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Dies ist der dreizehnte Teil einer Übersicht meiner Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



650
Die Päpstin Donna W. Cross: Die Päpstin
Aufbau Verlag, 2009
544 Seiten

Als Karl der Große, erster Kaiser seit dem Untergang des römischen Imperiums, im Jahre 814 stirbt, hat das fränkische Reich seine größte Ausdehnung erreicht. In den folgenden Jahrzehnten wird die Macht infolge der Auseinandersetzungen unter Karls Erben schwinden, doch noch wird Europa vom Frankenreich dominiert. In den Küstenregionen kommt es immer wieder zu Überfällen durch die Normannen, die entlang der Flüsse tief ins Reich hinein vorstoßen. Die heidnischen Sachsen wurden dagegen nach blutigen Kriegen größtenteils christianisiert. Wunder- und Aberglaube sind jedoch nicht nur beim ungebildeten einfachen Volk noch mindestens ebenso weit verbreitet wie die christliche Religion. Kaum jemand hat Zugang zu irgendeiner Art von Bildung. Lesen und schreiben können die wenigsten. Die Lehrmethoden der Klosterschulen sind einseitig, denn Dogmen sind wichtiger als Logik, und das aus der Antike überlieferte Wissen wird als unchristlich verdammt. Das trägt mit dazu bei, dass die Lebenserwartung aufgrund praktisch nicht vorhandener medizinischer Versorgung und Hygiene sehr gering ist. Für Frauen ist dies ein besonders dunkles Zeitalter. Sie werden als unterlegen und minderwertig betrachtet, haben keine Rechte und sind praktisch Eigentum ihrer Ehemänner, die mit ihnen nach Belieben verfahren dürfen.

Im Jahr von Kaiser Karls Tod kommt Johanna in Ingelheim als Tochter eines Dorfpriesters und einer sächsischen Frau zur Welt, die noch dem Glauben an die alten germanischen Götter anhängt. Johanna wird von ihrem Vater verachtet und misshandelt, erst recht, als sich herausstellt, dass sie sehr intelligent ist und nach Wissen strebt. Trotz aller Widerstände lernt Johanna heimlich das Lesen. Eines Tages ist der gelehrte Kirchenmann Aeskulapius bei Johannas Vater zu Gast. Das gewitzte Mädchen gefällt ihm. Er unterrichtet sie und ihren bei weitem nicht so begabten Bruder Johannes, muss aber nach einiger Zeit abreisen. Zum Abschied schenkt Aeskulapius Johanna ein Buch in griechischer Sprache. Als ihr Vater verlangt, dass sie den seiner Meinung nach heidnischen Text vernichtet, weigert sie sich. Daraufhin schlägt ihr Vater sie fast tot. Auf Betreiben ihres Mentors wird Johanna vom Bischof nach Dorstadt berufen, wo sie in der Domschule studieren soll. Der Dorfpriester akzeptiert dies nicht – Johannes soll anstelle seiner Schwester in der Scola aufgenommen werden. Damit ist für Johanna der Moment der Entscheidung gekommen. Sie flieht aus ihrem Elternhaus und gelangt schließlich gemeinsam mit ihrem Bruder nach Dorstadt.

Johanna hat es schwer, sich in der Männerwelt durchzusetzen, denn eine gebildete Frau wird als widernatürlich und gefährlich betrachtet. Johanna wird auf dem Gut des Markgrafen Gerold untergebracht, eines fortschrittlich denkenden Mannes, der Johanna schützt und fördert. Die beiden verlieben sich ineinander, was Gerolds Frau Richild nicht verborgen bleibt. In Gerolds Abwesenheit arrangiert Richild die Zwangsheirat Johannas. Doch dazu kommt es nicht. Normannen überfallen Dorstadt und richten ein Gemetzel an. Johanna überlebt und flieht in der Kleidung ihres Bruders nach Fulda. Dort gibt sie sich als Mann aus und tritt unter dem Namen Johannes Anglicus ins Kloster ein. Sie macht damit den ersten Schritt auf einem Weg, der sie schließlich nach Rom und auf den Papstthron führen wird…...

Hat es die Päpstin Johanna wirklich gegeben? Diese Frage wird von der Autorin im Nachwort für meinen Geschmack etwas zu einseitig behandelt. Die von ihr vorgebrachten Beweise sind eher schwach und durch neuere Erkenntnisse teilweise schon widerlegt. Die Annahme, dass die katholische Kirche jede erdenkliche Anstrengung unternommen hätte, alle echten Beweise für die Existenz eines weiblichen Papstes zu vernichten oder zu verstecken, ist jedoch sicher nicht falsch. Und zumindest steht wohl fest, dass es die Legende von Päpstin Johanna schon im Mittelalter gegeben hat. Die Autorin hält sich eng an diese Überlieferung, außerdem verarbeitet sie viele historische Fakten wie die Erbfolgekriege der Karolinger, den Angriff der Sarazenen auf Rom, die Geschehnisse während der Amtszeiten verschiedener anderer Päpste und so weiter. Allerdings ist der weitaus größte Teil des Romans mit Johannas Herkunft und Werdegang frei erfunden.

Und gerade dieser Teil ist natürlich der Kern des Romans, den ich als unterhaltsames, aber nicht besonders anspruchsvolles Lesefutter bezeichnen möchte. Johannas Martyrium im Elternhaus, ihr scharfer Verstand und der immerwährende Hunger nach Wissen, all die Hindernisse, die sie zu überwinden hat, um sich durchzusetzen, ihre Liebe zu Gerold und ihre innerliche Zerrissenheit – das ist eine gute Story mit einer starken Hauptfigur. Die Zeit von Johannas Papsttum wird dagegen ziemlich schnell abgehandelt. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit die Lebensumstände, die Denkweise der Menschen und viele andere Aspekte historisch korrekt sind, aber wie dem auch sei: Cross zeichnet ein interessantes Bild des frühen Mittelalters und erschafft lebendige (wenn auch manchmal etwas eindimensionale) Figuren, wobei Johanna fast schon wieder zu "modern" wirkt.

Diese Ausgabe des historischen Romans ist ein voluminöses Buch mit zahlreichen Abbildungen. Das sind mittelalterliche Buchmalereien, Gemälde, Fresken, einzelne Seiten aus Handschriften usw., die thematisch zum Romangeschehen passen oder im jeweiligen Kapitel vorkommende historische Persönlichkeiten zeigen. (23.12.2014)


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649
Monument der Titanen Andreas Weiler: Monument der Titanen
Bastei Lübbe, 1984
154 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Kosmisches Labyrinth

David ter Gorden hat den Konnexkristall zurückgewonnen und wurde zum Versteck der letzten 17 Lauteren Gabenspender geführt. Diese sehen in David einen Erlöser, der ihnen im Kampf gegen den Dunklen Herrscher Djunath beistehen wird. Um seine Aufgabe zu erfüllen und die letzten Spektren in sich aufzunehmen, muss David die Weltenbäume von Djunaths Kontrolle befreien. Nur dann können er und seine Begleiter nach Hause zurückkehren.

Doch in Gilco hat sich ein Keimling des Vielgestalters festgesetzt, der ihn nun kontrolliert. Er tötet Yronne und aktiviert eine Transitschleife. Diese Objekte bilden eine Art Transmitternetz, das die Bereiche der Welt "Ohne Grenzen" miteinander verbindet. Gilco zwingt David und Narda, das Portal zusammen mit ihm zu durchschreiten. Der Dunkle Herrscher dringt später ins Versteck der Lauteren Gabenspender ein, um diese zu versklaven. Er nimmt die Malachittränen an sich, die er zur Vervollständigung des Mosaiks benötigt. Eine fehlt, Gilco hat sie an sich genommen. Der von ihm in Gang gesetzte Transfer verläuft unkontrolliert. Gilco, David und Narda werden in einen isolierten Bereich der Welt "Ohne Grenzen" versetzt, von dessen Existenz selbst Djunath bisher keine Kenntnis hatte und auf den der Dunkle Herrscher nicht zugreifen kann. Jetzt jedoch erkennen sowohl Gilco als auch Djunath, dass dieser Bereich der Weg ist, über den man Davids Kosmos erreichen kann. Das isolierte Land ist die Heimstatt des Letzten Konstrukteurs. Dieser hat vor langer Zeit alle Zugänge versiegelt. Gilco will den Konstrukteur mit Davids Hilfe wecken und zur Öffnung der Zugänge zwingen. Dann wäre Djunaths Macht grenzenlos.

Nayala wurde von ihren Freunden getrennt und in die Schwimmende Stadt der Böenreiter gebracht. Ein Verflucher wird auf sie aufmerksam, als sie Magie nutzt, um ein krankes Orgalla-Kind zu behandeln. Er nimmt Nayala gefangen, belegt sie mit einem Zuwendungsbann und vergewaltigt sie. Es gelingt Nayala, den Verflucher zu töten und zu fliehen. Auch sie nutzt eine Transitschleife und wird ebenfalls in die isolierte Region geschleudert. Dort begegnet sie dem Neutrumjünger Tirion. Das Volk dieses geschlechtslosen Wesens verehrt das so genannte Monument der Titanen. Seit Generationen versuchen die Neutrumjünger vergeblich, die Monumentschwelle zu überwinden und zum schlafenden Titanen zu gelangen. Tirion hatte beinahe Erfolg, wurde aber im Monument mit einer bedrohlichen Wesenheit konfrontiert und durch eine Art Dimensionsportal geschleudert. Er muss jetzt so schnell wie möglich zum Monument zurückkehren. Aufgrund des Zuwendungsbannes ist Nayala gezwungen, Tirion zu lieben. Durch die Nähe zu der Frau beginnt sich Tirion in einen Mann zu verwandeln - aber nur ein Neutrum kann die Schwelle überqueren...

Meiner Kurzkritik zu "Kosmisches Labyrinth" habe ich nur wenig hinzuzufügen. Der zweite Band der Trilogie ist ein typischer Mittelteil. Man erhält ein paar Informationen, aber es geschieht nichts Entscheidendes. Dass Djunath ein Spektrum ist, haben wir ja schon im letzten Roman erfahren. Tirion ist ein weiteres Spektrum. Das Zusammentreffen Nayalas mit dem Neutrum, die Versetzung aller Protagonisten in denselben abgeschotteten Bereich der Welt "Ohne Grenzen" und so weiter - das alles wirkt viel zu konstruiert, um noch irgendwie glaubwürdig zu sein. Immer wieder ist von jemandem die Rede, der als "Der Falsche" bezeichnet wird. Dieser Jemand scheint viel mächtiger zu sein als Djunath und feilt im Hintergrund zusammen mit dem Mosaik an irgendeinem teuflischen Plan, den David zweifellos im dritten Band vereiteln wird. Klischees ohne Ende.

Obige Zusammenfassung der von A bis Z vorhersehbaren Handlung ist nur deshalb so lang geraten, weil der Autor viele Seiten des an sich ziemlich dünnen Bandes mit Beschreibungen füllt, aber wenig Substanz bietet. Weil ständig bedeutungsschwangere Andeutungen gemacht werden, aber wenig Inhalt zu finden ist. Und weil der Roman mit ungewöhnlichen Ideen/Mini-Subplots/Nebenfiguren nur so vollgestopft ist, von denen aber so gut wie nichts richtig ausgearbeitet wurde. Ich will nicht behaupten, dass ich mich bei der Lektüre gelangweilt hätte, aber ich hatte recht oft das Gefühl, nur das Exposee für einen viel längeren Roman vor mir zu haben. Ich hatte mir das Ziel gesetzt, alle Terranauten-Romane zu lesen. Ich fürchte, dass ich das nicht durchhalten werde. Mit dem dritten Band der Trilogie wird erst einmal Schluss sein! (15.12.2014)


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648
Selbstbetrachtungen Marcus Aurelius Antonius: Selbstbetrachtungen
Kindle Edition

Marcus Aurelius Antonius (Mark Aurel), römischer Kaiser von 161 bis 180 n.Chr., war Stoiker. Seine im Feldlager während der Germanenfeldzüge (siehe Ridley Scotts Kinofilm Gladiator) verfassten Selbstbetrachtungen sind Ausdruck dieser Lehre. Es handelt sich nicht etwa um eine Autobiografie, sondern um eine Sammlung von Lehrsätzen und Anleitungen zu geistigen Übungen, die es dem Leser ermöglichen sollen, im Einklang mit der Philosophie der Stoiker zu leben und zu erkennen, wann man von diesem Weg abweicht. Der Stoa zufolge ist alles mit allem harmonisch verbunden und unterliegt einem ordnenden universellen Prinzip. Als Stoiker strebt Marcus Aurelius unter anderem danach, seine sich aus diesem Prinzip ergebenden Pflichten gegenüber Staat und Mitmenschen zu erfüllen, Mäßigung in allen Dingen zu üben, jeden Tag so zu leben, als ob es der letzte wäre, und seine Gefühle zu beherrschen. Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang die sich aus den Lehrsätzen ergebenden Einblicke ins Alltagsleben eines Römers, denn Gelassenheit und Selbstbeherrschung wurden offenbar auch damals, als es weder die Deutsche Bahn noch Handynarren gab, schon auf eine harte Probe gestellt... (08.12.2014)

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647
Im Schutz des Paladin Rüdiger Schäfer: Im Schutz des Paladin
Fanpro, 2010
310 Seiten

Im 32. Jahrhundert wird das Solare Imperium der Terraner durch autonome Sternenreiche bedroht, die teilweise aus terranischen Kolonien hervorgegangen sind. Machtblöcke wie der Carsualsche Bund und die Zentralgalaktische Union (ZGU) weiten ihre Macht aus und konkurrieren mit Terra. Die United Stars Organisation (USO), ein von Lordadmiral Atlan geleiteter und größtenteils von Terra finanzierter Geheimdienst, trägt als "Galaktische Feuerwehr" zum Schutz des Solaren Imperiums bei. Vor zehn Jahren haben Atlan und die mit Psi-Kräften ausgestattete Attentäterin Trilith Okt gemeinsam gegen Malotuffok gekämpft, einen Navigator aus dem Volk der Illochim. Die Illochim haben vor Jahrtausenden in der Milchstraße Arrachieda abgebaut, ein Erz, aus dem die Droge Sheed hergestellt werden kann. Die Illochim haben sich weitgehend von der galaktischen Bühne zurückgezogen. Nach dem Ende Malotuffoks war der Kontakt zu Trilith Okt abgebrochen. Auch das gesamte Volk der Hohrugks war spurlos verschwunden.

Im Juni 3114 erhält Atlan die Nachricht, Trilith Okt sei auf Ertrus gesehen worden, der Hauptwelt des Carsualschen Bundes. Atlan reist inkognito dorthin, um sich mit der Psi-Kämpferin zu treffen, wird aber von einer mächtigen Untergrundorganisation gefangen genommen, deren Oberhaupt wegen eines geplatzten Howalgonium-Deals eine Rechnung mit Trilith offen hat. Atlan begreift, dass er als Köder benutzt wurde, als die Psi-Kämpferin erscheint und die Organisation ausradiert. Trilith befreit Atlan und führt ihn zu ihrem Raumschiff GAHENTEPE. Vom sterbenden Malotuffok hat sie seinerzeit erfahren, dass sie ein "Schemawesen" ist, das für die Suche nach den Hohrugks erschaffen wurde. Es ist ihr gelungen, ein solches Wesen aufzuspüren. Es handelt sich um ein hochschwangeres Weibchen namens Jamanastan, das nach eigener Aussage schnellstmöglich zu einem gewissen Innis gebracht werden muss, um gebären zu können. Trilith will Jamanastan diesen Wunsch erfüllen, weil sie hofft, auf diese Weise mehr über sich selbst zu erfahren. Atlan soll ihr dabei helfen. Der Arkonide willigt unter der Bedingung ein, dass er den Paladin II mitnehmen darf. Der vier Meter große Kampfroboter mit der Körperform eines Haluters wird von den sechs nur handspannengroßen Siganesen des Thunderbolt-Teams gesteuert, die sich in seinem Inneren aufhalten.

Den recht ungenauen Anweisungen Jamanastans folgend erreicht die GAHENTEPE ein Doppelsonnensystem, in dem ein Sphärenrad der ZGU schwebt. Das Raumschiff ist menschenleer. Bei der Erkundung wird festgestellt, dass die Besatzung durch einen unbekannten Einfluss schlagartig aufgelöst wurde. Die Reise geht weiter zum Planeten Charastinte. Atlan, Trilith und der Paladin dringen in das Tunnelsystem des Planeten ein, denn dort muss sich Innis aufhalten. Tatsächlich werden sie - oder vielmehr Jamanastan - von ihm bereits erwartet...

Dies ist der erste Band der "Marasin"-Trilogie. Innerhalb der Atlan-Serie, die wiederum ein Ableger der Perry Rhodan-Serie ist, bilden diese drei Romane die Fortsetzung zweier älterer Trilogien, nämlich Rudyn und Illochim, so dass es sich nicht empfiehlt, die "Marasin"-Romane zu lesen, ohne die Vorgeschichte zu kennen. Wenn ihr mehr Informationen haben wollt, ist die Perrypedia eine gute Adresse. Für komplette Handlungszusammenfassungen inklusive Zyklus-Überblick, wie ich sie früher geschrieben habe, fehlt mir heute leider die Zeit.

Zum ersten Band der "Marasin"-Trilogie könnte ich im Prinzip dasselbe sagen wie zum letzten "Illochim"-Roman. Das Buch ist angenehmes Lesefutter, kommt mir im Nachhinein betrachtet aber um mindestens 100 Seiten zu dick vor. Das liegt vor allem an zwei eingeschobenen Rückblicken. Einmal Triliths Erlebnisse auf Ertrus, die dazu führen, dass Atlan dorthin reist. Die Psi-Kämpferin rasselt in einem Gasthaus mit Schergen der Untergrundorganisation zusammen. Man bekommt einige Kapitel mit Kämpfen geboten, durch die Triliths Fähigkeiten veranschaulicht werden, außerdem erfährt man, dass es dem Schemawesen aus unbekannten Gründen nicht gut geht. Aber all das folgt später, nach dem Zusammentreffen mit Atlan, noch einmal. Dieser Rückblick war also unnötig. Dann die sehr ausführlichen Tagebucheinträge dreier Besatzungsmitglieder des Sphärenrad-Geisterschiffes. Die drei Menschen sitzen auf einem Eisplaneten fest und verhungern. Diese Situation wird durchaus eindringlich vermittelt, ist letztlich aber irrelevant und wirkt wie ein Fremdkörper.

Hinzu kommen noch zahlreiche Kapitel, die aus dem Blickwinkel eines Dandels namens Consainee Nottify erzählt werden. Dandels sind zwei Meter lange Wurmwesen, die in den Kavernen Charastintes leben. Consainee Nottify beobachtet, wie Atlan und seine Begleiter in die Kavernen vordringen. Er hält sie für Dämonen und erhält den Auftrag, sie zu vernichten, muss letztlich aber mit ihnen zusammenarbeiten, um den Untergang seiner Welt zu verhindern. Nette Nebenhandlung, aber ich hätte denn doch lieber etwas über die Illochim und Trilith gelesen. Aus keinem anderen Grund habe ich die "Marasin"-Romane überhaupt gekauft. Ich wollte endlich wissen, was es mit all dem auf sich hat! Das folgt hoffentlich noch in den nächsten beiden Romanen.

Das mit dem Titel gegebene Versprechen wird immerhin eingelöst: Der Roman enthält viele schöne Kapitel mit dem Paladin und dem Thunderbolt-Team. Die Leistungsfähigkeit des legendären Kampfroboters und die Eigenheiten der siganesischen Steuermannschaft werden gut rübergebracht. (02.12.2014)


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646
Das Buch der Feiertage Gene Wolfe: Das Buch der Feiertage
Heyne, 1986
288 Seiten

Diese Kurzgeschichtensammlung enthält 18 Storys und eine Einleitung von Gene Wolfe. Die Geschichten wurden so gewählt, dass sie thematisch zu Feiertagen aus dem US-amerikanischen Kalender passen. Dabei werden auch Tage berücksichtigt, die nicht in allen Staaten der USA Feiertage sind, zum Beispiel Lincolns Geburtstag. Diesem Tag wurde die Geschichte Die Rückkehr der Peitsche zugeordnet. Darin geht es um die Wiedereinführung der Sklaverei. Ein Strafgefangener kostet den Staat durchschnittlich fünftausend Dollar im Jahr. Deshalb soll die Hälfte aller Gefängnisinsassen für diesen Pro-Kopf-Preis an private Eigentümer verliehen werden. Die Protagonistin soll dazu bewegt werden, dieser Idee zuzustimmen. Das soll ihr mit einem besonderen Angebot schmackhaft gemacht werden; ihr Mann sitzt im Gefängnis. Witzig an dieser Story ist, dass sich der Autor in seiner Vision der Zukunft ein wenig vertan hat. In der Geschichte gibt es die katholische Kirche praktisch nicht mehr, die UdSSR existiert aber noch! In der Geschichte Von Relais und Roten Rosen (Valentinstag) muss sich der Repräsentant einer Firma, die ein Computerprogramm entwickelt hat, mit dem der perfekte Ehepartner für jeden Menschen gefunden werden kann, vor Gericht verantworten. Mit dieser Dienstleistung, so meinen die Kläger, wird die Wirtschaft geschädigt, denn es gibt nun keine frustrierten Ehegatten mehr, die sich ganz in die Arbeit stürzen, um der häuslichen Hölle zu entkommen - ganz zu schweigen von den vielen Brautkleidern, die nicht verkauft werden, weil sich niemand mehr scheiden lässt!

Die Storys sind sehr abwechslungsreich, teilweise ziemlich schwarzhumorig, oft gesellschaftskritisch. Manche lassen sich dem Science-Fiction-Genre allerdings nur schwer zuordnen. St. Brandon (St. Patrick's Day) zum Beispiel liest sich eher wie ein irisches Volksmärchen und in Ein Artikel über die Jagd (Opening Day) konnte ich überhaupt keine Elemente der Phantastik finden. Wie ich den Zweiten Weltkrieg verlor und mithalf, die deutschen Invasoren zurückzuwerfen (Memorial Day) ist dagegen eine klassische Alternativweltgeschichte. Der Zweite Weltkrieg findet nur in Form eines Brettspiels statt und Hitler versucht Europa durch die Markteinführung des neuen Volkswagens wirtschaftlich zu erobern, scheitert aber an einem cleveren Journalisten namens Winston Churchill! Die mit Abstand längste Story trägt den Titel Forlesen (Labor Day) und ist eine ebenso bissige wie kafkaeske Abrechnung mit dem "American Way of Life" Ein Mann erwacht ohne Erinnerungen, findet eine Liste mit Anweisungen für sein Leben, und verrichtet von diesem Tag an sinnlose Tätigkeiten in einer Firma, in der anscheinend überhaupt nichts hergestellt wird. Nach einiger Zeit wird er einer anderen Verwendung zugeführt, muss zu diesem Zweck aber erst einmal sterben...

Insgesamt wird eine sehr schöne Zusammenstellung von Storys geboten, denen man nur selten anmerkt, dass sie alle viel älter als 30 Jahre sind. (25.11.2014)

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645
Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Dumont, 2014
318 Seiten, gebunden

Tsukuru Tazaki hält sich für einen farblosen Durchschnittstypen ohne besondere Eigenschaften. Umso wichtiger ist es für ihn, an der Oberschule in seiner Heimatstadt Nagoya Teil einer verschworenen Clique zu sein. Die ungewöhnlich enge Freundschaft mit Kei Akamatsu, Yoshio Oumi, Eri Kurono und Yuzuki Shirane (in die er heimlich verliebt ist) bleibt bestehen, als Tsukuru nach Tokio zieht, um dort zu studieren. Eines Tages brechen die vier Freunde ohne Angabe von Gründen jeglichen Kontakt zu Tsukuru ab. Sie lassen sich verleugnen und geben ihm unmissverständlich zu verstehen, dass sie ihn nie wieder sehen wollen. Durch dieses Trauma wird Tsukuru an den Rand des Selbstmords getrieben. Nur schwer überwindet er diese Phase und ist danach buchstäblich ein anderer Mensch.

Sechzehn Jahre später arbeitet Tsukuru als Ingenieur für eine Eisenbahngesellschaft und hat somit seinen Lebenstraum verwirklicht. In der zwei Jahre älteren Sara Kimoto glaubt er die Frau seines Lebens gefunden zu haben. Sara ist jedoch der Meinung, dass sein zwar lange zurückliegendes, aber noch immer nicht aufgearbeitetes Trauma zwischen ihnen steht. Sie ermutigt Tsukuru, seine ehemaligen Freunde aufzusuchen und sie nach dem Grund für die Trennung zu fragen. Sara beteiligt sich selbst daran, indem sie ermittelt, wo Kei, Yoshio und Eri jetzt leben. Da Tsukuru Sara nicht verlieren will, lässt er sich auf die Sache ein. Doch auf das, was ihm seine alten Freunde erzählen, ist er trotz allem nicht vorbereitet.

Nach Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt und dem dreibändigen Mammutwerk 1Q84 ist dies mein dritter Roman Haruki Murakamis. Wie immer war ich bei der Lektüre gleichzeitig fasziniert und ratlos. In den beiden genannten Romanen überwog die Faszination wegen der Verquickung von Elementen der Phantastik mit dem realen japanischen Alltagsleben. In manchen Rezensionen wird das als "magischer Realismus" bezeichnet. Dieses Element fällt diesmal fast völlig weg. Allenfalls könnte man auf die Idee kommen, dass Tsukurus Träume möglicherweise - oder auch nicht - Einfluss auf die Realität nehmen. Fasziniert hat mich aber erneut Murakamis Fähigkeit, Stimmungen und Emotionen mit einer sachlichen, irgendwie distanzierten Erzählweise zu vermitteln.

Somit bleibt nur noch die Ratlosigkeit übrig. Aber nicht etwa, weil die Handlung unverständlich wäre. Im Gegenteil! Die Geschehnisse mögen tragisch sein, sie wirken aber auch banal. Das gilt erst recht für die oft irgendwie gekünstelt wirkenden Dialoge. Das ist aber nur mein persönlicher Eindruck - ich fürchte, es ist mir einfach nicht gelungen, die Meta-Ebene, also die eigentliche Botschaft des Romans zu erkennen. Weder habe ich begriffen, welche Bedeutung die Farben der vier Freunde und Tsukurus "Farblosigkeit" haben, noch verstehe ich Tsukurus Beziehung zu einem Studienfreund, die ich in obiger Kurzzusammenfassung nicht erwähnt habe. Zudem hat die Geschichte keinen echten Schluss! Es bleibt dem Leser überlassen, sich auszumalen, wie alles enden wird. (17.11.2014)


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644
Verblendung Stieg Larsson: Verblendung
Heyne, 2007
688 Seiten

Im Jahre 1966 verschwindet die sechzehnjährige Harriet Vanger auf der schwedischen Insel Hedeby spurlos. Der Fall wird nie aufgeklärt. Für ihren Großonkel Henrik Vanger, Besitzer eines der größten Firmenimperien des Landes, war Harriet wie eine eigene Tochter. Er geht davon aus, dass Harriet ermordet wurde. In den nächsten Jahrzehnten ermittelt Vanger wie besessen auf eigene Faust, kommt aber zu keinem Ergebnis. Vanger braucht einen Helfer, der nur für ihn arbeitet und entsprechend motiviert ist. In Mikael Blomkvist, Wirtschaftsjournalist und Mitinhaber der Zeitschrift "Millenium", findet Vanger einen geeigneten Kandidaten. Blomkvist hat sich mit dem Großindustriellen Hans-Erik Wennerström angelegt und diesem in einem Zeitschriftenartikel kriminelle Machenschaften vorgeworfen. Blomkvist konnte seine Behauptungen jedoch nicht beweisen und wurde wegen übler Nachrede zu einer hohen Schadensersatzleistung und drei Monaten Haft verurteilt. Dadurch ist "Millenium" in große Schwierigkeiten geraten.

Mit dem Angebot, belastendes Material gegen Wennerström zu liefern und die Zeitschrift zu retten, hat Vanger ein äußerst wirksames Lockmittel in der Hand. Blomkvist soll außerdem ein saftiges Honorar erhalten und zur Tarnung an einer Familienchronik der Vangers arbeiten. Blomkvist siedelt für ein Jahr in ein Gästehaus auf Hedeby über und arbeitet den Fall neu auf. Der Kreis der Verdächtigen ist überschaubar, denn zum Zeitpunkt von Harriets Verschwinden war die einzige Brücke, über die man die Insel erreichen oder verlassen kann, wegen eines schweren Unfalls unpassierbar. Vanger geht davon aus, dass kein Fremder hinter der Sache steckt, sondern ein Familienmitglied. Als Blomkvist tiefer zu graben und unangenehme Fragen zu stellen beginnt, stellt er fest, dass Vanger guten Grund zu dieser Annahme hat, denn in der Familie gibt es viele dunkle Geheimnisse. Und irgendjemand möchte, dass diese Geheimnisse im Dunkeln bleiben - Blomkvist wird bedroht.

Unerwartete Hilfe erhält Blomkvist von Lisbeth Salander, einer Hackerin, die für eine Sicherheitsfirma arbeitet und von Vangers Anwalt beauftragt wurde, Blomkvists Hintergrund zu durchleuchten. Blomkvist erfährt durch Zufall davon, lässt sich Salanders über ihn erstelltes Dossier geben und ist so beeindruckt von der Leistung der jungen Ermittlerin, dass er sie kurzerhand engagiert. In den nächsten Monaten entwickelt sich zwischen den beiden eine ganz besondere Beziehung. Gemeinsam decken sie die grausigen Hintergründe von Harriets Verschwinden auf und stellen fest, dass der Täter noch immer aktiv ist...

Der erste Band der "Millenium-Trilogie" hat eine in sich abgeschlossene Geschichte. Man muss die Folgebände nicht lesen, um zu erfahren, was wirklich mit Harriet Vanger geschehen ist. Mit einer Ausnahme werden alle Handlungsstränge zum Abschluss gebracht. Dabei ist der Kriminalfall an sich nicht so wahnsinnig spannend. Mir war jedenfalls schon früh klar, wie der Hase läuft. Natürlich macht es Spaß zu lesen, wie Blomkvist in sorgsam gehüteten Familiengeheimnissen wühlt und dabei selbst in Gefahr gerät. Die Auflösung ist ziemlich fies, wirkt aber nicht besonders spektakulär und geht manchmal sogar fast ein bisschen unter. Hinzu kommt nämlich zunächst einmal noch Blomkvists umfangreicher und geradezu liebevoll ausgearbeiteter privater und beruflicher Hintergrund. Die in unsicheres Fahrwasser geratene Zeitschrift "Millenium" und die Wennerström-Affäre sowie Blomkvists Liebesleben sind mindestens ebenso wichtige Handlungsbestandteile wie der Harriet-Fall.

Aber das alles ist nicht der wahre Kern der Sache. Ich würde fast behaupten, dass "Verblendung" nichts weiter ist als die sehr lang geratene Expositionsphase der Hauptfiguren, insbesondere für Lisbeth Salander. Ihre Vergangenheit ist der eine Punkt, in dem der Roman doch nicht hundertprozentig in sich abgeschlossen ist. Die praktisch nur aus Gegensätzen bestehende und so gar nicht dem üblichen Klischee entsprechende Privatermittlerin ist einerseits mit beeindruckenden Eigenschaften gesegnet - sie ist die beste Hackerin Schwedens, hat ein fotografisches Gedächtnis und einen analytischen Verstand, vor dem keine noch so geheime Information sicher ist - kann andererseits aber fast schon als Autistin bezeichnet werden. Lisbeth Salanders soziale Kompetenz ist praktisch nicht vorhanden, sie lässt keinen an sich heran und neigt zu aggressiven Ausbrüchen. Sie lässt sich von niemandem kontrollieren, und wer ihr in die Quere kommt, hat ernste Konsequenzen zu gewärtigen. Die aus ihrem Blickwinkel erzählten Kapitel sind deshalb ganz besondere Highlights.

Ähnlich wie Stephen King nimmt sich Stieg Larsson sehr viel Zeit für die Einführung der Figuren und zur Etablierung der Ausgangssituation. Für meinen Geschmack gibt es zu viele erklärende Kapitel, bis die Sache endlich an Fahrt gewinnt, aber insgesamt macht die vielschichtige Story Lust auf mehr - vor allem wegen der faszinierenden Lisbeth Salander. (11.11.2014)


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643
Sitara und der Weg dorthin Arno Schmidt: Sitara und der Weg dorthin
Fischer, 1998
392 Seiten

Karl May als Person ist ebenso wenig über jeden Zweifel erhaben wie sein Werk. Er war wegen diverser Betrugsdelikte und dergleichen im Gefängnis, sein Eheleben weist den einen oder anderen dunklen Punkt auf. Mit der Behauptung, er sei Old Shatterhand / Kara Ben Nemsi, hat er sich ein gewaltiges Eigentor geschossen. Die meisten seiner Romane folgen dem immer gleichen trivialen Handlungsschema, sind alles andere als stilistische Meisterwerke, enthalten unzählige angelesene oder frei erfundene, meist vollkommen abwegige Details über ferne Länder und strotzen nur so vor moralisierend-religiösen Dialogen sowie pseudophilosophischen Überlegungen. Trotzdem sind Mays Bücher noch heute, über hundert Jahre nach seinem Tod, allgemein bekannt und beliebt. Jeder kennt Winnetou, den edlen Häuptling der Apatschen, jeder liebt Hadschi Halef Omar, die drollig-sympathische Inkarnation aller denkbaren menschlichen Schwächen. Wer war Karl May wirklich? Warum haben seine Geschichten eine derart nachhaltige Massenwirkung?

Angesichts des Untertitels dieses Buches - "Eine Studie über Wesen, Werk & Wirkung Karl Mays" - hatte ich angenommen, diese Fragen würden beantwortet werden (um das Ergebnis vorwegzunehmen: Dem ist nicht so). Da May jemandem wie Arno Schmidt so manche Steilvorlage liefert, war ich auf bissige Bemerkungen eingestellt. Aber ein derart langweiliges, vor Bildungsarroganz und ätzender Häme nur so strotzendes Machwerk hatte ich nicht erwartet. Dabei sind einzelne (leider nur kurze) Abschnitte gar nicht mal uninteressant. Zum Beispiel wenn Schmidt erläutert, welche realen Personen und Geschehnisse sich hinter der Story von Im Reiche des Silbernen Löwen III und IV sowie Winnetou IV verbergen und wie die symbolischen Träume in den ersten beiden genannten Romanen zu deuten sind. Der größte Teil des Buches besteht jedoch aus May-Zitaten, die als Beweis für die Behauptung herangezogen werden, dass der Autor schwul war. Schmidts Theorie zufolge sind sämtliche Landschaftsbeschreibungen bewusste oder unbewusste Darstellungen des Gesäßes oder der Geschlechtsteile. Wenn May Begriffe wie "imposant", "Marsch", "empor" oder andere verwendet, die so ähnlich klingen wie Bezeichnungen für bestimmte Körperteile, dann könnt ihr euch wahrscheinlich vorstellen, was das nach Meinung Schmidts zu bedeuten hat. Klingt abwegig? Das will ich gar nicht beurteilen. Aber ich frage mich: Na und? Warum soll ich mich für Mays Präferenzen interessieren? Und warum braucht Schmidt 300 Seiten mit Text, der größtenteils nicht einmal von ihm selbst stammt, um seine Thesen zu belegen? Das meinte ich mit "langweilig".

Damit hätte ich noch leben können. Was mir ganz übel aufstößt, das ist der Ton, in dem das Ganze gehalten ist. Auf den letzten Seiten schreibt Schmidt, die Arbeit sei ihm zu einer humoristischen geworden. Mit Humor hat das jedoch wenig zu tun, eher mit übler Nachrede und beleidigendem Spott - der sich übrigens nicht nur gegen May richtet, sondern auch gegen seine Leser. Wer Mays Abenteuerromane mag, der ist (Zitate Schmidt) ein "Kindlein" oder ein "Halbmensch", der nicht denken kann. Und natürlich ist der begeisterte Leser aus demselben Grund genauso analfixiert wie May selbst. Ich bin nun wirklich kein May-Apologet, aber das geht mir doch zu weit.

Vielleicht hätte Schmidt den Kopf einfach mal aus der eigenen Ritze herausziehen sollen, um nicht ständig Hinterbacken vor Augen zu haben. Wenn er mit aller Gewalt überall in Mays Texten entsprechende Andeutungen zu sehen vermeint, dann sagt das meiner Meinung nach mehr über ihn aus als über den Gegenstand der Analyse. (04.11.2014)

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642
Der Lustmolch Christopher Moore: Der Lustmolch
Goldmann, 2009
320 Seiten

Durch den Selbstmord ihrer Patientin Bess Leander wird Dr. Valerie Riordan, Psychiaterin in dem Küstenstädtchen Pine Cove, in eine Sinnkrise gestürzt. Val hat in letzter Zeit recht viele Psychopharmaka verschrieben, sich aber nicht wirklich um die Probleme der Menschen gekümmert. Das soll sich jetzt ändern. Kurzerhand bringt sie den Apotheker dazu, alle entsprechenden Medikamente durch Placebos zu ersetzen. Prompt wird die Stimmung in Pine Cove erheblich schlechter, denn ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung ist bei Val in Behandlung. Die einzige Person, die sich hierüber freut, ist Mavis Sand, Besitzerin des "Head of the Slug Saloon", die gerade erst den Bluesgitarristen Catfish Jefferson eingestellt hat, um den Alkoholkonsum anzukurbeln. Über mangelnden Zustrom an depressiven Trinkern kann sie sich jetzt nicht mehr beklagen. Theophilus Crowe, Constable von Pine Cove, kann nicht glauben, dass Bess Selbstmord begangen haben soll. Er setzt sich über die Anweisungen des in einem anderen Ort ansässigen Sheriffs hinweg und ermittelt weiter, wirbelt dabei aber weit mehr Staub auf, als gut für ihn ist.

Zur selben Zeit gelangt radioaktives Material aus dem nahen Atomkraftwerk durch ein winziges Leck in den Ozean. Dadurch wird eine uralte drachenähnliche Kreatur aus jahrzehntelangem Schlaf geweckt. Das Seeungeheuer kann seine Gestalt verändern, hat Hunger auf Menschenfleisch und lockt seine Beute durch den Ausstoß von Pheromonen an. Mehrere Menschen in Pine Cove verschwinden spurlos, gleichzeitig schwappt eine Welle der Lüsternheit über die Stadt hinweg. Als die Kreatur versucht, sich mit einem Tanklaster zu paaren, gibt es eine verheerende Explosion. Molly Michon, ehemaliger Star billiger Scifi-Filme und seit dem Ende ihrer Karriere nicht mehr ganz zurechnungsfähig, beobachtet zufällig, wie sich die verletzte Kreatur in einen Wohnwagen verwandelt, um sich in Ruhe zu erholen. Furchtlos nähert sich Molly dem Wesen (sie nennt es "Steve"), pflegt es gesund und wird von ihm als Partnerin akzeptiert.

Das kann nicht lange gutgehen, zumal Theo mit Hilfe seines Freundes, des Biologen Gabe Fenton, allmählich zu begreifen beginnt, was in Pine Cove wirklich los ist. Außerdem hat Steve eine alte Rechnung mit Catfish offen...

Das fiktive Städtchen Pine Cove ist ebenfalls Schauplatz von Der kleine Dämonenberater und Der törichte Engel. Ersterer Roman spielt einige Jahre vor "Der Lustmolch", letzterer danach. Vielleicht liegt es ja an der besonderen Atmosphäre von Pine Cove oder daran, dass ich einige der im "Lustmolch" agierenden Protagonisten schon kannte - jedenfalls hat mir das Buch noch viel besser gefallen als die genannten Romane! Die Grundidee ist ziemlich abgedreht, aber nicht zu weit hergeholt, und zumindest wird der Versuch einer wissenschaftlichen Erklärung für Steves Eigenheiten gemacht. Ob es wirklich Raubtiere gibt, die sich mit Vorliebe an Lebewesen mit niedrigem Serotoningehalt im Gehirn gütlich tun, weil sich depressive Opfer aufgrund ihrer Todessehnsucht weniger wehren? Keine Ahnung, ist aber auch egal.

Die Figuren sind durch die Bank skurril (um es mal vorsichtig auszudrücken), aber nicht auf eine Weise, die erkennen ließe, dass da jemand auf Teufel komm raus witzig sein wollte. Trotz ihrer diversen Macken bleiben die Bewohner von Pine Cove immer mehr oder weniger in den Grenzen der Glaubwürdigkeit. Vor allem sind sie alle - mit Ausnahme des korrupten Sheriffs, ironischerweise die ernsthafteste und realistischste Figur - ungemein sympathisch. Bizarre, nur sehr selten etwas zotige Situationskomik, Wortwitz und sehr schwarzer Humor, unzählige köstliche Details und eine durchaus stringent erzählte Rahmenhandlung - wenn Moore so schreibt und sich nicht auf Slapstick oder heillose Figurenüberzeichnung verlässt, dann machen seine Storys wirklich Spaß. (27.10.2014)


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641
Winnetou IV Karl May: Winnetou IV
Kindle Edition

Zu Hause in Radebeul erhält der inzwischen über sechzig Jahre alte Schriftsteller und Weltreisende Karl May, im wilden Westen besser bekannt als Old Shatterhand, unerwartete Post. Er wird eingeladen, an einer Beratung aller indianischen Häuptlinge am Mount Winnetou teilzunehmen. Seine Freunde Old Surehand und Apanatschka sowie deren Söhne werden ebenfalls dort erwartet. Von seinem alten Feind Tangua wird May / Old Shatterhand brieflich zum Zweikampf gefordert. Ein weiteres Schreiben kommt von Tatellah-Satah, dem größten noch lebenden Medizinmann und Lehrer Winnetous. Auch er bittet Old Shatterhand dringend zu kommen, verbindet dies aber mit einer Warnung. Angeblich ist man dabei, Winnetous Vermächtnis für immer zu vernichten. Wenig später folgt ungebetener Besuch. Ein gewisser Hariman Enters gibt sich bei May als Verlagsbuchhändler aus, der die Winnetou-Romane in den USA veröffentlichen will. May findet schnell heraus, dass Enters genau das Gegenteil beabsichtigt. Der junge Mann und sein Bruder Sebulon wollen verhindern, dass die Romane jemals in den USA erscheinen, denn sie sind die Söhne Santers, des Mörders Intschu tschunas und Nscho-Tschis. Sie glauben, dass infolge der bösen Taten ihres Vaters ein Fluch auf ihrer Familie liegt. Sie wollen vermeiden, dass die Wahrheit über ihn öffentlich bekannt wird.

May und seine Frau Klara machen sich auf den Weg in den inzwischen gar nicht mehr so wilden Westen. Sie logieren im Clifton-Hotel bei den Niagarafällen, wo sie die Häuptlinge Athabasca und Algonka kennenlernen. Bei der Weiterreise werden sie von Max Pappermann begleitet, einem erfahrenen Westmann, den May von früher kennt. Außerdem schließt sich ihnen der Junge Adler an, ein Blutsverwandter Winnetous, ebenfalls ein Schüler Tatellah-Satahs und erstes Mitglied des von ihm gegründeten Winnetou-Clans, von dessen Existenz May bisher nichts wusste. Einem Rat Tatellah-Satahs folgend begibt sich May zuerst zum Nugget-tsil, wo er das wahre Testament seines Blutsbruders findet. Am Mount Winnetou erfährt May, dass dort eine von den Indianerstämmen finanzierte Stadt sowie ein von den Künstlern Young Surehand und Young Apanatschka entworfenes monumentales Standbild Winnetous entstehen soll. Dass ein solches Denkmal allem widersprechen würde, wofür Winnetou gelebt hat, ist zunächst nicht Mays größte Sorge. Er hat erfahren, dass Tangua und andere Häuptlinge, die Old Shatterhands Tod wünschen, einen Überfall auf die Versammlung planen...

Dieser Roman, auch bekannt als "Winnetous Erben", gehört zu Mays Spätwerk. Erstmals kann May mit Recht behaupten, im "Wilden Westen" gewesen zu sein, denn im Jahre 1908 hat er eine Amerikareise gemacht. Dennoch ist der Roman mindestens ebenso irreal oder womöglich noch abwegiger als die vorherigen "Reiseberichte". May phantasiert von einer großen Zukunft der "roten Rasse", möglich gemacht durch Winnetous Testament und Tatellah-Satahs Lehren. Was eigentlich im Testament steht, erfährt man nicht. Es sind Manuskripthefte mit Winnetous Memoiren, wie's scheint. Nach einigen Leseabenden sind Freund und Feind so tief ergriffen, dass sie den Irrsinnsplan, eine Kolossalstatue des berühmten Apachenhäuptlings mitten ins Gebirge zu stellen, wieder fallenlassen. Die Stadt soll jedoch gebaut werden, und sie soll – wie der Clan Winnetou – allen Stämmen offenstehen. Jedes Clanmitglied verpflichtet sich, der Schutzengel eines anderen Menschen zu sein. Christliche Nächstenliebe also, vorgelebt von Old Shatterhand, angeblich übernommen von Winnetou (der seinerzeit ja recht oft das Tomahawk geschwungen und Skalps gesammelt hat, aber Schwamm drüber) und nun allen Indianern übergestülpt. Es kommt sogar zur Versöhnung mit Tangua und den anderen alten Widersachern. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!

Zum Glück halten sich entsprechende Predigten und dergleichen sehr in Grenzen. Tatsächlich liest sich "Winnetou IV" durchaus wie eines der früheren Reiseabenteuer. Es gibt ein Wiedersehen mit vielen alten Freunden und Gegnern. Max Pappermann nimmt die Stelle des gutmütig-witzigen Sidekicks ein, wird aber mit Respekt behandelt und erhält eine interessante Hintergrundgeschichte. Wie üblich werden die Feinde belauscht und ausgetrickst, wobei der Diebstahl ihrer Medizinen eine wichtige Rolle spielt. Alles wie gewohnt also, aber es ist doch einiges anders. So wird es wohl dem Alter geschuldet sein, dass Old Shatterhand seinen berüchtigten Jagdhieb kein einziges Mal einsetzt. Den Bärentöter hat er zu Hause gelassen, der Henrystutzen bleibt zerlegt im Gepäck. Und vor allem: Das "Herzle" (Mays zweite Frau Klara) ist dabei und mischt kräftig mit! Natürlich bekocht sie unseren Helden fleißig und zieht sich abends in ein Zelt zurück, während die Westmänner am Lagerfeuer pennen, aber sie ist keineswegs nutzloser Ballast, muss nicht beschützt werden und so weiter. Ganz im Gegenteil! Sie scheint in manchen Dingen die Hosen anzuhaben, setzt ihren Willen durch, begleitet Old Shatterhand in den brenzligsten Situationen und steuert so manche wertvolle Idee bei. Die Interaktion zwischen den Eheleuten sorgt für viele humorvolle Momente. Ich würde sogar sagen: Ohne das "Herzle" wäre der Roman nicht halb so lesenswert. (20.10.2014)


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640
Die sieben unterirdischen Könige Alexander Wolkow: Die sieben unterirdischen Könige
Fischer, 2012
353 Seiten

Elli verbringt die Ferien bei Verwandten in Iowa. Deren Sohn Fred ist sehr beeindruckt von den Geschichten, die seine Cousine von Menschenfressern, Säbelzahntigern, bösen Zauberinnen, lebenden Vogelscheuchen und dergleichen erzählen kann. Er ist auch ein wenig neidisch. Nur zu gern würde er das Zauberland mit eigenen Augen sehen. Um Elli zu beeindrucken, schlägt er einen Ausflug zu einer Höhle vor. Mit etwas Mundvorrat und einem Kofferboot ausgestattet brechen die Kinder auf. Nur Ellis Hündchen Totoschka begleitet sie. Als die Kinder ein gutes Stück weit in die Höhle vorgedrungen sind, wird der Ausgang durch einen gewaltigen Felssturz versperrt. Am nächsten Tag versuchen die Eltern und deren Freunde den Eingang freizulegen, müssen aber nach einigen Tagen einsehen, dass alle Bemühungen vergeblich sind. Derweil wandern Elli und Fred weiter in die Tiefen der Höhle hinab, überwinden die Stromschnellen eines unterirdischen Flusses und stillen den schlimmsten Hunger mit rohem Fisch. Als Totoschka zu sprechen beginnt, ist klar: Die Kinder haben das Zauberland erreicht!

Tatsächlich war Elli schon einmal hier. Sie hat das von Drachenreitern und gefährlichen Kreaturen bewohnte unterirdische Reich seinerzeit durchquert, um in die von Urfin Juice besetzte Smaragdenstadt zu gelangen. Nach Urfins Entmachtung ist dessen Handlanger, der Verräter Ruf Bilan, in die Unterwelt der Erzgräber geflohen. Dabei hat er versehentlich die Quelle des für die Erzgräber sehr wichtigen Schlafwassers zerstört. Traditionsgemäß herrschen sieben Könige im monatlichen Wechsel über das Höhlenreich. Um zu verhindern, dass die anderen sechs und deren Hofstaat in der Wartezeit sämtliche Nahrungsmittelvorräte verprassen, werden sie nach Ablauf ihres Regierungsmonats eingeschläfert. Das ist jetzt nicht mehr möglich, so dass Hungersnöte drohen. Um sich an Elli zu rächen und seine eigene Position zu stärken, behauptet Ruf Bilan, das Mädchen sei eine mächtige Fee und könne das Schlafwasser zurückbringen. Die sieben Könige lassen Elli deshalb nicht mehr gehen. Als Ellis Freunde - der Scheuch, der Eiserne Holzfäller und der Löwe - das erfahren, droht ein Krieg zwischen Ober- und Unterwelt auszubrechen.

Wie schon in den ersten beiden Bänden der "Zauberland"-Reihe gibt es zwar einzelne Übereinstimmungen mit L. Frank Baums Geschichten (insbesondere "Dorothy und der Zauberer in Oz"), dennoch bringt Wolkow so viele eigene Ideen ein, dass von einem völlig eigenständigen Werk gesprochen werden kann.

Die aktuelle Taschenbuch-Auflage des Kinderbuches ist ungekürzt. Bei früheren Ausgaben haben große Teile der Einleitung gefehlt - und die ist diesmal über 140 Seiten lang! So lange dauert es, bis Elli überhaupt in Erscheinung tritt. Zuvor wird erzählt, wie das Zauberland erschaffen wurde. Verantwortlich dafür war der mächtige Magier Hurrikap, der seine Ruhe vor den zudringlichen Menschen haben wollte und einen Teil Amerikas durch hohe Berge vom Rest des Landes getrennt hat, ohne allerdings zu ahnen, dass er dort ebenfalls nicht allein sein würde. Die vier Hexen haben nach Hurrikaps Tod seine Nachfolge angetreten. Dann folgt die tausendjährige Geschichte des Volks der Erzgräber. Danach werden die Geschehnisse der ersten beiden Bände rekapituliert, hinzu kommt hier noch die Flucht Ruf Bilans.

Die Wiederholung hätte in diesem Umfang nicht unbedingt sein müssen, aber die Verhältnisse im Reich der Erzgräber mit der ganz speziellen Form der Thronfolgeregelung sind wirklich köstlich. Könnte man das in der Realität nur genauso machen! Erst nach alldem wechselt die Handlung zu Elli, die nach Iowa reist, um die Ferien bei den Cunnings zu verbringen. Nach der atmosphärisch schön beschriebenen Irrfahrt der Kinder durch das Höhlensystem wird der Rest der Story für meinen Geschmack etwas zu flott abgehandelt, trotzdem ist auch dieser Band wieder ein großes Lesevergnügen nicht nur für Kinder. (14.10.2014)


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639
Valis Philip K. Dick: Die Valis-Trilogie
Heyne, 2002
926 Seiten

Horselover Fat wird durch den Tod zweier geliebter Menschen völlig aus der Bahn geworfen. Er hat Visionen, deren Ursprung für ihn rätselhaft bleibt. In einem rosa Lichtstrahl werden ihm unzählige Informationen und Bilder vermittelt. Die Realität wird durch Szenen aus der Zeit der Christenverfolgung überlagert, außerdem erfährt er, dass sein Sohn an einem lebensbedrohlichen Geburtsfehler leidet, der erst jetzt, als Fat bei den Ärzten nicht locker lässt, diagnostiziert und behandelt werden kann. Zusammen mit seinen Freunden sucht Fat nach einer Erklärung für dieses Phänomen. Handelt es sich um eine göttliche Offenbarung? Wurden die Informationen von einem außerirdischen Satelliten direkt in Fats Hirn übertragen? Was haben der Kinofilm "Valis", dessen Produzenten und deren Tochter Sophia mit alldem zu tun? Und existiert Fat wirklich - oder ist er nur eine alternative Persönlichkeit des Autors Philip K. Dick?

In einer späteren Epoche hat sich die Menschheit über viele Kolonialwelten ausgebreitet. Auf einem dieser Planeten wird Herb Asher von der Gottheit Yah dazu gebracht, sich um seine schwer kranke Nachbarin Rybys Rommey zu kümmern. Der Bettler Elias Tate kommt zu Besuch und erklärt, Rybys sei schwanger. Davon wusste sie bisher nichts. Die Schwangerschaft lässt sich leicht nachweisen, aber wer ist der Vater? Tate behauptet, das ungeborene Kind sei der Messias und müsse zur Erde gebracht werden, damit er gegen den gefallenen Engel Belial kämpfen könne. Zu diesem Zweck müssen Herb und Rybys heiraten. Normalerweise dürfen Kolonisten nicht zur Erde zurückkehren, aber die Krankheit der Schwangeren macht eine Ausnahme möglich. Der Coup gelingt, doch kurz nach ihrer Ankunft erleiden Herb und Rybys einen Unfall. Rybys stirbt, das Ungeborene kann gerettet werden. Herb ist so schwer verletzt, dass er für die nächsten Jahre in Kryoschlaf versetzt werden muss. Er bleibt bei Bewusstsein und durchlebt erneut alle Ereignisse, die zu dieser Situation geführt haben - aber es sind nicht genau dieselben...

Am Tag von John Lennons Ermordung im Jahre 1980 besucht Angel Archer eine Therapiestunde des bekannten Gurus Edgar Barefoot. Sie erinnert sich daran, wie ihr Ehemann Jeff Selbstmord begangen hat, weil dessen Vater Timothy, der Bischof von Kalifornien, ein Verhältnis mit einer Frau begonnen hatte, in die Jeff verliebt war. Bischof Archer wiederum war besessen von jüngst entdeckten Schriftrollen, in denen Textstellen zu finden sein sollen, die Jesus Christus zugesprochen werden und zu den Grundlagen des christlichen Glaubens gehören. Da die Schriftrollen zweihundert Jahre vor Christi Geburt entstanden sind, würde das bedeuten, dass Jesus nicht Gottes Sohn sein kann!

Die "Valis-Trilogie" ist wahrlich schwere Kost und noch schwerer zu kommentieren. Die Lektüre ist jedoch äußerst lohnend, sofern man keine Science Fiction - Romane im Sinne von Space Operas oder dergleichen erwartet und wenn man bereit ist, den verschlungenen Gedankengängen Philip K. Dicks zu folgen. Zum Verständnis der Trilogie ist es wichtig zu wissen, dass Band 1 ("Valis") nichts anderes als die literarische Aufarbeitung von Erlebnissen ist, die der Autor im Jahre 1974 hatte. Genau dieselben Visionen, die im ersten Roman detailgenau beschrieben werden, hatte Dick damals selbst, auch das Detail mit dem kranken Sohn (und andere, die ich nicht erwähnt habe, etwa Fats/Dicks Selbstmordversuche) ist autobiografisch. Ebenso wie sein Alter Ego Horselover Fat hat Dick in den folgenden Jahren versucht, Erklärungen für diese Phänomene zu finden. Er hat unzählige Manuskriptseiten mit den Ergebnissen seiner Untersuchungen gefüllt - in "Valis" diskutieren Fat und seine Freunde einige der darin niedergelegten Punkte aus. Was Fat erlebt hat, könnte drogeninduzierte Einbildung gewesen sein, vielleicht hatte er aber wirklich Kontakt mit einer außerirdischen Wesenheit. Insoweit kann man den Band dem SF-Genre zurechnen.

Band 2 ("Die göttliche Invasion") ist der einzige Roman der Trilogie mit "typischen" SF-Elementen. Die Handlung spielt in einer Zukunft, in der fremde Planeten besiedelt sind, eine künstliche Intelligenz mit der Lösung religiöser Probleme beauftragt wurde, Autos durch die Lüfte schweben und so weiter. Auch hier spielen viele der in "Valis" aufgeworfenen Fragen eine Rolle. Am Ende weiß man nicht so recht, was real war und was nicht - ein wiederkehrendes Element in Romanen von Philip K. Dick - denn alle Erlebnisse Herb Ashers sind nur Erinnerungen an die Vergangenheit und im Verlauf der Story wird eine Realität durch eine andere ersetzt, welche wiederum durch Belial korrumpiert wird... Band 2 ist keine Fortsetzung des ersten Bands und der dritte Roman ("Die Wiedergeburt des Timothy Archer") erst recht keine des zweiten. Die Handlung von Band 1 findet in den Siebzigerjahren statt, die von Band 2 in der Zukunft, und die des letzten endet im Jahre 1980. Außerdem war Band 3 womöglich gar nicht als Bestandteil der Trilogie geplant. Er passt aber thematisch dazu, denn erneut geht es - abgesehen von den Problemen, die Ich-Erzählerin Angel Archer mit ihren Freunden und Verwandten hat - um spirituelle, religiöse Themen, die schon in den vorigen Bänden vorgekommen sind. Immer wieder kommt Dick auf die Zadokiten zurück, eine alttestamentarische Sekte, die möglicherweise das Geheimnis des ewigen Lebens kannte - oder vielleicht auch nur halluzinogene Pilze konsumiert hat. Prächristliche Junkies sozusagen!

Ich kann unmöglich auf die ganze Fülle der von Dick aufgearbeiteten Themen eingehen, denn er hat hier einen Rundumschlag geführt, der seinesgleichen sucht. Dicks Theorien sind jedenfalls ungemein faszinierend. Letzten Endes geht es bei ihm immer um Menschen und nicht nur um Gedankenspielereien. Deshalb wird das Ganze trotz aller Theorie nicht langweilig. Aber ich muss zugeben, dass mein Brägen am Ende ganz schön gequalmt hat! (10.10.2014)


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638
Fandorin Boris Akunin: Fandorin
Aufbau Taschenbuch, 2011
289 Seiten

Im Mai 1876 ereignet sich ein Aufsehen erregender Selbstmord mitten in Moskau. Der Student Pjotr Kokorin erschießt sich vor den Augen des ihm völlig unbekannten Edelfräuleins Jelisaweta Alexandrowna von Ewert-Kolokolzewa. Xaveri Feofilaktowitsch Gruschin, leitender Ermittlungsbeamter des Kriminalamts beim Moskauer Oberpolizeipräsidenten, ist zwar empört über den Sittenverfall der russischen Jugend, hält die Geschichte aber nicht für bedeutsam. Sein neuer Schriftführer, der junge Kollegienregistrator Erast Petrowitsch Fandorin, ist anderer Meinung. Mit der Erlaubnis seines Vorgesetzten geht Fandorin der Sache nach, wobei er sich auf den ersten Blick in Jelisaweta verliebt. Er findet heraus, dass Kokorin sehr wohlhabend war und seinen gesamten Besitz der britischen Baronin Margaret Aster, einer Betreiberin moderner Waisenhäuser, vermacht hat. Der Selbstmord war ein bizarres Spiel; Kokorin und sein Kommilitone Nikolai Stepanowitsch Achtyrzew waren Rivalen um die Gunst der mysteriösen Amalia Kasimirowna Beshezkaja. Die schöne Dame hat viele Verehrer, zu denen neben den genannten Studenten auch Graf Ippolit Surov gehört. Nach einem Treffen bei der Beshezkaja schüttet Achtyrzew Fandorin sein Herz aus. Wenig später wird er von einem Unbekannten erstochen. Fandorin entgeht demselben Schicksal nur knapp. Das letzte, was Fandorin hört, bevor er das Bewusstsein verliert, ist das von dem unheimlichen Mörder gezischte Wort "Asasel".

Damit nimmt der Fall eine völlig neue Dimension an, denn Achtyrzew war adliger Abkunft. Fandorins Vorgesetzter wird durch einen Sonderermittler aus Sankt Petersburg abgelöst. Staatsrat Iwan Franzewitsch Brilling, ein brillanter Kopf und Anhänger fortschrittlicher Methoden, krempelt das beschauliche Polizeiamt gründlich um. Brilling hält den Mord für das Werk von Nihilisten und setzt Fandorin auf die Sache an. Bei einem riskanten Kartenspiel mit Surov gewinnt Fandorin dessen Freundschaft und erfährt, dass die Beshezkaja nach London abgereist ist. Kurzerhand wird Fandorin von Brilling zum Titularrat befördert, in den diplomatischen Dienst erhoben und nach England geschickt. Er schleicht sich in die Villa der Beshezkaja ein und findet Papiere, aus denen hervorgeht, dass Asasel eine Geheimorganisation mit Agenten in aller Herren Länder ist. Da erscheint die Hausherrin. Es kommt zum Handgemenge, ein Schuss löst sich, die Beshezkaja stürzt zu Boden. Fandorin glaubt die Frau erschossen zu haben. Er flieht Hals über Kopf, nimmt die Papiere jedoch mit. Er ahnt nicht, dass er in ein Wespennest gestochen hat und jetzt selbst in tödlicher Gefahr schwebt...

"Fandorin" ist der erste Band einer ganzen Romanreihe mit dieser Hauptfigur. Der junge Mann ist Vollwaise, hat seine Mutter nie kennen gelernt und den Vater kurz vor Beginn der Story verloren. Die Familie war sehr wohlhabend, doch Fandorins Vater hat alles durch missglückte Bankgeschäfte verloren und daraufhin einen tödlichen Herzinfarkt erlitten. Der junge Fandorin musste das Gymnasium verlassen und somit eine hoffnungsvolle Karriere beenden, bevor sie richtig beginnen konnte. Fandorin ist intelligent und gebildet, aber unerfahren und etwas zu schwärmerisch. Als Sohn aus ehemals gutem Hause hat er tadellose Manieren und weiß sich auf dem Parkett der oberen Zehntausend sicher zu bewegen. Er ist in diesem Roman noch etwas übereifrig und träumt von Heldentaten, schämt sich aber für seine stets geröteten Wangen und eine jungenhafte Statur, die er durch ein Stützkorsett aufzubessern hofft. Eben jenes Korsett ist es, dem Fandorin sein Leben verdankt, denn das Stilett des Mörders Achtyrzews gleitet an den harten Stangen ab. Hier zeigt sich schon gleich der ironische Humor des Autors, der den ganzen Roman prägt, aber nicht dominiert. Tragische Ereignisse folgen auf dem Fuße, und es gibt kein Happy End!

Fandorins Selbstwahrnehmung und die Realität stimmen oft nicht überein. Das verleiht der Geschichte immer wieder amüsante Wendungen. Fandorin ist jedoch nicht so tollpatschig und naiv, dass er zur Nervensäge werden würde. Ganz im Gegenteil! Er leistet durchaus gute Ermittlungsarbeit. Im Gegensatz zu seinem alten, in gewohnten Denkmustern verharrenden Vorgesetzten zieht er blitzgescheit die richtigen Schlüsse und scheut nicht vor gefährlichen Situationen zurück. So kommt er nach und nach einer internationalen Verschwörung auf die Spur und könnte diese sogar bravourös auflösen, wenn er nicht durch Verrat daran gehindert werden würde. Humor, solide Detektivarbeit, Spannung, eine sympathische Hauptfigur - das alles würde den Roman noch nicht zu etwas Besonderem machen. Die Besonderheit besteht in der Sprache, die zumindest bei mir, der ich weder Russe bin noch damals gelebt habe, den Eindruck erweckt hat, der Roman sei wirklich im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert geschrieben worden. So konnte ich mich sehr gut ins Russland der Zarenzeit versetzt fühlen. (29.09.2014)


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637
Gottesstreiter Andrzej Sapkowski: Gottesstreiter
dtv, 2010
735 Seiten

In den zwanziger Jahren des 15. Jahrhunderts tobt in Böhmen und Schlesien noch immer ein grausam geführter Krieg zwischen Hussiten und Katholiken. Beide Seiten hinterlassen bei ihren Feldzügen zerstörte Städte, geschändete Klöster und eine traumatisierte Landbevölkerung. Die von Andreas Prokop angeführten hussitischen "Gottesstreiter" bleiben meist siegreich und schlagen mehrere gegen sie geführte Kreuzzüge zurück, so dass sie bald für unbesiegbar gehalten werden. Der junge Medicus Reinmar von Bielau, genannt Reynevan, hat sich auf die Seite der Hussiten geschlagen. Wilde Gerüchte sind über ihn im Umlauf. Er wird als Schwarzkünstler verfolgt, soll an einem Überfall auf einen Steuereintreiber beteiligt gewesen sein und hat angeblich das Edelfräulein Katharina von Biberstein vergewaltigt. In Wahrheit hat Konrad von Oels, Bischof von Breslau, die Steuergelder unterschlagen und Reynevan als Sündenbock vorgeschoben. Reynevan hätte Katharina, die er unter dem Namen "Nicoletta" kennen gelernt hat, niemals Gewalt angetan. Die beiden haben sich ineinander verliebt. Nicoletta hat sich allerdings von Reynevan getrennt und ist nach Schloss Stolz (Stammsitz ihres Vaters Johann) zurückgekehrt.

Im Jahre 1427 arbeitet Reynevan in einem Prager Spital und versorgt die Verwundeten aus dem hussitischen Heer. Vom taboritischen Geheimdienst wird er mit einer geheimen Mission betraut, die er mit Prokops Erlaubnis verschiebt, um Samson Honig helfen zu können - oder vielmehr dem aus einer fremden Dimension stammenden Wesen, das im Körper des Riesen gefangen ist. Selbst den Prager Magiern, die ein unter der Apotheke "Zum Erzengel" verstecktes alchimistisch-magisches Labor mit umfangreicher Bibliothek betreiben, ist es nicht gelungen, Samson in seine Heimatdimension zurückzuschicken. Das, so meinen sie, könne allenfalls Rupilius der Schlesier vollbringen, ein Spezialist für Astralleiber und Astralwesen. Das Problem: Rupilius befindet sich in Burg Trosky mitten im Feindesland! Außerdem hat Reynevan endlich den Namen des Mannes erfahren, der für den Tod seines Bruders verantwortlich ist: Birkhart von Grellenort, ein Vertrauter des Bischofs von Breslau. Dieser Mann ist gefährlicher als Reynevan ahnt, und er interessiert sich ganz besonders für Samson.

Zu allem Überfluss erhält Reynevan auch noch die Nachricht, dass Katharina von Biberstein ein Kind zur Welt gebracht hat. Reynevan glaubt nun, seiner Verantwortung als Vater gerecht werden zu müssen. Erst als Reynevan endlich Schloss Stolz erreicht und Katharina gegenübersteht, erkennt er, wie sehr er und ihr Vater getäuscht wurden...

Im zweiten Teil der "Narrenturm"-Trilogie wird im Prinzip dasselbe geboten wie im ersten. Reynevan muss unzählige Irrungen und Wirrungen, Kämpfe und Verfolgungsjagden, Feldzüge und Intrigen überstehen, bis er am Ende praktisch genauso weit ist wie am Schluss des ersten Bandes. Er weiß jetzt zwar endlich, wer Nicoletta wirklich ist, wer seinen Bruder ermordet hat und wie Samson "geheilt" werden könnte, aber Nicoletta ist außerhalb seiner Reichweite, der Mörder ist ungestraft davongekommen und Samson ist immer noch der Alte. Tatsächlich will Samson inzwischen gar nicht mehr in seine Heimatdimension zurückkehren, weil er sich in ein Mädchen namens Marketka verliebt hat, das er aus den Händen eines Sklavenhalters befreit hat. Erneut wird Reynevan x-mal von verschiedenen Feinden gefangen genommen und meist sehr schnell wieder befreit, nur um wenig später dem nächsten Gegner in die Hände zu fallen. Der Roman erhält dadurch einen etwas episodenhaften Charakter. Zudem reagiert Reynevan meist nur, er agiert nicht. Viel zu oft ist er ein Spielball der Mächtigen oder es kommen ihm Personen zu Hilfe, deren Eingreifen nicht durch die Handlung vorbereitet wurde, so dass sich ein gewisser "Deus-ex-machina"-Effekt einstellt. Eine Straffung all dieser Nebenhandlungen und Abschweifungen wäre vielleicht nicht schlecht gewesen.

Ansonsten kann ich mich nur wiederholen: Neben der eigentlichen Handlung werden Hintergrund und Verlauf der Hussitenkriege durch im wahrsten Sinne des Wortes erschöpfende geschichtliche Überblicke, lange Diskussionen verschiedener Protagonisten über religiöse und politische Meinungen sowie Aufzählungen so vieler Daten und Namen rekapituliert, dass ich ohne mehrmaligen Blick in die Wikipedia ziemlich aufgeschmissen gewesen wäre. Reynevan erlebt so manche Schlacht hautnah mit, die sich wirklich ereignet hat, begegnet historischen Persönlichkeiten und bereist das ganze Land. Durch seine Augen gewinnt der Leser also ein lebendiges Bild dieser Epoche. Und in gewisser Weise auch ein realistisches, denn eine romantische Verklärung des Mittelalters leistet sich Sapkowski nicht. Kriegsschrecken, bittere Armut, Korruption, Aberglaube und Fanatismus werden nicht ausgeklammert. Allerdings gehört "Gottesstreiter" ebenso wenig zur Kategorie "Historischer Roman" wie der erste Band, denn Magie und Fabelwesen sind hier mindestens genauso oft im Spiel.

Wenn sich das alles ziemlich negativ liest, dann kann ich Entwarnung geben. Insgesamt funktioniert die Mischung aus Realismus und Fantasy durchaus, zudem kommt der Humor nicht zu kurz. (23.09.2014)


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636
Im Reiche des Silbernen Löwen 4 Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen IV
Kindle Edition

Ahriman Mirza (der Anführer der Sillan-Bande), die als "Rose von Schiras" bekannte Schahsadeh Khanum Gul und andere Verschwörer planen den Sturz des Schah-in-Schah sowie die Vernichtung der Dschamikun-Kurden, bei denen sich Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar immer noch von ihrer schweren Krankheit erholen. Der zu den Verschwörern gehörende Bluträcher Ghulam el Multasim will Kara Ben Nemsis Tod, wurde aber bei einem Mordversuch überwältigt und mit seinen Spießgesellen gefangen genommen. Ein Pferderennen soll die Entscheidung bringen, während die Feinde der Dschamikum unbemerkt deren Tal umzingeln.

Kara Ben Nemsi führt lange Gespräche mit dem Ustad, dem geistlichen Führer der Dschamikun, und erkundet uralte Ruinen. Während der Ustad nach Isphahan reist, um den Schah-in-Schah um Hilfe zu bitten, entwirrt Kara Ben Nemsi nach und nach die Intrige, die zum Ende der Dschamikun führen soll. Die Köchin Pekala hilft ihm unabsichtlich dabei. Kara Ben Halef belauscht die schwatzhafte Frau und erfährt, dass sie den Ustad betrügt. Sie trifft sich mit einem Spion, dem Aschyk. Dieser lässt sich von Kara Ben Nemsi auf die Seite der Dschamikun ziehen und leistet wertvolle Hilfe.

Nachdem Kara Ben Nemsi mit Hilfe des Händlers Agha Sibil für ein glückliches Wiedersehen seines Freundes Dozorca mit dessen verloren geglaubter Familie gesorgt hat, erhält er selbst unerwarteten Besuch. Dschafar Mirza trifft im Tal der Dschamikun ein, und er hat wertvolle Geschenke des Schah-in-Schah dabei, vor allem den Glanzrappen Syrr, ein ideales Pferd, dem selbst Assil Ben Rih unterlegen ist. Dschafar ahnt nicht, dass die Sillan seinen Tod geplant haben...

Hiermit sind wir endgültig im Spätwerk Karl Mays angekommen. May formuliert den "Bruch im Bau", also die Abkehr von den abenteuerlichen Reiseromanen, hier sogar persönlich. Das Buch beginnt mit einer Unterhaltung zwischen May und dem Ustad. Der Ustad fragt, ob sein Gegenüber Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi sei. "Ich war es", sagt May. Der Ich-Erzähler seiner Werke sei missverstanden worden. Keineswegs habe er nur Unterhaltungsromane schreiben oder gar lügnerische Selbstdarstellerei betreiben und die Jugend verführen wollen. Vielmehr seien die Abenteuer Old Shatterhands und Kara Ben Nemsis symbolisch zu verstehen. In endlosen Monologen rechnen May und/oder der Ustad mehr oder weniger verklausuliert mit ihren Kritikern, Feinden und falschen Freunden ab. Als das Pferderennen auf den letzten Seiten endlich stattfindet, wird sogar ein künstlich verunstaltetes Pferd vorgeführt, dessen Name Kiss-y-darr lautet: "Schundroman"...

Warum dieser Aufwand? May hat sich im Verlauf der Jahre immer mehr mit seinen erfundenen Figuren identifiziert und schließlich keinen Zweifel mehr daran gelassen, dass er alle in seinen Romanen beschriebenen Abenteuer selbst erlebt habe. Seine Fans haben das geglaubt, May war ungemein populär. Aber irgendwann war es aus mit der Old-Shatterhand-Legende. Mays Vorstrafen wurden bekannt und die Kritiker schossen sich auf ihn ein. May wollte als ernsthafter Künstler anerkannt werden und begann seinen Stil radikal zu ändern. Er behauptete jetzt, er sei nicht physisch in fernen Ländern gewesen. Stattdessen habe seine Seele quasi den "Wilden Westen des inneren Menschen" erkundet.

Und so musste ich mich durch viel pseudophilosophisches Geschwurbel, religiöses Gefasel und andere zähe Textpassagen quälen, bis es mit der Geschichte endlich weiterging. Diese wird zwar zu einem in sich schlüssigen Finale geführt, aber der Verlauf hätte ursprünglich bestimmt ganz anders aussehen sollen. Halef ist immer noch schwer krank und spielt praktisch keine Rolle, der Dozorca-Subplot wird äußerst stiefmütterlich behandelt, die Verschwörung mehr so nebenbei abgehandelt, und als die "Rose von Schiras", über deren Identität man schon seit dem ersten Band grübeln durfte, endlich in Erscheinung tritt, da steht ihr Ende schon kurz bevor. Ich kann mir nicht vorstellen, dass May das so geplant hat. Aber leider war wohl bei all dem symbolistischen Monologisieren kein Platz mehr für eine vernünftige Handlung. (12.09.2014)


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635
Fool on the Hill Matt Ruff: Fool on the Hill
dtv, 2012
575 Seiten

An der Cornell University in Ithaca, New York, einer der renommiertesten Hochschulen der Welt, tummelt sich ein buntes Völkchen. Am einen Ende des Spektrums stehen die freigeistigen Bohemier und Grauen Vrouwen, am anderen die Schläger von der Korpsbruderschaft Rho Alpha Tau. Zwischen Ragnarök, dem bohemischen "Verteidigungsminister", und dem RAT-Oberhaupt Jack Baron bahnt sich ein mörderischer Konflikt an. Doch das ist noch gar nichts gegen die Bedrohung, die auf dem nahen Knochenacker schlummert. Dort wurde eine als "Rasferret der Engerling" bekannte Kreatur verscharrt, deren Gabe in der Beseelung unbelebter Gegenstände besteht. Seinerzeit ist Rasferret mit einer Armee verwandelter Ratten gegen die auf dem Universitätscampus lebenden Kobolde zu Felde gezogen, wurde aber nach verlustreichem Kampf besiegt. Nur noch der Kobold-Älteste Hobart erinnert sich an dieses Ereignis. Nach jahrhundertelangem Schlaf erhält Rasferret eine zweite Chance, wovon Hobart, dessen Enkelin Zephyr, deren Freund Puck und die anderen Kobolde aber nichts ahnen. Rasferret muss einen ganz bestimmten Menschen töten, wenn er seine magischen Kräfte behalten will.

Die Bücher des jungen Schriftstellers Stephen T. George verkaufen sich so gut, dass er sich dem Müßiggang hingeben könnte. Er betätigt sich jedoch als Hilfsdozent an der Cornell-Universität. Nicht zuletzt deshalb, weil man auf dem dortigen Hügel wunderbar Drachen steigen lassen kann. George hat nur ein Problem: Er ist einsam. In Liebesdingen war er bisher eher unglücklich. Möglicherweise, so tröstet sich George, ist genau das der Grund dafür, dass er als Schriftsteller so erfolgreich ist. George ahnt nicht, dass seine Gefühle demnächst komplett durcheinander geraten werden. Kalliope, die schönste Frau der Welt, ist zu ihm unterwegs, um sein Leben auf den Kopf zu stellen. Georges Lebensweg wird sich außerdem bald mit dem von Aurora Borealis Smith kreuzen, einer Studentin, die nach Meinung ihres Vaters kurz davor steht, eine schwere Fehlentscheidung zu treffen: Sie will den streng gläubigen Kommilitonen Brian Garroway heiraten.

Der Mischlingshund Luther trauert um seinen jüngst verstorbenen Mentor und begibt sich auf die Suche nach dem Himmel. Luther hat die Witterung bereits aufgenommen. Demnach befindet sich der Himmel auf dem Hügel der Cornell-Universität. Luthers bester Freund, der Manxkater Blackjack, begleitet ihn. Unterwegs fällt das ungleiche Gespann dem Greiftrupp einer Gruppe von Hunden mit reinem Stammbaum in die Hände. Deren Anführer, ein riesiger Wolfshund, zerreißt mit Vorliebe alle Tiere, die gegen die "Rassengesetze" verstoßen haben, oder - wie Luther - das Ergebnis eines solchen Verstoßes sind.

Bei all diesen Ereignissen, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben, hat das "griechische Original" Mr. Sunshine, ein ganz besonderer Schriftsteller, so manches Wörtchen mitzureden...

Matt Ruff hat die Cornell-Universität selbst besucht. Den Roman "Fool on the Hill" hat er im Jahre 1987 als Magisterarbeit vorgelegt. Vermutlich hat die Beschreibung des Lebens an besagter Uni, oder genauer gesagt die mit bissigen Seitenhieben und parodistischen Elementen gewürzte Erschaffung eines Phantasie-Cornell, bei Professoren und Kommilitonen besonders gut eingeschlagen. Man könnte sich allerdings fragen, ob die Studenten an der Cornell überhaupt jemals lernen, denn sie scheinen die meiste Zeit damit beschäftigt zu sein, durch die Lande zu reiten (die Bohemier sind mit Ausnahme Ragnaröks stets hoch zu Ross unterwegs), Partys zu feiern, sich miteinander im Gebüsch zu vergnügen und massenhaft Alkohol / bewusstseinserweiternde Substanzen zu vertilgen!

Da ich nicht das Vergnügen hatte, an dieser Uni zu studieren, fällt der Reiz der Insider-Gags für mich zwar weg, trotzdem habe ich den Roman mit größtem Vergnügen gelesen, was nicht zuletzt an der sehr guten deutschen Übersetzung liegt. Die Story schwächelt ein wenig, jedenfalls kommt es mir so vor, als habe Ruff so viele Ideen wie nur irgend möglich in den Roman packen wollen, ohne sich allzu viele Gedanken über eine sinnvolle Verknüpfung zu machen. Und so muss Mr. Sunshine (wahrscheinlich ein Gott des griechischen Pantheons, so wie Kalliope die Muse der Dichtkunst und Philosophie ist) mehrmals ordentlich in die Tasten seiner himmlischen Schreibmaschine greifen, um die vielen verschiedenen Fäden irgendwie zusammenzuhalten. Mr. Sunshine beeinflusst das Schicksal aller Protagonisten auf diese Weise unmittelbar. Da er eine Vorliebe für absolutes Chaos hat, müssen bis zum Ende viele verworrene Pfade beschritten werden. Und nicht für jede Hauptfigur gibt es ein Happy End!

Obige Handlungszusammenfassung kratzt nur an der Oberfläche, trotzdem dürfte klar geworden sein, dass "Fool on the Hill" am ehesten dem Fantasy-Genre zuzurechnen ist. Kobolde, aufrecht gehende Ratten, per Telepathie kommunizierende Tiere, Georges Fähigkeit, den Wind herbeizurufen und so weiter… Wer damit kein grundsätzliches Problem hat, wird wegen der schieren Abgedrehtheit dieser Mischung, den unzähligen absonderlichen Ideen, des mal subtilen, mal derben Humors und der romantischen, warmherzigen Lovestory bestimmt genauso viel Spaß an "Fool on the Hill" haben wie ich. (04.09.2014)


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634
Kosmisches Labyrinth Andreas Weiler: Die Terranauten - Kosmisches Labyrinth
Bastei-Lübbe, 1983
154 Seiten

David ter Gorden ist einer von neun "Erben der Macht". Er und die anderen acht "Spektren" müssen sich zusammenschließen, um die "Lange Reihe" zusammenzufügen, eine uralte, von einer Pflanzenzivilisation erschaffene Waffe gegen den bevorstehenden Entropietod des Universums. David hat bereits vier Spektren in sich aufgenommen. Als Wegweiser bei der Suche nach den anderen dient ihm der Konnexkristall. David gehört zur Organisation der Terranauten. Diese psi-begabten Menschen nutzen ihre besonderen Fähigkeiten unter anderem für eine Form der Raumfahrt, die nicht zur Zunahme der Entropie führt. Die Terranautinnen Nayala und Narda sind mit den Psychomechanikern Yronne MilVira und Gil-Coron Tschiad (genannt Gilco) zum Kosmodrom Vircho-III geflogen, um das Valdec-Orakel zu befragen. Gilco hat durch den Angriff eines mysteriösen Wesens, das als "Vielgestalter" bezeichnet wird, einen mentalen Schock erlitten. Seitdem spricht er davon, dass David in Gefahr schwebt. Gilco und seine Freunde erfahren, dass sich David auf der Tausendfeuerwelt befindet. Tatsächlich irrt David dort durch eine Art Labyrinth und droht von Pflanzen, die Kopien von ihm herstellen, getötet zu werden.

Als ein Graues Loch in der Nähe von Vircho-III außer Kontrolle gerät, fliegen die vier Gefährten hinein. Sie werden zur Tausendfeuerwelt versetzt. Dort befindet sich ein Raum-Zeit-Stroboskop, durch das sie mit David fliehen. Doch sie gehen in eine Falle. Sie gelangen in ein anderes Universum, in dem ihre Psi-Kräfte versagen. Sie finden sich auf der Welt "Ohne Grenzen" wieder. Dort wirkt eine andere Kraft: Magie! Ihre Nutzung ist an die Malachit-Gabensteine gebunden. Der fremde Planet wird von den Dunklen Horden des Schwarzen Fürsten Djunath unterdrückt. Dieser strebt nach der absoluten Macht, die er auf andere Welten ausdehnen will. Um das zu erreichen, muss er das Weise Mosaik komplettieren. Hierfür fehlen ihm die malachitenen Tränen der letzten 17 Lauteren Gabenspender. Djunath braucht Davids Konnexkristall, um das Versteck dieser mächtigen Magier zu finden. Djunaths Meherin-Spione - Gestaltwandler, die die Form von Falken annehmen können - suchen überall nach David, doch der ist selbst nicht mehr im Besitz des Kristalls. Der Dieb Garshen hat das Kleinod gestohlen. David und seine Freunde werden getrennt. Einige werden von Sklavenhändlern gefangen genommen. David begegnet dem Barden Ihrima. Er vermutet, dass Djunath ein Erbe der Macht ist...

Dieser fünfte von 18 Bänden der "Terranauten"-Taschenbuchserie schließt unmittelbar an Band 3 an (Band 4 ist ein Prequel) und greift Geschehnisse aus Band 2 auf. Man müsste also annehmen, dass die Story so sehr ins Terranauten-Universum eingebettet ist, dass man den Roman nicht ohne Kenntnis der restlichen Serie lesen kann. Dem ist aber nicht so. Natürlich gibt es eine Rahmenhandlung, nämlich David ter Gordens Suche nach den Spektren, die in besagtem Universum stattfindet. "Kosmisches Labyrinth" bildet aber den Auftakt zu einer Trilogie, deren Handlung in ein fremdes Universum verlegt wird. Und dort gelten vollkommen andere Gesetzmäßigkeiten! Der ganze Serienhintergrund spielt für die Trilogie praktisch keine Rolle, jedenfalls muss man weder die Terranauten-Heftromanserie noch eines der vier Taschenbücher gelesen haben, um der Handlung folgen zu können.

Weilers Kunstgriff sorgt bei mir, der ich nun mal die komplette Serie gelesen habe, allerdings für Stirnrunzeln. Nicht zum ersten Mal wurde meine Hoffnung, endlich eine vernünftige Weiterführung der Heftserie geboten zu bekommen, zumindest teilweise enttäuscht. Schon nach 40 Seiten kommt der Wechsel in eine Fantasywelt, die so gut wie nichts mit dem Terranauten-Universum zu tun hat. Es wäre ja noch OK, wenn es sich um ein Paralleluniversum handeln würde, in dem die von den Terranauten genutzten Psi-Kräfte für "Magie" gehalten werden. Stattdessen handelt es sich anscheinend wirklich um Magie, also um ein Phänomen, das nicht durch die Pseudowissenschaft der Terranauten-Serie zu erklären ist. Aber nicht genug damit! Es kommen klischeehafte Fabelwesen wie Gnome, Kobolde und Dämonen vor und der obligatorische "Dunkle Herrscher", der alles Leben unterdrücken will (hat da jemand "Sauron" gesagt?) darf nicht fehlen. Ich muss Weiler (ein Pseudonym für Andreas Brandhorst) zugutehalten, dass er eine unglaubliche Ideenvielfalt in den dünnen Roman hineinpackt. Der Diebstahl des Konnexkristalls dient natürlich nur dazu, David und mit ihm den Leser kreuz und quer durch diese bunte Welt zu führen. Nicht zum ersten Mal ist mir übrigens aufgefallen, dass der Autor merkwürdige Formulierungen wie "Gemütlichzimmer", "Heftigschmerz", "Entstelltgesicht", verwendet. Soll wahrscheinlich exotisch klingen, sorgt aber nur für unfreiwillige Komik. (25.08.2014)


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633
Die Urth der Neuen Sonne Gene Wolfe: Die Urth der Neuen Sonne
Heyne, 1990
447 Seiten

Severian, Autarch und rechtmäßiger Herrscher der Urth, hat den Planeten mit einem gigantischen Raumschiff verlassen. Von seinem Vorgänger hat er erfahren, dass sich jeder neue Autarch einer Prüfung unterziehen muss. Erweist er sich als würdig, kann er die sterbende Sonne zu neuem Leben erwecken. Nachdem er sich mit den Verhältnissen im Raumschiff vertraut gemacht, neue Gefährten kennen gelernt und mehrere Mordanschläge überstanden hat, erreicht Severian die Welt Yesod. Dort begegnet er dem gottähnlichen Wesen Tzadkiel, das ihm erklärt, er habe die Prüfung bereits bestanden. Severian ist nun quasi mit der Neuen Sonne identisch und gewinnt durch sie unvorstellbare Kräfte.

Gemeinsam mit seiner Geliebten Burgundofara kehrt Severians sterbliche Hülle zur Urth zurück, bleibt aber untrennbar mit der Neuen Sonne verbunden. Diese ist noch weit von der Urth entfernt, denn Severian und Burgundofara sind in der Zeit zurückgereist. Nachdem Severian mehrere Menschen geheilt und sogar von den Toten zurückgeholt hat, wird er als "Schlichter" bekannt. Durch seine Aufsehen erregenden Taten gerät Severian mehrmals in Gefahr, der er sich entzieht, indem er durch die Korridore der Zeit in die Zukunft flieht. Erst jetzt kann Severian seine Aufgabe vollenden. Die Neue Sonne entsteht, doch die Erwärmung der Urth führt gleichzeitig zu ihrem Untergang, denn die Eisschmelze bringt katastrophale Überschwemmungen mit sich...

Ich fand die ersten vier Bände des Romanzyklus "Das Buch der Neuen Sonne" faszinierend, teilweise aber nicht ganz leicht zu lesen. Der fünfte und letzte Band hat mir noch einiges mehr an Geduld abverlangt. Das ist unter anderem der Wolfe'schen Terminologie geschuldet. Wie in jedem Band werden unzählige lateinische, griechische oder zumindest so klingende Begriffe verwendet, die zwar zum Teil in früheren Bänden schon mal vorgekommen, dort aber ebenso wenig erklärt worden sind wie jetzt. Auch die langen philosophischen Exkurse und der komplexe Mystizismus haben dazu beigetragen, dass ich mich durch manche Kapitel geradezu hindurchquälen musste, zumal ich die Relevanz für die Story nicht immer erkennen konnte. Das Ende war für mich etwas unbefriedigend. Dass die Urth eine Sintflut erlebt und neu erschaffen wird, habe ich ja noch begriffen. Dann folgen aber noch Kapitel, in denen Severian anscheinend wieder zwischen den Zeiten und Dimensionen wandelt, am Ende wird er gar zu einer Art Gott. Da bin ich nicht mehr so richtig mitgekommen.

Ich hatte sowieso noch stärker als bisher das Gefühl, dass mir entscheidende Informationen entgangen sind, dass ich viele Querverweise, implizierte Zusammenhänge und subtile Andeutungen nicht verstanden habe. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, wenn ich alle fünf Bände direkt hintereinander und nicht mit mehrmonatigem Abstand gelesen hätte. Dabei werden durchaus manche losen Enden verknüpft und es werden Erklärungen für offen gebliebene Fragen geliefert - wenn auch längst nicht für alle. Unter anderem erfährt man, dass sich im Inneren der sterbenden Sonne ein Schwarzes Loch befindet, welches für ihr Erkalten verantwortlich ist, dass die Sonne durch einen "Weißen Born" neu gezündet werden kann, und dass die Zitadelle der Folterergilde einst ein Raumschiff war. Durch Severians Zeitreise werden aufschlussreiche Einblicke in die Vergangenheit möglich. Außerdem wird eine Zeitschleife begründet. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist Severian selbst der Schlichter, dessen Klaue er im ersten Roman des Zyklus erhält... (18.08.2014)


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632
Ready Player One Ernest Cline: Ready Player One
Blanvalet, 2014
511 Seiten

Mitte des 21. Jahrhunderts sind die fossilen Brennstoffe weitgehend aufgebraucht. Wirtschaftskrisen nie gekannten Ausmaßes, Hungersnöte, Unruhen und Sklavenarbeit sind die Folge der weltweiten Energieknappheit. Flüchtlingsströme ergießen sich in die Großstädte, die dem Ansturm der verarmten Massen nicht gewachsen sind. Die meisten Menschen unternehmen nicht einmal mehr den Versuch, ihre Situation zu verbessern. Sie kehren der trostlosen Realität den Rücken und verbringen so viel Zeit wie möglich in der OASIS, einem perfekten virtuellen Universum, in dem buchstäblich alles möglich ist. Ausgestattet mit 3D-Brillen und haptischen Handschuhen oder Ganzkörperanzügen, die die volle Immersion ermöglichen, nehmen sie quasi selbst den Platz ihres Avatars ein. Die Welten der OASIS halten die unterschiedlichsten Multiplayerspiele, sozialen Netzwerke etc. bereit, und zwar kostenlos. Für jeden Geschmack wird etwas geboten, man kann alle Fantasien ausleben, und vor allem kann man anonym bleiben. Die OASIS ist nicht reglementiert. Hier kann selbst jemand wie Wade Watts, der mit seiner herrschsüchtigen Tante in einem hoffnungslos überbevölkerten Trailerpark dahinvegetiert, absolute Freiheit genießen. Wade muss sein Versteck, das er sich tief in den Schrottbergen des Trailerparks eingerichtet hat, nicht einmal zum Schulbesuch verlassen, denn der Unterricht findet ausschließlich online statt.

Eines Tages stirbt James Halliday, Multimilliardär und Schöpfer der OASIS. Laut Testament erbt derjenige Hallidays gesamtes Vermögen und erhält die Kontrolle über die OASIS, der ein dort verstecktes "Easter Egg" findet. Zu diesem Zweck müssen in der OASIS drei Schlüssel gefunden und drei Tore geöffnet werden. Da Halliday von der Popkultur der Achtzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts besessen war, benötigen die "Eierjäger" enzyklopädisches Wissen über diese Zeit, um die Rätsel lösen zu können. Prompt erleben alle möglichen Filme, Spiele, Romane usw. aus Hallidays Jugendzeit ein ungeahntes Revival. Die Jagd bleibt jahrelang erfolglos, bis Wade eines Tages den ersten Schlüssel findet. Sein Sieg wird automatisch auf einem Scoreboard bekannt gemacht. Ab sofort ist Wade ein Held, aber er ist auch in Gefahr. Der multinationale Provider Innovative Online Industries (IOI) setzt alles daran, das Easter Egg zu gewinnen. IOI ist natürlich auch an Hallidays Milliarden interessiert, vor allem aber geht es dem mächtigen Konzern darum, die OASIS in einen gebührenpflichtigen Tummelplatz für zahlungskräftige Kunden umzuwandeln. Das können aufrechte Gamer wie Wade natürlich nicht zulassen, deshalb schlägt er ein lukratives Angebot von IOI aus. Doch der Konzern schreckt nicht einmal vor Mord zurück, um seine Ziele zu erreichen...

In mehr als einer Kritik habe ich gelesen, dieser Roman sei nur für jene geeignet, die immer noch in den Achtzigerjahren leben. Das stimmt nicht ganz. Richtig wäre es zu behaupten, dass der Roman ein gefundenes Fressen für Leute ist, die die Achtziger erlebt haben und sich gern daran erinnern - vor allem an die Arcade- und Computerspiele sowie die Filme dieser Zeit. Mir geht es jedenfalls so. Ich bin mit alldem aufgewachsen, wurde dadurch geprägt und hatte viel Spaß damit. Der Kunstgriff, mit dem Cline die Jugenderinnerungen Hallidays (also in Wahrheit wohl die eigenen Erinnerungen) ins Zentrum der Story stellt, ist wunderbar gelungen und wirkt keineswegs irgendwie aufgepfropft. Wer Hallidays Erbe antreten will, der muss sich intensiv mit dessen Vorlieben auseinandersetzen - wir Kinder der Achtziger haben das nicht nötig, sondern dürfen uns darüber freuen, wie Wade und seine Freunde fachmännisch über Games wie "Defender" und "Galaga", Filme wie "War Games" und Blade Runner, Musik von Rush und so weiter reden… Aber nicht nur das: In der OASIS erwachen die Achtziger zu neuem, virtuellem Leben. Herrlich!

Würde der Roman nicht mehr als Futter für Nerds bieten, dann wäre er in der Tat für alle anderen Leser langweilig. Das ist aber keineswegs der Fall. Die Verweise auf ein längst vergangenes Jahrzehnt mögen wichtig sein, aber sie dominieren die Story nicht. Selbst mir dürften zahlreiche Anspielungen entgangen sein, schließlich bin ich nicht in den USA aufgewachsen. Das ist aber nicht schlimm. Auch zu spät Geborene können der Story problemlos folgen. Cline konstruiert eine dystopische Cyberpunk-Welt und spinnt die heute schon erkennbaren Entwicklungen der Online-Gesellschaft konsequent weiter. Sein Weltenentwurf erreicht nicht die epische Größe von Tad Williams' Otherland und Hallidays Vermächtnis kann dem Daemon im gleichnamigen Meisterwerk von Daniel Suarez nicht annähernd das Wasser reichen. Cline setzt sich nicht ernsthaft mit der Realitätsflucht seiner Protagonisten auseinander und die Leute von der IOI bleiben eindimensionale Bösewichte. Trotzdem ist die Jagd nach dem Easter Egg jederzeit spannend. (13.08.2014)


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631
Der Judas-Code James Rollins: Der Judas-Code
Blanvalet, 2010
544 Seiten

Eine Insel im Indischen Ozean wird von einer unheimlichen Katastrophe heimgesucht. Unzählige Meerestiere, die rasend schnell beim lebendigen Leib zu verwesen scheinen, werden an den Strand gespült. Eine Giftwolke zieht über die Insel hinweg und verursacht unerklärliche Krankheitssymptome bei jedem, der damit in Kontakt kommt. Eine hoch ansteckende Seuche bricht aus, viele Inselbewohner sterben. Die Überlebenden werden auf dem Kreuzfahrtschiff Mistress of the Seas des Milliardärs Ryder Blunt in Quarantäne genommen. Getarnt als Forscher der Weltgesundheitsbehörde nehmen Lisa Cummings und Monk Kokkalis von der SIGMA-Force an der Untersuchung der Patienten teil. Anscheinend mutieren harmlose Bakterien, die teilweise sogar in Symbiose mit dem menschlichen Körper leben, plötzlich zu Killern und wenden sich gegen ihren Wirt. Dass diese Krankheit nicht zufällig ausgebrochen ist, wird klar, als das Kreuzfahrtschiff von Piraten gekapert wird. Sie stehen im Dienste des Biotechnologen Dr. Devesh Patanjali. Er ist ein Agent der Gilde, des Erzfeindes von SIGMA.

Grayson Pierce ist hochrangiger SIGMA-Offizier, hat seinen Eltern hiervon aber noch nichts erzählt. Eigentlich wollte er ihnen die Wahrheit irgendwann schonend beibringen, doch daraus wird nichts. Eines Nachts rast ein Motorrad in die Einfahrt seines Elternhauses, die Fahrerin ist angeschossen. Es ist Seichan, ein Gildenmitglied, mit dem Gray schon bei früheren Einsätzen aneinandergeraten ist. Sie wird von ihren eigenen Leuten verfolgt, denn sie hat einen jahrhundertealten Obelisken gestohlen, der eine verschlüsselte Botschaft Marco Polos trägt und von entscheidender Bedeutung für das neueste Projekt der Gilde ist. Gray hilft Seichan, allerdings nicht aus altruistischen Motiven, denn die Gelegenheit, eine Top-Agentin der Gilde in SIGMAS Obhut überführen zu können, kann er sich nicht entgehen lassen. Dummerweise wollen seine Eltern ihn begleiten. Seichan soll in einer konspirativen Wohnung behandelt werden, doch ein von Amen Nasser angeführter Greiftrupp der Gilde ist schon unterwegs dorthin. Gray, Seichan und der SIGMA-Agent Joe Kowalski können fliehen, aber Grays Eltern fallen Nasser in die Hände...

Den vierten Band der SIGMA-Force-Reihe, dessen Handlung einige Monate nach Der Genesis-Plan spielt, kann man ohne Kenntnis der anderen Romane lesen. Es gibt zwar durchaus inhaltliche Zusammenhänge, das gilt aber nur für das Ränkespiel zwischen SIGMA und der Gilde sowie für die wie üblich etwas schablonenhaft gezeichneten Hauptpersonen und ihre Beziehungen untereinander. Wie bei den anderen Bänden der Reihe ist die eigentliche Story in sich abgeschlossen. Wer die Serie und ihre Protagonisten schon kennt, kann natürlich noch besser mitfiebern. Mit Joe Kowalski kommt eine neue, gar nicht unsympathische Hauptfigur hinzu. Seichan bleibt undurchsichtig, allerdings macht sie Gray am Ende ein überraschendes Geständnis - ich verrate nur so viel: Zwischen den beiden geht bestimmt noch was, und zwar nicht nur in Liebesdingen.

Wie gewohnt eröffnet Rollins mehrere Handlungsstränge, so dass ein Cliffhanger den nächsten jagt, und wieder einmal vermischt er Verschwörungstheorien sowie historische und wissenschaftliche Fakten geschickt mit rasanter Action in aller Herren Länder, so dass sich die Buchseiten praktisch von selbst umblättern. Durch die explosionsartige Vermehrung von Cyanobakterien im Meer kommt es tatsächlich zur Freisetzung von giftigen Stoffen, die bereits mehrmals zum Massensterben von Fischen geführt haben. Auch die Engelsschrift existiert wirklich und Marco Polo hat vermutlich noch viel mehr erlebt, als wir heute wissen. Routiniert konstruiert Rollins aus alldem eine globale Bedrohung, eine an Indiana Jones gemahnende Schnitzeljagd und einen Kampf der Geheimdienste. Die SIGMA-Force-Romane folgen immer demselben einfachen Strickmuster, aber man kann nicht behaupten, dass das nicht funktioniert! (05.08.2014)


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630
Das Blut Guillermo del Toro und Chuck Hogan: Das Blut
Heyne EBooks, 2010
Kindle Edition

Zur Vorgeschichte siehe Die Saat.

Die Saat des Meisters breitet sich schnell aus. Immer mehr Menschen werden in blutdürstige Kreaturen verwandelt, die nachts auf die Jagd gehen und mit normalen Waffen nicht aufgehalten werden können. New York versinkt im Chaos. Schon bald treffen auch aus anderen Ländern Meldungen über den Ausbruch der "Seuche" ein. Obwohl die verantwortlichen Stellen die Wahrheit kennen, wird die Bevölkerung nicht informiert und es werden keine geeigneten Gegenmaßnahmen getroffen, bis es zu spät ist - selbst eine Evakuierung der Stadt ist dann nicht mehr möglich. Mitverantwortlich dafür ist der todkranke Multimilliardär Eldritch Palmer. Vom Meister erhofft er sich das ewige Leben. Er setzt all seine Mittel und seinen gesamten Einfluss ein, um sich diese Gunst zu verdienen. Zudem wurde die Regierung längst unterwandert. Der Meister und die sechs Alten existieren schon seit Jahrtausenden und haben überall hörige Handlanger. New York wird praktisch zu einer Speisekammer, in der sich der Meister und die niederen Vampire nach Belieben bedienen können, ohne auf ernsthaften Widerstand zu stoßen. Doch das ist dem Meister noch nicht genug. Sein Ziel besteht in der Vernichtung der anderen Alten und der Umwandlung des gesamten Erdballs in eine Welt der ewigen Nacht.

Abraham Setrakian, Dr. Ephraim Goodweather, Nora Martinez und Vasily Fet sind die einzigen Menschen, denen das ganze Ausmaß der Bedrohung bekannt ist, aber sie kämpfen auf verlorenem Posten. Ihr verzweifelter Anschlag auf den Meister ist fehlgeschlagen. Die Kreatur wurde verwundet, aber nicht entscheidend geschwächt. Ephraim wird zudem als Mörder von der Polizei gesucht und muss sich um seinen halbwüchsigen Sohn Zach kümmern. Zachs Mutter Kelly wurde in einen Vampir verwandelt, der dem Jungen hartnäckig nachstellt. Setrakians letzte Hoffnung ruht auf dem Occido Lumen, einem alten Buch, das Hinweise zur Vernichtung des Meisters enthält und demnächst bei Sotheby's versteigert werden soll. Doch auch Palmer ist bestrebt, das Occido Lumen in seinen Besitz zu bringen, und im Gegensatz zu Setrakian verfügt er über das nötige Kleingeld.

In dieser aussichtslosen Situation greifen die anderen Meister ein. Sie statten den Kleinkriminellen Augustin Elizalde mit dem für den Kampf gegen die Vampire erforderlichen Wissen und einem beachtlichen Waffenarsenal aus. Gus erhält den Auftrag, weitere Vampirjäger zu rekrutieren und den Renegaten zu vernichten. Doch dessen Pläne sind schon weiter gediehen als selbst seine Brüder ahnen...

"Das Blut" ist ein typischer Trilogie-Mittelteil. Für alle, die Band 1 nicht kennen oder sich nicht mehr daran erinnern können, müssen die Geschehnisse nochmal kurz rekapituliert werden und die Handlung darf sich nicht zu weit entwickeln, weil der Höhepunkt ja erst noch kommen soll. Dennoch ist Band 2 kurzweiliger als der erste Roman, denn darin hat die Etablierung des Bedrohungsszenarios zu lange gedauert. Jetzt gehen die Autoren gleich in die Vollen und der Kampf wird an mehreren Fronten geführt. Mit Gus und seinen Jungs darf eine zweite Gruppe von Vampirjägern unter der mutierten Brut aufräumen. Rückblicke in Setrakians Vergangenheit sorgen für Auflockerung, wenn ich auch sagen muss, dass ich auf die nicht nur in diesen Kapiteln vorkommenden klischeehaften Nazivampire gut hätte verzichten können. Jedenfalls wird Action satt geboten.

Tatsächlich spritzen Vampir- und Menschenblut derart großzügig durch die Gegend, dass ich mich erneut an den Film Blade 2 erinnert gefühlt habe. Auf die Dauer wurde die Aneinanderreihung von Kämpfen allerdings etwas ermüdend, zumal unsere nach wie vor recht eindimensional bleibenden Helden zwar eine Niederlage nach der anderen erleiden, aber trotzdem nie angekratzt werden - bis einer von ihnen (leider nicht die Nervensäge Zach) schließlich doch noch auf recht spektakuläre Weise sein Leben verliert. Und nicht nur das. Der Roman endet mit einem Cliffhanger, der auf einen wahrhaft apokalyptischen Abschluss der Trilogie hoffen lässt. (28.07.2014)


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629
Im Reiche des Silbernen Löwen III Karl May: Im Reiche des Silbernen Löwen III
Kindle Edition

Nach Marah Durimehs Befreiung begegnen Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar in Basra ihrem alten Freund Sir David Lindsay. Aus der geplanten gemeinsamen Weiterreise per Schiff wird jedoch nichts, die Freunde werden getrennt. Von ihrem Wirt erhalten Kara Ben Nemsi und Halef einen Brief, der eigentlich für Ghulam el Multasim bestimmt ist, ein Mitglied der Sillan-Bande. Die Reise geht weiter durchs westliche Persien. Dort werden zuerst Halef und dann auch Kara Ben Nemsi schwer krank. In ihrem geschwächten Zustand bemerken sie zu spät, dass sie einer Gruppe von Ausgestoßenen verschiedener Luren-Stämme, den Massaban, in die Falle gehen. Einige Luren rauben ihnen Waffen und Pferde, von anderen erhalten sie ihr Hab und Gut zurück. So sollen die beiden berühmten Helden dazu verpflichtet werden, an einem Feldzug gegen die Dschamikun-Kurden teilzunehmen.

Als Halef dem Tode nahe ist, begegnet Kara Ben Nemsi dem Scheik der Dschamikun, genannt "Pedehr" (Vater), und erfährt die Wahrheit. Mit letzter Kraft lockt Kara Ben Nemsi die Massaban in einen Hinterhalt. Dann bricht er zusammen - wie Halef leidet er an Typhus. Beide werden im Tal der Dschamikun gesund gepflegt. Halef kehrt erst ins Leben zurück, als seine Frau Hanneh und sein Sohn Kara Ben Halef herbeigeholt werden. Kara Ben Nemsi lernt die Bewohner des Tales kennen, insbesondere den Ustad, den geistlichen Führer der Dschamikun. Bei einem Ausritt mit dem geistig etwas zurückgebliebenen Meisterreiter Tifl rettet Kara Ben Halef Scheik Hafis Aram und dessen Frau Amineh vor persischen Bluträchern. Diese dringen ins Dschamikun-Tal ein. Ghulam el Multasim ist einer von ihnen. Noch über ihm steht Ahriman Mirza, den Kara Ben Nemsi für den Anführer der Sillan hält. Ahriman Mirza trägt einen Dolch, der jenem gleicht, den Kara Ben Nemsi einst von Dschafar erhalten hat. Er will die Dschamikun entweder unterwerfen oder vernichten...

Dieser Roman enthält einen sehr deutlichen Stilbruch. Er beginnt ganz so, wie man es von Karl Mays abenteuerlichen Reiseromanen kennt. Es gibt ein leider nur kurzes Wiedersehen mit dem schrulligen Briten Sir David Lindsay, weitere Konflikte mit der Sillan-Bande zeichnen sich ab. Auch die schwere Krankheit der beiden Hauptfiguren und ihre Erlebnisse mit den Massaban gehören noch zu dieser Hälfte.

Spätestens mit der Ankunft im Tal der Dschamikun wird der Roman zum religiös-philosophischen Traktat. Dieser Teil ist noch dialoglastiger als der zweite Band der Silberlöwe-Reihe - allerdings sind das oft gar keine Dialoge, sondern ermüdend lange Monologe. Im Karl May-Wiki kann man nachlesen, dass May den ersten Teil des Romans vor der Orientreise geschrieben hat, den zweiten danach. Die Orientreise muss ein Wendepunkt in Mays Leben gewesen sein, und das merkt man der zweiten Hälfte des Romans sehr deutlich an. Halefs Beinahe-Tod und Kara Ben Halefs Solo-Abenteuer, durch das die Handlung weiter vorangetrieben wird, machen den Roman dann doch noch lesenswert. (21.07.2014)


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628
Im Kabinett des Todes Stephen King: Im Kabinett des Todes
Ullstein, 2011
582 Seiten

Diese Kurzgeschichtensammlung enthält 14 Storys von Stephen King mit Anmerkungen und einer Einleitung aus seiner Feder. Nicht alle Beiträge sind dem Horror-Genre zuzurechnen. Die Titelstory ist zum Beispiel eher eine Art Polit-Thriller, in der ein Reporter in einem südamerikanischen Land mit Elektroschocks gefoltert wird, weil er mit einem Widerständler zusammengearbeitet hat. "Der Tod des Jack Hamilton" ist eine klassische Gangster-Story, die aus dem Blickwinkel eines Mitglieds der Dillinger-Bande (die wirklich existiert hat) erzählt wird. In "Alles was du liebst, wird dir genommen" geht es um einen Handelsvertreter, der auf seinen Reisen Klosprüche sammelt und jetzt Selbstmord begehen will.

Andere Geschichten wie "Autopsieraum vier" und "1408" dagegen sind Variationen von typischen Horror-Motiven: Lebendig begraben und Spuk im Hotelzimmer. Letztere Story wurde übrigens im Jahre 2007 mit John Cusack in der Hauptrolle verfilmt. Achterbahn wurde schon mal gesondert veröffentlicht. Lesenswert - egal ob Grusel oder nicht - sind alle Storys natürlich auf jeden Fall. Die Kurzgeschichtensammlung ist für Fans von Stephen Kings "Dunkler Turm"-Zyklus besonders interessant, denn sie enthält die gar nicht so kurze Geschichte "Die kleinen Schwestern von Eluria". Sie spielt vor dem Roman "Schwarz". Roland kommt in die menschenleere Stadt Eluria, wo er von Langsamen Mutanten angegriffen und schwer verwundet wird. Er wird von äußerst merkwürdigen Ärzten und Krankenschwestern gesund gepflegt. Schon bald wird ihm klar, dass die Schwestern alles andere als sein Wohlergehen im Sinn haben... (16.07.2014)

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627
Fear - Grab des Schreckens Douglas Preston / Lincoln Child: Fear - Grab des Schreckens
Knaur eBook, 2013
Kindle Edition

Viele Jahre lang war FBI-Agent Aloysius Pendergast davon überzeugt, seine geliebte Frau Helen sei bei einer Safari in Sambia von einem Löwen getötet worden. Nun hat er erfahren, dass er getäuscht wurde. Helen lebt! Sie war seinerzeit in tödlicher Gefahr und musste untertauchen. Ihr Bruder Judson Esterhazy hat Helens Zwillingsschwester (von deren Existenz Pendergast nichts wusste) geopfert, um Helen vor dem Zugriff einer mächtigen Geheimorganisation zu schützen. Mit Esterhazys Hilfe kommt es zwölf Jahre nach dem angeblichen Jagdunfall zum ersten Treffen zwischen Pendergast und Helen, doch dann greift der Geheimbund an. Esterhazy wird getötet, Pendergast wird angeschossen, Helen wird entführt. Trotz seiner Verwundung verfolgt Pendergast die Entführer bis nach Mexiko, wo er sie endlich stellen kann. Die Sache geht katastrophal schief und das Oberhaupt des Geheimbundes entkommt. Danach versinkt Pendergast in eine tiefe Depression, zieht sich von aller Welt zurück und bereitet seinen Selbstmord vor.

Währenddessen ermittelt Pendergasts Freund Vincent D’Agosta in einer Serie bizarrer Mordfälle. Ein Unbekannter betritt verschiedene Hotels, lässt sich absichtlich von den Überwachungskameras filmen und ermordet danach je einen Hotelgast. Dabei geht er mit unheimlicher Voraussicht ans Werk. Es scheint so, als wisse er immer einige Minuten vorher, was gleich geschehen wird. Der Mörder zerstückelt die Leichen und lässt stets eine kryptische Botschaft sowie etwas von sich selbst am Tatort zurück: Ein Ohrläppchen, ein Fingerglied… Ansonsten gibt es keine Spuren und keine Zeugen. D’Agosta bittet Pendergast um Hilfe, doch der ist zunächst nicht interessiert. Dann begreift Pendergast, dass er der Adressat der Botschaften ist. Er verfällt in einen geradezu manischen Aktionismus, denn er glaubt, sein tot geglaubter Bruder Diogenes sei der Hotelmörder. Doch schon bald stellt Pendergast fest, dass das Verwandtschaftsverhältnis anderer Natur ist...

Eine Bemerkung vorab: Es war gar nicht so einfach, den Einstieg in die Handlung spoilerfrei zu beschreiben. Solltet ihr diesen Roman lesen wollen, dann ignoriert unbedingt den Klappentext! Darin wird eine entscheidende Wendung verraten - ich wurde nicht gewarnt und habe mich ganz schön geärgert.

Dies ist der dritte Teil der so genannten "Helen-Trilogie". Man muss die ersten beiden Romane (Fever und Revenge) nicht unbedingt gelesen haben, um der Handlung folgen zu können. Vielleicht ist es sogar besser, wenn man nur den ersten Band liest und die beiden folgenden ignoriert. Denn genau wie Band 2 ist auch "Fear" eine einzige große Enttäuschung. Meine damalige Kritik müsste ich hier wiederholen. Pendergast wird zu Beginn arg mitgenommen und blutet sich fast zu Tode, aber er ist fast so unverwüstlich wie Wolverine und jagt selbst als halbe Leiche noch Helens Entführern hinterher, die er sogar beinahe besiegt. Nazis haben im brasilianischen Regenwald eine Geheimbasis errichtet (natürlich über einem Vulkan, der für den Showdown gebraucht wird - argh!) und versuchen seit dem zweiten Weltkrieg den Übermenschen zu züchten, um mit dessen Hilfe die Weltherrschaft an sich zu reißen. Geht es noch klischeehafter? Bei dieser billigen Effekthascherei fehlen mir echt die Worte. Und das waren noch längst nicht alle Tiefpunkte dieses Romans.

Wieder wird der Text durch verzichtbare Nebenhandlungen aufgebläht. Da sind zum Beispiel zwei Sachen im Zusammenhang mit Pendergasts "Mündel" Constance Greene. Deren Arzt versucht herauszufinden, ob sie wirklich im 19. Jahrhundert geboren wurde, und es wird geklärt, warum sie ihr Kind ermordet hat. Hat sie gar nicht. Das war auch wieder nur ein Täuschungsmanöver. Angeblich wurde das Baby als Inkarnation eines tibetanischen Heiligen identifiziert und musste vor den Chinesen in Sicherheit gebracht werden. Aua! Corrie Swanson, die das Ende von Band 2 tatsächlich überlebt hat, steht im Mittelpunkt einer weiteren Nebenhandlung. Die ist wirklich völlig irrelevant, lustigerweise ist sie aber spannender und vor allem viel glaubwürdiger als die Haupthandlung!

Das war nix. Schade! Dabei hat die Trilogie so gut angefangen. Hoffentlich finden die Autoren bald wieder zur alten Stärke zurück, denn wenn sie so weitermachen, werde ich auf weitere Romane mit Pendergast wohl lieber verzichten. Immerhin enthält der Roman eine interessante Andeutung. Ich habe mich früher schon gefragt, warum Pendergast beim FBI nicht längst rausgeflogen ist. Er dort wohl einen unbekannten Gönner, der seine schützende Hand über ihm hält... (16.07.2014)


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626
Darknet Daniel Suarez: Darknet
Rowohlt Digitalbuch, 2011
Kindle Edition

Zur Vorgeschichte siehe Daemon.

Der Daemon hat sein erstes Ziel erreicht. Er hat Zugriff auf jedes einzelne Element der vernetzten Welt und ist in die Datenbanken unzähliger mächtiger Firmen eingedrungen, die er somit nach Belieben erpressen oder zugrunde richten kann. Nicht einmal die Geheimdienste und das organisierte Verbrechen sind vor dem Daemon sicher. Menschliche Agenten schützen den Daemon und dienen ihm als Handlanger. Sie nutzen ein Darknet - ein nur für sie via Datenbrille zugängliches Sub-Internet, für das ein Rangsystem wie bei einem Online-Rollenspiel etabliert wurde und in dem der Rufwert eines Nutzers wichtiger ist als zum Beispiel seine Kreditwürdigkeit. Wer die vom Daemon gestellten Aufgaben erfüllt, erhält Punkte und erreicht irgendwann ein höheres Level, wodurch er sich für verantwortungsvollere Posten qualifiziert, die ihm natürlich auch einen besseren Ruf einbringen können.

Sobald Existenz und Machtbasis des Daemon abgesichert sind, kann er darangehen, die eigentlichen Ziele seines Schöpfers Matthew A. Sobol zu verwirklichen. Sobol war der Ansicht, dass die globale Gesellschaftsordnung kurz vor dem Zusammenbruch steht. Der Daemon soll der blinden Profitgier einer auf gnadenlose Ausbeutung und Ressourcenverschwendung ausgerichteten Weltwirtschaft sowie den am Gängelband der Großkonzerne hängenden Regierungen Alternativen entgegensetzen. Und so entstehen bald überall in den USA autarke, von Darknet-Mitgliedern besiedelte und miteinander vernetzte Enklaven, in denen nachhaltig gewirtschaftet wird. Innovative, saubere Energiequellen werden entwickelt, Nahrungsmittel werden nur für den Bedarf vor Ort produziert.

Diese Entwicklung bleibt den Machthabern nicht verborgen. Tatsächlich holen sie bereits zum Gegenschlag aus, wobei hauptsächlich auf paramilitärische private Sicherheitsunternehmen zurückgegriffen wird. Sie schrecken vor nichts zurück, um das Darknet zu infiltrieren. Einige Darknet-Kommunen werden angegriffen. Aufgrund einer manipulierten Berichterstattung entsteht für die Öffentlichkeit der Eindruck, dort seien lokale Aufstände und Plünderungen niedergeschlagen worden. Die Existenz des Daemon wird immer noch geheim gehalten, denn seine Feinde wollen versuchen, ihn für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Doch auch innerhalb des Darknet zeichnen sich beunruhigende Entwicklungen ab. Einzelne Darknet-Mitglieder gewinnen immer mehr Einfluss, und nicht alle haben lautere Absichten. Vor allem der als "Loki" bekannte ehemalige Hacker Brian Gragg wird allmählich zu einem echten Problem. Sobol hat das vorhergesehen. Der Daemon hätte die Möglichkeit, die alleinige Macht zu übernehmen, aber er wird das nicht von sich aus tun. Stattdessen wird Ex-Detective Peter Sebeck auf eine Quest geschickt. Um die Freiheit der Menschen zu rechtfertigen, muss Sebeck beweisen, dass der kollektive menschliche Wille in der Lage ist, die Selbstzerstörung abzuwenden...

Die Romane "Daemon" und "Darknet" bilden eine untrennbare Einheit und sind doch recht verschieden. Im ersten Roman wird aus der Existenz von Sobols Superprogramm zunächst ein Geheimnis gemacht und man erfährt erst ganz am Schluss, welche Vision Sobol bei seiner Erschaffung eigentlich hatte. Zentrales Thema des Romans sind die Einführung der Hauptfiguren, die schleichende Verbreitung des Daemon und die Beschreibung der zu diesem Zweck verwendeten Werkzeuge. Das liest sich wie Science Fiction, ist aber fest im Boden der Tatsachen verwurzelt. Bis auf die Motorrad-Killerroboter, die leider auch im zweiten Roman etwas zu oft vorkommen (wenigstens erfährt man, dass die Maschinen doch nicht so autonom agieren wie gedacht - sie werden in der Regel von Loki ferngesteuert), existiert die hier eingesetzte Technologie heute schon. Das gilt auch für die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen, die im Zentrum des zweiten Romans stehen. Das alles klingt vielleicht weit hergeholt, aber wie schon in "Daemon" wird auch in "Darknet" lediglich etwas konsequent zu Ende gedacht, dessen Anfänge wir eigentlich schon hinter uns gebracht haben. Stellvertretend für den Leser bereist Pete Sebeck die Darknet-Kommunen und erfährt, wie man es besser machen könnte.

Hier kommt der eigentliche Unterschied ins Spiel. Im ersten Roman wird der Daemon negativ dargestellt, er ist sozusagen der Bösewicht. Gnadenlos beseitigt er jeden, der ihm im Wege steht. Hunderte Menschen verlieren ihr Leben, andere werden durch Erpressung und Intrigen ruiniert. Jetzt wird der Daemon quasi zum Erlöser der Menschheit. Unter seiner Anleitung wird ein echtes Utopia aufgebaut. Die meisten Darknet-Mitglieder wissen wahrscheinlich gar nicht, dass der Daemon über Leichen gegangen ist, um das zu erreichen. Der Leser weiß es jedoch, deshalb verbleibt ein bitterer Nachgeschmack. Im Kommentar zum ersten Roman habe ich gefragt: "Würde ich in der vom Daemon angestrebten Welt leben wollen?" Nun, ich glaube zumindest, dass das Darknet-Utopia wirklich funktionieren könnte. Aber wäre das die vielen Opfer wert? Auch hier wird Sebeck wieder zum Leser-Stellvertreter, denn am Ende muss er eine einfache Frage des Sobol-Avatars mit Ja oder Nein beantworten...

Ich weiß nicht, welchen der beiden Romane ich besser finde. Ach was, diese Frage stellt sich gar nicht, denn im Grunde ist es ja ein einziger Roman. Ein faszinierendes, bis zur letzten Seite spannendes Werk, das gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage zum Nachdenken anregt. Quellen für weiterführende Literatur werden im Anhang angegeben. Der Doppelroman ist für mich DAS Lese-Highlight des ersten Halbjahres 2014. (15.07.2014)


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625
Brian Sibley: Der Hobbit – Smaugs Einöde. Das offizielle Filmbuch Brian Sibley: Der Hobbit – Smaugs Einöde. Das offizielle Filmbuch
Klett-Cotta, 2013
168 Seiten

Wie Brian Sibleys Buch zu Eine unerwartete Reise enthält auch dieses Werk einige Informationen zur Story und zu den Figuren, die aus dem Film selbst gar nicht hervorgehen. Allerdings nimmt das diesmal nicht ganz dieselben Ausmaße an, schließlich ist die Anzahl neuer Figuren nicht ganz so groß wie im ersten Film. Wie so oft, wenn der Aufwand beschrieben wird, mit dem Tolkiens Welt zum Leben erweckt wurde, kommt man aus dem Staunen gar nicht wieder heraus. So wurde angeblich jeder Topf Goldfarbe gebraucht, der in Neuseeland aufzutreiben war, um Smaugs Hort herzustellen (300.000 Münzen in verschiedenen Designs, dazu unzählige Pokale, Schmuckstücke, Waffen und so weiter und so fort), essbare Nahrungsmittel und Attrappen mussten in rauen Mengen hergestellt werden – und zwar in x-facher Ausfertigung, genau wie viele andere Requisiten, die sowohl von den "echten" Zwergen als auch von ihren kleinwüchsigen Größendoubles verwendet werden sollten. Manches ist allerdings schon wieder des Guten zu viel, jedenfalls kommt mir die Begeisterung der Perückenmacher über das besonders feine menschliche Haar aus Russland, das zur Herstellung der Elbenfrisuren verwendet wurde, beinahe zynisch vor.

Wie dem auch sei: Das Buch ist eine wahre Fundgrube für Fans der Hobbit-Filme. Es ist ein interessantes, unterhaltsam geschriebenes "Making of" in Text und Bild. Manche Fotos sind etwas zu klein, es sind aber viele doppelseitige Prachtaufnahmen enthalten. Diesmal kommt endlich auch Azog vor. Smaug wird natürlich nicht gezeigt (das Buch ist vor Filmstart erschienen), aber Benedict Cumberbatch ist in Action zu sehen und er erzählt, wie er als Kind davon geprägt worden ist, dass ihm sein Vater "Der Hobbit" vorgelesen hat. Kritisch sei angemerkt, dass sich einige Kapitel und Fotos gar nicht auf "Smaugs Einöde" beziehen, sondern auf Eine unerwartete Reise! (24.06.2014)

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624
Der lange Weg der SOL Peter Griese: Der lange Weg der SOL
VPM, 2012
161 Seiten

Die SOL, ein Fernraumschiff der Terraner, ist zur Heimat von Menschen geworden, die sich ein Leben auf einem Planeten nicht mehr vorstellen können. Unter der Leitung des unsterblichen Arkoniden Atlan haben die Solaner viele Abenteuer und Gefahren überstanden. Zuletzt war die SOL in der jetzt nicht mehr existenten Namenlosen Zone aktiv und hat die Eroberungspläne der technisch überlegenen Zyrtonier vereitelt. Im Oktober des Jahres 3808 macht sich die SOL endlich auf den Weg zum Raumsektor Varnhagher-Ghynnst. Dort soll Atlan einen Auftrag der Kosmokraten erfüllen.

Doch schon die erste Etappe des Fluges mit Überlichtgeschwindigkeit geht schief. Die SOL kommt weit vom Kurs ab, aber der Bordrechner SENECA behauptet, das anvisierte Zwischenziel sei erreicht worden. Der mit einem eigenen Bewusstsein ausgestattete, teilweise biologische Gigantcomputer wird offensichtlich manipuliert. Tatsächlich befindet sich ein nichtmenschliches Wesen im strengstens gesicherten Inneren SENECAS. Atlans Freund Ticker, ein intelligenter Adler mit starken Parafähigkeiten, besiegt das Wesen. Nach seinem Ende verwandelt sich der Unbekannte in eine Leitersprosse aus Jenseitsmaterie. Eine körperlose Stimme meldet sich und verkündet, Atlan müsse zehn Prüfungen bestehen.

In Atlan werden Erinnerungen an Visionen wach, die er in der Namenlosen Zone hatte. Darin hatte er den Tod seiner Freunde gesehen. Diese Visionen scheinen sich jetzt zu bewahrheiten, denn Ticker wird im Inneren eines Asteroiden durch einen Pfeil getötet, der sich anschließend in eine weitere Leitersprosse verwandelt. Atlan ist zutiefst besorgt, denn in einer der Visionen hat er den Tod Tyaris gesehen, der Frau, die er über alles liebt...

Diese Taschenheft-Neuauflage eines schon im Jahre 1987 erschienenen Romans gehört thematisch zu "Die Abenteuer der SOL", einem 175 Bände umfassenden Handlungszyklus der Atlan-Heftromanserie. Die Serie, ein Ableger der heute noch laufenden Perry Rhodan-Reihe, wurde 1988 eingestellt. Die Handlung wurde mehr schlecht als recht zu Ende geführt, einige Erzählstränge wurden abrupt beendet und so manche Frage blieb unbeantwortet. Unter anderem wurde meines Wissens nie erzählt, wie Atlan den ihm von den Kosmokraten erteilten Auftrag erfüllt hat. Dass er es geschafft hat, ist in den PR-Heften ab Band 1000 nachzulesen. In diesen Romanen ist die Reise der SOL von der Namenlosen Zone nach Varnhagher-Ghynnst aber bereits Vergangenheit.

Diese Lücke, so dachte ich, sollte mit "Der lange Weg der SOL" geschlossen werden. Ich hatte gehofft, Griese würde von der Ankunft der SOL an ihrem lang gesuchten Ziel, der ersten Kontaktaufnahme mit den Kranen, Atlans Installation als "Orakel" dieses Volkes und so weiter berichten. Irrtum! Stattdessen werden nur irgendwelche beliebigen Ereignisse hinzugedichtet, die im Grunde obsolet sind (die prophetischen Visionen von Tickers und Tyaris Ende kommen in "Die Abenteuer der SOL" vor und die jetzigen Gegenspieler sind in diesem Zyklus schon endgültig abgehakt worden) und darüber hinaus auch noch schlecht erzählt werden. Bei all dem sinnlosen und ziemlich hektischen Hin und Her geht zum Beispiel jegliche Figurenzeichnung baden. Tickers Tod wird sofort abgehakt und Atlan bleibt vom Verlust Tyaris seltsam unberührt. Es war dem Autor anscheinend wichtiger, Atlan merkwürdige Dinge in irrealen Welten erleben zu lassen und -zig Seiten mit vermeintlich bedeutungsvollen Andeutungen / nebulösem Gerede zu füllen.

Insoweit kann der Roman stellvertretend für die Schwächen des ganzen Zyklus stehen - kein Wunder, denn er wurde vom damaligen Chefautor verfasst, der für das umfassende Handlungsgerüst zuständig war. Das selbst für Kenner des Zyklus schwer verdauliche Geschwurbel aus Visionen, Träumen, Erinnerungsfragmenten und so weiter dürfte bei jemandem, der "Die Abenteuer der SOL" nicht gelesen hat, bestenfalls für Kopfschütteln sorgen. Wer den Zyklus kennt, der weiß sofort, wer diese komischen Sprossenwesen sind - die ärgerlichen Irreführungsversuche sind völlig überflüssig - und wer den Zyklus nicht kennt, der versteht sowieso nur Bahnhof. Als eigenständiger Roman ist "Der lange Weg der SOL" ein Totalverlust, als Erweiterung des Zyklus ist er größtenteils verzichtbar. (19.06.2014)


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623
Daemon Daniel Suarez: Daemon
Rororo, 2010
623 Seiten

Zwei Mitarbeiter der Softwarefirma CyberStorm Entertainment werden fast gleichzeitig ermordet. Detective Peter Sebeck und die hinzugezogenen FBI-Agenten stellen fest, dass die Taten von langer Hand vorbereitet worden sein müssen und dann ohne Beteiligung eines Menschen abgelaufen sind. Vorübergehend gerät Jon Ross, ein freier Mitarbeiter von CyberStorm, in den Fokus der Ermittlungen, denn dem FBI bleibt nicht verborgen, dass er seine Einmannfirma unter gestohlener Identität betreibt. Doch dann meldet sich Matthew A. Sobol, Gründer und Mastermind von CyberStorm, Multimillionär und visionärer Entwickler der ausgefeiltesten Online-Computerspiele, die die Gamer-Gemeinde je gesehen hat. Sobol bekennt sich zu den Taten, kann allerdings nicht mehr dafür zur Rechenschaft gezogen werden, denn er ist vor einigen Tagen an einem Hirntumor gestorben! Als sich bei der Durchsuchung von Sobols Anwesen verschiedene vollautomatische Verteidigungsanlagen aktivieren, denen Dutzende Polizisten und Agenten zum Opfer fallen, wird klar, welches Erbe Sobol hinterlassen hat. Jedenfalls steht für Ross, der von Sebeck zur Unterstützung hinzugezogen wird, zweifelsfrei fest, dass ein Daemon hinter der Sache steckt - ein unglaublich komplexes Computerprogramm, das Rechner in aller Welt infiltrieren kann, sich unerkannt immer weiter ausbreitet und jetzt damit begonnen hat, Mitwisser zu beseitigen.

Der Daemon wurde von der Nachricht über Sobols Tod aktiviert. Er überwacht und manipuliert die Datenströme von Nachrichtenportalen, Firmen und Regierungsbehörden. Überwachungskameras und das Internet sind seine Augen und Ohren. Das Programm folgt nicht nur einem festgelegten Ablaufplan, sondern reagiert flexibel auf bestimmte Ereignisse, so als ob Sobol persönlich im Hintergrund die Fäden ziehen würde. Für den Daemon ist die ganze Welt nur eine Map in einem gigantischen Online-Rollenspiel. Er hat Zugriff auf jedes einzelne Element der modernen vernetzten Welt - kein Datenspeicher und kein Netzwerk ist vor ihm sicher. So ist es für ihn kein Problem, unbescholtene Bürger zu diskreditieren oder Verbrecher in Unschuldslämmer zu verwandeln. Der Daemon rekrutiert viele menschliche Helfer, die er erpresst oder mit der Aussicht auf Reichtum und Macht lockt. Zu seinen wichtigsten Streitern gehören die arbeitslose Journalistin Anji Anderson, der als "Loki" bekannte Hacker Brian Gragg und der Schwerverbrecher Charles Mosely. Sie alle werden in eine schnell wachsende Organisation eingebunden, in der sie Punkte sammeln und sich weiterentwickeln können wie in einem MMORPG.

Die Behörden sind zuerst überfordert und dann nicht bereit, die Existenz einer ungreifbaren, allgegenwärtigen Cyber-Gefahr öffentlich bekannt zu machen. Ein Sündenbock ist schnell gefunden. Aufgrund geschickter Manipulationen des Daemon wird Sebeck zum Hauptverdächtigen. Ross gilt als sein Komplize und muss untertauchen. Nur die hoch begabte Kryptographin Natalie Philips ist nicht von seiner Schuld überzeugt, aber auch eine von ihr geleitete Task Force hinkt den Aktionen des Daemon stets nur hinterher. Nachdem Sebeck zum Tode verurteilt wurde, kann der Daemon damit beginnen, seine wahren Pläne zu realisieren. Er setzt das organisierte Verbrechen unter Druck und gewinnt die Kontrolle über unzählige mächtige Firmen. Somit verfügen der Daemon und seine Helfer über praktisch unbegrenzte Mittel - und sie sind in der Lage, die Weltwirtschaft in den Zusammenbruch zu treiben...

Verschiedener könnten zwei Romane mit fast identischem Titel kaum sein: Während Dämon von Matthew Delaney nicht ohne übernatürliche Geschehnisse und echte Dämonen auskommt, somit also dem Horror-Genre zuzurechnen ist, im Grunde aber konventionelle Thriller-Kost bietet, liest sich "Daemon" wie visionäre Science Fiction, ist jedoch fest im Boden der Tatsachen verwurzelt. Denn die hier beschriebene Technik existiert bereits. Lernfähige, interaktive Software, autonome Drohnen, Identitätsdiebstahl, virtuelle Welten, eine in jeden Lebensbereich hineinreichende Vernetzung - das alles kennen wir. In "Daemon" wird es lediglich konsequent weitergedacht, so dass sich geradezu phantastische Folgerungen ergeben. Die Frage ist nur, ob bei der Entwicklung eines solchen Programms wirklich jede erdenkliche Eventualität berücksichtigt werden könnte, ob ein Daemon also ohne lenkende Hand all die hier beschriebenen Aufgaben bewältigen kann - von der Rekrutierung und Koordinierung menschlicher Helfer bis hin zur Übernahme eines Großteils der Weltwirtschaft. Das vermag ich nicht zu beurteilen, aber in sich bleibt der Roman stets glaubwürdig. Das ist ganz schön beängstigend, denn wer weiß? Vielleicht ist in unserer Welt ja schon ein Daemon an Werk... Nur die schwertschwingenden Motorrad-Killerrobots, die am Ende auftauchen, sind für meinen Geschmack einen Tick zu abgedreht.

Die Story ist von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd. Das liegt am geschickten Einsatz teils recht drastisch geschilderter Action, unerwarteter Wendungen, immer neuer überraschender Daemon-Aktionen und häufiger Perspektivwechsel. Positive Identifikationsfiguren sind vor allem Sebeck und Ross. Selbst Antagonisten wie Mosely und Loki haben sympathische Seiten, zumindest werden sie nicht als eindimensionale Fieslinge aufgebaut. Einige undurchsichtige Gestalten mischen auch noch mit. Ein "Bösewicht" ist aber nicht vorhanden, denn der Daemon ist nicht böse. Er folgt lediglich seiner Programmierung. Und Sobol, der verantwortliche Programmierer, lebt ja nicht mehr. Anscheinend hatte er am Ende seines Lebens selbst Zweifel an der Richtigkeit seiner Vorgehensweise. Vermutlich konnte er die Entwicklung dann aber nicht mehr aufhalten. Eine faszinierende Konstellation! Ebenso interessant sind die wahren Ziele des Daemon, die erst am Ende enthüllt werden. Man fragt sich unwillkürlich: Würde ich in der Welt, die der Daemon anstrebt, leben wollen? Wäre sie vielleicht sogar besser als unsere? Der Roman ist nicht in sich abgeschlossen, er wird mit "Darknet" unmittelbar fortgesetzt. Ich bin schon sehr gespannt, ob Sobols Vision erreicht wird!

Wenn ich an diesem Cyber-Thriller überhaupt etwas bekritteln kann, dann höchstens, dass entsprechende Kenntnisse vorausgesetzt werden. Natürlich kann man der Handlung folgen, wenn man keine Ahnung von Telekommunikationstechnik, Online-Games und dergleichen hat - Sebeck, ein echter Noob, lässt sich stellvertretend für den Leser so manches erklären - dennoch hätte ein Glossar für die vielen Fachbegriffe vielleicht nicht geschadet. (11.06.2014)


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622
Die Zwölf Justin Cronin: Die Zwölf
Goldmann, 2014
829 Seiten

Im Jahre 2014 wird infolge eines fehlgeschlagenen militärischen Experiments in den USA ein Virus freigesetzt, durch das sich zwölf Testpersonen buchstäblich in Vampire mit gewaltigem Blutdurst verwandeln. Wen die tödlichen Bestien angreifen, aber nicht töten, der verwandelt sich innerhalb kurzer Zeit ebenfalls in einen "Viral". Die Infizierten folgen zunächst nur ihren Instinkten und der Gier nach Blut, doch sie alle werden von den zwölf Ur-Virals geistig kontrolliert, schließen sich bald zu gewaltigen Schwärmen zusammen und gehen koordiniert vor. Das Militär ist trotz verzweifelter Gegenmaßnahmen machtlos. Totales Chaos bricht aus. Auf diese Weise verbreitet sich das Virus schneller über das gesamte Land, als die Städte evakuiert werden können. Horace Guilder, als stellvertretender Direktor der Special-Weapons-Division verantwortlich für das Projekt, sieht die Katastrophe als Chance. Es gibt mindestens einen Menschen, der zwar von einem der Zwölf attackiert wurde, danach aber nicht zu einem Viral mutiert ist. Stattdessen fühlt sich Lawrence Grey, einer der Hausmeister des "Projekts Noah", besser als je zuvor. Er ist auf freiem Fuß und begegnet bei seiner Flucht vor den Virals der schwangeren Lila Kyle, Brad Wolgasts geschiedener Frau. Beide fallen Guilder in die Hände, der sich von Greys Blut Heilung für seine tödliche Krankheit erhofft.

Etwa hundert Jahre später ist von der alten Welt fast nichts mehr übrig. Es gibt nur noch wenige Enklaven inmitten der von Virals beherrschten Gebiete, in denen die Überlebenden und ihre Nachkommen Schutz finden. In einer solchen Kolonie ist vor einiger Zeit ein seltsames Mädchen namens Amy aufgetaucht, das die Jahrzehnte praktisch unverändert überdauert hat. Sie wurde mit einer abgeschwächten Variante des Virus behandelt, altert nicht und kann telepathischen Kontakt mit den Virals aufnehmen. Unter großen Opfern ist es gelungen, einen der Zwölf zu töten, wodurch alle von ihm erschaffenen Virals den Tod gefunden haben. Amy sowie Peter Jaxon, Michael Fisher, Hollis Wilson und Alicia Donado aus der ersten Kolonie (die inzwischen von Virals überrannt wurde) leben nun schon seit einigen Jahren in der Stadt Kerrville. Peter und Alicia haben sich den Expeditionsstreitkräften angeschlossen. Sie suchen vergeblich nach den übrigen Ur-Virals. Amy arbeitet in einem Waisenhaus. Ihr Körper beginnt sich auf für sie unverständliche Weise zu verändern. Sie hat Visionen, in denen sie ihrem "Vater" Brad Wolgast begegnet, der sie zu einem der Zwölf führen will.

Eines Tages wird ein Öltransport aus Kerrville von Menschen überfallen, die einige Virals als Waffen einsetzen. Wie es scheint, stehen die Kreaturen unter der geistigen Kontrolle einer unbekannten Frau, die schon vor Jahrzehnten bei einem ähnlichen Vorfall gesehen worden ist. Alicia findet heraus, dass die Angreifer aus einer Stadt kommen, in der tausende Überlebende wie Sklaven gehalten werden - darunter Michaels tot geglaubte Schwester Sara, die dort ihr Kind zur Welt gebracht hat. Ein Mann führt in dieser Stadt ein brutales Regime. Sein Name ist Horace Guilder...

Dies ist die Fortsetzung von Der Übergang und das Mittelstück einer Trilogie, deren dritter Teil noch im Jahre 2014 erscheinen soll. Die deutsche Übersetzung wird wohl erst 2015 kommen. Man könnte "Die Zwölf" sogar goutieren, ohne den ersten Band zu kennen, denn die wichtigsten Geschehnisse werden zu Beginn (im Stil biblischer Erzählungen! Genial!) und im Verlauf des Romans immer wieder mal rekapituliert, außerdem wird die Handlung von "Der Übergang" nicht nahtlos weitergeführt. Stattdessen werden die Hintergründe aus dem Blickwinkel anderer Personen neu erzählt - und zwar in voller epischer Breite. Wie schon beim ersten Band könnte man kritisch anmerken, dass die Schilderung der Lebenswege so vieler Personen in dieser Ausführlichkeit nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Vor allem nicht bei Personen, die für die weitere Handlung nicht relevant sind; die eine oder andere kleinere Querverbindung nicht gerechnet. Aber gerade diese Weitschweifigkeit hat auch ihren Reiz. Cronin widmet der Figurenzeichnung große Aufmerksamkeit, und es gibt eine ganze Reihe alter und neuer Haupt-/Nebenfiguren zu berücksichtigen! Sie alle sind mir gleich ans Herz gewachsen, obwohl ich es seit Band 1 besser wissen sollte: Bei Cronin ist niemand unantastbar, auch absolut positive Identifikationsfiguren können sterben. Sie müssen aber nicht unbedingt tot bleiben! Der Cliffhanger des letzten Romans wird aufgelöst, das Schicksal aller Protagonisten wird geklärt. Dabei ergibt sich so manche unerwartete Wendung und durch den ständigen Wechsel der Erzählperspektiven bleibt die Spannung immer auf einem hohen Level.

Ich habe in obiger Kurzzusammenfassung nur an der Oberfläche gekratzt. Eigentlich ist das nur ein extrem knapper Teaser. Nach einer kurzen Einleitung findet ein Zeitsprung zurück ins "Jahr Null" (2014) statt. Vier Handlungsstränge laufen hier zunächst nebeneinander, werden dann aber vereinigt. Im Gegensatz zum ersten Band wird der Weltuntergang genauer beleuchtet. Am Beispiel des geistig zurückgebliebenen Busfahrers Danny, des Scharfschützen Kittridge, des verwandelten Hausmeisters Grey und des todkranken Guilder erlebt man quasi hautnah mit, wie das Chaos immer größere Kreise zieht. Cronin lässt sich viel Zeit für diese Phase und kehrt dann noch nicht sofort ins Jahr 97 n.V. zurück. Zunächst wird geschildert, wie die geheimnisvolle Unbekannte erstmals in Erscheinung tritt. Erst dann nimmt die Story, auf die der Leser des ersten Bandes jetzt schon nägelkauend wartet, allmählich Fahrt auf. Diese Expositionsphase ist wie gesagt vielleicht etwas zu lang geraten, aber ich hätte doch nicht darauf verzichten wollen, denn insbesondere Greys Erlebnisse mit Lila, deren Geist sich im Bemühen, die grausigen Geschehnisse zu verdrängen, heillos verwirrt hat, fand ich besonders lesenswert.

Gleichzeitig erweitert Cronin die von ihm selbst erschaffene Mythologie. Es gibt nicht nur Virals, sondern auch Wesen, die weder Mensch noch Viral sind. Was diese Typen anrichten (sie haben ein totalitäres Regime errichtet) und der Kampf gegen sie - das ist der Hauptbestandteil der Handlung, die im Jahre 97 n.V. spielt. Hier kommt für meinen Geschmack etwas zu viel Mystizismus ins Spiel, wenn Amy mehrmals in einer Art Zwischenreich auf Wolgast trifft und Geistern begegnet. Immerhin wird der Kampf zwischen den Menschen und den Zwölf entschieden, soviel kann ich verraten. In Band 3 wird sicherlich "Zero" mehr in den Mittelpunkt gerückt, jenes Wesen, das vor den Zwölf da war. (05.06.2014)


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621
Irgendwo da draußen Jürgen Kehrer: Irgendwo da draußen
Grafit-Verlag, 1998
189 Seiten

Die bisher bei der SecCheck GmbH angestellt gewesenen Privatdetektive Georg Wilsberg und Hjalmar Koslowski haben sich selbstständig gemacht. Franka Holtgreve, ehemaliges Mitglied des "Veganen Kommandos Münster", jobbt bei den beiden. Sie firmieren nun unter "Wilsberg und Partner", wobei sie zwei Räume von Wilsbergs Vierzimmerwohnung im Münsteraner Kreuzviertel nutzen. Ein echtes Büro können sie sich nicht leisten, denn die Detektei läuft nicht besonders gut. Koslowski hat immerhin einen aussichtsreichen Fall an Land gezogen. Er arbeitet für den Bauunternehmer Disselbeck, dessen Kompagnon Wallhorst angeblich in die eigene Tasche wirtschaftet. Koslowski beschattet Wallhorst und findet heraus, dass der Mann in illegale Machenschaften mit osteuropäischen Schwarzarbeitern verwickelt ist.

Dann endlich erhält auch Wilsberg einen neuen Auftrag. Katja Lahrmann-Tiemen bittet ihn, den Verantwortlichen für den Selbstmord ihrer Schwester Corinna zu ermitteln. Die junge Frau hatte ihr Leben bis vor einem Jahr gut im Griff und stand kurz vor der Promotion. Doch dann sind Phantasien zurückgekehrt, die Corinna schon als Kind hatte. Sie war davon überzeugt, regelmäßig von Außerirdischen entführt und für grausige Experimente missbraucht zu werden. Wilsberg glaubt nicht an kleine graue Männchen mit einer Vorliebe für Erdenfrauen, aber es gibt einige Menschen in Corinnas Umfeld, die das ganz anders sehen. Ihr Freund Peter Hofknecht ist UFOloge und vom Psychotherapeuten Friedhelm Angernagel wurde sie in ihren Wahnvorstellungen noch bestärkt.

Die Sache nimmt eine unerwartete Wendung, denn Katja storniert den Auftrag, nachdem Wilsberg ihre Eltern befragt hat. Außerdem erhält Wilsberg von Kommissar Stürzenbecher eine traurige Nachricht. Koslowski wurde tot aufgefunden - er wurde erschossen. Ist er bei seinen Ermittlungen der Russenmafia in die Quere gekommen, oder hat sein Tod etwas mit den Außerirdischen zu tun?

Wer die Wilsberg-Reihe kennt, wird sich schon denken können, dass auch der zehnte Fall des chronisch erfolglosen Münsteraner Privatdetektivs eine plausible Auflösung hat und keineswegs in den Bereich der Science Fiction hineinspielt. Erstmals stirbt eine bekannte Figur aus Wilsbergs Freundeskreis. Koslowski war von Anfang an dabei und sein Tod kommt unerwartet. Was die Sache mit den Außerirdischen angeht, ist er aber eine falsche Spur. Wilsberg ermittelt in beiden Angelegenheiten auf eigene Rechnung weiter, und obwohl die beiden Fälle eigentlich keine Berührungspunkte haben, kann der eine nicht ohne den anderen aufgeklärt werden. Nicht schlecht gemacht! Stürzenbecher, der in den Romanen bisher kaum mehr zu tun hatte, als von Wilsbergs Alleingängen genervt zu sein, spielt dabei eine wichtige Rolle. Wie immer wird mit Lokalkolorit und bissigen Seitenhieben nicht gegeizt. So hat auch Koslowskis Fall eine besonders pikante Note. Disselbeck hat offensichtlich kein Problem damit, dass sein Kompagnon Schwarzarbeiter beschäftigt. Es geht ihm nur darum, dass Wallhorst dabei Tricks anwendet, um einen Teil des Gewinns für sich selbst abzuzweigen...

Mit der nassforschen Emo-Punkerin Franka kommt eine interessante Nebenfigur hinzu. Neu ist sie nicht, wir haben sie in Das Schapdetten-Virus kennengelernt. Mal sehen, ob sie zur neuen Partnerin in der Detektei "Wilsberg und Partner" wird. Ich hätte nichts dagegen! Ansonsten bleibt der Roman fast ganz frei von Privatgedöns. Wilsbergs zerrüttete Ehe wird nur einmal nebenbei erwähnt. Davon haben wir ja auch schon genug gelesen. (28.05.2014)


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620
Amok Richard Bachman: Amok
Heyne, 1989
220 Seiten

Nach einer verkorksten Kindheit und vielen unschönen Erfahrungen in der Schule hat Charlie Decker genug. Als er wieder einmal vom Chemielehrer Carlson an der Tafel gedemütigt wird, schlägt er den Mann krankenhausreif. Nach einiger Zeit darf Charlie die Schule wieder besuchen, muss aber regelmäßig beim Schulpsychiater vorsprechen. Eines Tages kommt Charlie mit der Pistole seines Vaters ins Klassenzimmer, erschießt die Mathematiklehrerin sowie einen anderen Lehrer und nimmt seine Mitschüler als Geiseln. Während draußen ein großes Polizeiaufgebot zusammengezogen wird, beginnt in der Klasse ein Psychospiel. Charlie erzählt aus seinem Leben und bringt die Schüler dazu, ihre eigenen Geheimnisse preiszugeben. Ganz allmählich dreht sich die Stimmung. Am Ende wenden sich alle gegen Ted Jones, den einzigen Schüler, der nicht mit Charlies Tat einverstanden ist...

Dies ist der erste Roman, den Stephen King unter dem Pseudonym "Richard Bachman" geschrieben hat. Im Gegensatz zu Kings Werken zeichnen sich Bachmans Romane in der Regel durch Knappheit und Prägnanz aus. Für "Amok" gilt das nur bedingt, denn die in aller Ausführlichkeit erzählten Rückblick-Geschichten werden weder gebraucht, um Charlies schwere Kindheit zu verdeutlichen, noch wird die Reaktion seiner Mitschüler dadurch auch nur ansatzweise glaubwürdig. Es ist ja nichts Neues, dass Geiseln manchmal anfangen, sich zu den Tätern hingezogen zu fühlen - siehe "Stockholm-Syndrom". Aber was hier abgeht, insbesondere am völlig irrealen Schluss, beweist nur, dass Stephen King damals nicht wusste, wovon er schrieb. Wer in der Schule gemobbt wurde, wird verstehen können, warum man solche Phantasien haben kann. Trotzdem gefällt mir die Story bis auf einzelne Kapitel, in denen Charlie dem Lehrkörper die verlogene Maske vom Gesicht reißt, überhaupt nicht. Wenn King zeigen wollte, dass in jedem von uns ein Charlie steckt, dann ist das gründlich danebengegangen.

Im Jahre 2000 hat King dafür gesorgt, dass das Buch nicht mehr aufgelegt wird. Aber nicht, weil er den Roman für schlecht hält. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann ist das unter dem Eindruck realer Gewalttaten an Schulen geschehen. Vermutlich wollte King vermeiden, irgendwie mit den Amokläufen der letzten Jahre in Verbindung gebracht zu werden. Das ist verständlich, aber ich halte es für überzogen und irgendwie auch für verlogen. (19.05.2014)


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619
Dämon Matthew Delaney: Dämon
Bastei Lübbe, 2005
763 Seiten

Bougainville ist eine der im Pazifikkrieg hart umkämpften Inseln. Japanische Streitkräfte haben die Insel erobert und zu einem wichtigen Stützpunkt ausgebaut. Im November 1943 starten die alliierten Streitkräfte einen Gegenangriff, an dem auch Private Eric Davis teilnimmt. Kurz nach der Landung wird Davis einem Aufklärungstrupp zugeteilt. Die Männer sollen nach einer 40 Mann starken Kampfgruppe der B-Kompanie suchen, die irgendwo weiter nördlich spurlos verschwunden ist. Davis und seine Kameraden werden im Dschungel in heftige Kämpfe mit den Japanern verwickelt. Sie stoßen auf einen Bunker, in dem die schrecklich verstümmelten Leichen der japanischen Mannschaft liegen. Dass diese Gräuel nicht von amerikanischen Soldaten angerichtet worden sein können, steht für Davis und seine Kameraden fest. Tatsächlich werden auch sie von einer Kreatur angegriffen, die aus dem Dschungel kommt und eine Vorliebe für sadistische Folterungen zu haben scheint.

Im September 2007 sollen Wrackteile des im Jahre 1943 nach einem japanischen Luftangriff vor Bougainville gesunkenen US-Truppentransporters Galla geborgen und ins neue Marinemuseum in Boston, Massachusetts, transportiert werden. Eine große Sektion des Schiffes ist erstaunlich gut erhalten. Offensichtlich sind die Sicherheitsschotts in all den Jahrzehnten intakt geblieben, so dass die Innenräume noch immer vollkommen trocken sind. Ein Mini-U-Boot bereitet die Anhebung des Wracks vor. Die Besatzung macht eine unglaubliche Entdeckung, kann aber niemandem etwas davon berichten, denn das U-Boot wird durch ein Unglück zerstört.

Ein knappes Jahr später ereignen sich in Boston mehrere grausige Morde. Die ersten Opfer sind der Sohn des Multimilliardärs Joseph Lyerman und dessen Geliebte. Schon bald werden weitere Leichen gefunden, die auf dieselbe Weise zugerichtet wurden; sie scheinen von riesigen Klauen zerfetzt worden zu sein. Bei ihren Ermittlungen stellen Detective Will Jefferson sowie seine Kollegen Brogan und McKenna Watson fest, dass es eine Verbindung zwischen den Morden und der Galla geben muss, denn Lyerman hat die Bergung des Wracks finanziert. Er ist einer der wenigen Überlebenden ihres Untergangs...

"Dämon" wird nach meinen Beobachtungen in Buchhandlungen stets im "Thriller"-Regal einsortiert. Wer deshalb glaubt, dies sei einer jener "Wissenschafts-Thriller", bei denen übernatürlich scheinende Geschehnisse am Schluss plausibel erklärt werden - sei es durch ein wissenschaftliches Kuriosum, geschickte Täuschungen oder ähnliches - der wird nach der Lektüre dieses Romans wahrscheinlich enttäuscht, möglicherweise sogar erbost sein. Denn was hier geschieht, gehört wirklich ins Reich der Geister und Dämonen. Das wird erst im letzten Viertel richtig deutlich. Dass kein "normaler" Mörder am Werk sein kann, ist von Anfang an klar, doch solange die Wahrheit nicht bekannt ist, könnte man glauben, man habe es mit einer mutierten Kreatur aus dem Dschungel oder einem außer Kontrolle geratenen militärischen Experiment zu tun. Dem ist nicht so! Der Roman ist eindeutig dem Horror- oder Fantasy-Genre zuzurechnen.

Die Story beginnt mit einem ca. 100 Seiten langen Prolog, der zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt. Ein Rückblick in diese Zeit, durch den wesentliche Bestandteile des Geheimnisses enthüllt werden, folgt gegen Ende des Romans. Diese Rückblicke sind für mich das eigentliche Highlight des Romans, denn die Atmosphäre des Dschungelkrieges (plus unheimliche Bedrohung aus dem Dschungel) wird prima vermittelt. Nach einem kurzen, ebenfalls recht spannenden Intermezzo, bei dem es um die Bergung des Schiffswracks geht, wird das Tempo merkbar gedrosselt. Es dauert sehr, sehr lang, bis die Hauptfigur Jefferson herausfindet, was es mit den Morden wirklich auf sich hat, und wie tief er, Brogan und McKenna in die ganze Angelegenheit verwickelt sind. Diesem Teil des 760-Seiten-Wälzers (mit winziger Schriftgröße!) hätte eine Straffung sicher nicht geschadet, zumal ich manchmal den Eindruck hatte, dass Delaney einige Anleihen bei anderen Autoren macht. Der unvermeidliche Showdown lässt dann aber nichts an Spannung vermissen.

Uralte Dämonen, wiedergeborene Feldherren aus der Antike, tapfere Kreuzritter, magische Waffen, Pazifikkrieg und amerikanische Cops - ich halte diese krude Mischung für zu weit hergeholt. Ich muss jedoch zugeben, dass der Roman vor diesem Hintergrund mehr oder weniger in sich schlüssig bleibt. Selbst die aufmerksamkeitsheischende Vorgehensweise des Mörders, eine irgendwie aus dem Nichts kommende Liebesgeschichte Jefferson-McKenna und andere zunächst unverständliche Details haben ihre Gründe. Ob die wirklich überzeugend sind, ist eine andere Frage. (12.05.2014)


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618
Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten Alexander Wolkow: Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten
Fischer, 2012
358 Seiten

Seit Ellis Rückkehr nach Kansas sind einige Monate vergangen. Die bösen Hexen sind tot und anstelle Goodwins, des Zauberers der Smaragdenstadt, sitzt der mit einem nagelneuen Gehirn ausgestattete Scheuch auf dem Thron des Zauberlandes. Doch schon droht neues Unheil. Urfin, ein wegen seiner Bösartigkeit von allen gemiedener Tischler, übernimmt den Nachlass seiner ehemaligen Herrin Gingema. Er entdeckt ein Zauberpulver, mit dem sich alle möglichen Gegenstände zum Leben erwecken lassen, zum Beispiel ein als Teppich dienendes Bärenfell. Urfin konstruiert eine Armee aus Holzsoldaten, die er mit dem Pulver belebt. Mit diesen unbesiegbaren Kämpfern erobert er das Blaue Land der Käuer. Anschließend belagert er die Smaragdenstadt. Durch Verrat werden der Scheuch und der Eiserne Holzfäller, der seinem Freund zu Hilfe kommen wollte, gefangen genommen. Beide weigern sich, in Urfins Dienste zu treten. Der neue Herrscher gibt ihnen ein halbes Jahr Bedenkzeit. Sollten sie ihre Meinung dann nicht ändern, müssen sie sterben.

Während Urfin an der Vergrößerung seiner Armee arbeitet und das Violette Land unterwirft, bitten der Scheuch und der Holzfäller ihre Freundin Elli in einem Brief um Hilfe. Die Krähe Kaggi-Karr soll die Botschaft überbringen. Elli hat sich inzwischen mit ihrem Onkel angefreundet, dem einbeinigen Seemann Charlie Black. Als Elli den Brief erhält, bricht sie sofort auf. Charlie brennt auf Abenteuer begleitet seine Nichte. Das Hündchen Totoschka und Kaggi-Karr sind mit dabei. Nachdem sie die große Wüste sowie die Berge überquert haben, die das Zauberland von der restlichen Welt trennen, wobei einige gefährliche Hindernisse überwunden werden müssen, erreichen Elli und ihre Begleiter das Land der Käuer. Der dortige Statthalter Urfins wird rasch entmachtet, aber die Smaragdenstadt wird nicht so leicht zu befreien sein!

Dies ist der zweite Band der "Zauberland"-Reihe. Der erste Band ist eine mit eigenen Ideen Wolkows angereicherte Nachdichtung des Kinderbuchs "The Wizard of Oz" von L. Frank Baum. Ich war viele Jahre lang der Meinung, Wolkows Version sei das Original, und sie gefällt mir heute noch besser als dieses. Für die Fortsetzungen gilt das erst recht. Auch L. Frank Baum hat sein Werk fortgesetzt, aber die weiteren "Zauberland"-Romane Wolkows haben damit nichts mehr zu tun, hier werden völlig neue Geschichten erzählt. Das Taschenbuch enthält übrigens den ungekürzten Text. In anderen Ausgaben wurden zahlreiche Abschnitte entfernt, unter anderem solche (aber nicht nur!), in denen die Geschehnisse des ersten Bandes kurz rekapituliert werden. Einige Innenillustrationen Leonid Wladimirskis in Schwarzweiß sind ebenfalls enthalten.

Die Geschichte wird zwar vielleicht etwas zu hastig fortgeführt (358 Seiten - das klingt nach viel, aber die Buchstaben sind sehr groß) und richtet sich eindeutig an Kinder, ist aber auch für Erwachsene geeignet. Der Misanthrop Urfin und der einbeinige Seemann sind interessante neue Figuren, außerdem enthält die Geschichte einiges an Gesellschaftskritik. So überlegt Urfin, dass Holzköpfe für Soldaten, die nicht nachdenken sollen, geradezu ideal sind. Der Tischler erschafft sich außerdem eine überall präsente Polizeitruppe, deren Aufgabe hauptsächlich in der Bespitzelung der Bürger besteht... (29.04.2014)


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617
Perdido Street Station China Miéville: Perdido Street Station
Heyne, 2014
848 Seiten

Eine unkontrolliert wachsende Stadt, groß wie ein Kontinent, zusammengestückelt aus großen Industriekomplexen, Häfen, Warenumschlagplätzen, Wohngebieten, Slums, Villenvierteln, Vorstädten und der Unterwelt der Kanalisation, durchzogen von Bahnlinien und über weite Strecken hinweg vergifteten Flüssen, dominiert vom gewaltigen Zentralbahnhof Perdido Street Station, bewohnt von einem Vielvölkergemisch - das ist New Crobuzon, die bedeutendste Stadt des Planeten Bas-Lag. Menschen bilden die Bevölkerungsmehrheit. Nichtmenschliche Wesen wie die Kaktusleute, die im Wasser lebenden Vodyanoi, die insektenköpfigen Khepri und die geflügelten Garuda sind in der Minderzahl, haben aber im wesentlichen dieselben Rechte wie ihre menschlichen Mitbewohner (also fast keine). Das Zusammenleben all dieser Wesen ist trotzdem nicht unproblematisch, zumal Armut und kaum erträgliche Arbeitsbedingungen die Lage weiter anheizen. Die schwer bewaffnete Miliz sorgt mit einem dichten Netz aus Spionen und Informanten mehr oder weniger für Sicherheit, doch das organisierte Verbrechen bildet einen mindestens ebenso großen Machtfaktor wie das korrupte und brutale Regime des Bürgermeisters Benjamin Rudgutter. Verbrechen werden regelmäßig mit "Remaking" bestraft. Die Delinquenten werden zu bizarren Zerrbildern ihrer ursprünglichen Gestalt umoperiert, nicht selten werden sie mit Maschinenteilen verschmolzen. Diese "Remade"-Kreaturen werden als rechtlose Sklaven missbraucht.

Eines Tages kommt der Garuda Yagharek nach New Crobuzon. Wegen eines schweren Verbrechens wurde er von seinem Volk ausgestoßen und der Flügel beraubt. Er ist nun auf der Suche nach jemandem, der ihm die Fähigkeit zu fliegen zurückgeben kann. In dem exzentrischen Wissenschaftler Isaac Dan dar Grimnebulin glaubt er diesen Mann gefunden zu haben. Isaac ist sofort Feuer und Flamme; die wissenschaftliche Herausforderung fasziniert ihn. Dass Yagharek über große Geldmittel verfügt, um das Projekt zu finanzieren, ist nur ein zusätzlicher Anreiz. Da Yagharek aus eigener Kraft fliegen möchte, ohne in das Korsett einer Maschine eingesperrt zu sein, beschafft sich Isaac zu Studienzwecken zunächst alle möglichen flugfähigen Lebewesen. Ihm wird schnell klar, dass es unmöglich ist, Yagharek neue Flügel zu geben. Die Lösung liegt in einem fragwürdigen Forschungsgebiet, das Isaac schon seit Jahren erfolglos beackert. Er sucht nach einer Möglichkeit, die theoretisch unerschöpfliche und für die unterschiedlichsten Zwecke einsetzbare Krisisenergie nutzbar zu machen. In Yaghareks Problem findet Isaac die nötige Inspiration, um endlich den entscheidenden Durchbruch zu erzielen. Isaac beseitigt die nicht mehr benötigten Studienobjekte. Nur eine besonders große und schöne Raupe, die nicht fressen will und erst aufblüht, als Isaac ihr die Droge "Dreamshit" vorsetzt, behält er zurück.

Begeistert macht sich Isaac ans Werk. Dabei bemerkt er nicht, dass seine Khepri-Freundin Lin in großer Gefahr schwebt. Sie wurde von Vielgestalt, einem der mächtigsten Verbrecherbosse New Crobuzons, zur Anfertigung eines ganz besonderen Kunstwerks gezwungen und gerät zwischen die Fronten eines Drogenkrieges. Außerdem verpuppt sich die beträchtlich gewachsene Raupe. Aus dem Kokon schlüpft ein Gierfalter - ein unaufhaltsamer Jäger, der den Geist seiner Opfer aussaugt, so dass sie ins Wachkoma fallen. Schon eines dieser Wesen wäre ausreichend, um Angst und Schrecken in New Crobuzon zu verbreiten. Doch es ist nicht allein...

Dieser Roman wurde in Deutschland ursprünglich in zwei Bänden veröffentlicht ("Die Falter" und "Der Weber"), und für diese vergriffenen Taschenbücher musste man bis jetzt überzogene Preise berappen, wenn man nicht zu gebrauchten Exemplaren greifen wollte. Endlich ist eine Neuauflage zum vernünftigen Preis erhältlich, noch dazu in einem Band! Da musste ich natürlich sofort zuschlagen, denn diesen von der Kritik geradezu euphorisch gefeierten Roman habe ich bisher sträflich missachtet.

Wie toll ist "Perdido Street Station" denn nun wirklich? Ich bin so kurz nach der Lektüre noch unschlüssig. Denn das Handlungsgerüst ist schwächer als erwartet. Die Gierfalter werden freigesetzt, bedrohen die Stadt und müssen vernichtet werden. Viel mehr ist an der Story nicht dran! Und es dauert geraume Zeit, bis sie überhaupt in Gang kommt. Das geschieht im Grunde erst, sobald der erste Gierfalter schlüpft. Echte Spannung entsteht erst im letzten Fünftel. Man könnte fast sagen, dass sich die Expositionsphase über den größten Teil des Romans erstreckt, denn die Darstellung New Crobuzons, die Einführung des Lesers in die dortigen Verhältnisse, sowie die Vorstellung der zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren steht deutlich im Vordergrund. Im Falle von "Perdido Street Station" ist das aber keine Schwäche - ganz im Gegenteil! Der Moloch New Crobuzon wird so detailreich und eindrucksvoll beschrieben, dass die ausufernden Elendsviertel, die ölverschmierten Fabrikarbeiter, die kolossalen Verwaltungsgebäude (komplett mit ausgeklügeltem Post-Transportsystem), die grausigen Schlachthäuser, die exotischen Lebensräume der nichtmenschlichen Stadtbewohner usw. sozusagen aus den Buchseiten hervortreten. Man glaubt den Gestank des von "chymischen" Abfällen belasteten Flusses fast zu riechen, die über der Stadt brütende Hitze zu spüren und das stampfende Räderwerk der Schwerindustrie zu hören!

Nicht nur der Schauplatz wird wunderbar ausgearbeitet, sondern auch die gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Hintergründe. Die Beziehungen der Stadtbewohner untereinander sind vielschichtig und es gibt teils absonderliche Subkulturen. Jedes Volk, jede Haupt- und Nebenfigur hat eine mehr oder weniger umfangreiche Hintergrundgeschichte. Die korrupte Regierung macht gemeinsame Sache mit den Gangsterbossen, Arbeitskämpfe werden gnadenlos niedergeschlagen, und nicht nur wer mit dem Gesetz in Konflikt gerät, landet auf dem Operationstisch der Remaking-Spezialisten. Ist das Fantasy? Ist es Science Fiction? Der Begriff "Steampunk" lässt vielleicht am ehesten erahnen, welche Atmosphäre zu erwarten ist. Dampfbetriebene, mit Lochkarten programmierte Konstrukte (Roboter) existieren Seite an Seite mit Thaumaturgen (Magiern), die übernatürliche Energien anzapfen. Hinzu kommen mythische Wesen wie die Falter und andere, noch bizarrere Kreaturen. Die Ideenvielfalt ist unglaublich, und der Autor verwendet für seine einzigartige Weltenschöpfung eine ebenso bildhafte wie anspruchsvolle, manchmal poetische Sprache. So manchen Begriff musste ich erst einmal nachschlagen. (23.04.2014)


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616
Der die Unsterblichen redigiert Frank G. Gerigk (Hrsg.): Der die Unsterblichen redigiert
p.machinery, 2013
164 Seiten

Klaus N. Frick, als Chefredakteur bei VPM unter anderem verantwortlich für die Perry Rhodan - Serie, hatte im Dezember 2013 seinen fünfzigsten Geburtstag. Ein solch denkwürdiges Ereignis muss natürlich angemessen gefeiert werden, und so wurde dieses Buch herausgegeben. Es enthält zahlreiche Schwarzweißfotos sowie viele meist humorvolle Textbeiträge von Autoren, Verlagsmitarbeitern und Fans, in denen KNF auf ganz unterschiedliche Art und Weise gewürdigt wird. Manche Gratulanten erzählen Anekdoten aus vergangenen Tagen, als KNF eine der schillerndsten Figuren im Fandom war, andere schildern, was sie über ihn als (Ex?)Punk, Freund, Chef oder Redakteur denken. Es sind auch mehrere Storys dabei. Bei manchen kann ich allerdings keinen Bezug zum Jubilar erkennen. Von einigen Autoren wird KNF "kanonisiert". In ihren Storys wird er von Toufec in die Zukunft entführt bzw. bekommt von der Superintelligenz ES einen Zellaktivator verliehen, so dass er unsterblich wird. Grund: Das fiktive Universum der PR-Serie hat sich verselbständigt, das Perryversum ist Realität geworden. KNF muss sicherstellen, dass die Serie immer weiterläuft, denn würde sie beendet werden, dann wäre dies das Ende des realen Perryversums!

Wenn man dieses Buch gelesen hat, kann man ein wenig besser verstehen, was für ein Mensch KNF ist bzw. wie seine Mitmenschen ihn einschätzen. Obwohl ich KNF (leider) noch nicht persönlich begegnet bin, kann ich diesbezüglich doch eine ganz kleine Facette beisteuern. 1999, also vor gut 15 Jahren, habe ich im Magazin eines PR-Fanclubs einige Videocassetten feilgeboten, drunter "Bad Taste" von Peter Jackson in der ungeschnittenen Fassung, die meines Wissens sogar heute noch indiziert ist. KNF, Mitglied im selben Club, outete sich als Fan dieses Films und wollte ihn haben. Geld wollte ich von ihm nicht annehmen. Seine, wie er sich selbst ausdrückte, kindliche Freude war mir Lohn genug. KNF wollte sich mit einem PR-Buch revanchieren. Ich schickte ihm einen Brief mit meinem Buchwunsch. Das Buch habe ich tatsächlich gekriegt, aber erst im Jahre 2001 - wahrscheinlich ist mein Brief in den Bergen, die sich bestimmt heute noch in ähnlicher Höhe auf KNFs Schreibtisch häufen, einfach untergegangen... (17.04.2014)

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615
Im Reiche des Silbernen Löwen II Karl May: Im Reiche des Silbernen Löwen II
Kindle Edition

Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar reisen zur Ruine des Turms von Babylon, in dem sich ein Versteck der Sillan-Schmugglerbande befinden soll. Unterwegs begegnen sie weiteren Mitgliedern dieser Bande. Kara Ben Nemsi nutzt den erbeuteten Erkennungsring, um die Verbrecher auszuhorchen. So erfährt er von einem geplanten Überfall auf die Karawane eines Kammerherrn des Schahs von Persien. Kara Ben Nemsi versucht den Mann vergeblich zu warnen. Später müssen sich Kara Ben Nemsi und Halef sogar selbst vor Gericht verantworten, weil sie einen Schmuggler in Notwehr getötet und einen anderen verwundet haben. Ausgerechnet der Säfir (örtlicher Anführer der Sillan) fungiert als Ankläger. Es gelingt Kara Ben Nemsi, den Mann und den korrupten Richter zu überführen, den in Gefangenschaft geratenen Kammerherrn zu befreien und die von den Sillan gehorteten Schätze zu bergen. Dabei wird ihm unerwartete Hilfe von seinem alten Freund Osman Pascha zuteil. Kara Ben Nemsi sorgt dafür, dass der Pole Dozorca sein verlorenes Eigentum zurückerhält. Außerdem findet er im Versteck der Sillan ein Porträt, das Dschafar Mirza und eine wunderschöne Frau zeigt: Die "Rose von Schiras".

Nach diesem Abenteuer reisen die Gefährten nach Kurdistan. Halef will dort eine Salbe, die angeblich gegen Falten wirkt, für seine Gattin Hanneh erwerben. Sie begegnen Kriegern der Hamawand-Kurden, die ausgezogen sind, um ihren Anführer Jamir aus der Gewalt des verfeindeten Dawuhdijeh-Stammes zu befreien. Jamir hatte sich inkognito dorthin begeben, weil er sich Hilfe für seinen todkranken Sohn von einer wundertätigen Frau erhofft, die von den Dawuhdijeh gefangen gehalten wird. Er wurde jedoch erkannt. Kara Ben Nemsi ist bereit, den Hamawand zu helfen - erst recht, als er den Namen der Gefangenen erfährt: Marah Durimeh!

Auch im zweiten Band des Silberlöwe-Vierteilers ist wieder eine deutliche Zweiteilung erkennbar. In der ersten Hälfte werden die Sillan unschädlich gemacht, aber diese Story spielt in der zweiten Hälfte keine Rolle mehr. Darin kommt es zur erneuten Begegnung Kara Ben Nemsis mit Marah Durimeh, die er in Durchs wilde Kurdistan kennengelernt hat. Von dieser Frau, die hier schon zur beinahe mystischen Gestalt wird und in Karl Mays Spätwerk noch größere Bedeutung erlangt, erhält Kara Ben Nemsi ein Amulett. Zwei weitere Frauenfiguren aus dem genannten Roman sind ebenfalls mit von der Partie: Die schöne Ingdscha und Madana, die "Petersilie". Leider bringt May nicht wieder so amüsante Situationen mit Madana zustande wie in "Durchs wilde Kurdistan", stattdessen schreibt er diese ab! Auch andere Textstellen wurden einfach aus früheren Romanen übernommen.

Der Roman ist sehr dialoglastig. Es geschieht eigentlich nicht besonders viel, oder besser gesagt: Die Geschehnisse werden relativ kurz abgehandelt. Es wird aber sehr viel darüber geredet. Seitenweise beweist Kara Ben Nemsi allen möglichen Gesprächspartnern wortreich, dass er schlauer ist als sie. Aber wehe, wenn Halef (der sich wie üblich einige Schnitzer erlaubt und seinen Freund in Gefahr bringt) dasselbe tun möchte! Dann wird er meist sofort gemaßregelt. Amüsant und unterhaltsam ist der Roman natürlich trotzdem. Über Winnetous Tod ist Kara Ben Nemsi übrigens offenbar schon gut hinweggekommen. Er wird kein einziges Mal erwähnt. (08.04.2014)


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614
Nullpunkt Lincoln Child: Nullpunkt
Rororo, 2011
397 Seiten

In Fear Base, einer Einrichtung des US-Militärs in der Arktis, untersuchen Wissenschaftler die Folgen der globalen Erwärmung. So sehr die Forscher die Folgen des Klimawandels auch bedauern, so nützlich sind sie für die Arbeit des Paläoökologen Evan Marshall, denn der abschmelzende Gletscher von Mount Fear gibt viele Fossilien und andere wertvolle Proben frei. Eines Tages brechen gewaltige Stücke von der Gletscherzunge ab, so dass eine Höhle freigelegt wird. Dort wird der seit Jahrzehntausenden im ewigen Eis eingeschlossene, perfekt erhaltene Körper eines Lebewesens gefunden, das man für einen Säbelzahntiger hält, obwohl es dafür eigentlich zu groß ist. Ungefähr zur gleichen Zeit entdeckt der Historiker Jeremy Logan Geheimunterlagen in einem US-Archiv, das erst jüngst für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Daraus geht hervor, dass sich in Fear Base in den Fünfzigerjahren eine Katastrophe ereignet hat, bei der ein mehrköpfiges Forschungsteam getötet wurde. Logan reist in die Arktis, um herauszufinden, warum dieser Vorfall vertuscht werden sollte und was damals wirklich geschehen ist.

Usuguk, der Schamane des in der Nähe von Fear Base lebenden Stammes der Tunit-Eskimos, beobachtet die Arbeit der Forscher mit wachsender Sorge. Im Mount Fear ruht nach den Überlieferungen der Tunit ein böses Wesen (der Kurrshuq), das unter keinen Umständen geweckt werden darf. Usuguks Warnungen verhallen jedoch ungehört. Tatsächlich gehen die Amerikaner sogar noch weiter. Die Sponsoren des Forschungsprojekts wollen maximalen Profit aus der sensationellen Entdeckung schlagen. Der vermeintliche Säbelzahntiger soll vor laufenden Kameras aufgetaut werden. Regisseur Emilio Conti wittert die Gelegenheit zum Erwerb unsterblichen Ruhms und ist außer sich, als das Tier verschwindet. Man nimmt an, dass Unbekannte den Auftauprozess beschleunigt und den Säbelzahntiger gestohlen haben. Doch dann wird eine völlig zerfetzte Leiche gefunden. Die Untersuchung zeigt, dass der Mann keineswegs, wie zunächst angenommen, einem Eisbären zum Opfer gefallen sein kann...

Obwohl es erhebliche Unterschiede gibt, hat mich die Story sofort an "Who goes there?" erinnert, eine Kurzgeschichte von John W. Campbell jr., die als Vorlage für den Film Das Ding aus einer anderen Welt gedient hat. Der einzige Unterschied (abgesehen vom Sensationsreporter-Subplot und anderen Nebensächlichkeiten) besteht darin, dass man in Campbells Geschichte nie weiß, wer das Monster ist, weil es sich im Körper von Menschen versteckt bzw. diese übernimmt. Dieser Aspekt fällt bei Child weg, und wahrscheinlich ist das der Grund, warum er es nicht ansatzweise schafft, eine so nervenzerfetzende Spannung zu erzeugen wie Campbell. Die Expositionsphase ist sehr lang, der Showdown sehr kurz, und am Ende ist klar: Dieser Roman ist kein "Wissenschafts-Thriller", sondern Science Fiction. Dagegen habe ich grundsätzlich nichts einzuwenden, aber mir scheint, Child macht es sich damit zu einfach. Es wird angedeutet, dass der Kurrshuq aus dem All stammt. Bei Außerirdischen ist halt alles möglich, da kann man sich eine plausible, wenigstens pseudowissenschaftliche Erklärung für die besonderen Kräfte des Wesens offenbar sparen.

Ansonsten wird die übliche Kost aufgetischt. Der Roman enthält die zu erwartenden Bausteine wie den völlig isolierten Ort des Geschehens und die Bedrohung durch ein Wesen, das keine Schwachstellen zu haben scheint. Die Figurenzeichnung verharrt in Klischees (nerdige Wissenschaftler, schießwütige Militärs, hochnäsige Filmstars usw.), herbeigezwungene Zufälle wie Logans Entdeckung der Geheimunterlagen zum genau richtigen Zeitpunkt fallen unangenehm auf. Die Story ist von A bis Z vorhersehbar. Natürlich entsteht eine gewisse Spannung, sobald der Kurrshuq zu wüten beginnt, doch das beschränkt sich auf die Frage, wer überleben darf und wer als nächster zu Hackfleisch verarbeitet wird. Das ist mir zu mager. (01.04.2014)


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613
Der Hobbit - Smaugs Einöde. Das offizielle Begleitbuch Jude Fisher: Der Hobbit - Smaugs Einöde. Das offizielle Begleitbuch
Klett-Cotta, 2013
88 Seiten, gebunden

Wer Tolkiens Roman Der Hobbit noch nicht kennt und den zweiten darauf basierenden Kinofilm noch nicht gesehen hat, für den ist dieser großformatige Bildband ein netter Appetitanreger, in dem nicht zu viel von der Handlung verraten wird. Eigentlich wird sogar fast gar nichts von der Story des zweiten Films verraten. Die prächtigen, teils doppelseitigen Szenenfotos und Konzeptgemälde, die relativ knappen Erläuterungen zu den Hauptpersonen und Schauplätzen sowie weitere eher oberflächliche Texte sind ganz gut als Einstimmung für Unkundige geeignet. Allerdings sind viele der hier zusammengefassten Informationen auch im Begleitbuch zum ersten Film enthalten. Neue Figuren sind rar: Beorn, Thranduil, Tauriel, Bard, der Bürgermeister von Seestadt... das war's im Wesentlichen schon. Auch diesmal sind wieder ein paar Details zu den genannten Figuren enthalten, die sich aus dem Film nicht ergeben, jedenfalls nicht aus der Kinoversion.

Wer den Film schon gesehen hat und womöglich das Begleitbuch zum ersten Film sein Eigen nennt, wird von diesem Band jedoch wahrscheinlich enttäuscht sein. Als Nachschlagewerk ist es bei weitem nicht ausführlich genug, die ausgewählten Motive sind keinesfalls so spektakulär, wie man es hätte erwarten können, und wesentliche Elemente wie Smaug und die Zwergen-Schmiede fehlen fast vollständig. Natürlich wird auf Smaug eingegangen, aber zu sehen ist von dem Drachen nicht viel - nur ein Auge! Auf Gandalfs Kampf gegen Azog und Sauron in Dol Guldur wird überhaupt nicht eingegangen. Landkarten? Seiten zum Ausklappen? Fehlanzeige. Die Qualität der Bilder ist immerhin deutlich besser als im ersten Buch. Trotzdem ist das Ding viel zu teuer für das, was geboten wird. (25.03.2014)

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612
Der Heckenritter von Westeros George R.R. Martin: Der Heckenritter von Westeros - Das Urteil der Sieben
Penhaligon, 2013
413 Seiten

Als der alte Heckenritter Ser Arlan vom Hellerbaum stirbt, nimmt der Knappe Dunk Waffen und Pferde seines Herrn an sich. Der über zwei Meter große junge Mann wird somit selbst zum fahrenden Ritter ohne festen Herrn und nimmt den naheliegenden Namen "Ser Duncan der Große" an. Dunk stammt aus dem Armenviertel von Königsmund und wurde mit nicht besonders großen Geistesgaben gesegnet, ist aber ehrenhaft und ehrlich, beachtet stets die Gebote der Ritterschaft und ist ein ernst zu nehmender Kämpfer. Unterwegs nach Aschfurt, wo Dunk an einem Turnier teilnehmen will, heftet sich ihm ein kleiner kahlköpfiger Junge namens Ei auf die Fersen, der unbedingt sein Knappe werden will. Widerstrebend nimmt Dunk den gewitzten und ziemlich vorlauten Achtjährigen in seinen Dienst. Eigentlich müsste es umgekehrt sein, doch davon ahnt Dunk noch nichts.

In Aschfurt muss Dunk einen Fürsprecher finden, um am Turnier teilnehmen zu dürfen. Prinz Baelor Targaryen, ältester Sohn und Hand des Königs, setzt sich für ihn ein. Dunk verliebt sich in die Puppenspielerin Tanselle aus Dorne. Als Tanselle von Baelors Neffen Aerion misshandelt wird, greift Dunk ein. Er schlägt den sadistischen Adligen nieder und wird sofort festgenommen. Da gibt sich Ei zu erkennen. Er ist Aegon Targaryen, Aerions jüngerer Bruder. Wegen seines Angriffs auf ein Mitglied der Königsfamilie - und weil außerdem behauptet wird, er habe Aegon entführt - hat Dunk sein Leben verwirkt; mindestens soll er eine Hand und einen Fuß verlieren. Um seine Unschuld zu beweisen, lässt sich Dunk auf ein Gottesurteil ein. Er braucht nun sechs Ritter, die bereit sind, mit ihm gegen Aerion und dessen Leute anzutreten. Erneut stellt sich Prinz Baelor auf seine Seite. Und so nehmen Geschehnisse ihren Lauf, durch die die Geschichte von Westeros für immer verändert wird...

Die Fans warten sehnsüchtig auf einen neuen Roman aus der Fantasy-Saga "Das Lied von Eis und Feuer" und werden deshalb sicher nicht böse sein, wenn der Verlag ihnen die Wartezeit mit diesem Band verkürzt, bei der Veröffentlichung aber ein bisschen flunkert. Denn "Der Heckenritter von Westeros" ist keineswegs, wie im Klappentext verkündet wird, die Vorgeschichte der Romanserie. Der Band enthält drei Kurzgeschichten, die in diesem Fantasy-Universum spielen, und zwar ca. hundert Jahre vor Die Herren von Winterfell - so viel ist richtig. Die Verknüpfungen mit dem Zyklus sind aber eher lose. In den Romanen wird Dunk (bzw. Ser Duncan) nur nebenbei erwähnt, Ei / Aegon ist der jüngere Bruder Aemon Targaryens, den wir als Maester der Nachtwache kennengelernt haben. Zugegeben: Wir erfahren einiges über die Machtverhältnisse der damaligen Zeit, und die Geschichte von Westeros wäre wahrscheinlich völlig anders verlaufen, wenn Dunk der Puppenspielerin nicht geholfen hätte. Trotzdem. Unter einer "Vorgeschichte" stelle ich mir Robert Baratheons Rebellion oder eine andere entscheidende Episode vor, zum Beispiel den Untergang Valyrias, den Bau der Mauer, die Machtübernahme durch die Drachenreiter... Die Storys erreichen nur durch großzügigen Schriftsatz Romanlänge und sind nicht wirklich neu. Die ersten beiden sind schon einmal in Deutschland publiziert worden, nur die dritte liegt jetzt erstmals in deutscher Sprache vor. Für alle drei gilt: Es wurde die neue Übersetzungsvariante mit den eingedeutschten Namen gewählt. Und damit kann ich mich einfach nicht anfreunden.

Das klingt jetzt alles furchtbar negativ, ist aber gar nicht so gemeint. Die Storys sind wirklich bestes Lesefutter. Ich habe mich gleich wie zu Hause gefühlt, die Geschichten haben mich sofort in ihren Bann gezogen. Ich habe in der obigen Zusammenfassung nur die erste Story berücksichtigt. In den beiden folgenden gerät Dunk immer wieder in unerwartete Schwierigkeiten, am Ende wird er sogar in eine Verschwörung innerhalb des Königshauses verwickelt. Ei bleibt Dunks Knappe, und die Gegensätze der beiden Figuren machen einiges vom Reiz der Storys aus. Das Handlungsmuster der drei Geschichten ist zwar sehr ähnlich, trotzdem ist jede einzelne spannend, und da Dunk ein grundsympathischer Kerl ist, kann man schön mitfiebern, wenn er es wieder einmal mit einem arroganten hochgeborenen Ritter aufnehmen und dabei einiges einstecken muss. Die Figurenzeichnung ist, wie man es von GRRM nicht anders kennt, ein echtes Highlight. Man kann allerdings - auch das ist typisch für den Autor - bei all den Familiennamen, Bannern und Wappen leicht durcheinander kommen. Stimmung und Atmosphäre sind ebenfalls wunderbar gelungen; ich konnte mir das bunte Treiben bei den Turnieren und im Gegensatz dazu das Elend des einfachen Volkes so bildlich vorstellen, als ob ich einen Film gesehen hätte. (18.03.2014)


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611
Das Phantom der Oper Gaston Leroux: Das Phantom der Oper
dtv, 2005
350 Seiten

Merkwürdige Vorfälle ereignen sich in der Pariser Oper. Man schreibt sie einem gesichtslosen Phantom zu, welches in dem labyrinthischen Gebäudekomplex sein Unwesen treibt. Das Phantom hat eine Art Vertrag mit den Direktoren der Oper geschlossen, den es mit Drohungen untermauert. Unter anderem ist Loge Nr. 5 ausschließlich für das Phantom reserviert, monatlich müssen ihm 20.000 Francs ausgehändigt werden. Die Direktoren haben es satt, sich erpressen zu lassen, und geben ihren Rücktritt bekannt. Am Abend der Abschiedsgala wird ein Bühnenarbeiter erhängt aufgefunden. Man nimmt an, dass das Phantom erneut zugeschlagen hat. Möglicherweise ist der Mann dem Versteck des Phantoms in den Untergeschossen der Oper zu nahe gekommen. Am selben Abend schlägt das für eine erkrankte Diva eingesprungene Chormädchen Christine Daaé alle Opernbesucher mit ihrem überirdischen Gesang in den Bann. Im Publikum sitzt Raoul, Vicomte de Chagny, ein Jugendfreund Christines. Er verliebt sich unsterblich in sie und besucht sie in der Garderobe. Christine gibt vor, Raoul nicht zu kennen. Als der Vicomte kurz danach heimlich an der Garderobentür lauscht, hört er die Stimme eines Mannes, der von Christine verlangt, sie müsse ihn lieben. Der eifersüchtige Vicomte stürmt in die Garderobe, aber es ist niemand anwesend.

Während der folgenden Tage kommen sich Christine und Raoul näher, doch die Beziehung wird von einem finsteren Geheimnis überschattet. Schließlich gesteht Christine ihrem Freund, dass sie ihre Erfolge dem Phantom zu verdanken hat. Für Christine ist dieses unheimliche Wesen der "Engel der Musik". Sie wurde von ihm ausgebildet, außerdem hat es dafür gesorgt, dass ihre Rivalin, die Primadonna Carlotta, nie wieder singen wird. Das Phantom ist ein Mensch aus Fleisch und Blut namens Erik, doch sein Gesicht ist eine hässliche Fratze. Erik wünscht sich nichts sehnlicher als geliebt zu werden, und er will die gesamte Oper vernichten, sollte sein Wunsch nicht erfüllt werden...

Dieser im Jahre 1910 erschienene Roman ist wahrscheinlich weniger bekannt als die zahlreichen Verfilmungen und das Musical von Andrew Lloyd Webber. Die Geschichte wird von einem Erzähler wiedergegeben, der angeblich viele Jahre nach dem Verschwinden Christines und Raouls versucht hat, den Verlauf der Ereignisse zu rekonstruieren. Leroux macht das ziemlich geschickt, indem er Wahrheit und Fiktion vermischt, wechselnde Erzählperspektiven einsetzt, und Zeitungsberichte, Zeugenaussagen usw. zitiert, die der Story einen pseudo-dokumentarischen Rahmen verleihen, wahrscheinlich aber frei erfunden sind. Wahr ist laut Wikipedia, dass es im Jahre 1896 einen Unfall gegeben hat, bei dem die Concierge der Oper von einem herabstürzenden Kronleuchter erschlagen wurde - genau wie im Roman. Außerdem entspricht die Darstellung des Aufbaus des Operngebäudes und des dort herrschenden unübersichtlichen Betriebs wohl den Tatsachen. Ich fand diese Schilderungen, auch wenn sie sehr weitschweifig sind, interessanter als die eigentliche Story. Ich konnte mir den bunten, von feinen Herrschaften, eitlen Diven, aufgeregten Ballettratten, wichtigtuerischen Subalternen und gestressten Direktoren bewohnten Opern-Mikrokosmos am Ende des 19. Jahrhunderts ebenso gut vorstellen wie das düstere Zwischenreich hinter bzw. unter den Kulissen.

Die Spannung leidet ein wenig darunter, dass das Phantom früh in Erscheinung tritt, und dass Erik mit seinem Hang zu Späßen und seiner manchmal irgendwie kindlichen Ausdrucksweise zu harmlos dargestellt wird. Auch sonst wirkt das Geschehen weniger bedrohlich als erwartet. So werden die Helden, als sie endlich in das Reich des Phantoms hinabsteigen, dauernd von Furcht und Entsetzen geschüttelt, aber ich verstehe nicht so recht, wovor sie sich eigentlich fürchten. Die Gefahren sind meist nur eingebildet - das Phantom könnte hinter der nächsten Ecke stehen, ist aber meistens gar nicht in der Nähe, was den Helden auch durchaus klar ist. Trotzdem sind sie vor Angst wie gelähmt. Leroux versucht weniger die Bedrohung selbst zu schildern als die Gefühle der Protagonisten, dabei übertreibt er es jedoch für meinen Geschmack zu sehr. Das ständige Geschmachte (das Phantom eingeschlossen) mit viel "Ach" und "Oh" trägt nicht unbedingt zur Spannungssteigerung bei. Da kann noch so oft betont werden, wie wahnsinnig gefährlich das Phantom ist. Seine Gefährlichkeit wird nur behauptet, aber nicht gezeigt. Wenigstens werden die Herkunft des Phantoms, sein Werdegang und die von ihm eingesetzten Tricks am Ende aufgeklärt. Dadurch verliert der Roman wiederum den Reiz des Phantastischen. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn Leroux dem Phantom ein paar Geheimnisse gelassen hätte. (11.03.2014)


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610
Wind Stephen King: Wind
Heyne, 2013
415 Seiten

Roland und seine Begleiter folgen dem Pfad des Balkens, der sie zum Dunklen Turm führen soll. Unterwegs müssen sie in einem verlassenen Dorf Zuflucht vor einem Stoßwind suchen. Während draußen der tödliche Eissturm tobt, erzählt Roland den Gefährten eine Geschichte aus seiner Jugend.

Kurz nachdem er seine ehebrecherische Mutter erschossen hat, erhält Roland von seinem Vater den Auftrag, einem Gerücht nachzugehen, dem zufolge im Ort Debaria ein Gestaltwandler sein Unwesen treibt, der bereits ganze Familien massakriert haben soll. Rolands Vater glaubt, dass dort lediglich ein Verrückter am Werk ist. Kurz nachdem Roland und sein Kamerad Jamie DeCurry in Debaria angekommen sind, schlägt das Ungeheuer jedoch erneut zu und metzelt die Bewohner einer Farm nieder. Die Spuren lassen nur den Schluss zu, dass der Mörder die Gestalt eines Bären hatte und sich nach der Tat in einen Menschen zurückverwandelt hat. Über ein Dutzend Menschen sind tot. Nur der kleine Bill Streeter hat in einem Versteck überlebt. Roland hypnotisiert den Jungen, um seiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. So erfährt er, dass der Mörder eine auffällige Tätowierung an einem Bein hat. Somit kann der Kreis der Verdächtigen stark eingegrenzt werden. Roland plant einen Bluff. Bill hat das Gesicht des Mörders zwar nicht gesehen, dennoch soll eine Gegenüberstellung stattfinden. Roland hofft, dass sich der Mörder dann verraten wird. Roland bleibt bei Bill, während Jamie und die örtlichen Gesetzeshüter die Verdächtigen herbeischaffen. Um das noch unter Schock stehende Kind zu beruhigen, erzählt Roland ihm eine Geschichte, die ihm seine Mutter früher immer vorgelesen hat.

Stephen King hat die Reihe "Der Dunkle Turm" mit Band 7 zu einem für mich zwar nicht wirklich zufriedenstellenden, insgesamt aber akzeptablen Abschluss gebracht. Den letzten Roman (Der Turm) habe ich im Jahre 2006 gelesen. Ich war damals einigermaßen enttäuscht, denn nicht alle Rätsel wurden überzeugend aufgelöst, die über Jahre hinweg aufgebauten Widersacher wurden eher sang- und klanglos beseitigt. Somit war ich einigermaßen gespannt, als ein weiterer Band aus dieser Reihe angekündigt wurde. Ich kann nicht sagen, dass meine Erwartungen enttäuscht wurden, denn ich hatte keine besonderen. Hätte ich erwartet, dass die offen gebliebenen Fragen beantwortet werden, oder hätte ich auf spektakuläre Enthüllungen gehofft, dann hätte ich mich vielleicht ein bisschen geärgert, den Kauf aber trotzdem nicht bereut.

Durch die Bezeichnung "Band 8" wird suggeriert, dass es sich um eine Fortsetzung handelt. Das ist nicht der Fall. Das Buch fügt dem bekannten Mittwelt-Kosmos einfach ein paar weitere Facetten hinzu. Die Story ist zwischen den Bänden 4 und 5 angesiedelt. Roland und seine Gefährten haben den Grünen Palast verlassen und die Calla Bryn Sturgis noch nicht erreicht. Ihre Wanderung ist lediglich die kurze Rahmenhandlung für einen Rückblick in Rolands Jugend, und in diesem Rückblick wird wiederum ein Märchen erzählt, das so zwar nur in Mittwelt spielen kann, aber im Gesamtzusammenhang des Romanzyklus keine Relevanz hat. Selbst Rolands Erlebnisse in Debaria sind nicht geeignet, dem großen Ganzen entscheidende neue Informationen hinzuzufügen oder lose Enden zu verknüpfen.

Die Geschichten hätten also nicht unbedingt erzählt werden müssen - aber sie werden so gut erzählt, dass ich das Buch mit großem Genuss verschlungen habe. Das wäre sogar möglich gewesen, wenn ich noch keinen einzigen Roman des Zyklus gelesen hätte. King beschränkt sich aufs Wesentliche und bringt trotzdem das Kunststück fertig, lebendige Figuren mit Ecken und Kanten, eine schillernde Fantasy-Western-Welt sowie die für Mittwelt ganz besondere Endzeitatmosphäre zu erschaffen. Außerdem fand ich es einfach schön, den Figuren aus dem Turm-Zyklus noch einmal in neuen Geschichten begegnen zu können. (04.03.2014)


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609
Turils Reise Michael Marcus Thurner: Turils Reise
Heyne, 2009
416 Seiten

Im "Kahlsack", einem in sich geschlossenen Miniatur-Universum, leben zahlreiche raumfahrende Völker mehr oder weniger friedlich zusammen. Abgesehen von Handelsbeziehungen verfolgt jeder nur die eigenen Interessen. Die Völkergemeinschaft ARMIDORN repräsentiert nur einen kleinen Teil aller Nationen und leidet unter chronischem Geldmangel. Die Thanatologen, eine als neutral geltende Organisation interstellarer Totengräber, sind dagegen überall bekannt und geachtet. Sie werden vor allem dann gerufen, wenn die Bestattung eines verblichenen Herrschers auf besonders eindrucksvolle Weise inszeniert werden soll. Sollte der Klient noch am Leben sein, leisten die Thanatologen auf Wunsch Sterbehilfe - auch wenn dieser Wunsch gar nicht von der betreffenden Person geäußert wurde, sondern von den Untertanen...

Seit einiger Zeit mehren sich im Kahlsack die Übergriffe der Kitar. Diese Wesen, von denen praktisch nur der Name bekannt ist, dringen mit ihren unbesiegbaren Raumschiffen immer weiter ins Innere des Kahlsacks vor und greifen scheinbar wahllos alles an, was ihnen im Weg steht. Raumschiffe, Raumstationen und ganze Planeten werden gnadenlos vernichtet. Kix Karambui, ein als Sekretär ARMIDORNS agierender intelligenter Roboter mit eigenen Ambitionen, versucht mehr über die Kitar herauszufinden. Sie scheinen etwas zu suchen, oder vielmehr jemanden: Den jungen Thanatologen Turil. Der hat allerdings genug eigene Probleme. Sein letzter Auftrag ist fehlgeschlagen, sein Raumschiff GELFAR versucht ihn zu versklaven, und er kann nicht schlafen, ohne von Alpträumen geplagt zu werden, in denen er die Qualen seiner Kindheit wieder und wieder erlebt. Turil ahnt nicht, dass es einen Zusammenhang zwischen diesen Träumen und dem aktuellen Wüten der Kitar gibt.

Michael Marcus Thurner (MMT) war mir bisher nur als Perry Rhodan-Autor bekannt. Einige seiner Romane in dieser Serie haben mir sehr gut gefallen, deshalb war ich neugierig, was er außerhalb des Perryversums, also ohne die relativ starren Vorgaben des dortigen Handlungsgerüsts, auf die Beine stellen würde. Das Ergebnis entspricht meinen Erwartungen. MMT packt in "Turils Reise" einfach mehr von allem hinein, was für seine PR-Romane typisch ist: Unzählige teils sehr bizarre Ideen sowie recht viel Blut und Gekröse, dargeboten in lockerem Stil mit viel Humor. Gegen explizit geschilderte Gewalt habe ich grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn sie in den Kontext passt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das hier immer zutrifft. Mich stört es nicht, aber der eine oder andere Leser wird vielleicht etwas irritiert sein.

Von MMTs Phantasie bin ich immer wieder beeindruckt. Schon der Handlungsschauplatz ist ungewöhnlich. Im Kahlsack leben viele Völker auf engem Raum zusammen. Niemand kann das Mini-Universum verlassen. Raumschiffe, die sich zu weit in die Außenregionen des Kahlsacks hinauswagen, werden von den Kitar vernichtet. Dieser Umstand und die Tatsache, dass die Geschichte aller Völker praktisch gleichzeitig beginnt, legt die Vermutung nahe, dass der Kahlsack eine gigantische Versuchsanordnung ist; so etwas wie eine Petrischale in einem Biologielabor. Manche Idee kann ich nur als genial bezeichnen. So entsenden die in ARMIDORN lose assoziierten Völker keine lebenden Vertreter zu den Versammlungen, sondern "Denksäcke". Das sind KIs, die mit Gedankenbildern der Regierungen und vorab gefassten Meinungen gefüttert wurden. Die treffen dann vor Ort die Entscheidungen. Ein Schelm, wer dies mit der realen Welt vergleicht und Böses dabei denkt!

Andere Elemente werden dagegen lediglich nebenbei eingestreut. Merkwürdige Namen, geheimnisvolle Objekte, skurrile Fremdwesen und exotische Orte dienen oft nur als "atmosphärische Elemente", sind nicht in der Handlung verwurzelt oder werden nicht genauer erklärt. So muss man z.B. hinnehmen, dass sich Turil von Ort zu Ort "denken" kann, wenn er eine bestimmte Droge nimmt. Nichts gegen Technobabble, außerdem verlange ich gar nicht, dass SF-Technik ellenlang erklärt wird, aber ich habe es lieber, wenn nicht einfach irgendwelche cool klingenden Begriffe in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt werden, sondern wenn ein in sich schlüssiges Gesamtkonzept dahinter steht.

Leider geht die Story in der Detailflut manchmal unter. Der Roman beginnt wirklich stark mit der Vernichtung eines Planeten durch die Kitar. Dieses Kapitel hätte völlig ausgereicht, um deutlich zu machen, wie gefährlich und fremdartig diese Wesen sind. Dasselbe wird aber in zwei langen Kapiteln nochmals wiederholt. Turil führt zu Beginn eine Bestattungszeremonie durch. Das wird lang und breit geschildert, ist als Figurenexposition aber noch akzeptabel. Anschließend muss Turil den Klienten mit in sein Schiff nehmen. Dafür geht wieder das eine oder andere Kapitel drauf. Bedeutung für den Roman? Keine. Nachdem sich MMT so viel Zeit gelassen hat, kommt das Ende sehr schnell. Die lang erwarteten Erklärungen werden in Rückblick-Erzählungen präsentiert (ein unschöner Kunstgriff), die ultimative Bedrohung löst sich auf wenigen Seiten buchstäblich in Nichts auf. Das fand ich etwas unbefriedigend. (25.02.2014)


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608
Die Zitadelle des Autarchen Gene Wolfe: Die Zitadelle des Autarchen
Heyne, 1984
346 Seiten

Beim Kampf gegen Baldanders hat Severian sein Liktorenschwert Terminus Est verloren. Die Kristall-Umhüllung der Klaue des Schlichters wurde zerstört, aber der Kern - die Klaue selbst - ist unversehrt geblieben und hat seine Kraft nicht verloren. So gelingt es Severian, der immer weiter nach Norden wandert und dabei die Front des Krieges gegen die Ascier erreicht, einen toten Soldaten wiederzubeleben, den er - da sich der Mann an nichts erinnern kann - Miles nennt. Severian bringt Miles zu einem Feldlazarett und wird selbst zum Patienten, denn er erkrankt an einem schweren Fieber. Wie alle Kranken und Verletzten wird auch Severian von den Pelerinen gesund gepflegt, jenen Ordensschwestern, denen er die Klaue des Schlichters zurückgeben will. Da die Klaue nicht mehr so aussieht, wie sie aussehen sollte, halten die Pelerinen Severian für einen Verrückten. Er deponiert das Artefakt deshalb heimlich unter dem Altar ihres Tempels. Dieser und das gesamte Lazarett werden wenig später bei einem Angriff der Ascier vernichtet.

Severian meldet sich freiwillig zur Armee des Autarchen, nimmt an mehreren Schlachten teil und wird schwer verwundet. Der Autarch erscheint persönlich auf dem Schlachtfeld und rettet Severian, nur um dann zusammen mit ihm Severians Todfeindin Agia in die Hände zu fallen. Vodalus, der Anführer der Rebellen, hat sich mit den Asciern verbündet. Agia macht gemeinsame Sache mit ihm, um ihre Rache an Severian vollenden zu können. Der Autarch wurde tödlich verwundet. Severian soll sein Nachfolger werden. Er soll die Alzabo-Droge zu sich nehmen und einen Teil des Körpers des Autarchen verzehren. Auf diese Weise würden die Erinnerungen des Autarchen und all seiner Vorgänger auf Severian übergehen. Der alte Autarch wäre dann in ihm immer noch lebendig, genauso wie Thecla, der es inzwischen immer öfter gelingt, Severians Körper zu übernehmen...

Mit dem vierten Band aus der Reihe "Die Urth der neuen Sonne" war die Serie zunächst abgeschlossen. Severian wird neuer Autarch, und nachdem er sein Amt angetreten hat, will er die Folterer-Gilde reformieren. Der Krieg gegen die Ascier ist so gut wie gewonnen. Auch andere Handlungselemente werden zum Abschluss gebracht. Es gibt aber noch einen fünften Band. Waren die ersten vier Bände noch jährlich erschienen, so wurde Band fünf erst ca. vier Jahre später veröffentlicht. Darin geht es um etwas, das schon in Band vier angesprochen wird: Severian erfährt, dass sich jeder neue Autarch einer Prüfung unterziehen muss. Erweist er sich als würdig, kann er die sterbende Sonne neu entzünden. Diese Fortsetzung liegt bereits in meinem SUB, man kann den Zyklus aber schon mit Band vier als abgeschlossen betrachten. So manches, was Severian in den ersten drei Bänden erlebt hat, erscheint in ganz neuem Licht - um alles richtig zu verstehen, müsste ich diese Bände jetzt eigentlich noch einmal lesen!

Im vierten Band ist der Konflikt zwischen der vom Autarchen beherrschten Republik und den Asciern das beherrschende Thema. Severian lernt die Schrecken des Krieges kennen, und dabei prallen erneut Elemente von Fantasy und Science Fiction aufeinander. Die Armeen beider Seiten sind nicht nur mit Schwertern, Lanzen und dergleichen bewaffnet, sondern setzen auch Strahlengewehre, Kampfmaschinen und dergleichen ein. Severian begegnet erstmals einem Ascier, so dass man endlich etwas über diesen bisher gesichtslos gebliebenen Feind erfährt. Ansonsten kann ich nur auf meine Kommentare zu den ersten drei Bänden verweisen. Weitschweifige Abweichungen (für die sich der Erzähler Severian sogar selbst entschuldigt), lange philosophische Betrachtungen und nicht erklärte Begriffe sind nicht die einzigen Gründe, die die Lektüre zu einem etwas anstrengenden Vergnügen machen. Mir scheint, dass die Übersetzung den Sinn des Texts nicht selten verfälscht. Da ich das englische Original nicht kenne, kann ich das natürlich nicht beweisen. (17.02.2014)


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607
Der Knochenhexer Jens Lossau / Jens Schumacher: Der Knochenhexer
Feder und Schwert, 2013
319 Seiten

Die vollständigen Skelette von Lebewesen aus der Urzeit Lorgonias sind der Stolz des naturhistorischen Museums von Nophelet, der Hauptstadt des Königreiches Sdoom. Die vier größten Fossilien (ein Nombdur, eine Usurpatorechse, ein Großer Wanker und ein Trichterbeißer) schmücken die Eingangshalle des Museums. Diese unersetzlichen Ausstellungsstücke werden eines Nachts von Unbekannten gestohlen. Der Nachtwächter wird ermordet. Das wäre - so spektakulär der Diebstahl auch sein mag - normalerweise kein Fall für Meister Hippolit und den Troll Jorge, die Star-Ermittler des Instituts für angewandte investigative Thaumaturgie. Doch bei dem Mord muss Thaumaturgie im Spiel gewesen sein, und selbst Hippolit kennt kein thaumaturgisches Ritual, mit dem die entsetzliche Entstellung der Leiche erklärt werden könnte. Somit beginnen Hippolit und Jorge zu ermitteln, aber besonders dringlich scheint der Fall trotz der Verzweiflung des Museumsdirektors über den Verlust seiner wertvollsten Exponate nicht zu sein.

Am nächsten Tag nimmt die Sache eine völlig unerwartete Wendung. Vier gigantische Urwesen erscheinen in Nophelet und radieren den Stadtteil Schmieden aus. Unzählige Todesopfer sind zu beklagen. Die Riesenechsen zeigen sich von den Angriffen der Stadtwache gänzlich unbeeindruckt, ziehen sich aber plötzlich wie auf Befehl zurück. Offensichtlich hat jemand die seit Jahrmillionen toten Urwesen wieder zum Leben erweckt und auf die Stadt losgelassen. Hippolit und Jorge finden heraus, wo die Kisten mit den Knochen zwischengelagert wurden. Als sie einem verdächtigen Thaumaturgen auf den Zahn fühlen, geht dieser sofort zum Angriff über. Nach heißem Kampf können Hippolit und Jorge den Mann überwältigen. Er landet im Kerker. Die Fossilien werden ins Museum zurückgebracht. Die IAIT-Agenten sollen für die schnelle Aufklärung von der Königin persönlich ausgezeichnet werden, aber daraus wird nichts, denn es kommt zu einem weiteren Urtier-Angriff. Diesmal trampeln drei Dutzend Riesenechsen unaufhaltsam über den Stadtteil Rechternach hinweg! Erneut verschwinden die Echsen, nachdem sie schreckliche Zerstörungen angerichtet haben. Die Sache wird immer mysteriöser, denn der inhaftierte Thaumaturg war zum Zeitpunkt des Echsenangriffs bereits tot, kann diesen also nicht veranlasst haben. Außerdem wird Hippolit darauf hingewiesen, dass die Echsen nur entfernte Ähnlichkeit mit einem Nombdur, einer Usurpatorechse, einem Großer Wanker und einem Trichterbeißer haben...

Ihr wisst nicht, wer Hippolit und Jorge sind? Lest meinen Kommentar zu Der Elbenschlächter!

Der vierte Fall des ungewöhnlichsten Ermittlerduos im Fantasy-Genre ist möglicherweise der letzte. Ohne zu spoilern, kann ich verraten, dass eine der beiden Hauptfiguren am Ende ein Opfer bringen muss, das dazu führt, dass weitere Fälle der illegalen Anwendung von Thaumaturgie (= Magie) nicht mehr in der bekannten Weise gelöst werden können. Und damit meine ich nicht etwa Jorges Angststörung, die sich schon im letzten Band entwickelt hat. Jorge begibt sich in psychiatrische Behandlung und überwindet sein Trauma. Ob es an der Therapie liegt, dass Jorge fast überhaupt keine Trollsprichwörter einfließen lässt? Das wäre eine angenehme Begleiterscheinung. Stattdessen sagt er jetzt ständig in jeder passenden und unpassenden Situation "aus therapeutischer Sicht"...

Wie dem auch sei: Wenn Hippolit und Jorge beim IAIT angestellt bleiben, müssen sie künftig ganz anders arbeiten als bisher. Ich wäre wirklich traurig, wenn die Serie nicht fortgesetzt werden würde, denn Lossau und Schumacher sind meiner Meinung nach endgültig in der Oberliga der deutschen Fantasy-Autoren angekommen. Weder wird übertrieben geblödelt, noch gerät der Kriminalfall aus dem Fokus. Es handelt sich übrigens nicht um einen x-beliebigen Fall, der auch außerhalb des Fantasy-Genres angesiedelt sein könnte (es spielt sogar ein bisschen Science Fiction hinein) und er wird schlüssig aufgelöst. Jorge sorgt nicht nur für den serientypischen derben Humor; er ist für den Fortgang der Handlung mindestens ebenso wichtig wie Hippolit. Hippolit wiederum wird an die Grenzen seiner Fähigkeiten geführt und tappt längere Zeit im Dunkeln. Spannend, amüsant, Fantasy jenseits ausgetretener Pfade - hoffentlich gibt es bald einen fünften Band! (04.02.2014)


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606
Das Königreich der Lüfte Stephen Hunt: Das Königreich der Lüfte
Heyne, 2009
782 Seiten

Im Königreich Jackals leben Menschen, Dampfmänner und andere Wesen friedlich miteinander im Schutz eines von den Weltensänger-Magiern errichteten Fluchwalls, der das Land von seinen eifersüchtigen Nachbarn abgrenzt und durch eine Aerostat-Flotte gesichert wird. Alle Geschehnisse in Jackals werden vom Wolkenrat überwacht, einer Organisation, die nach Meinung vieler Jackalianer ins Reich der Legende gehört. Der Wolkenrat existiert wirklich - und er beobachtet das Land nicht nur aus solch großer Höhe, dass er außerhalb der Reichweite selbst der besten Aerostat-Luftschiffe liegt, sondern greift auch ein, wenn die Ordnung im Königreich bedroht wird. In der Vergangenheit haben sich alle Aggressoren beim Angriff auf Jackals blutige Nasen geholt, denn für den Betrieb der Aerostaten wird das nur in Jackals vorkommende Celgas benötigt, und den Aerostaten hat keine bodengebundene Armee etwas entgegenzusetzen. Auch die jackalianischen Landstreitkräfte sind äußerst schlagkräftig, insbesondere die Sondergarde, deren Mitglieder in Kontakt mit dem Irrnebel geraten sind (was nur wenige Menschen überleben, ohne zu wahnsinnigen Monstren zu mutieren), wodurch sie paranormale Fähigkeiten erlangt haben. Doch unter der biederen Oberfläche brodelt es. Die so genannten Carlisten agitieren gegen die parlamentarische Monarchie und stiften Unruhe. Schreckensnachrichten über Morde, bei denen den Opfern sämtliches Blut entnommen wurde, machen die Runde.

Seit seine Eltern bei einem Aerostat-Absturz im Irrnebel ums Leben gekommen sind, wohnt Oliver Brooks bei seinem Onkel, einem reichen Händler in der jackalianischen Hauptstadt Middlesteel. Oliver muss sich wöchentlich bei der Polizei melden und eine Untersuchung durch einen Weltensänger über sich ergehen lassen. Denn Oliver war dem Irrnebel jahrelang ausgesetzt, und niemand kann glauben, dass er das ohne jegliche Veränderungen überstanden haben soll. Eines Tages erhält Olivers Onkel Besuch von einem zwielichtigen Mann namens Harry Stave, und wenig später wird er ermordet. Auch Oliver wird angegriffen, im letzten Moment aber von Stave gerettet und in Sicherheit gebracht. Stave gibt sich als Agent des Wolkenrates zu erkennen, doch es zeigt sich, dass der Rat unterwandert wurde und ihm nach dem Leben trachtet. Ungefähr zur selben Zeit wird Molly Templar, ein Waisenmädchen aus dem Armenhaus, an die Besitzerin eines Edelbordells verkauft. Mollys erster "Kunde" erweist sich als eiskalter Auftragsmörder, der es ausgerechnet auf ihr Blut abgesehen hat. Mit knapper Not kann Molly entkommen und in den Untergrund fliehen, wo sie Hilfe von den Dampfmännern erhält, denn diese haben erkannt, dass Molly etwas ganz Besonderes ist. Doch der Mörder lässt nicht locker. Er handelt im Auftrag einer uralten Macht, die vor Jahrtausenden besiegt und verbannt worden ist, jetzt aber ihre Rückkehr vorbereitet. Und das wäre buchstäblich das Ende der Welt...

"Das Königreich der Lüfte" ist der Auftakt einer auf inzwischen sechs Bände angewachsenen Serie. Nur Band zwei wurde noch ins Deutsche übersetzt. Der erste Band ist in sich abgeschlossen, die Hauptfiguren Molly und Oliver spielen erst in Band 3 wieder eine Rolle. In Band 2 wird eine neue Geschichte erzählt, die im selben Universum spielt. Und dieses Universum ist sozusagen eine Steam-Fantasy-Version des viktorianischen England, das in Konflikt mit einem Nachbarstaat gerät, in dem das Äquivalent zur französischen Revolution tobt; dort werden Bolzenschussgeräte anstelle von Guillotinen als "humane" Methode der Massenexekution eingesetzt. Jackals wird von einer besonders extremen Form des Kommunismus unterwandert, bei dem die Gleichmacherei auch vor dem menschlichen Körper nicht Halt macht: Menschen werden buchstäblich auseinandergenommen und in biomechanische Arbeiter umgewandelt. Gleichzeitig wird die ganze Welt von Göttern aus einer anderen Dimension bedroht, wie sie von Lovecraft kaum besser hätten ersonnen werden können! Das alles ist äußerst interessant und wird vom Autor überzeugend ausgearbeitet, so dass ein komplexer, teilweise sehr bizarrer und ziemlich düsterer Weltenentwurf entsteht. Vielleicht ist er sogar etwas zu komplex, jedenfalls hat sich mir manches nicht sofort erschlossen. Hunt begnügt sich manchmal damit, einfach irgendwelche Namen und Begriffe in den Raum zu werfen, ohne auch nur anzudeuten, was damit gemeint sein könnte. Er hätte lieber den Hauptfiguren Oliver und Molly mehr Aufmerksamkeit widmen sollen, denn irgendwann scheint er vergessen zu haben, dass es sich um Kinder handelt. Gut, die beiden machen große Veränderungen durch, sie werden praktisch zu Überwesen. Aber das war für mich irgendwann nicht mehr nachvollziehbar. Alle anderen Figuren sind da sehr viel besser getroffen.

Als "Steam-Fantasy" bezeichne ich den Roman, weil in diesem alternativen Universum einerseits Magie funktioniert (die Weltensänger zapfen die Kraftlinien der Erde an, die Irrnebler benutzen Psi-Kräfte), und weil andererseits hauptsächlich Dampfkraft anstelle von Elektrizität und fossilen Brennstoffen verwendet wird. Musterbeispiele dafür sind neben den Luftschiffen vor allem die Dampfmänner, intelligente Maschinen mit Dampfkessel, Steuerplatinen und den unterschiedlichsten Körperformen. Die Dampfmänner sind aber nicht nur Roboter mit künstlicher Intelligenz, sondern fühlende Lebewesen mit eigener Religion. Sie hängen einer Art Voodoo-Glauben an und werden manchmal sogar von ihren Dampf-Loas geritten. Jackals ist ganz unverkennbar eine ziemlich verdrehte Version von Großbritannien. Tatsächlich könnte man Hunt vorwerfen, dass er reale Gegebenheiten einfach ein bisschen ummodelt und mit Elementen der Phantastik anreichert, einiges könnte man sogar als Parodie des viktorianischen England bezeichnen. Zum Beispiel werden dem König kurz nach der Krönung beide Arme abgeschnitten, damit er nie auch nur auf die Idee kommt, die Hand gegen sein Volk zu erheben. Wie Queen Elizabeth zeigt er sich oft auf dem Balkon des Palasts und fährt mit der Kutsche durch die Stadt, aber nicht etwa, um die Huldigungen des Volkes entgegenzunehmen, sondern um beleidigt, gedemütigt und mit verfaultem Gemüse beworfen zu werden! Im Parlament kommen außer schlagkräftigen Argumenten oft "Debattierstöcke" zum Einsatz, mit denen Meinungsverschiedenheiten wie bei einem Gottesurteil endgültig geregelt werden...

Trotz einzelner Schwächen im Handlungsaufbau und in der Figurenzeichnung ist "Das Königreich der Lüfte" durchaus originell und unterhaltsam. In der zweiten Romanhälfte wird die Story leider immer metaphysischer, was in einer Mischung aus blutigem totalem Krieg und Psi-Geschwurbel gipfelt. Aber immerhin bleibt der Roman stets in sich schlüssig und führt alle Handlungsfäden zu einem akzeptablen Ende. (27.01.2014)


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605
Die Gelehrtenrepublik Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik
S. Fischer Verlag, 1984
225 Seiten, gebunden

Anfang des 21. Jahrhunderts existiert Europa nach einem Atomkrieg nicht mehr. Weite Teile der USA sind atomar verstrahlt. Infolge der radioaktiven Belastung haben sich dort neue, mehr oder weniger intelligente Mensch-Tier-Mischwesen entwickelt. Dieses Gebiet, der so genannte Hominidenstreifen, wird durch gewaltige Mauern vom Rest des Landes isoliert. Um den Kulturschatz der Menschheit vor künftigen Katastrophen zu bewahren, wurde die International Republic for Artists and Scientists (IRAS) konstruiert, eine riesige schwimmende Insel aus Stahl im Pazifik, eine sichere Zuflucht für die internationale Elite aus Kunst und Wissenschaft. Wer es schafft, in die illustre Gesellschaft der IRAS aufgenommen zu werden, hat praktisch ausgesorgt, muss aber in regelmäßigen Abständen neue Kunstwerke abliefern, um nicht ausgewiesen zu werden. Die Steuerbordseite der Insel ist westlichen Kulturschaffenden vorbehalten, während sich auf der Backbordseite berühmte Persönlichkeiten aus dem Ostblock tummeln.

Am 22.06.2008 bricht der Reporter Charles Henry Winer zu einer Reise in den Hominidenstreifen sowie zur IRAS auf und führt dabei Tagebuch. Winer berichtet, wie er sich im Hominidenstreifen in die Zentaurin Thalja verliebt und ihrem Stamm gegen die grässlichen Never-nevers (Riesenspinnen mit Menschengesichtern) beisteht. Er kann nicht verweilen, die Reise geht weiter zur IRAS. Dort muss Winer feststellen, dass es mit dem Weltkulturerbe nicht allzu weit her ist. So lässt sich kaum jemand in den gigantischen Bibliotheken blicken und Theaterstücken wird weit weniger Aufmerksamkeit zuteil als dem anschließenden Büffet. Außerdem werden hüben wie drüben sehr bedenkliche Experimente durchgeführt. Menschen werden in Kryostase versetzt, um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, aus demselben Grund werden Gehirne aus gealterten in jugendliche Körper verpflanzt...

Von Arno Schmidt habe ich schon viel gehört, aber noch nichts gelesen. Schmidts schon 1957 erschienener Kurzroman "Die Gelehrtenrepublik" wurde mir von einem edlen Spender verehrt, dem ich an dieser Stelle nochmals herzlich dafür danke. Da ist mir ja wirklich ein trotz seines Alters extrem originelles Stück Science Fiction entgangen! Schlaue Kommentare überlasse ich anderen - umfangreiche Textanalysen, Interpretationen und dergleichen könnt ihr problemlos per Internetsuche finden. Was könnte ich dem schon hinzufügen? Höchstens die Bemerkung, dass mir der Roman vor allem wegen des Einfallsreichtums und des Humors gefallen hat. Winers Aufzeichnungen sind so brisant, dass sie in keiner lebendigen Sprache veröffentlicht werden dürfen. Um der Zensur zu entgehen, lässt er den Text ins Deutsche übersetzen, denn Deutsche gibt ja zum Glück fast keine mehr!

Natürlich sind die von Schmidt ironisch auf die Spitze getriebenen Verhältnisse der Epoche des Kalten Krieges längst überholt. Der ganz spezielle Ost-West-Konflikt in der IRAS hat es trotzdem ebenso in sich wie die bizarren Experimente, die in der Gelehrtenrepublik durchgeführt werden. Manches wirkt geradezu prophetisch. Winers knapp-prägnante (Kunst-)Sprache ist erst einmal gewöhnungsbedürftig, wirkt aber in unserer von Netslang, Emoticons und Anglizismen geprägten Zeit erstaunlich aktuell. In den Fünfzigern wird sicherlich auch der freizügige Umgang mit der Sexualität für Aufsehen gesorgt haben, heutzutage verpufft die vermutlich gewollte Provokation ein wenig. Winer lässt wahrlich nichts anbrennen - ist Sex mit einem Zentaurenmädchen eigentlich Sodomie? (20.01.2014)


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604
Der Übergang Justin Cronin: Der Übergang
Heyne, 2012
1021 Seiten

Nach dem Tod seiner Ehefrau sucht Dr. Jonas Abbott Lear, Professor für Molekular- und Zellularbiologie, wie besessen nach einem Allheilmittel gegen Krankheit und Tod. Seine Forschungsreisen lässt er sich vom US-Militär finanzieren. Im Dschungel Boliviens wird fast sein gesamtes Expeditionsteam aufgerieben. Riesige Fledermausschwärme zerfleischen die Menschen bei lebendigem Leib. Lear kommt mit heiler Haut davon, von den anderen Truppmitgliedern überlebt nur ein Mann namens Fanning schwer verletzt. Doch er ist mit einem unbekannten Virus infiziert und mutiert zu einem nicht mehr als menschlich zu bezeichnenden Monstrum. Er besitzt gewaltige Körperkräfte und eine Schutzhaut, die auch durch schweren Beschuss nicht durchdrungen werden kann. Zähne und Klauen sind tödliche Waffen. Lear wird vom Militär gezwungen, weiter mit Fanning zu arbeiten. Ziel des streng geheimen "Projekts Noah" ist die Erschaffung eines Supersoldaten. Der FBI-Agent Brad Wolgast wird mit der Beschaffung neuer Probanden beauftragt. Nach und nach bringt Wolgast zwölf zum Tode verurteilte Verbrecher dazu, sich freiwillig zur Teilnahme an dem Projekt zu melden. Jeder wird einer etwas abgeschwächten Variante des Virus ausgesetzt, aber alle verändern sich genauso wie Fanning. Sie alle werden in einer bestens gesicherten Forschungsstation gefangen gehalten. Schließlich wird Wolgast damit beauftragt, Amy Harper Bellafonte zu entführen, ein sechsjähriges Mädchen, das niemand vermissen wird. Amy wird mit der letzten Virus-Modifikation behandelt. Sie reagiert anders als die bisherigen Probanden und mutiert nicht.

Kurz nach Amys Ankunft bricht in der Forschungseinrichtung Chaos aus. Die Infizierten können die Gedanken ihrer Wärter beeinflussen und bringen sie dazu, die Sicherheitssysteme abzuschalten, so dass die Zwölf entkommen. Innerhalb kürzester Zeit sind die meisten Forscher und Soldaten tot. Die Infizierten verschonen jedes zehnte Opfer, so dass es sich ebenfalls in ein blutdürstiges, unaufhaltsames Raubtier verwandelt. Wolgast rettet Amy aus der Forschungseinrichtung und bringt sich mit ihr in einer Berghütte in Sicherheit. Er stellt fest, dass Amy doch kein normales kleines Mädchen mehr ist. Verletzungen heilen rasend schnell, aber Amy ist extrem lichtempfindlich - genau wie die Infizierten. Innerhalb der nächsten Monate verbreitet sich das Virus über das gesamte Land. Die öffentliche Ordnung bricht zusammen, Millionen Menschen sterben. Schließlich werden Atomwaffen gegen die Infizierten eingesetzt, aber auch dadurch kann der Untergang der Zivilisation nicht aufgehalten werden. Als Wolgast an der Strahlenkrankheit stirbt, ist Amy auf sich allein gestellt.

Neunzig Jahre später leben nur noch wenige Menschen in den ehemaligen USA. Sie kennen die Welt "davor" nur aus den Erzählungen und Hinterlassenschaften ihrer Vorfahren. Eine der letzten menschlichen Kolonien befindet sich in Kalifornien. Hier leben rund hundert Seelen im Schutz einer riesigen Mauer. Gleißend helles Flutlicht hält die Virals (so werden die Infizierten bezeichnet) auf Abstand. Doch die Speicherkapazität der alten Akkus nimmt dramatisch ab und Ersatz gibt es nicht. Bei einem Ritt zum Windkraftwerk, der einzigen Stromquelle der Kolonie, wird der Trupp des jungen Peter Jaxon von Virals angegriffen. Peter hält sein Ende für gekommen, doch er wird von einem Mädchen beschützt, das die Virals auf Abstand halten kann. Das Mädchen taucht wenig später vor dem Tor der Kolonie auf. Sein Name lautet Amy…

Ein wahrhaft epischer Weltuntergangs-Roman! Vielleicht ist er sogar etwas zu episch. Die Vorgeschichte einzelner Nebenfiguren hätte nicht so umfangreich ausgearbeitet werden müssen, manche Subplots bringen die Story nicht voran. Solltet ihr Stephen Kings Romane für zu weitschweifig halten, dann werdet ihr feststellen, dass es noch viel ausführlicher geht! Am ehesten kann man "Der Übergang" mit Kings "The Stand - Das letzte Gefecht" vergleichen. Hier wie dort wird erst einmal geschildert, wie es zum Weltuntergang kommt, nämlich infolge eines schiefgegangenen militärischen Experiments. Cronin schildert die Vorgeschichte viel genauer als King, bei King wiederum fällt der Weltuntergang detailreicher aus. Cronin zieht sich hier ein bisschen aus der Affäre, indem er sich auf Wolgast und Amy konzentriert, die sofort nach dem Ausbruch der Zwölf in eine abgelegene Gegend fliehen. Wolgast erfährt nur aus Zeitungsberichten, was in der Welt geschieht. Dann gibt es einen Zeitsprung von knapp hundert Jahren, danach steht die Kolonie im Mittelpunkt. Die Welt, wie wir sie kennen, existiert schon lange nicht mehr. Die Menschen leben in ständiger Furcht vor den Virals, die meisten Errungenschaften der Moderne sind verloren. Was in der Zwischenzeit geschehen ist, erfährt man nur andeutungsweise aus den wenigen Tagebucheinträgen eines Kindes, das zu den ersten Bewohnern der Kolonie gehört. Ähnlich wie in "The Stand" ist die Ruhe in der Kolonie trügerisch. Es gibt einen Widersacher (Babcock, einer der Zwölf), der die Kolonie quasi belagert. Er schleicht sich unbemerkt in die Träume der Menschen ein und bringt sie dazu, sich gegeneinander zu wenden. Amy nimmt in diesem Konflikt eine Schlüsselstellung ein. Sie ist übrigens die einzige Person, die von Anfang bis Ende überlebt. Achtung! Bei Cronin sind Hauptfiguren nicht unantastbar. Macht euch bereit, jederzeit Abschied von lieb gewonnenen Protagonisten nehmen zu müssen! Tatsächlich hatte ich den Eindruck, Cronin wolle überhaupt niemanden am Leben lassen...

Es wird im Roman zwar nur selten ausdrücklich gesagt, aber natürlich sind die Infizierten Vampire. Tatsächlich liefert Cronin eine pseudowissenschaftliche Erklärung für den uns bekannten Vampirmythos. Ursache ist ein von Fledermäusen übertragenes Virus. Die Infizierten zeigen alle Charakteristika der klassischen Vampire: Sie gieren nach Blut, und wenn sie ihr Opfer nicht völlig zerfetzen, kann es sich ebenfalls in einen Vampir verwandeln. Diese Wesen sind nicht nur wahnsinnig stark und fast unverwundbar, sondern auch mit hypnotischen Fähigkeiten ausgestattet - das gilt jedenfalls für die Zwölf. Sonnenlicht ist schädlich für sie, und um sie zu töten, muss man sie praktisch pfählen, denn nur direkt über dem Brustbein befindet sich eine verletzliche Stelle. Darunter liegt eine Drüse, die durch das Virus zu erhöhter Aktivität angeregt wird. Zerstört man sie, stirbt der Viral sofort. Sogar für kleine Details (die Sache mit dem Knoblauch und den Spiegeln) findet sich eine plausible Erklärung. Wahrscheinlich wurden in der Vergangenheit schon Menschen infiziert, und so sind die entsprechenden Sagen, Märchen und Legenden entstanden.

Trotz (oder vielleicht gerade wegen?) des gewaltigen Umfangs und der Weitschweifigkeit hat mich "Der Übergang" von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Der dystopische Weltenentwurf kann überzeugen, die Figurenzeichnung ist fast so gut gelungen wie bei Stephen King und die Spannung wird stets auf einem hohen Level gehalten - bis hin zu einem fiesen Cliffhanger, der darauf schließen lässt, dass wieder einmal ein paar Hauptfiguren das Zeitliche gesegnet haben! Cliffhanger? Genau. "Der Übergang" ist der erste Band einer Trilogie. Teil zwei ist bereits erschienen und wird bald gelesen. (14.01.2014)


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603
Im Reiche des silbernen Löwen Karl May: Im Reiche des Silbernen Löwen I
Kindle Edition

Old Shatterhand hat Winnetou in den Gros Ventre-Bergen beerdigt und den Leuten von Helldorf-Settlement geholfen, eine neue Ansiedlung zu gründen. Er ist nun unterwegs nach Süden, um den Apatschen vom Tod ihres Häuptlings zu berichten. In der Nähe des Nord Kanadian-Flusses begegnet er den Zwillingen Jim und Tim Hofmann. Gemeinsam mit diesen beiden Westmännern, die wegen ihrer gewaltigen Riechorgane "Snuffles" genannt werden, befreit er den Perser Mirza Dschafar aus der Gewalt der Comantschen. Zur beiderseitigen Überraschung stellt sich heraus, dass Mirza Dschafar - der in geheimer Mission im Wilden Westen unterwegs war - mit Dschanah verwandt ist, der Gattin Hassan Ardschir Mirzas, mit dem sich Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi vor einiger Zeit angefreundet hatte. Zum Dank für seine Befreiung schenkt Mirza Dschafar Old Shatterhand einen prunkvoll verzierten Chandschar-Dolch.

Geraume Zeit später besucht Kara Ben Nemsi seinen Freund Hadschi Halef Omar in dessen Heimat. Kara Ben Nemsi hilft Halef beim Knüpfen neuer Kontakte mit den Schammar. Halefs Sohn Kara Ben Halef darf die Männer bei dieser diplomatischen Mission begleiten. Die Reise birgt Gefahren, denn die Gefährten müssen das Gebiet eines verfeindeten Beduinenstammes durchqueren. Nachdem dieses Abenteuer überstanden ist, reisen Kara Ben Nemsi und Halef allein nach Persien. Unterwegs geraten sie mit drei Mitgliedern der Sillan-Schmugglerbande in Konflikt und nehmen ihnen Ringe ab, die als Erkennungszeichen genutzt werden. In Bagdad quartieren sich Kara Ben Nemsi und Halef bei dem Polen Dozorca ein, den sie von früher kennen. Sie erfahren die tragische Geschichte des Mannes, der - wie er glaubt - bei den Unruhen des Jahres 1860 in Damaskus seine ganze Familie verloren hat und vor vier Jahren ebenfalls mit den Sillan aneinandergeraten ist.

Dieser Roman schließt unmittelbar an Winnetou III an. Old Shatterhand steht zu Beginn noch ziemlich neben sich, er ist tief getroffen vom Tod seines Blutsbruders. Er überwindet das Trauma aber schnell, dann verläuft der Roman wieder in den üblichen Bahnen. Die beiden Snuffles sind skurrile Figuren mit komischen Eigenheiten, die neben Old Shatterhand völlig unfähig wirken. Sie erkennen Old Shatterhand zunächst nicht und halten sich für überlegen, machen aber nur Fehler, mit denen sie sich und ihre Gefährten in immer neue Gefahren bringen. Das geht auch weiter, nachdem sich das vermeintliche Greenhorn als Old Shatterhand geoutet hat, und so wird derselbe Verlauf mehrmals wiederholt: Freunde Old Shatterhands geraten in Gefangenschaft und müssen befreit werden, wenig später geschieht dasselbe nochmals. Der Comantschen-Häuptling To-kei-chun wird gefangen genommen und gegen Old Shatterhands Freunde ausgetauscht, auch das geschieht mehrere Male.

Dann gibt es einen Bruch - mit der zweiten Hälfte des Romans wird der Orient-Zyklus fortgesetzt. Kara Ben Nemsi und Halef wollen noch einmal die Stätten früherer Abenteuer besuchen - siehe Von Bagdad nach Stambul. Dem Polen Dozorca ist Kara Ben Nemsi im selben Roman begegnet. Erst jetzt erfahren wir, wer er und sein dicker Diener wirklich sind. Halef ist inzwischen Scheik der Haddedihn, steht aber unter dem Pantoffel. Seine Frau Hanneh "berät" ihn in Fragen der Stammesführung, eigentlich ist sie der wahre Scheik. Sie wird als intelligent, resolut und mit ebenso viel Gefühl wie gesundem Menschenverstand gesegnet beschrieben. Ein früher Fall von Emanzipation - das hätte ich bei Karl May nicht unbedingt erwartet!

Auch in der zweiten Romanhälfte kommt das oben skizzierte Handlungsmuster wieder vor, zum Glück nur einmal. Diesmal ist der allzu übereifrige Halef derjenige, der befreit werden muss. Die zweite Hälfte ist aber deutlich unterhaltsamer als die langatmige erste, was nicht zuletzt an der drolligen Redeweise Halefs liegt. Es macht richtig Spaß, den kleinen Kerl wieder in Aktion zu erleben! Leider versumpft der letzte Abschnitt des Romans in endlosem Glaubens-Gefasel. Dozorca hat sich wegen der erlittenen Schicksalsschläge von Gott abgewandt. Kara Ben Nemsi redet ihm ins Gewissen, selbstverständlich erfolgreich... (06.01.2014)


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602
Der Genesis-Plan James Rollins: Der Genesis-Plan
Blanvalet, 2007
540 Seiten

Anfang Mai 1945 evakuiert SS-Obergruppenführer Jakob Sporrenberg das Arbeitslager "Riese", eine streng geheime unterirdische Forschungseinrichtung in Breslau. Damit die Ergebnisse der dort durchgeführten unmenschlichen Experimente des Projekts Glocke, die entscheidend für den Fortbestand des Dritten Reiches sein könnten, nicht dem Feind in die Hände fallen, werden alle Wissenschaftler ermordet, darunter Oberarbeitsleiter Hugo Hirzfeld. Nur dessen Tochter Tola wird am Leben gelassen, denn sie betreut einen nur wenige Monate alten Säugling. Und dieses Kind ist weit wichtiger als alle Unterlagen und Maschinen, die von Sporrenbergs Männern durch einen Tunnel vor der anrückenden Roten Armee in Sicherheit gebracht werden. Doch Sporrenberg hat nicht mit Tolas Entschlossenheit gerechnet. Als die Flucht per Boot weitergehen soll, stürzt sich Tola mit dem Kind in die kalten Fluten und wird nicht wieder gefunden.

Sechzig Jahre später ist SIGMA-Agent Grayson Pierce unterwegs in Kopenhagen, um an einer Auktion teilzunehmen. Unbekannte kaufen seit einiger Zeit historische Dokumente aus dem Besitz von Wissenschaftlern auf, und die hierfür eingesetzten Gelder stammen aus Quellen, die einen terroristischen Hintergrund nahelegen. Zu den Dokumenten, die jetzt zum Verkauf stehen, gehört eine alte Bibel, die Charles Darwin gehört haben soll. Als Gray vor Beginn der Auktion mit der Antiquarin Grette Neal sprechen will, der Besitzerin der Bibel, wird diese aus dem Hinterhalt erschossen. Gray und die junge Fiona, ein Straßenkind, das bei der Antiquarin lebt, entgehen dem Anschlag nur knapp. Dennoch nehmen sie an der Auktion teil. Gray wird überboten, doch Fiona hat die Bibel zuvor ausgetauscht. Gray muss wider Willen mit der kleptomanisch veranlagten jungen Frau zusammenarbeiten, um herauszufinden, warum Darwins Bibel so wertvoll ist. Die Sache ist noch nicht ausgestanden, denn der Schwindel bleibt den anderen Bietern nicht verborgen, und sie gehen über Leichen, um die echte Bibel doch noch in die Hände zu bekommen.

Zur gleichen Zeit wird die Bergsteigerin Dr. Lisa Cummings zum buddhistischen Kloster Temp Och im Himalaya gerufen. Dort hat sich ein unerklärlicher Notfall ereignet, und Cummings ist die einzige Medizinerin vor Ort. Sie wird mit einem Hubschrauber eingeflogen. Der Mönch Ang Gelu begleitet sie. Im Kloster bietet sich den beiden ein Bild des Schreckens. Alle Tiere sind tot, die meisten Mönche wurden ermordet. Cummings und Ang Gelu werden von einem tobsüchtigen Mönch attackiert. Der Abt ist noch am Leben. Er beschmiert die Wände mit Symbolen aus seinem eigenen Blut, in die Brust hat er sich ein Hakenkreuz geritzt. Plötzlich ereignen sich Explosionen – das Kloster wird angegriffen. Bei ihrer Flucht vor den Angreifern erhält Cummings unerwartete Hilfe von einem anderen Überlebenden. Der zerlumpte und verwirrte Mann ist niemand anderer als Painter Crowe, Direktor von SIGMA...

Dieser dritte Roman der "SIGMA Force" - Reihe spielt ungefähr ein Jahr nach Feuermönche. SIGMA ist eine Spezialeinheit des US-Verteidigungsministeriums, bestehend aus Agenten, die neben einer militärischen noch mindestens eine akademische Ausbildung aufzuweisen haben. James Bonds mit Doktortitel, sozusagen, die immer dann zum Einsatz kommen, wenn es darum geht, neue Forschungsergebnisse oder Technologien sicherzustellen. Dabei arbeiten sie stets verdeckt und greifen nach Belieben nicht nur auf neueste Hightech, sondern auch auf geheimdienstliche Informationen jeglicher Art zurück. Vor dem Hintergrund des realen NSA-Skandals musste ich ein bisschen schlucken, als ich entsprechende Stellen in diesem Roman gelesen habe!

Crowe und Cummings im Himalaya, Gray und Fiona in Kopenhagen – das sind nur die zwei Haupt-Handlungsebenen. Einige Kapitel spielen in den USA und Südafrika, außerdem kommt das Privatleben der liebgewonnenen Hauptfiguren nicht zu kurz, interessante neue Figuren wie die ziemlich freche Fiona kommen hinzu. Der ständige Wechsel zwischen all diesen Schauplätzen sorgt mit seinen unzähligen kleinen und großen Cliffhangern dafür, dass die Spannung nie abreißt, zumal man zunächst nicht weiß, um was es überhaupt geht und wie alles zusammenhängt. Dass alle Fäden am Ende zu einem schlüssigen Ganzen verknüpft werden, ist schon mal ein großer Pluspunkt. Ich war aber einigermaßen überrascht (angenehm, natürlich), dass Rollins sich nicht alles selbst ausgedacht hat! Das Arbeitslager "Riese", das Projekt Glocke, das hierfür benötigte "Xerum 525" - all das hat's wirklich gegeben. Niemand weiß allerdings, was die Nazis damals erforscht haben. Rollins fügt lediglich etwas Quantentheorie hinzu, wobei er ebenfalls größtenteils auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Nur der entscheidende Clou ist eindeutig Science Fiction – oder Religion, ganz wie man's nimmt!

Die plausibel klingende Verquickung von Verschwörungstheorien mit historischen Fakten und modernen Forschungsergebnissen, die man problemlos in der Wikipedia nachschlagen kann, macht den besonderen Reiz des Romans aus. Ich spoilere nur ein bisschen, wenn ich verrate, dass die Nazis (bzw. ihre Nachfahren) als Bösewichte herhalten müssen. Gray reist sogar nach Deutschland, genauer gesagt zur Wewelsburg im Kreis Paderborn, die im Dritten Reich wirklich von der SS genutzt wurde und Gegenstand moderner Mythen geworden ist. Die Nazis entsprechen in diesem Roman aber nicht ganz dem üblichen Klischee, jedenfalls gilt das für einige von ihnen. Crowe ist sogar gezwungen, mit dieser Gruppe zusammenzuarbeiten... (28.12.2013)


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601
Grüße vom Sternenbiest Robert Feldhoff: Grüße vom Sternenbiest
Moewig, 1997
236 Seiten, gebunden

Im 13. Jahrhundert Neuer Galaktischer Zeitrechnung ist die Kriminalitätsrate auf der Erde minimal, Unfälle werden mit hochgezüchteter Technik verhindert. So ist es zum Beispiel praktisch unmöglich, dass jemand aus einem Wolkenkratzer in den Tod stürzt. Aber genau das geschieht im Juni 1282 NGZ ausgerechnet in Terrania City, der terranischen Hauptstadt. Das Opfer ist ein kleiner Junge namens Jomie. Sholter Roog, ein wegen zu hoher Gewaltbereitschaft "bedingt beurlaubter" Agent des Geheimdienstes TLD, ist zufällig vor Ort. Ihm kommt die Sache verdächtig vor, zumal sich Lucia Schirmer und Nicolos Gmokett, Jomies Eltern, merkwürdig verhalten. Roog glaubt nicht an einen Unfall und beginnt zu ermitteln. Seine Chefin Gia de Moleon lässt ihn gewähren, stellt ihm aber die Innendienstlerin Fee Kellind zur Seite - angeblich als Partnerin, die sich bewähren soll, um in den aktiven Dienst wechseln zu können, in Wahrheit aber als Aufpasserin. Das ist Roog sehr wohl bewusst, und deshalb behandelt er Kellind wie einen lästigen Klotz am Bein. Er verführt sie, nur um sie anschließend fallen zu lassen. Allerdings bereut er das bald, denn er beginnt sich in die ebenso schöne wie kompetente junge Frau zu verlieben.

Kellind findet heraus, dass die automatische Rückhaltevorrichtung vor dem Fenster, aus dem Jomie gefallen ist, manipuliert wurde. Ein Unfall scheidet somit aus. Der Fall nimmt eine neue Dimension an, als ein Zeuge des Vorfalls ermordet aufgefunden wird. Der Mann wurde auf genauso schreckliche Weise verstümmelt wie zuvor bereits einige Mitarbeiter der Botschaft eines außerirdischen Volkes. Schirmer und Gmokett werden verhaftet und unter Druck gesetzt, bis sie gestehen, dass sie von Gangstern überfallen wurden, die die Herausgabe eines Gegenstandes erpressen wollten. Zu Jomies Todessturz kam es durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, denn die Gangster wussten nicht, dass Gmokett Jomie gezwungen hatte, den fraglichen Gegenstand zu verschlucken. Der Mageninhalt des toten Kindes wird daraufhin genauer untersucht. Ein Mikrofilm wird gefunden, eingebettet in ein Pfefferminzbonbon. Alles, was auf dem Film zu sehen ist, sind einige Ziffern.

Durch weitere Befragungen wird klar, was wirklich hinter der Sache steckt. Gmokett arbeitet in einem von mehreren Reaktoren, die Terrania mit Strom versorgen, und hat den Reaktor im Auftrag der Gangster manipuliert. 500.000 Galax waren sein Preis, aber er hat versucht, noch mehr Geld zu erpressen. Als zwei TLD-Agenten den Reaktor untersuchen, kommt es zur Katastrophe. Der Hintermann - von seinen Handlangern als "der Schelm" bezeichnet - bringt den Reaktor per Fernsteuerung zur Explosion. Hunderte Menschen sterben, einige Quadratkilometer der Stadt werden verwüstet. Und das war nur der Anfang - eine unbekannte Anzahl weiterer Reaktoren wurde auf dieselbe Weise vermint...

Woche für Woche erscheint seit dem Jahre 1961 ein Perry Rhodan - Heftroman, und diese Heftserie lese ich seit dem Jahre 1982. Schon immer hat es neben der Heftroman-Hauptserie diverse Spin-offs, Schwesterserien und andere Publikationen gegeben, die das über Jahrzehnte realer Zeit hinweg gewachsene fiktive Universum (in dem seit 1971, dem ersten Handlungsjahr, schon mehr als drei Jahrtausende vergangen sind) ergänzen. Zu diesen Ablegern gehören auch die "Space Thriller", eine nur vierbändige Reihe thematisch nicht zusammenhängender, in sich abgeschlossener Einzel-Abenteuer in Buchform, als deren erster Band "Grüße vom Sternenbiest" im April 1997 erschienen ist.

Obwohl der Roman also zum so genannten Perryversum gehört, kann er problemlos von Neulingen gelesen werden, die noch nie einen Perry Rhodan - Heftroman in der Hand hatten, denn die Thriller-Handlung könnte in jedem beliebigen Science Fiction - Szenario spielen. Man muss Handlung und Hintergründe der Hauptserie nicht kennen, um der Story folgen zu können. Natürlich werden Begriffe aus dem Perryversum verwendet, aber das beschränkt sich auf einzelne Außerirdische, Schauplätze und Technik, und auch hierbei werden keine Kenntnisse vorausgesetzt. Stets erhält der unkundige Leser eine zwar kurze, aber gut in die Handlung eingeflochtene und leicht verständliche Erklärung. Außer Gia de Moleon, die nur eine untergeordnete Rolle spielt, kommen ausschließlich völlig neue Personen vor. Von diesen wurde nur Fee Kellind später in der Hauptserie weiterverwendet.

Der Roman kann nicht nur inhaltlich getrennt von der Hauptserie betrachtet werden - er hebt sich vor allem durch den Stil, den Einsatz von Gewalt und Sex, sowie die Verwendung von Umgangs- oder gar Vulgärsprache sehr deutlich von dem für die Hauptserie damals üblichen Rahmen ab. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, Robert Feldhoff habe all diese Mittel bewusst übertrieben eingesetzt, um sich vom weichgespülten Einheitsbrei der Hauptserie abzugrenzen. Wäre "Grüße vom Sternenbiest" heute erst veröffentlicht worden, dann würden diese Gegensätze gar nicht mehr so sehr auffallen, denn auch in der Hauptserie wird inzwischen ein anderer Ton angeschlagen. Wie dem auch sei: Der Roman wird dem Oberbegriff "Space Thriller" definitiv gerecht. Temporeiche, spannende, sehr düstere Krimi-Handlung wird geboten, und es agieren keine 08/15-Heldenfiguren, sondern "echte" Menschen mit Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen. Nur Roog wirkt allzu überzeichnet mit seiner unmotivierten Arschloch-Attitüde. (18.12.2013)


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