich gibt es im ganzen Roman nur eine einzige Leiche, praktisch keine explizite Schilderung von Gewalt und keine ekelerregenden Details. Es wird viel mehr Wert auf psychologischen Horror gelegt. Der Spannungsaufbau funktioniert trotzdem prächtig, für mich war der Roman jedenfalls ein echter Pageturner. Der wahre Täter ist zwar relativ früh erkennbar, aber man kann weiterhin mitfiebern, denn das Schicksal der Opfer (und dazu gehört auch Flea) bleibt fast bis zuletzt unklar. (25.03.2013)


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560
Der Sohn des Greifen George R.R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer 9 - Der Sohn des Greifen
Penhaligon, 2012
830 Seiten

Nach dem Mord an seinem Vater ist Tyrion Lennister auf der Flucht. Er findet Unterschlupf bei Magister Illyrio Mopatis in Pentos und wird in dessen Ränkespiele einbezogen. Mit der Hilfe von Jon Connington, ehemals Hand des Königs Aerys Targaryen, wurde Prinz Rhaegars Sohn Aegon während Robert Baratheons Rebellion heimlich in Sicherheit gebracht. Er wird seither versteckt gehalten. Connington, auch bekannt als "der Greif" tritt als sein Vater auf. Die Goldene Kompanie, eine große Söldnerarmee, steht unter seinem Befehl. Aegon soll nun mit seiner Tante Daenerys verheiratet werden. Tyrion redet Aegon ein, Daenerys werde ihn nur respektieren, wenn er militärische Erfolge vorzuweisen habe, und dass er zunächst die vom Thronfolgekrieg geschwächten Königreiche von Westeros erobern solle.

Daenerys hat die Stadt Meereen erobert, doch es fällt ihr schwer, sie zu halten. Die Versorgungslage ist schlecht und Daenerys wird von der Bevölkerung nicht akzeptiert. Unbekannte, die sich als "Söhne der Harpye" bezeichnen, ermorden immer wieder Gefolgsleute der neuen Herrscherin. Feindliche Armeen haben Astapor vernichtet und marschieren auf Meereen zu, wobei sie Flüchtlinge vor sich hertreiben. Viele davon leiden an einer tödlichen Seuche. Daenerys hat bei weitem nicht genug Soldaten, um sich ihren Feinden entgegenzustellen, und ihre enorm gewachsenen Drachen sind unkontrollierbar geworden, so dass sie die Bestien nicht für den Kampf einsetzen kann. Der einzige Ausweg für Daenerys wäre eine Heirat mit dem reichen Adligen Hizdahr zo Loraq. Noch scheut sie davor zurück, denn sie liebt den Söldnerführer Daario Naharis.

Es sitzt ein König auf dem Eisernen Thron von Westeros, aber der Machtkampf ist noch nicht vorüber. Auf Anraten Jon Schnees, der seine Stellung als neuer Lord Kommandant der Nachtwache allmählich weiter festigt und die verlassenen Burgen entlang der Mauer mit freigelassenen Wildlingen bemannt, verbündet sich Stannis Baratheon mit den Hügelclans des Nordens gegen die mit den Lennisters verbündeten Freys und Boltons. Roose Bolton, von den Lennisters zum Wächter des Nordens erhoben, legt eine Falle für Stannis aus. In der Ruine von Winterfell verheiratet er seinen Bastardsohn Ramsay mit Arya Stark, um seinen Herrschaftsanspruch zu festigen. "Stinker", früher bekannt als Theon Graufreud, leistet ihm dabei gute Dienste, obwohl er die Wahrheit kennt: Die Braut ist nicht Arya, sondern Jeyne Poole, eine Freundin Sansas. Stannis muss reagieren, er marschiert nach Winterfell. Er weiß nicht, dass es Verräter in seinen Reihen gibt. Von Lord Wyman Manderly, der nur scheinbar auf Seiten der Lennisters steht, erfährt Davos Seewert, dass Rickon Stark noch am Leben ist. Davos soll den Jungen zurückbringen, denn nur für einen Erben des Hauses Stark würde sich der Norden vereint gegen die Königstreuen erheben.

Weit im Norden, jenseits der Mauer, werden Bran Stark und seine Gefährten von dem untoten Elchreiter zu einer Höhle geführt, in der noch Kinder des Waldes leben. Dort begegnet Bran dem letzten Grünseher, einem uralten Mann, der ganz mit einem Wehrholzbaum verwachsen ist. Bran soll seine Nachfolge antreten. Er erkennt, dass die Wehrholzbäume wirklich Augen haben. Als Grünseher kann er durch diese Augen sehen, und sie blicken auch in die Vergangenheit...

Die Handlung des Zyklus "Das Lied von Eis und Feuer" wird immer komplexer, außerdem ist es allein schon aufgrund der Unmenge von Personen und Orten verdammt schwer, den Überblick zu behalten. In den Bänden 7 und 8 wurde nur die Geschichte eines Teils der Hauptpersonen weitergeführt. Der Schwerpunkt lag auf den Geschehnissen in Königsmund, Dorne und Altsass, sowie auf den Ambitionen der Eisenmänner. Daenerys, Tyrion und Bran spielten überhaupt keine Rolle, Jon wurde sehr stiefmütterlich behandelt. In den Bänden 9 und 10 ist es genau umgekehrt. Aus diesem Grund gefällt mir Band 9 besser als die beiden Vorgänger, denn Tyrion ist nun einmal meine Lieblingsfigur. Durch seine Augen bekommt man wieder neue, faszinierende Ecken der fiktiven Welt zu sehen. Außerdem erfährt man jetzt endlich, dass Davos Seewert keineswegs getötet wurde. Gut so, denn den Zwiebelritter habe ich auch ins Herz geschlossen. Daenerys muss erkennen, dass es nicht ausreicht, eine Stadt zu "befreien". Um sie zu halten, muss Daenerys Dinge tun, die sie eigentlich verabscheut, und sie kommt zu der Erkenntnis, dass durch ihre Taten nur noch mehr Leid verursacht wurde. Der düstere Grundton wird also beibehalten. Ein Musterbeispiel dafür ist "Stinker". Die Beschreibung dieses tot geglaubten, durch unmenschliche Folter gebrochenen und in den Wahnsinn getriebenen Mannes ist recht bedrückend.

George R.R. Martin beschäftigt sich ausgiebig damit, die Hauptfiguren ganz allmählich aufeinander zuzuführen. Selbst nach neun Bänden kann man nicht sagen, welches Ende dieses unglaubliche Epos nehmen wird! Nach wie vor wird die jenseits der Mauer lauernde Gefahr nicht akut; der Winter naht, aber er ist immer noch nicht wirklich da. Politik und Intrigen prägen das Bild, aber diesmal kommt eindeutig mehr Fantasy hinzu. Melisandre, die bei Jon zurückbleibt, während sich Stannis in neue Kämpf stürzt, nutzt zwar einige Taschenspielertricks, aber sie verfügt definitiv über magische Kräfte. Die Kinder des Waldes, denen Bran begegnet, sind ein nicht ganz menschliches Volk, Untote sind unterwegs, und die Sache mit den Wehrholzbäumen wird sicherlich noch weiter vertieft - Ned Stark darf endlich wieder einmal mitspielen, wenn auch nur als Vision der Vergangenheit. Tja, und die Drachen sind inzwischen so groß, dass sie eingesperrt werden müssen, wenn Daenerys nicht riskieren will, dass sich die Viecher mit Menschen mästen!

Das oben erwähnte Problem mit dem Überblick wird noch durch die misslungene Neuübersetzung verschärft. Man hat sich entschieden, alle Orts- und Personennamen einzudeutschen. Manches ist naheliegend (Jon Snow - Jon Schnee, Bear Island - Bäreninsel), manches ist fragwürdig, aber OK (King's Landing - Königsmund), vieles klingt dümmlich (Theon Greyjoy - Theon Graufreud). Unverständlich bleibt, warum z.B. aus den Lannisters die Lennisters werden mussten, oder warum Winterfell immer noch Winterfell heißt. Meint der Übersetzer, dass der Sitz des Hauses Stark so genannt wird, weil man dort im Winter Felle trägt? Die Namen mitten im laufenden Romanzyklus einfach mal zu ändern - das geht gar nicht. Aber selbst wenn ich mich nicht schon so sehr an die englischen Namen gewöhnt hätte, würde ich die Neuübersetzung ablehnen, denn sie ist teils inkonsequent und teils schlicht falsch. Tatsächlich wurden viele Namen gar nicht übersetzt, sondern so geändert, dass sie deutsch klingen, und andere wurden nicht verändert, wenn sich schon das englische Original irgendwie deutsch anhört! Außerdem enthält der Text noch weit mehr Rechtschreibfehler als die bisherigen Romane, das ist eine einzige Katastrophe. Einziger positiver Aspekt der Neuausgabe: Die Covermotive sind weit gelungener als die peinlichen Klischee-Fantasybilder der alten Ausgaben. (20.03.2013)


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559
Der Zauberer der Smaragdenstadt Alexander Wolkow: Der Zauberer der Smaragdenstadt
Fischer, 2013
304 Seiten

Die kleine Elli lebt mit ihren Eltern auf einer Farm in Kansas. Eines Tages beschwört die böse Hexe Gingema im fernen Zauberland einen Sturm, der die gesamte Menschheit ausrotten soll. Die gute Zauberin Willina nimmt dem Sturm den größten Teil seiner Kraft. Sie lässt nur zu, dass Ellis Elternhaus ins Zauberland gerissen wird, denn laut Willinas Zauberbuch hält sich bei Sturm niemand darin auf. Elli läuft jedoch ins Haus, um ihr Hündchen Totoschka in Sicherheit zu bringen. So gelangt das Mädchen ins Zauberland. Sie wird als Befreierin der Käuer gefeiert, denn gemäß Willinas Plan wird Gingema von dem Häuschen erschlagen. Willina besitzt nicht die Macht, Elli wieder nach Hause zu bringen. Im Zauberbuch steht geschrieben, dass Elli drei Geschöpfen bei der Erfüllung ihrer sehnlichsten Wünsche helfen muss. Dann werde Goodwin, der Zauberer der Smaragdenstadt, dem Mädchen helfen. Elli tauscht ihre ausgetretenen Schuhe gegen Gingemas Silberschuhe aus und macht sich auf die Reise, begleitet von Totoschka, der im Zauberland wie ein Mensch sprechen kann.

Elli und Totoschka begegnen drei merkwürdigen Geschöpfen, die große Wünsche haben: Einer lebendigen Vogelscheuche mit Stroh anstelle des Gehirns, einem eisernen Holzfäller ohne Herz, sowie einem Löwen, dem es an Mut mangelt. Der Scheuch, der Holzfäller und der Löwe begleiten Elli, die sicher ist, dass Goodwin ihre Wünsche erfüllen kann. Unterwegs wird Elli von einem Menschenfresser entführt, später greifen Säbelzahntiger an und ein wunderschönes Mohnblumenfeld erweist sich als tödliche Falle. Trotz aller Gefahren erreichen Elli und ihre Gefährten glücklich die Smaragdenstadt. Goodwin gewährt ihnen eine Audienz, ist aber nicht ohne weiteres bereit, ihre Wünsche zu erfüllen. Zuvor sollen sie Bastinda, die böse Herrscherin des Violetten Landes, unschädlich machen. Obwohl sie keine Ahnung haben, wie sie Bastinda besiegen sollen, machen sich die Gefährten erneut auf den Weg. Ihre Ankunft im Violetten Land bleibt der Hexe nicht verborgen. Ihren fliegenden Affen sind die Gefährten nicht gewachsen...

Vor langer, langer Zeit habe ich die gebundene Ausgabe dieses Buches von Verwandten aus der "Ostzone" geschenkt bekommen und natürlich begeistert verschlungen. Wann immer in den folgenden Jahren vom Zauberland und seinen Bewohnern die Rede war, habe ich an dieses Buch gedacht, denn ich wusste nicht, dass "Der Zauberer der Smaragdenstadt" eigentlich eine Nachdichtung des modernen Märchens "The Wizard of Oz" von L. Frank Baum ist. Die Grundthemen sind ja auch dieselben: Das Erwachsenwerden der Hauptfigur, der Wunsch ihrer Gefährten nach etwas, das sie eigentlich längst besitzen, und natürlich die fantastische Märchenwelt mit dem Zauberer, der in Wahrheit ein Hochstapler ist.

Irgendwann wollte ich das Buch mal wieder lesen und habe "The Wizard of Oz" gekauft. Moment mal, dachte ich: Warum heißt Elli hier Dorothy, Totoschka aber Toto, und warum spricht letzterer nicht? Wo ist das Kapitel mit dem Menschenfresser? Wo sind die Säbelzahntiger und die Springer? Und so weiter. Damals gab's noch kein Internet, daher hat es einige Zeit gedauert, bis ich meinen Irrtum aufklären konnte. Alexander Wolkow hat L. Frank Baums Geschichte nicht einfach nur leicht abgewandelt nacherzählt, sondern neu interpretiert und mit ganz eigenen Elementen angereichert. Welche Variante die bessere ist, muss jeder für sich selbst entscheiden - ich bevorzuge Wolkows Version. Ich finde, sie ist fantasievoller, die Hauptfiguren sind besser ausgearbeitet.

Die aktuelle Auflage der Taschenbuchversion ist ungekürzt, enthält aber leider nur einen Teil der wunderbaren Innenillustrationen Leonid Wladimirskis in Schwarzweiß. Aufgrund der großen Schrift eignet sich die Ausgabe gut zum Vorlesen. (11.03.2013)


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558
Der Algebraist Iain Banks: Der Algebraist
Heyne, 2006
798 Seiten

Die Galaxis ist ein Tummelplatz der verschiedensten raumfahrenden Völker unter der Herrschaft der Merkatoria. Außerhalb dieser gigantischen, streng hierarchisch gegliederten Organisation stehen lediglich die Beyonder (Rebellen, die immer wieder Guerillaangriffe vor allem auf militärische Einrichtungen der Merkatoria führen) sowie die Dweller, ein uraltes, extrem langlebiges und mit einer unfassbar weit entwickelten Technologie ausgestattetes Volk, das sich ausschließlich für sich selbst interessiert. Nur ausgewählten Personen, den Sehern, wird der Besuch auf den von Dwellern bewohnten Gasplaneten gestattet. Einzelne Seher dürfen die Dweller als Beobachter begleiten und an ihrem unschätzbar wertvollen Wissen teilhaben. Anfang des 5. Jahrtausends n.Chr. sind die Menschen das von den Dwellern favorisierte Volk. Wurmloch-Portale werden als Verbindungswege zwischen den Sonnensystemen genutzt. Ohne die Portale dauern Reisen von Stern zu Stern Jahrhunderte. Vor einiger Zeit wurden große Teile des interstellaren Verkehrsnetzes während eines Krieges gegen die Künstlichen Intelligenzen vernichtet. Die intelligenten Maschinen werden seitdem in der gesamten Milchstraße gnadenlos verfolgt. Man nimmt an, dass die Dweller-Planeten durch ein eigenes, nur den Dwellern bekanntes Portalsystem miteinander verbunden sind.

Der Gasriese Nasqueron im Ulubis-System ist eine Dweller-Welt. Das Wurmloch des Systems wurde vor Jahrhunderten vernichtet. Erst in einigen Jahren wird Ulubis wieder ans galaktische Verkehrsnetz angeschlossen werden. Fassin Taak, ein begabter junger Seher, hat bereits einige "Trips" mit den Dwellern von Nasqueron hinter sich. Dabei ist ihm ein Teil des Buches "Der Algebraist" in die Hände gefallen. In diesem Buch ist ein vager Hinweis auf die legendäre Dweller-Liste versteckt, die die Standorte der geheimen Dweller-Portale und Informationen zu deren Nutzung enthalten soll. Eines Tages wird Fassin in den Geheimdienst der Merkatoria berufen und erhält den Auftrag, auf Nasqueron nach der Dweller-Liste zu suchen. Die Zeit drängt, denn der Archimandrit Lusiferus, ein grausamer Kriegsherr aus einem benachbarten Sternenreich, ist bereits mit einer gewaltigen Invasionsflotte unterwegs ins Ulubis-System. Auch ihm geht es um die Dweller-Liste, denn wer das geheime Portalsystem kontrolliert, könnte jedes beliebige Sonnensystem zeitverlustfrei angreifen und würde somit die Milchstraße beherrschen.

Dieser Roman gehört nicht zum KULTUR-Zyklus, aber die KULTUR ist quasi doch präsent, wenn auch aufgesplittert. Die Merkatoria ist im Grunde dieselbe galaktische Zivilisation wie die KULTUR, nur ohne die in der KULTUR gegebene totale Freiheit des Einzelnen und mit militaristischer Ausrichtung. Die unorganisiert-anarchistischen Dweller repräsentieren alle positiven Aspekte der KULTUR, aber ohne deren Expansionsbestreben. Künstliche Intelligenzen, unverzichtbare Bestandteile der KULTUR, sind ebenfalls vorhanden und spielen eine wichtige Rolle. Das wird aber erst gegen Ende des Romans deutlich. Vielleicht ist "Der Algebraist" ja ein Prequel? Es könnte sein, dass die verschiedenen Bestandteile irgendwann nach der Handlungszeit des Romans zu einem harmonischen Ganzen verschmolzen werden - eben zur KULTUR.

Die Beschreibung der Dweller-Zivilisation ist der interessanteste Teil des Romans. Diese ebenso egozentrischen (wenn nicht sogar egoistischen) wie exzentrischen Wesen kommen gutmütig-spleenig daher, aber man sollte sich besser nicht mit ihnen anlegen. Ihre äußere Gestalt ist recht fremdartig, ihr inneres Wesen aber nicht so sehr. Aufgrund ihrer Langlebigkeit und ihrer weit überlegenen Technik können sie es sich leisten, ganz ihren Hobbys und dem süßen Leben zu frönen. Sie haben allen Grund, sich in ihren Gasplaneten absolut sicher zu fühlen, und ignorieren gern alles, was sich im Rest der Galaxis ereignet. Wer würde sich da nicht an unsere reale Spaßgesellschaft erinnert fühlen? Die Dweller gehen allerdings noch einen Schritt weiter. Die einzige ihnen bekannte Währung sind "Kudos" - Anerkennungspunkte sozusagen, die man für besondere Leistungen usw. erhält. Fassins Erlebnisse bei den Dwellern stecken voller interessanter Ideen und pointierter Dialoge. Situationskomik ist aufgrund der kulturellen Unterschiede zwischen Menschen und Dwellern vorprogrammiert. Diese Kapitel machen den Roman wirklich lesenswert.

Düstere Töne werden ebenfalls angeschlagen, denn die Merkatoria geht ziemlich rücksichtslos gegen alle Abweichler vor und Fassin hat einige Schicksalsschläge zu ertragen. Außerdem haben wir da noch Lusiferus, den großen Antagonisten. Der gute Mann vereinigt alle denkbaren Klischees von bösen Weltraum-Eroberern in sich. Er sorgt mit seiner Vorliebe für phantasievolle Folterungen für einige übertriebene Splatter-Elemente, und ist eine derart überzeichnete Figur, dass ich ihn kaum ernst nehmen konnte. Er wirkt eher wie eine Karikatur, gerät über weite Strecken fast in Vergessenheit und wird am Ende sehr schnell abserviert.

Der Roman ist außerdem mindestens 200 Seiten zu lang. Er enthält unter anderem eine Hintergrundgeschichte rund um Fassin Taak und dessen Jugendfreunde, die weder Relevanz für die Story noch für die Ausarbeitung des fiktiven Universums hat. Diese Abschnitte und andere Rückblicke in Fassins Vergangenheit bremsen den Handlungsfortschritt nur aus, so dass der rote Faden manchmal verlorengeht. Einige überraschende Wendungen wirken allzu konstruiert, die Auflösung hat mich nicht so richtig überzeugt. (04.03.2013)


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557
Winnetou II Karl May: Winnetou II
Kindle Edition

Winnetou und Old Shatterhand gehen nach der erfolglosen Verfolgung des Mörders Santer getrennte Wege. Der Häuptling der Apachen reist nach Mexiko, um Juarez zu unterstützen. Old Shatterhand will in seine Heimat zurückkehren, wird aber schiffbrüchig und verliert seinen gesamten Besitz. Um Geld zu verdienen, betätigt er sich in New York als Privatdetektiv. Er verfolgt den Betrüger Gibson, der den Bankierssohn William Ohlert (einen geistig verwirrten Dichter) entführt hat, um sich dessen Vermögen zu erschleichen. In New Orleans lernt Old Shatterhand den Scout Old Death kennen. In La Grange stehen die beiden der deutschen Familie Lange gegen den Ku-Klux-Klan bei. Die Langes begleiten die Westmänner nach Mexiko, wo alle vier bei der Suche nach Gibson und Ohlert in die Wirren des Konflikts zwischen Juarez und Kaiser Maximilian verwickelt werden. Old Deaths Schicksal erfüllt sich, als er seinen lang gesuchten Bruder wiederfindet, den er einst selbst zugrunde gerichtet hat.

Old Shatterhand kehrt nach St. Louis zurück. Mr. Henry überlässt ihm das erste Exemplar eines neu entwickelten Gewehrs, mit dem man 25 Schüsse ohne nachzuladen abfeuern kann. Es kommt zu einer kurzen Begegnung mit Winnetou, der Old Shatterhand den Rappen Swallow schenkt. Unterwegs zur Siedlung New-Verango, wo er sich mit neuen Vorräten eindecken will, trifft Old Shatterhand mit dem Ölprinzen Emery Forster und einem jungen Mann namens Harry zusammen. Forster bringt Swallow in New-Verango mit Gewalt an sich. Kurz nachdem sich Old Shatterhand das Pferd zurückgeholt hat, kommt es zu einer Katastrophe. Forster hat Öl in einen Fluss geleitet, um den Preis in die Höhe zu treiben. Das Öl entzündet sich, so dass das gesamte Tal durch eine Feuersbrunst vernichtet wird. Old Shatterhand rettet Harry aus dem Inferno. Danach schließt er sich Fallenstellern an, die von Old Firehand angeführt werden. Er erfährt, dass Harry der Sohn des berühmten Trappers ist. Tim Finnetey, ein Weißer, der unter dem Namen Parranoh zum Häuptling der Ponka-Sioux aufgestiegen ist, belagert Old Firehands Versteck. Parranoh hat Harrys Mutter, die Häuptlingstochter Ribanna, seinerzeit ermordet. Die erbitterte Feindschaft der beiden Männer führt zu einem für beide Seiten verlustreichen Kampf.

Der zweite Winnetou-Roman ist klar in zwei Teile getrennt: Die Erlebnisse mit Old Death und Old Firehand haben thematisch nichts miteinander zu tun und liegen auch zeitlich recht weit auseinander. Nachdem Old Shatterhand den Henrystutzen erhalten hat, verbringt er sechs Monate in Afrika und bekämpft dort eine Gruppe berüchtigter Karawanenräuber. Diese Geschehnisse werden in der Erzählung "Die Gum" beschrieben, enthalten in "Orangen und Datteln".

Im ersten Abschnitt dieses nach ihm benannten Romans spielt Winnetou nur eine untergeordnete Rolle. Old Shatterhand hält seine eigene Identität geheim, spielt das Greenhorn und überlässt Old Death die Führung. Old Death, ein durch Opium- und Spielsucht zerrütteter Mann, ist eine jener ebenso schillernden wie tragischen Figuren aus Karl Mays Werk, die man so schnell nicht wieder vergisst. Im zweiten Teil des Romans erfährt man mehr über Winnetous Vergangenheit. Er und Old Firehand waren Freunde und Rivalen um die Gunst Ribannas. Winnetou hatte zu Gunsten Old Firehands auf Ribanna verzichtet.

Die Handlung von Winnetou I wird nicht direkt fortgesetzt. Erst ganz am Ende, im allerletzten Kapitel, taucht Santer wieder auf, entkommt aber erneut. Ohne dieses Kapitel wären Zusammenhänge zwischen Band 1 und 2 eigentlich überhaupt nicht vorhanden. Es fallen auch große Unterschiede in der Figurenzeichnung auf. Wurde Winnetou im vorherigen Roman noch als edler und friedliebender Zeitgenosse dargestellt, so tötet er diesmal bedenkenlos und skalpiert seine Feinde. Von Klekih-petras Erziehung ist nichts mehr zu bemerken! Ähnliches gilt für alle anderen Figuren einschließlich Old Shatterhand. Da wird fleißig "ausgelöscht" (Karl-May-Diktion) und es geht allgemein ziemlich grausam zur Sache; von der ansonsten geübten Schonung der Feinde ist fast nichts zu spüren. Ein bisschen Internet-Recherche lieferte die Erklärung für diese Auffälligkeiten: "Winnetou II" wurde 1893 aus älteren Geschichten zusammengestellt, nämlich "Der Scout" (1888) und "Im fernen Westen" (1879). Zu diesem Zeitpunkt war der Kanon von Karl Mays Werk offenbar noch nicht richtig ausgearbeitet. Das letzte Kapitel wurde für die Veröffentlichung von "Winnetou II" neu geschrieben. (25.02.2013)


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556
Wo ist Thursday Next? Jasper Fforde: Wo ist Thursday Next?
dtv, 2012
399 Seiten

Die gesamte BuchWelt wird im "Großen Remake" neu gestaltet. Danach werden alle Genres der Literatur durch Länder auf Inseln an der Innenseite einer gigantischen Hohlwelt repräsentiert. Bücher segeln wie riesige Wolken über den Himmel, und im Zentrum der Kugelschale befindet sich ein Kern aus Textschrott. Die Genre-Grenzen sind fließend, manchmal kommt es zu Konflikten. Besonders die "Scharfen Romane", angesiedelt auf Fiction Island zwischen Frauenliteratur, Religiösem Dogma, Erotika und Comedy, sorgen für Ärger. Speedy Muffler will das Gebiet der Scharfen Romane ausdehnen und Teile der Frauenliteratur vereinnahmen. Der GattungsRat reagiert mit verschiedenen Sanktionen, woraufhin Muffler mit der Zündung einer Schmutzigen Bombe droht, die sinnlose Sexszenen über die benachbarten Genres verteilen würde. Eine weitere Eskalation muss vermieden werden, zumal die Scharfen Romane zu den größten Produzenten und Exporteuren von Metaphern gehören - und ohne Metaphern wäre die Fiktion tot. Friedensgespräche werden eingeleitet. Thursday Next, die berühmteste Agentin von JurisFiktion, soll daran teilnehmen. Doch die reale Thursday ist in der BuchWelt verschollen!

Die geschriebene Thursday führt derweil ein beschauliches Leben in der Romanserie ihres realen Vorbilds. Es ist ihr gelungen, den Anteil von Sex und Gewalt in der Serie zu verringern. Prompt ist die Anzahl der Leser drastisch gesunken. Dennoch bemüht sich die geschriebene Thursday um eine Zweitbesetzung, denn von Commander James "Red" Herring, dem unter anderem der JurisFiktionVerkehrsUnfallDienst (JVUD) untersteht, wird sie beauftragt, den Absturz eines unbekannten Buches aufzuklären. Auf dem Weg zur Absturzstelle begegnet sie einem geheimnisvollen rothaarigen Gentleman, der ihr rät, niemandem zu trauen außer sich selbst. Als sie wenig später den Duplex-5-Robot-Butler Sprockett vor einer aufgebrachten Menge im Land der Verschwörungstheorien rettet und dabei ihr JVUD-Abzeichen vorzeigen will, stellt sie fest, dass der Gentleman ihr den JurisFiktion-Stern der realen Thursday Next zugesteckt haben muss.

Mit Sprockett im Schlepptau versucht die geschriebene Thursday herauszufinden, was es mit dem Buchabsturz auf sich haben mag und wo ihr reales Vorbild abgeblieben ist. Dabei wird sie immer tiefer in eine verzwickte Intrige hineingezogen, bis sie sich fragt, ob sie möglicherweise gar nicht die Thursday ist, die sie zu sein glaubt...

Für den sechsten Band der "Thursday Next"-Reihe gilt wie für alle anderen: Lest zuvor die älteren Bücher! Sonst werdet ihr möglicherweise nur Bahnhof verstehen.

Jasper Fforde bringt das Kunststück fertig, sein fiktives Universum völlig neu zu erfinden und mich ganz wie damals, beim ersten Band der Reihe, mit einer faszinierend originellen Weltenschöpfung zu begeistern, die ganz ungeahnte Möglichkeiten bietet. Die BuchWelt nach dem Großen Remake, genauer gesagt Fiction Island, wird mit einer sorgfältig ausgearbeiteten Karte präsentiert, die im Buch abgedruckt ist. Da hat sich jemand richtig viele Gedanken darüber gemacht, welche Genres benachbart sein könnten - oder auch nicht: Es kommt ständig zu Grenzstreitigkeiten und die aus Selbstverlagen stammenden Werke wurden auf eine vorgelagerte Insel verbannt, die von allen anderen Genres gemieden wird...

Die Beschreibung der neuen BuchWelt nimmt breiten Raum ein und sprüht wieder derart vor genialen Einfällen, verblüffenden Wendungen, witzigen Anspielungen und abgedrehten Details, dass ich immer wieder innehalten und die entsprechenden Textabschnitte noch einmal lesen musste, um sie ganz auszukosten. Die geschriebene Thursday gerät zum Beispiel in ein Mimenfeld voller Marcel Marceaus, begegnet unzähligen ziemlich "flachen" Versionen ihrer selbst im Bereich der Fanfiction, und reist schließlich sogar in die reale Welt, wo sie vor dem unerwarteten Problem steht, dass man dort ständig atmen muss usw. - Fforde schüttelt manchmal in einem einzigen Absatz mehr Ideen aus dem Ärmel, als sich andere Autoren für ganze Romane einfallen lassen.

Der Roman gewinnt seinen ganz besonderen Reiz aus der Tatsache, dass die titelgebende Hauptfigur darin gar nicht vorkommt, oder jedenfalls fast nicht. Ich-Erzählerin ist die geschriebene Thursday. Also die fiktive Version einer literarischen Figur. Eine Thursday, die in einem Roman vorkommt, der nur in den realen Thursday Next - Romanen existiert und für die es sogar eine Zweitbesetzung gibt, da es im Grunde egal ist, wer die Rolle der Thursday spielt, weil die Imagination der Leser diese Figur erst so richtig mit Leben füllt. Kein Wunder, dass die geschriebene Thursday irgendwann an der eigenen Existenz zweifelt! Diesen Kunstgriff weiß nur richtig zu würdigen, wer den fünften Roman gelesen hat und somit die ganz besonderen Eigenheiten dieser Thursday-Variante kennt. Mit dem Zahnradmann Sprockett, der regelmäßig aufgezogen werden muss, dann aber wertvolle Hilfe leistet und leckere Cocktails mixt, kommt eine erinnerungswürdige neue Figur hinzu. (18.02.2013)


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555
Der Hobbit - Eine unerwartete Reise. Das offizielle Begleitbuch Jude Fisher: Der Hobbit - Eine unerwartete Reise. Das offizielle Begleitbuch
Klett-Cotta, 2012
80 Seiten, gebunden

Dieses Filmbuch eignet sich hauptsächlich für jene, die Tolkiens Roman Der Hobbit nicht gelesen haben. Man kann es als Nachschlagewerk mit Beschreibungen der wichtigsten Figuren, Völker und Schauplätze verstehen. Viele Informationen - vor allem zu den dreizehn Zwergen - ergeben sich durchaus nicht aus dem Film. Genau genommen ist Thorin der einzige Zwerg, dem im Film gebührende Aufmerksamkeit gewidmet wird. Vielleicht auch noch Balin, Dwalin und Bofur. Der Rest rangiert unter "ferner liefen". Diese nicht unerhebliche Lücke wird durch das Begleitbuch geschlossen. Tatsächlich liest man da Einzelheiten und Hintergrundgeschichten, die nicht mal in Tolkiens Roman zu finden sind und vermutlich auf dem Mist der Drehbuchautoren gewachsen sind. Man darf aber keine ausführlichen Abhandlungen erwarten; die Texte bleiben eher oberflächlich und enthalten leider einige (Übersetzungs-)Fehler. Azog wird gar nicht behandelt, vom Großork gibt's kein Bild. Vielleicht waren diese computergenerierten Figuren zum Zeitpunkt der Drucklegung noch nicht fertig?

Es sind zahlreiche großformatige, teils doppelseitige Szenenfotos, eine ausklappbare Karte von Mittelerde und ein paar Detailaufnahmen enthalten, z.B. von den Waffen der Zwerge. Leider ist die Qualität nicht bei allen Bildern gleich gut. Einzelne Fotos sind ziemlich unscharf / grobkörnig oder wurden beim Einfügen in den Text so zugeschnitten, dass Bestandteile fehlen. Insgesamt ist es ein nettes Erinnerungsstück für Fans wie mich, das man gern mal durchblättert und dann für immer ins Regal stellt. (13.02.2013)

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554
Planetenmuster Robert Quint: Die Terranauten - Planetenmuster
Bastei Lübbe, 1982
157 Seiten

Drei Jahre nach dem Zusammenbruch des Konzils der Konzerne werden seltsame Funksprüche aufgefangen, die vom Cosmodrom Vircho-III gesendet werden. Die Raumstation liegt in der Nähe eines Kulminationspunktes der aus Weltraum II eingedrungenen zerstörerischen Energien und wurde schon vor Jahren aufgegeben. Der Terranaut Claude Farrell erhält den Auftrag, das Geheimnis der unverständlichen Botschaften zu enträtseln. Im Cosmodrom stößt er auf einen mit einem Servosessel verwachsenen Mann, bei dem es sich nur um den tot geglaubten Max von Valdec handeln kann. Der ehemalige Diktator der Erde macht Andeutungen, denen zufolge David ter Gorden bei der Suche nach den "Spektren" in ein Paralleluniversum gereist und dort in Gefahr geraten ist. Das Tor zu diesem Universum - die Bruchstelle - befindet sich dem Orakelspruch Max von Valdecs zufolge auf einem Planeten, der eine grüne und eine violette Sonne umkreist.

Mehrere Welten kommen in Betracht. Als Farrell den 3500 Lichtjahre von der Erde entfernten Planeten Calhari untersucht, entdeckt er die Bruchstelle und durchquert sie. Prompt wird sein Organsegler abgeschossen, denn in der alternativen Realität sind die im Standarduniversum längst verschwundenen Grauen Garden an der Macht. Calhari ist ein Geheimstützpunkt der gefühllosen Kriegerkaste. Unter dem Kommando von Queen Sin Hay werden dort AMCS-Roboter für den Kampf gegen die Mushni entwickelt, mit denen das Reich aufgrund der letzten Kolonisierungswelle in Konflikt geraten ist. Vor einigen Tagen ist den Grauen ein Unbekannter in die Hände gefallen, der sieben dieser hochentwickelten Kampfmaschinen innerhalb weniger Sekunden vernichtet hat. Den Grauen ist klar, dass der Mann aus dem anderen Universum gekommen sein muss, und dass die Grauen Garden dort entmachtet sind. Diesen Zustand wollen sie umgehend ändern...

Der Unbekannte ist natürlich niemand anderer als David ter Gorden, dessen alter Ego sich ebenfalls auf Calhari befindet. Und nicht nur das: Auf der Standarduniversum-Version des Planeten leben die Nachkommen eines vor Jahrhunderten abgestürzten Kolonistentransporters. Eine von ihnen, die junge Sayrin, hat die Bruchstelle ebenfalls durchquert, wurde von den Grauen geschnappt und wird zu Davids Helferin. Denn sie besitzt Psi-Kräfte und kann von David mental kontaktiert werden. Wild gewordene Allesfresser-Insekten, vor denen nur psi-begabte Menschen sicher sind, besorgen den Rest. Nehme ich das unerklärt gebliebene Auftauchen Max von Valdecs hinzu und berücksichtige ich, dass sich die Grauen auf ziemlich dämliche Art und Weise selbst mattsetzen, indem sie eine von Claude Farrell mitgebrachte Phiole voller Jin-Sporen öffnen (diese Dinger machen aus Grauen wieder normale Menschen), dann muss ich sagen: Die Abfolge der Ereignisse wurde zwar in sich logisch aufgebaut, aber sie wirkt allzu konstruiert und wegen der vielen Zufälle teilweise unglaubwürdig.

Die Handlung des dritten von 18 Romanen, mit denen die "Terranauten"-Heftserie weitergeführt wurde, scheint noch vor den Ereignissen des letzten Romans (Der grüne Phönix) stattzufinden. Thomas Ziegler alias Robert Quint verlegt die Handlung in ein Paralleluniversum, in dem es die Grauen Garden immer noch gibt. Max von Valdec darf wieder mitmischen, wenn auch nur als Orakel. Der Rückgriff auf die einzigen ernst zu nehmenden Gegner der Terranauten ist zwar reizvoll, aber ich frage mich doch, ob es im Terranauten-Standarduniversum so langweilig ist, dass man in andere Universen ausweichen muss, um Spannung zu erzeugen. Ansonsten gibt's wenig auszusetzen: Ein exotischer Schauplatz, merkwürdige Kreaturen, etwas Action und Sex, außerdem geht es wenigstens ein bisschen voran mit der Serienhandlung. Aber fünf von acht "Spektren" (alternative Versionen David ter Gordens) fehlen noch... (11.02.2013)


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553
Dämliche Dämonen Royce Buckingham: Dämliche Dämonen
Blanvalet, 2009
256 Seiten

Seit dem Tod seines Pflegevaters Raja Dhaliwahl lebt Nathan Grimlock allein in einem alten Fachwerkhaus in Seattle. Ganz allein ist Nate allerdings nicht, denn er teilt das Haus außer dem englischen Schäferhund Belvedere mit einer großen Zahl äußerst merkwürdiger Wesen, die von normalen Menschen nicht wahrgenommen werden können: Dämonen! Ebenso wie sein verstorbener Mentor Dhaliwahl ist Nate ein Dämonenhüter, der dafür zu sorgen hat, dass seine Schützlinge hinter Schloss und Riegel bleiben. Das gilt vor allem für das TIER, ein von unersättlichem Hunger nach Menschenfleisch getriebenes Ungeheuer, das in den tiefen Kellergewölben unter dem Haus eingeschlossen ist.

Drei Monate nach Dhaliwahls Tod ist Nate mit den Nerven am Ende, denn er wird von den Dämonen nicht respektiert. Selbst Pernikus, Nikolai und Flappy, seine dämonischen Gehilfen, sind eher lästig als nützlich. Eines Tages verliebt sich Nate in Sandra Nertz, eine Aushilfs-Bibliothekarin in seinem Alter. Er lässt sich zu einem Date außer Haus überreden. Prompt nutzen zwei jugendliche Herumtreiber die Gelegenheit, bei Nate einzubrechen und das unersetzliche Dämonenhüter-Kompendium zu stehlen. Einer der beiden Tunichtgute befreit versehentlich das TIER und wird gefressen. Der andere flieht mit dem wertvollen Buch, das TIER dicht auf den Fersen. Nate muss das Buch wiederbeschaffen und das TIER einfangen. Er ahnt nicht, dass neues Unheil schon auf dem Weg zu ihm ist. Der geheimnisvolle "Dürre Mann" hat von Dhaliwahls Tod erfahren und will nun selbst die Herrschaft über das Dämonenhaus antreten...

Mir scheint, ich gehöre nicht zur Zielgruppe dieses Romans, der nur der erste in einer ganzen Reihe, in sich aber abgeschlossen ist. Helden im Teenageralter, eine größtenteils auf Pointen abzielende und eher triviale Handlung, ein betont lässig-flapsiger Stil, unzählige Lautmalereien und Inflektive wie in Comic-Sprechblasen... Da wird wohl eine jüngere Generation angesprochen. Die Story kommt mir vor wie eine mit mehreren Verfolgungsjagden und Slapstick-Einlagen aufgepumpte Kurzgeschichte, erst recht, wenn man die große Schrift, die großzügigen Kapitel-Unterteilungen und die Tatsache berücksichtigt, dass der Roman schon auf Seite 222 endet. Der Rest ist eine Leseprobe des nächsten Romans.

Der größte Teil davon ist Exposition. Die drei Hauptfiguren Nate, Richie (der zweite Herumtreiber) und Sandy sind immerhin ganz sympathisch und haben mindestens ebenso große Macken wie Nates so genannte Gehilfen und die anderen, recht phantasievoll ausgedachten Dämonen. Die Beschreibung des von den Dämonen angerichteten Chaos nimmt breiten Raum ein und sorgt für einige amüsante Momente. Allerdings hatte ich schon bald genug von all der Tollpatschigkeit! Der Konflikt mit dem Dürren Mann wird etwas zu schnell und einfach aufgelöst, er wirkt wie nachträglich drangepappt, um der Story wenigstens einen Hauch von Sinn zu geben. Apropos "Sinn": Am Ende habe ich mich gefragt, warum das Haus gehütet werden muss, wenn sich unzählige Dämonen in ganz Seattle herumtreiben. Auf das TIER muss man wohl wirklich aufpassen, aber das Ganze wäre mir sinnvoller vorgekommen, wenn Nate die Aufgabe hätte, freilaufende Dämonen einzufangen, statt sich nur mit ein paar eher harmlosen Viechern einzuschließen. (04.02.2013)


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552
Hohelied des Blutes Anne Rice: Hohelied des Blutes
Goldmann, 2008
430 Seiten

Lestat wünscht sich, ein Heiliger zu sein. Er rettet die todkranke Mona Mayfair, indem er sie zum Vampir macht. Damit erfüllt er den sehnlichsten Wunsch seines vampirischen Freundes Tarquin (Quinn) Blackwood, der Mona liebt. Lestat verliebt sich in Rowan Mayfair, die Leiterin der Klinik, in der Mona bislang behandelt wurde. Von ihr erfährt er den Grund für Monas Siechtum. In der Familie Mayfair schlummert das Erbgut einer fremden Spezies, genannt Taltos. Mona hat eines dieser Wesen, die sich kurz nach der Geburt in Erwachsene verwandeln, zur Welt gebracht, musste dies jedoch mit einer tödlichen Krankheit bezahlen. Das Taltos-Kind (Morrigan) ist kurz nach der Geburt verschwunden. Das Ganze wurde von Onkel Julien eingefädelt, einem Familiengeist der Mayfairs, der neuerdings mit Vorliebe Lestat heimsucht, weil er dessen Liebe zu Rowan nicht billigt.

Nachdem Lestat seinen beiden neuen Schützlingen Quinn und Mona einiges über die vampirische Lebensweise beigebracht hat, macht sich das Trio auf die Suche nach Morrigan. Maharet gibt Lestat per E-Mail den Tipp, auf einer von Drogenbaronen beherrschten Insel nach den Taltos zu suchen. Lestat und seine Schützlinge räumen unter den Gangstern auf und befreien die drei letzten Taltos. Diese beginnen ein neues Leben in der Mayfair-Klinik. Maharet nimmt Mona und Quinn bei sich auf, um ihnen die Kultur der Vampire näherzubringen. Lestat bleibt in New Orleans. Er hätte die Gelegenheit, Rowan zu seinesgleichen zu machen, verzichtet jedoch selbstlos darauf und darf sich einbilden, wahrhaftig zum Heiligen geworden zu sein.

Und das ist praktisch die gesamte, von Anne Rice auf 430 unerträgliche Seiten ausgewalzte Handlung dieses Schundromans. Ich fand ja schon Band 9 der "Chronik der Vampire" ziemlich grenzwertig, um es mal vorsichtig auszudrücken. Aber der zehnte und angeblich (hoffentlich!) letzte Roman der Reihe ist ein derart langweiliger und ärgerlicher Schwulst, dass ich mich - das ist jetzt wirklich nicht übertrieben - immer wieder zwingen musste, das Buch nicht in kleine Fetzen zu zerreißen, sondern tapfer weiterzulesen. Lestats merkwürdiges Streben nach Heiligkeit, seine meist unpassenden Zitate aus dem biblischen Hohelied und ähnliches religiöses Gefasel machen das Ganze nicht besser...

Wenn ausnahmsweise mal etwas geschieht, nachdem die unglaublich schönen, schlauen, starken, geistreichen, charmanten, faszinierenden, entzückenden, reizenden Vampire damit fertig sind, sich gegenseitig anzuschmachten oder sich das untote Leben durch hysterisches Herumgezicke zur Hölle zu machen und anschließend darüber zu lamentieren, wenn endlich alle Einrichtungsgegenstände, Kleidungsstücke und Frisuren (die selbstverständlich allesamt wunderschön, atemberaubend, stilvoll usw. sind) bis ins letzte Detail beschrieben wurden - dann kann man sich darauf verlassen, dass jegliche verschüchtert aufkeimende Spannung sofort durch irgendwelche endlos mäandrierenden Dialoge zerstört wird. Dialoge, die oft auch noch in einer dämlichen Pseudo-Teenie-Sprache geführt werden, sofern sie nicht vor Pathos und Schmalz triefen. Anne Rice schreckt nicht einmal davor zurück, Lautmalereien und Erikative (Aaargh! Kreisch!) zu verwenden. Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass der grauenhafte Stil der deutschen Übersetzung geschuldet ist.

Diese ebenso belanglose wie beliebige Story, die in einem in sich schon unbefriedigenden und einfach nur lächerlichen Happy End gipfelt, soll den Abschluss der Chronik der Vampire bilden? Wäre ich ein Fan dieser Serie, dann würde ich mir jetzt ziemlich veräppelt vorkommen! (29.01.2013)


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551
Dr. Impossible schlägt zurück Austin Grossman: Dr. Impossible schlägt zurück
Knaur, 2009
397 Seiten

Auf der Erde leben 1686 Wesen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Viele wissen gar nicht, dass sie übermenschliche Kräfte besitzen, können keinen Gebrauch davon machen oder treten nicht in Erscheinung. Alle anderen verteilen sich auf zwei Gruppen, die sich permanent gegenseitig bekämpfen: Superhelden und Superschurken. Zur letzteren gehört Dr. Impossible, klügster Mensch der Welt und Entdecker der Zeta-Energie. Die in der Schulzeit erlittenen Demütigungen kompensiert er seit einem Laborunfall, infolge dessen seine Körperkraft und Widerstandsfähigkeit enorm zugenommen haben, mit Welteroberungsplänen. Seine Nemesis ist CoreFire, ein unbesiegbarer Superheld, den Dr. Impossible einst selbst erschaffen hat. CoreFire vereitelt einen Plan Dr. Impossibles nach dem anderen und schickt ihn immer wieder ins Gefängnis. Doch es gibt keine Zelle, die Dr. Impossible lange halten könnte.

Als CoreFire eines Tages spurlos verschwindet, bricht Dr. Impossible wieder einmal aus. Die "Champions", eine früher von CoreFire angeführte Superheldengruppe, müssen sich neu formieren, denn sie gehen zu Recht davon aus, dass Dr. Impossible umgehend eine neue Strategie zur Eroberung des Planeten aushecken wird. Um eine Kameradin zu ersetzen, die ihr Leben vor einiger Zeit beim Kampf gegen außerirdische Invasoren verloren hat, rekrutieren die Champions ein neues Teammitglied: Eine junge Frau, die nach einem schrecklichen Unfall in eine Kampfmaschine umgewandelt wurde, dabei jedoch alle Erinnerungen verloren hat und sich seitdem "Fatale" nennt. Es ist nicht einfach für Fatale, ihren Platz in der Gruppe zu finden, zumal die Champions in sich zerstritten sind.

Währenddessen ist Dr. Impossible bereits dabei, verschiedene Objekte zu beschaffen, die er für sein bisher größtes Projekt benötigt: Die ultimative Weltuntergangsmaschine...

Dieser köstliche Roman kann es locker mit den phantastischsten Superheldengeschichten aufnehmen und ist ebenso sehr Hommage, wie er dieses Genre persifliert. Bei allem Humor bleibt der Grundton ernst. Wer eine auf Gags getrimmte Satire erwartet, wäre enttäuscht. Dr. Impossible ist zum Beispiel keine Witzfigur, sondern ein ernstzunehmender, gefährlicher Gegner, der nur leider manchmal den (ihm selbst unverständlichen) Drang verspürt, Geheimpläne auszuplaudern, um seine Gegner zu beeindrucken, oder diabolisches Gelächter auszustoßen. Die Superhelden wiederum haben an diversen Neurosen zu knabbern oder nutzen ihre Popularität, um eigene Produkte zu vermarkten. Dr. Impossibles Größenwahn sowie seine Vorliebe für prächtig verzierte Waffen, bunte Capes und monströse Maschinen haben mich an Imperator Ming aus dem Film Flash Gordon (1980) erinnert. Auf der anderen Seite nehmen die persönlichen Probleme der Champions breiten Raum ein, vor allem die der Cyborg-Frau Fatale. Diese Figur weist Parallelen mit Lila Black in den Romanen von Justina Robson auf. Während Dr. Impossible immer wieder auf seine Entstehungsgeschichte, die besondere Beziehung zu CoreFire und die früheren Welteroberungsversuche zurückkommt, wird am Beispiel von Fatale verdeutlicht, welche Schwierigkeiten man als angehender Superheld hat, denn das ist schließlich kein Ausbildungsberuf.

Die Kapitel werden abwechselnd von Dr. Impossible und Fatale wie innere Monologe in der Ich-Perspektive erzählt. Dabei werden immer wieder Rückblicke und Abweichungen eingeflochten, in denen es um die Vergangenheit der Schurken, der Champions und ihrer Vorgänger-Organisation ("Super Sqadron") geht. Bei diesem ständigen Wechsel geht der Überblick manchmal ein wenig verloren, d.h. ich wusste nicht immer, wie die gerade geschilderten Ereignisse zeitlich einzuordnen waren. Aber die bunte Palette von Helden und Schurken mit den absonderlichsten Superkräften, die packende Action, das Spiel mit genretypischen Klischees und der lässige Erzählstil machen solch winzige Mängel mehr als wett. Ich könnte mir eine Verfilmung sehr gut vorstellen, und ich hoffe auf eine baldige Fortsetzung. Denn so viel kann ich verraten: Die Welt wird in diesem Roman nicht erobert, aber Dr. Impossible gibt niemals auf! (22.01.2013)


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