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Dies ist der 16. Teil einer Übersicht meiner Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



788
Abarat – In der Tiefe der Nacht Clive Barker: Abarat – In der Tiefe der Nacht
Heyne, 2011
621 Seiten, gebunden, mit Schuber

Der im Ozean Izabella gelegene Archipel Abarat ist eine Welt jenseits der Menschenwelt. Im Abarat leben die verschiedensten Kreaturen - manche humanoid und manche mit nichts zu vergleichen, was je eines Menschen Auge erblickt hat - auf 25 Inseln. Normalerweise sind Abarat und Menschenwelt (das "Hernach") strikt voneinander getrennt, doch manchmal gelangen Bewohner der einen Welt in die andere. So ist es vor einiger Zeit der sechzehnjährigen Candy Quackenbush aus Minnesota ergangen. Candy hat sich immer für ein ganz normales Mädchen gehalten, doch sie ist mehr als das. Sie hat erfahren, dass ihr ungeborener Körper als Gefäß für die Seele einer Prinzessin namens Boa benutzt wurde, die auf diese Weise vor einem Attentat gerettet werden sollte. Candy hat im Abarat neue Freunde gefunden und ist in einen vom Magier Christopher Carrion angezettelten Krieg hineingezogen worden, in dessen Folge ganz Chickentown überflutet wurde. Christoper Carrion wurde beim gescheiterten Angriff auf das Hernach scheinbar getötet. Nachdem sich Izabellas Wogen geglättet haben, will Candy sich von Boa trennen. Die Prinzessin teilt diesen Wunsch. Candy wendet sich an Laguna Munn, eine magiekundige Frau, die sich hilfsbereit zeigt und ein Ritual einleitet, welches tatsächlich zum Erfolg führt. Doch es stellt sich heraus, dass Boa keineswegs so edel ist, wie Candy dachte. Sobald Boas Seele frei ist, fällt sie über Candy her, um ihr die Lebenskraft auszusaugen und einen neuen Körper für sich selbst zu erschaffen.

Währenddessen arbeitet Mater Motley, die wahnsinnige Großmutter Christopher Carrions, weiter an ihrem Plan zur Zerstörung und Neuerschaffung der Welt. Sie setzt die Beutelbrut frei. Die gewaltigen Schwärme dieser bizarren Insektenwesen aller Größen und Formen haben sich jahrhundertelang in den Tiefen der Welt vermehrt und verfinstern jetzt den Himmel. In der so entstehenden absoluten Mitternacht erstarken uralte Unholde, Feinde des Lichts, die für tot und begraben gehalten worden sind. Sie verbreiten unvorstellbaren Schrecken über alle Inseln des Archipels. Gleichzeitig nutzt Mater Motley die Macht ihrer Auftraggeber, der hinter den Sternen lebenden Nephauree, um eine viele Kilometer große Monstrosität von einem Schlachtschiff herzustellen: Den Sturmschreiter. Abertausende Sticklinge (mit rudimentärer Intelligenz begabte Kämpfer, die aus krude zusammengenähten Säcken voller lebendigem Schlamm bestehen) und andere Schergen Mater Motleys machen sich bereit, die Inseln des Abarat zu unterwerfen und jeden zu töten, der es wagt, sich ihrer Herrin in den Weg zu stellen. Allerdings gibt es noch einige Unsicherheiten in Mater Motleys Plänen. So ist ihr Enkel nicht ganz so tot, wie es den Anschein hat, und auch Christophers Vater Zephario Carrion ist noch am Leben. Er besitzt Teile des Abarataraba, eines Buches, das für die Quelle aller Magie im Abarat gehalten wird, und er ist bereit, Candy etwas davon zu überlassen ...

Der dritte von fünf geplanten Romanen des "Abarat"-Zyklus hält, was der Titel verspricht. Der Archipel versinkt in Finsternis und wird teilweise zerstört, das Böse breitet sich überall aus, Chaos und Entsetzen regieren. Die Brutalität ist mehr, als ich bei einem Jugendbuch erwartet hätte (als solche werden die "Abarat"-Romane ja immer noch vermarktet, was ich nicht für richtig halte); insbesondere in den Abschnitten mit Mater Motley als Hauptfigur erreicht Barker fast schon wieder die Qualität der harten Horror-Kurzgeschichten in den "Büchern des Blutes" oder der Novelle Hellraiser, die recht eindrucksvoll von Barker selbst verfilmt wurde. Tatsächlich hat mich das Wachstum von Boas neuem Körper auf Candys Kosten sehr an das erinnert, was Frank Cotton seinem Bruder antut. Barker läuft in der Beschreibung von Schrecken und Grausamkeiten zu alter Hochform auf. In diesem Zusammenhang darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass der Stil des Romans als uneinheitlich bezeichnet werden muss. Einprägsame, saft- und kraftvolle, sehr düstere Abschnitte wechseln sich ab mit unfassbar dämlichen, banalen Dialogen und Passagen, die ich bestenfalls als unfreiwillig komisch bezeichnen kann.

Auf ganz andere Weise furchteinflößend als die von Mater Motley gesäte Verderbnis ist die im obigen Teaser nicht erwähnte Wandlung von Candys Vater Bill. Der gewalttätige Alkoholiker, unter dem die ganze Familie zu leiden hatte, findet nach der Überflutung Chickentowns ein Artefakt aus dem Abarat, durch das er Macht gewinnt und unter dessen Einfluss er eine verdrehte Religiosität entwickelt. Er gründet eine Art Kirche und konstruiert eine Maschine, mit der sich Erinnerungen absorbieren lassen. An den Kapiteln, in denen sich Candy mit ihrem Vater auseinandersetzen muss, zeigt sich aber auch, dass Barker anscheinend nicht so genau weiß, was er mit den Figuren seiner Romane anfangen soll. Dieser Subplot steht nämlich in keinem Zusammenhang mit dem Rest des Buches. Auch sonst herrscht viel Durcheinander. Besonders peinlich wird es, wenn Candy einem Typen namens Gazza begegnet. Die beiden verlieben sich auf den ersten Blick ineinander. Gazza wird aus dem Nichts herbeigezaubert und gehört plötzlich zu Candys innerem Zirkel. Die Liebesgeschichte wirkt platt und unmotiviert, sie hat mich nicht überzeugt. Am Ende stürzt Candy wie einst Rincewind über den Rand der Welt und findet sich plötzlich in einer völlig neuen Realität wieder. Damit soll natürlich die Neugier des Lesers auf den vierten Band geweckt werden, der bis jetzt – sechs Jahre nach Band 3! - noch nicht einmal im englischen Original erschienen ist. Ganz ehrlich? Bei mir hält sich das Interesse in Grenzen ...

Durch Zufall bin ich in den Besitz der großformatigen, auf schwerem Hochglanzpapier gedruckten und auf 1650 nummerierte Exemplare limitierten Ausgabe des Romans geraten. Sie enthält über 100 teils doppelseitige Gemälde Clive Barkers. Manche sind auf finstere Weise schön oder wahrhaft verstörend, andere ... nicht. (11.09.2017)


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787
Der Sohn des Bärenjägers Karl May: Der Sohn des Bärenjägers
Kindle Edition

Neben dem titelgebenden Roman ist noch "Der Geist der Llano Estakata" enthalten. Beide Geschichten gehören zu den so genannten Jugenderzählungen Karl Mays, die nicht in der Ich-Form geschrieben sind. Karl Mays Alter Ego Old Shatterhand kommt in beiden Romanen vor, aber nicht von Anfang an und keineswegs als Hautpfigur. Im Zentrum stehen vielmehr verschiedene äußerst skurrile Westmänner. Sie zeichnen sich stets durch besonders merkwürdige Kleidung, körperliche Besonderheiten und oft verwendete Redewendungen aus.

In "Der Sohn des Bärenjägers" sind das der dicke Jemmy und der lange Davy. Sie retten den jungen Indianer Wohkadeh aus der Gewalt einer Gruppe von Pferdedieben. Er berichtet, dass der bekannte Bärenjäger Baumann von Ogallalla-Sioux gefangen genommen worden ist und am Marterpfahl sterben soll. Die Ogallalla wollen den Mann im Yellowstone-Nationalpark zu Ehren dreier berühmter Krieger opfern, die dort vor mehreren Jahren von Old Shatterhand im Zweikampf getötet worden sind. Bei dieser Gelegenheit begegnen Jemmy und Davy Baumanns Sohn Martin und einem weiteren Westmann namens Hobble-Frank. Zu den beiden war Wohkadeh unterwegs. Old Shatterhand und Winnetou schließen sich der Expedition später an. Nachdem sie die Freundschaft der mit den Ogallalla verfeindeten Schoschonen gewonnen haben, müssen sich die Gefährten mit einer Gruppe von Upsaroka-Indianern auseinandersetzen, denen die Medizinen von den Ogallalla gestohlen wurden. Old Shatterhand bezwingt ihren Anführer, den Medizinmann Feuerherz, woraufhin sich die Upsarokas dem Zug anschließen.

"Der Geist der Llano Estakata" beginnt ebenfalls damit, dass ein Westmann-Duo einem jungen Indianer beisteht (die Geschehnisse werden im zweiten Kapitel geschildert, dieses spielt zwei Stunden vor Beginn des ersten Kapitels). Jim und Tim Hofmann, aufgrund ihrer riesengroßen Nasen "Snuffles" genannt, begegnen einer Gesellschaft von Glücksrittern, die ein als Llano Estakata bekanntes Wüstengebiet durchqueren wollen, um in Arizona nach Diamanten zu suchen. Die Snuffles haben das gleiche Ziel. Sie untersuchen die Leiche eines skalpierten Weißen und stoßen auf Schiba-bigk ("Eisenherz"), Sohn eines Häuptlings der Komantschen, der von einem Llano-Geier erschossen wurde. Diese Banditen geben sich als Wüstenführer aus, locken ihre Schutzbefohlenen aber stets ins Verderben, um die Leichen in aller Ruhe plündern zu können. Die Geier können ihr blutiges Handwerk seit einiger Zeit nicht mehr ungestört ausüben. Ein geheimnisvoller Rächer, der Geist der Llano Estakata, macht Jagd auf die Verbrecher. Den beiden Snuffles begegnet Old Shatterhand auch in Im Reiche des Silbernen Löwen I, einem Roman, der nach Winnetous Tod spielt. Während sie hier als fähige Westmänner vorgestellt werden, benehmen sie sich dort schlimmer als Greenhorns.

Der Hobble-Frank (Heliogabalus Morpheus Edeward Franke) ist ein Sachse aus Moritzburg, der äußerst weitschweifig monologisiert, und zwar in deutscher Sprache mit sächsischem Akzent, den Karl May lautmalerisch wiedergibt. Hobble-Frank bildet sich viel auf seine vermeintlichen Kenntnisse auf allen möglichen und unmöglichen Fachgebieten ein, redet aber nur Unsinn, bringt alle Fremdworte durcheinander oder spricht sie völlig falsch aus. Wer es wagt, ihn zu verbessern, wird mit einem wahren Wortschwall in Grund und Boden gefaselt. Das soll lustig sein, ist mir aber ganz gehörig auf die Nerven gegangen. Ich musste mich zwingen, diese viel zu langen Textstellen nicht zu überlesen.

Zu loben sind einige sehr einprägsame Kapitel, zum Beispiel im Zusammenhang mit einem jungen Mann, der "Bloody Fox" genannt wird. Diese Figur kommt auch in Old Surehand I vor. Interessant ist übrigens ein Dialog in "Der Sohn des Bärenjägers", in dem Winnetou seine erste Begegnung mit Old Shatterhand völlig anders schildert, als wir es aus Winnetou I kennen. (04.09.2017)

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786
Herzblut Volker Klüpfel / Michael Kobr: Herzblut
Knaur, 2014
395 Seiten

Der brutale Mord an einem Taxifahrer namens Siegfried Holz erregt großes Aufsehen im Allgäu. Dem Mann wurde mit einer Schrotflinte von hinten ins Herz geschossen. Vom Täter gibt es keine Spur. Kriminalhauptkommissar Kluftinger und seine Kollegen von der Kemptener Polizei können den Medienvertretern bei der vom Polizeipräsidenten Lodenbacher anberaumten Pressekonferenz keine neuen Erkenntnisse präsentieren. Plötzlich klingelt Kluftingers Handy. Hektisch drückt der in technischen Dingen gänzlich ahnungslose Kommissar auf dem Telefon herum und beendet den Anruf, wobei er zufällig die Aufzeichnungsfunktion aktiviert. Später spielt Kluftinger die Audiodatei ab. Es sind zwar nur undefinierbare Geräusche zu hören, doch Kluftinger ist fest davon überzeugt, dass ein Mord aufgezeichnet wurde. Er gibt die Datei einem Kollegen zur Auswertung, kann sich zunächst aber keinen Reim auf die Ergebnisse machen. Im Taxi-Mordfall hat Kluftinger dagegen einen Geistesblitz und kann den Täter identifizieren. Da es sich um einen Drogensüchtigen namens Wolfgang Schratt handelt, wird von Beschaffungskriminalität ausgegangen. Lodenbacher hat Grund zur Freude, denn Schratt legt kurz nach seiner Festnahme ein Geständnis ab.

Dann endlich fällt bei Kluftinger auch bezüglich des merkwürdigen Telefonanrufs der Groschen. Der Anrufer wollte ihn auf den Teufelssee bei Immenstadt hinweisen. Mitten in der Nacht fährt Kluftinger allein dorthin und stolpert prompt mitten in eine riesige Blutlache hinein. Es handelt sich um menschliches Blut, aber es gibt keine Leiche. Es kann lediglich festgestellt werden, dass dem Opfer große Mengen des neuen Herzmedikaments "Cordial" verabreicht wurden. Cordial ist noch nicht auf dem Markt. Das Mittel wird ausschließlich im Rahmen einer Studie verabreicht, welche von einem gewissen Dr. Gordian Steiner geleitet wird. Kluftinger kennt den Namen. Er hat erst neulich mit Steiner telefoniert, und zwar in eigener Sache. Seit einiger Zeit leidet Kluftinger so stark unter Herzbeschwerden, dass er seine Ärztescheu überwinden und einen Spezialisten konsultieren musste. Steiner kann nicht befragt werden, er ist zurzeit in Urlaub. Wenig später ereignet sich ein weiterer Mord. Der Versicherungsmakler Christian Hübner wird auf äußerst brutale Weise in seiner Wohnung getötet. Sein Herz wird herausgeschnitten.

Dann finden Taucher die Leiche, von der das Blut am Seeufer stammt. Es ist Dr. Steiner, und auch sein Herz fehlt. Dass man es mit einem Serienmörder zu tun hat, wird spätestens klar, als im Zusammenhang mit beiden Taten die gleichen Streichholzbriefchen sichergestellt werden. In jedem Briefchen fehlt eine bestimmte Anzahl von Streichhölzern. Überraschenderweise erhält die Witwe des Taxifahrers per Post ein eben solches Streichholzbriefchen. Offensichtlich waren fünf Morde geplant und es muss damit gerechnet werden, dass der Täter noch zweimal zuschlagen wird. Aber welchen Zusammenhang gibt es zwischen einem Taxifahrer, einem Arzt und einem Versicherungsmakler? Und wer wird das nächste Opfer sein? Kluftinger gerät zunehmend unter Druck, was seinem Gesundheitszustand alles andere zuträglich ist ...

In den Kluftinger-Krimis ist das Privatleben des sympathisch-grantigen Kommissars aus dem Allgäu stets mindestens genauso wichtig wie der aktuelle Kriminalfall. "Herzblut", der siebte Kluftinger-Krimi, bildet da keine Ausnahme, kann aber mit einer gelungenen Verknüpfung beider Elemente punkten – das war in den bisherigen Romanen nicht immer so. Allerdings spielt der für die anderen Kluftinger-Krimis typische Lokalkolorit diesmal so gut wie keine Rolle. Es geht um Herzensangelegenheiten, wie man dem Zustand der drei Leichen unschwer entnehmen kann. Dem Taxifahrer wurde natürlich nicht zufällig ins Herz geschossen. Kluftingers in Kollegenkreisen geradezu legendäre Intuition kommt wieder zum Einsatz und ein bisschen Zufall ist auch im Spiel, aber lobenswerterweise werden die Zusammenhänge nicht aus dem Nichts hervorgezaubert. Alles passt zusammen, die Glaubwürdigkeit bleibt stets gewahrt und ich finde es gut, dass die gesamte Story aus dem Blickwinkel der Hauptfigur erzählt wird. Es bedarf längerer bodenständiger Ermittlungsarbeit, bis die Puzzleteile im Kopf des Kommissars (und des Lesers) an die richtigen Stellen fallen, und als es soweit ist, gewinnt der Fall durch die Identifizierung des letzten Opfers eine ganz neue Dynamik. Ich will nicht zu viel verraten, aber der geplante fünfte Mord betrifft eine Person aus Kluftingers unmittelbarem Umfeld! In diesem Zusammenhang kommen einige ziemlich bizarre Details über den Betreffenden ans Licht.

Kluftingers Sohn Markus hat sein Herz an die schöne Yumiko verloren, die beiden wollen demnächst heiraten. Auch Kluftingers Herz ist in Gefahr, aber nicht der Liebe wegen. Fettes Essen, das geliebte Feierabendbier, mangelnde Bewegung – da kommt es, wie es kommen muss: Kluftis Herz macht schlapp. Das jedenfalls glaubt der unter zunehmenden körperlichen Beschwerden leidende Kommissar. Es wird so schlimm, dass er sich dazu durchringt, sich von seinem Intimfeind Dr. Langhammer untersuchen zu lassen. Als Klufti unbemerkt mithört, wie Langhammer gleich nach dem Check-up mit einem Spezialisten telefoniert und von diesem bestätigt bekommt, dass die Pumpe raus muss, rechnet er mit dem Schlimmsten. Er verfasst später gar sein Testament. Er kann ja nicht wissen, dass der Spezialist ein Heizungsmonteur ist, der sich zum Zustand von Langhammers Heizungsanlage äußert. Jedenfalls wird Klufti in eine ernste Lebenskrise gestürzt und versucht sich zu ändern. Seine Frau Erika ist angenehm überrascht, als er Joghurt und Gemüse einkauft. Der knurrige Kommissar bemüht sich um positives Denken und kommt auf diese Weise dem ungeliebten Kollegen Richard Meier menschlich näher. Doch ein von Langhammer geleiteter Yoga-Kurs, in den Klufti zufällig hineingerät, ist denn doch des Guten zu viel. Müssen wir uns Sorgen machen? Wird Kluftinger weich? Nun, am Ende renkt sich buchstäblich alles wieder ein, doch möglicherweise hat Klufti etwas gelernt. Wir müssen aber wohl nicht befürchten, dass er künftig nur noch alkoholfreies Bier trinken wird.

Humorvolle Heimatkrimikost wird definitiv geboten. Kluftinger lässt wieder kein Fettnäpfchen aus und stellt wie üblich seine Hilflosigkeit in Sachen moderner Technik unter Beweis. Das geht für mich schon in Ordnung, aber in anderer Beziehung übertreiben es die Autoren. Langhammer macht eine schlüpfrige Bemerkung nach der anderen, das anzügliche Gefrotzel zwischen Kluftingers Kollegen überschreitet die Grenze zum Mobbing und Markus entwickelt sich zu einem unsympathischen Sexisten. Keine Ahnung, was Yumiko an dem Typen findet. Hier sollte das Autorenduo einen Gang zurückschalten – mindestens! (28.08.2017)


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785
Quantum Hannu Rajaniemi: Quantum
Piper, 2011
432 Seiten

Seit einem schiefgegangenen Coup wird der Meisterdieb Jean le Flambeur in einem Dilemma-Gefängnis mit Umerziehungsmaßnahmen traktiert, die immer und immer wieder zu seinem Tod führen. Jean befindet sich nicht körperlich in der Endlosschleife des Gefängnisses. Lediglich sein Bewusstsein wurde dort eingekerkert – oder vielmehr: Eine Version seines Bewusstseins, bei der es sich nicht unbedingt um das Original handeln muss. In Jeans Epoche hat sich die Menschheit längst über alle körperlichen Beschränkungen hinaus weiterentwickelt. Erinnerungen lassen sich in den verschiedensten Medien speichern. Organische Körper oder solche aus mikroskopisch kleinen Nanomaschinen kommen als Träger ebenso in Betracht wie biomechanische Konstrukte, Roboter und virtuelle Welten. Somit ist die Einmaligkeit von Persönlichkeiten überholt. Ein und dasselbe Bewusstsein lässt sich beliebig oft kopieren und in verschiedene Trägerkörper verpflanzen. Man kann downgegradete Teile von sich selbst als Software für so genannte Gogols benutzen; universell einsetzbare Arbeitssklaven mit meist nur rudimentärer Intelligenz. Die Gründer einer Gruppierung namens Sobornost waren einst Menschen, haben ihren Geist jedoch in Millionen von Gogols hochgeladen und sind auf diese Weise zu Kollektivwesen mit unermesslicher Macht geworden. Sie residieren in künstlichen Habitaten irgendwo im Sonnensystem und verfolgen das Ziel, ein neues Universum zu erschaffen, in dem es keinen Tod gibt.

Eines Tages erhält Mieli, eine Kriegerin aus den Kolonien in der Oort'schen Wolke, von der Gründerin Joséphine Pellegrini den Auftrag, Jean aus dem Dilemma-Gefängnis zu befreien. Der legendäre Meisterdieb soll etwas für die Gründerin stehlen. Mielis Körper wurde in eine fast unbesiegbare Waffe verwandelt und ihr Geist ist eng mit dem hochentwickelten intelligenten Raumschiff Perhonen verbunden. Mieli willigt ein, obwohl sie Jean aufgrund ihres hohen Ehrenkodex verabscheut, denn die Pellegrini hat ihr ein Angebot gemacht, das sie nicht ablehnen konnte. Die Gründerin hat versprochen, Mielis verlorene Geliebte zu neuem Leben zu erwecken. Nach der Befreiung wird Jeans Bewusstsein in einen Nanomaschinenkörper verpflanzt, den er nur behalten darf, wenn er auf Mielis Forderungen eingeht. Jean gewinnt Mielis Vertrauen, indem er den auf Perhonen gerichteten Angriff eines Archons abwehrt. Diese vom Sobornost erschaffenen Nanomaschinenkonglomerate verfolgen nur ein einziges Ziel: Alles, worauf sie abgefeuert werden, in ein Dilemma-Gefängnis umzuwandeln. In der folgenden Zeit kommen sich Jean und Mieli allmählich näher. Jean erkennt, dass ihm wichtige Erinnerungen fehlen. Diese muss er zurückgewinnen, um wieder zu dem Mann zu werden, der er einst war. Gemeinsam reisen Jean und Mieli zum Mars, denn dort hat Jean vor vielen Jahren unter dem Namen Paul Sernine in der wandernden Stadt Oubliette gelebt. Der Schlüssel zu Jeans Vergangenheit ist eine Frau namens Raymonde, die er damals geliebt hat.

Isidore Beautrelet, Architekturstudent und Bürger der Oubliette, arbeitet manchmal inkognito als Detektiv für den "Gentleman", einen von vielen selbsternannten Ordnungshütern, die sich als Zaddiks bezeichnen und bei der Bevölkerung sehr beliebt sind. Mit seinem ungewöhnlichen Spürsinn ist es Isidore schon mehrmals gelungen, Fälle von Gogol-Piraterie und andere verzwickte Angelegenheiten aufzuklären. Als Isidores Identität durch die Presse allgemein bekannt gemacht wird, so dass er fast ebenso populär wird wie die Zaddiks, tritt der Millionär Christian Unruh an ihn heran. Unter unerklärlichen Umständen ist ein Brief in Unruhs bestens gesicherter Bibliothek aufgetaucht. Ein gewisser Jean le Flambeur kündigt an, er werde eine demnächst stattfindende Party des Millionärs infiltrieren. Isidore soll herausfinden, wie der Brief in die Bibliothek gelangt ist, außerdem soll er sich um die Sicherheitsmaßnahmen während der Party kümmern. Im Verlauf seiner Ermittlungen wächst in Isidore ein schrecklicher Verdacht. Offensichtlich manipuliert jemand die Erinnerungen aller Bürger der Oubliette ...

"Quantum" ist der erste Band einer Trilogie und bis jetzt ist nur noch der zweite Teil ("Fraktal") in deutscher Übersetzung erschienen. Angesichts der Tatsache, dass ich bei der Lektüre dieses Romans oft nur Bahnhof verstanden habe (obiger Teaser ist also mit Vorsicht zu genießen, ich musste mir einiges zusammenreimen), graut mir schon davor, den dritten Band im englischen Original lesen zu müssen. Dann werde ich vermutlich überhaupt nichts mehr kapieren! Lesen werde ich ihn aber auf jeden Fall, denn einerseits hege ich noch die Hoffnung, dass in "Fraktal" einige der jetzt schmerzlich vermissten Hintergrundinformationen nachgereicht werden, andererseits finde ich gerade die Fremdartigkeit und Surrealität des von Rajaniemi entworfenen Universums faszinierend.

Der Autor wirft Begriffe wie "Sobornost", "Gogols", "Gevulot", "Zoku", "Phoboi" usw. einfach mal in den Raum, ohne darauf einzugehen, was es mit alldem auf sich hat. So wird die Phantasie des Lesers gefordert. Man muss versuchen, die Bedeutung der Begriffe aus dem Kontext, eingestreuten Andeutungen und dem weiteren Verlauf der Geschehnisse herzuleiten. Allmählich wird manches Rätselhafte etwas verständlicher, ich muss aber gestehen, dass mir bis zuletzt nicht hundertprozentig klargeworden ist, wer da eigentlich gegen wen intrigiert und warum. Oder was Jean klauen soll. Hauptgegner des Sobornost scheinen die Zoku zu sein, und wenn ich es richtig verstanden habe, dann sind die transhumanen Mitglieder dieser Clans aus Gamer-Communitys hervorgegangen, die irgendwann angefangen haben, ihre eigenen Bewusstseine in die virtuellen Welten hochzuladen, in denen ihre MMORPGs angesiedelt sind! Dementsprechend ist die ganze Existenz für sie ein Spiel, eine Art immerwährender LAN- oder Cosplayer-Party, die hauptsächlich in der Quantenrealität stattfindet, aber voller Reminiszenzen an vergangene (d.h. unsere) Zeiten steckt. Auf so eine Idee muss man erstmal kommen.

Das Gesellschaftssystem der Oubliette ist nicht minder interessant; auch hier werden aktuelle Verhältnisse extrapoliert. Privatsphäre ist für die Bürger extrem wichtig, sie wird durch das Gevulot sichergestellt. Fragt mich bitte nicht, was das Gevulot eigentlich ist! Fest steht, dass von einer Person mit maximal eingestelltem Gevulot nur ein Platzhalter wahrgenommen werden kann und dass alle Bürger der Oubliette all ihre Erinnerungen in einen Exospeicher hochladen, in eine Art Datencloud also. Man kann festlegen, inwieweit andere Personen darauf zugreifen dürfen, so dass Erinnerungen als Kommunikationsform genutzt werden können. Außerdem erwächst aus der Gesamtheit des Exospeichers etwas, das als STIMME bezeichnet wird und vermutlich das Äquivalent einer Regierung in der Oubliette darstellt. ZEIT ist das wichtigste Gut in der Oubliette. Jeder Bürger darf nur für einen begrenzten Zeitraum in einem menschlichen Körper leben. Danach wird sein Bewusstsein in einen "Schweiger" verpflanzt, wobei es offenbar Reste der Individualität bewahrt. Wenn man seinen Dienst im Schweigen abgeleistet hat, wird man – dem Exospeicher sei Dank - in einem neuen Körper wiedergeboren. Eine ganz besondere Form der Unsterblichkeit!

Schweiger sind übrigens Roboter unterschiedlicher Größe, die unter anderem die Aufgabe haben, die wandernde Stadt gegen die unausgesetzten Angriffe der Phoboi zu verteidigen. Diese selbstreplizierenden biomechanischen Kreaturen wurden während eines lange zurückliegenden Krieges eingesetzt und haben den terrageformten Mars weitgehend zerstört. Oder so. Genau weiß man es nicht, denn wie Isidore Beautrelet herausfindet, wurde die Geschichte der Oubliette durch Gedächtnismanipulationen nachhaltig umgeschrieben. Irgendjemand scheint den Generalschlüssel für den Exospeicher zu besitzen. Philip K. Dick lässt schön grüßen!

Was die Story angeht – die wird geradliniger erzählt als zunächst gedacht. Nach anfänglicher Verwirrung konnte ich ihr gut folgen. Und erstaunlicherweise geht die zwischenmenschliche Seite in dieser posthumanen Welt nicht verloren. Man kann (und soll) sich natürlich fragen, wie "human" eine Person mit x-mal kopiertem Bewusstsein, manipulierten Erinnerungen und kaum noch als menschlich zu bezeichnendem Körper überhaupt sein kann. Dennoch haben wir es z.B. bei Jean und Mieli mit sympathischen Hauptfiguren zu tun, deren Gefühls- und Gedankenwelt uns nicht fremd ist. Auch wird nicht mit handfester Action und Humor gegeizt. Sehr schön! Ich werde dranbleiben, auch wenn's schwerfallen sollte. (24.08.2017)


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784
Tagebuch der Apokalypse 4 J.L. Bourne: Tagebuch der Apokalypse 4
Heyne, 2017
413 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Tagebuch der Apokalypse 3.

Die Welt wurde von Zombies überrannt. Zu den wenigen Überlebenden der Apokalypse gehören die Menschen an Bord des Flugzeugträgers USS George Washington. Das riesige Schiff ist vor Key West auf Grund gelaufen und versorgt nun eine kleine Siedlung mit Strom. Kilroy, seine Freundin Tara und ihre neu geborene Tochter Bug könnten dort in relativer Sicherheit leben, doch eines Tages fängt Kil einen automatischen Notruf auf einer Remote-Six-Frequenz auf. Um herauszufinden, ob womöglich noch Überreste dieser gefährlichen Organisation existieren, fährt Kil allein mit seiner Jacht Solitude Richtung Norden und geht in der radioaktiv verseuchten Sperrzone von New Orleans an Land. Die Quelle des Funksignals ist ein toter Soldat. Als Kil die Leiche untersucht, findet er dessen Kontrollausrüstung für einen "Ground Assault, Reconnaissance & Mobilization-Robot" (GARMR), der neben dem Toten ausharrt. Kil aktiviert die hundegroße Maschine, prägt sie auf sich, gibt ihr den Namen Laska und gewinnt dadurch einen wertvollen Kampfgefährten.

Laska ist nicht bewaffnet, aber schwer gepanzert und mit einem praktisch unerschöpflichen Radioisotopengenerator ausgestattet. Der Roboter kann einfache Befehle ausführen und ein großes Gebiet autonom erkunden. Über einen Tablet-PC kann Kil sehen, was Laska sieht. Kil stellt schnell fest, dass sich Laska bestens zum Anlocken von Zombies einsetzen lässt. Wenn Laska die Untoten mit lauten Geräuschen ablenkt, kann sich Kil mehr oder weniger ungestört umsehen. Wenig später empfängt Kil einen zweiten Funkspruch. Er stammt von der Kampfgruppe Phoenix, die den Auftrag hatte, den Atomraketenbunker "Hotel 23" zu sichern. Man hatte seinerzeit den Kontakt mit der vierköpfigen Einsatzgruppe verloren. In der Nachricht ist davon die Rede, dass ein Heilmittel gegen die Zombieseuche gefunden worden sei und dass Untote die Gruppe in Atlanta eingekesselt hätten. Schweren Herzens entscheidet sich Kil gegen eine Rückkehr zu seiner Familie. Um das Heilmittel zu sichern, muss Kil tief in das vor Zombies wimmelnde Landesinnere vordringen ...

Im Kommentar zu Band 3 habe ich die Abkehr vom Tagebuchstil bemängelt, durch den die ersten beiden Romane zu etwas Besonderem werden. Jetzt führt Kil wieder Tagebuch, aber leider wird Band 4 dadurch nicht zu einem besseren Roman als Band 3. Sieht man von der sehr kurzen Einführung ab, in der auf Kils neues Leben mit Tara eingegangen wird, besteht fast der gesamte Text aus der minutiösen Schilderung der Reise nach Atlanta. Kil sucht nach Vorräten und einem Fahrzeug, muss sich dabei durch Horden von Untoten kämpfen (auch die Kämpfe werden stets über mehrere Seiten hinweg detailgenau beschrieben), richtet sich in einem Unterschlupf ein, der zuvor natürlich gesäubert werden muss, schichtet die Ausrüstung im Rucksack um, macht sich was zu essen, legt sich in den Schlafsack ... und am nächsten Morgen geht alles von vorne los. Da freut man sich direkt über etwas "Abwechslung", wenn Kil es ausnahmsweise mit menschlichen Aasgeiern zu tun bekommt. Wer diese Leute sind, warum sie sich ausgerechnet in derselben Stadt wie Kil aufhalten, um dort wie wild herumzuballern und verbissen nach Kil suchen, sobald sie einmal auf ihn aufmerksam geworden sind? Keine Ahnung. Mit solchen Erklärungen hält sich der Autor nicht auf. Ansonsten stößt Kil auf ein komfortables Luxusanwesen, dessen Energieversorgung usw. auch wieder ausführlich beschrieben wird, und rettet einen Mann sowie dessen Kinder vor einer Zombiehorde.

Dumm nur, dass das alles überhaupt nicht gebraucht wird, zumindest nicht in diesem Umfang. Erst auf den letzten paar Seiten geht es zur Sache – und dann ist es auch schon wieder vorbei. Im Grunde wird uns hier genau dasselbe vorgesetzt wie im ersten Band, nur mit anderem Schluss. Wenigstens wird Kil nicht als Superheld hingestellt (tatsächlich kriegt er mehr als nur ein paar Schrammen ab), Laska ist eine nette Dreingabe und man langweilt sich nicht gerade, dennoch habe ich mich am Ende gefragt, wofür ich eigentlich knapp zehn Silberlinge ausgegeben habe. Von einer Story kann man jedenfalls nicht sprechen.

Das vierte "Tagebuch der Apokalypse" wird im Klappentext als Finale der Serie bezeichnet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das stimmt. Achtung, hier folgen Spoiler! Kil vollendet seine Mission und kehrt wohlbehalten nach Key West zurück, aber man erfährt nicht, ob das Heilmittel wirksam ist oder nicht. Außerdem bleibt völlig offen, woher dieses Mittel überhaupt stammt und wie die Kampfgruppe Phoenix in seinen Besitz gekommen ist. Allein das ist schon mehr als genug Stoff für mindestens einen weiteren Roman – erst recht, wenn er im selben weitschweifigen "Stil" gehalten wäre wie Band vier! (15.08.2017)


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783
Gilliamesque Terry Gilliam: Gilliamesque – Meine prä-posthumen Memoiren
Heyne, 2015
300 Seiten, gebunden

Terry Gilliam, Regisseur und Mitglied der legendären britischen Comedytruppe Monty Python, berichtet aus seinem Leben. 300 Seiten sind dabei herausgekommen, allerdings enthält dieses großformatige Buch sehr viele Fotos, Skizzen, Zeichnungen und Collagen aus Gilliams Feder, so dass vielleicht die Hälfte des Platzes für Text übrigbleibt. Während Gilliam noch recht ausführlich auf seine Jugend in Minnesota und Los Angeles, frühe Wanderjahre und den Versuch, dem Militärdienst zu entgehen, sowie auf erste Engagements als Cartoonist für verschiedene Satirezeitschriften eingeht, wird sein Lebensbericht immer skizzenhafter, je mehr er sich der Gegenwart annähert. Das finde ich schade, denn ganz offensichtlich hätte Gilliam genug für ein 3000 Seiten starkes Buch zu erzählen! Natürlich erfährt man so einiges über die Zusammenarbeit mit den anderen Pythons sowie über gelungene und weniger erfolgreiche Filmprojekte, aber für meinen Geschmack hätte dieser Teil sehr viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Ein "Making of" der verschiedenen Projekte der Pythons bzw. der Filme Gilliams darf man jedenfalls nicht erwarten.

Das Buch wird durch Gilliams ganz besonderen Humor geprägt. Ganz offen und selbstironisch legt er seine Gedanken- und Gefühlswelt dar, außerdem nimmt er kein Blatt vor den Mund, wenn es um profitgierige Studiobosse, schwierige Schauspieler und so weiter geht. Beim einen oder anderen Namen musste ich in der Wikipedia nachschlagen, wahrscheinlich habe ich so manche Anspielung nicht verstanden, und selbstverständlich kann ich nicht beurteilen, wie nahe Gilliam an der Wahrheit bleibt (er schreibt selbst, dass seine Erinnerungen äußerst selektiv sind). Dennoch bilde ich mir ein, den eher unscheinbaren "Mann im Hintergrund", als den ich Gilliam während der Monty-Python-Phase immer wahrgenommen habe, jetzt besser zu kennen und zu verstehen. Das war ja wohl auch der Sinn der Sache. (14.08.2017)

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782
Die Besessenen Peter F. Hamilton: Die Besessenen
Bastei Lübbe, 2001
989 Seiten

Al Capone musste einige Rückschläge einstecken. Sein Überraschungsangriff auf das Habitat Tranquility ist buchstäblich ins Leere gelaufen, denn das BiTek-Konstrukt ist nichts anderes als ein gewaltiges, überlichtschnelles Raumschiff. Tranquility hat sich selbst und die konföderierte Flotte durch ein riesiges Wurmloch ins bestens gesicherte Solsystem transferiert. Außerdem konnte Joshua Calvert den Alchimisten zerstören und Dr. Alkad Mzu in die Obhut des Flottenoberkommandos überführen. Diese Schlappe kann Al Capone nicht auf sich sitzen lassen. Er startet eine neue Offensive, in der es ausschließlich darum geht, so viele Planeten der Konföderation wie möglich mit Besessenen zu infiltrieren. Das ist nur mit Hilfe der von Possessoren übernommenen Hellhawks möglich. Kiera Salter, die inzwischen für Al Capones Organisation arbeitet, hält diese lebenden Raumschiffe an der kurzen Leine. Sie zerstört alle Produktionsstätten für Hellhawk-Nahrung bis auf eine einzige, die unter ihrer direkten Kontrolle steht. Die Hellhawks müssen also kooperieren, wenn sie nicht verhungern oder zur Konföderation überlaufen wollen. Angesichts der Verluste, die die Hellhawks beim Kampf für die Organisation erleiden, wird letztere Option für sie immer interessanter. Zudem bahnt sich ein Machtkampf zwischen Al Capone und Kiera Salter an.

Da sich die Kiint immer noch in Schweigen hüllen, was die Lösung für die Possessoren-Krise angeht, wenden sich die Menschen den Tyrathca zu. Dieses nichtmenschliche Volk hatte der eigenen Überlieferung zufolge vor langer Zeit Kontakt mit einem schlafenden Gott. Die Tyrathca glauben, dieser Gott könne sie vor den Besessenen retten. Abstrakte Konzepte wie Religionen, Legenden und dergleichen sind den Tyrathca, einer absolut phantasielosen Spezies, völlig fremd. Die Begegnung mit dem schlafenden Gott muss also wirklich stattgefunden haben. Joshua Calvert macht sich mit der Lady MacBeth auf den Weg ins Tyrathca-Territorium, um der Sache auf den Grund zu gehen. Der von Syrinx kommandierte Voidhawk Oenone begleitet das Adamistenschiff. Allerdings haben sich die Tyrathca jeglichen Kontakt mit der Menschheit verbeten und das nächstgelegene von ihnen besiedelte Sonnensystem ist so weit entfernt, dass die Lady MacBeth vor dem Abflug zusätzliche Antimaterie aufnehmen muss. Die einzige bekannte Produktionsstätte für Antimaterie befindet sich in der Hand von Al Capone und muss zunächst erobert werden. Einer der dort stationierten Hellhawks folgt der Lady MacBeth und der Oenone.

Die großangelegte Invasion der Halbinsel Mortonridge auf dem Planeten Ombey droht zur Katastrophe zu werden, bevor sie richtig beginnt. Zur Vorbereitung wird die von den energistischen Kräften der Besessenen erzeugte Wolkendecke von Orbitalplattformen unter Beschuss genommen. Es kommt zu einer Art Rückkopplung, die allen Besessenen auf sämtlichen Planeten einen Schock versetzt. Außerdem entlädt die Wolkenschicht ihre Regenlast mit einem Schlag. Die gesamte Halbinsel versinkt im Schlamm, so dass selbst die übermenschlich starken BiTek-Serjeants kaum vorankommen. Obendrein erweist sich die Befreiung der Menschen von den Possessoren als unerwartet schwierig. So gut wie jedes Opfer einer aus dem Jenseits zurückgekehrten Seele leidet nach der Befreiung unter schrecklichen Krebsgeschwüren, hervorgerufen durch die energistische Modifikation des Wirtskörpers. Es gibt auf ganz Ombey nicht genug nanonische Medipacks zur Behandlung dieser Krankheit. Als es der Invasionsarmee gelingt, die Hauptstreitmacht der Besessenen einzukesseln, schließen diese ihre Kräfte zu einer Verzweiflungstat zusammen, durch die die ganze Operation ad absurdum geführt wird.

Quinn Dexter beabsichtigt die ewige Nacht über die Erde zu bringen und sich an seiner Peinigerin Banneth zu rächen. Trotz enormer Schwierigkeiten ist es Louise Kavanagh (mit ihrer kleinen Schwester Genevieve im Schlepptau) gelungen, die Arkologie London zu erreichen. Sie setzt alles daran, Dexter aufzuhalten und Banneth zu warnen. Weder Louise noch Dexter ahnen, dass eine mächtige Geheimorganisation namens B7 im Hintergrund die Fäden zieht ...

Im vorletzten Teil des sechsbändigen "Armageddon"-Zyklus zeichnet sich allmählich ab, wohin die Reise in dieser wahrhaft epischen Space-Opera gehen wird. Wie schon bei den vorigen Romanen habe ich mich im obigen Teaser auf die wichtigsten Handlungsebenen konzentriert, also jene, die den breitesten Raum im Roman einnehmen. Das muss nicht heißen, dass diese Bestandteile der Story entscheidend für den Ausgang des Zyklus sein werden! Es kann gut sein, dass das eher für einige der vielen Handlungsebenen gilt, die ich weggelassen habe. So erhalten wir in diesem Roman Einblick in die "andere Seite". Wir sehen, was aus den Menschen wird, die auf den Planeten leben, welche von den Besessenen aus dem Standarduniversum entfernt wurden. Die Possessoren haben dort ihre Ruhe vor dem endlosen Gejammer der noch im Jenseits gefangenen Seelen und brauchen keine Angst zu haben, jemals dorthin zurückkehren zu müssen. Sie haben das ewige Leben gewonnen, müssen sich allerdings entsprechend einrichten, denn sie befinden sich nicht etwa im Paradies oder im Schlaraffenland. Und so kommen die zu erwartenden Probleme nur zu bald wieder auf: Wer soll auf den Äckern arbeiten, das Essen kochen, Gebrauchsgegenstände herstellen, Wäsche waschen und so weiter – und wer übernimmt das Kommando? In dieser Situation wird erkennbar, dass die Possessoren offenbar geistig mit ihren Opfern verschmelzen. Am Beispiel des Possessors von Grant Kavanagh (Louises Vater) wird gezeigt, wie diese Symbiose immer enger wird.

Ein anderes Beispiel ist das BiTek-Habitat Valisk. Es wurde anscheinend in eine andere Dimension versetzt als Norfolk, und dabei wurden alle Possessoren aus den Wirtskörpern geschleudert. Sie fristen jetzt als immaterielle "Geister" ihr Dasein, können von den befreiten Menschen aber wahrgenommen werden. In dieser Dimension existieren merkwürdige Kreaturen, die es auf die Lebensenergie (oder so) der Menschen und Possessoren abgesehen haben. Und das ist immer noch nicht alles. Vom schlafenden Gott der Tyrathca ist ja im Teaser schon die Rede. Nicht erwähnt habe ich unter anderem, dass Jay Hilton (eines der von Lalonde geretteten Kinder) infolge eines Missverständnisses erfährt, wie mächtig die Kiint wirklich sind. Bisher hat man sie für leicht kauzige Forscher gehalten, die sich nicht in die Angelegenheiten der Konföderation einmischen. In Wahrheit leben diese Wesen in einer anderen Galaxie. Hunderte Planeten wurden von ihnen in den Orbit einer Sonne gebracht, und dorthin können sie jederzeit von jedem beliebigen Punkt aus teleportieren. Auf diesen Planeten leben auch andere Spezies, unter anderem Menschen, die von den Kiint als Kundschafter eingesetzt wurden und werden – seit mindestens 2000 Jahren! Die Kundschafter sind extrem langlebig und dürfen hier ihren Lebensabend verbringen. Jay ist also in eine Art Altersheim geraten ...

Hamilton hat mit diesem Zyklus ein gewaltiges Universum erschaffen, das von Roman zu Roman immer komplexer wird. So erfahren wir in diesem Roman erstmals, wie es auf der Erde aussieht. Und schon wird es noch eine Ecke zynischer, zumal man hier wirklich von einer Extrapolation unserer Realität sprechen kann. Alle Großstädte, zum Beispiel London, wo Louise und ihre Schwester auf Shoppingtour gehen (köstlich!), werden von gewaltigen Kuppeln vor den fast ständig tobenden Monsterstürmen und der total verschmutzten Atmosphäre geschützt. Außerhalb der Kuppeln kann niemand überleben. Die in sich abgeschlossenen Arkologien bieten den Machthabern natürlich die perfekte Gelegenheit zur permanenten Komplettüberwachung aller Bürger. In den Slums der untersten Ebenen funktioniert das nicht so gut, aber hier haben die Leute von B7 ein anderes Instrument erschaffen, um den Bodensatz der Gesellschaft unter dem Deckel zu halten. Die von den Satansjüngern verübten Gräueltaten werden nicht nur in Kauf genommen, sondern sind sogar erwünscht. Die Oberhäupter der Satanssekte stehen in den Diensten von B7 und benutzen ihre Jünger, um Informationen zu sammeln, die sofort an B7 weitergegeben werden. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ich bin schon sehr gespannt auf das Finale dieses tollen Zyklus! (10.08.2017)


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781
Der Zauberhut Terry Pratchett: Der Zauberhut
Piper, 2013
365 Seiten

Die Zauberer der Scheibenwelt leben im Zölibat, und das aus guten Grund, denn thaumaturgische Begabung ist erblich. Tatsächlich existiert die in zahlreiche Orden unterteilte Gilde der Zauberer mit ihrem komplizierten Regelwerk nur aus einem einzigen Grund. Durch die Reglementierung soll die Magie in ruhige Bahnen gelenkt werden, so dass es nie mehr zu jenen schrecklichen Machtkämpfen kommen kann, die vor langer Zeit fast zum Untergang der Scheibenwelt geführt hätten. Allesweiß der Rote, als achter Sohn eines achten Sohnes ein besonders mächtiger Zauberer, missachtet das Keuschheitsgebot und heiratet. Zur Strafe wird er verbannt. Sein achter Sohn ("Münze") wird eine Quelle der Magie – ein kreativer Magus, dessen magische Kraft alles in den Schatten stellt, was es auf der Scheibenwelt seit vielen Jahrhunderten gegeben hat. Angesichts seines bevorstehenden Todes transferiert Allesweiß das eigene Bewusstsein in seinen Zauberstab, der anschließend in Münzes Besitz übergeht. Auf diese Weise kann er Münzes Entwicklung in seinem Sinne beeinflussen. Münze ist somit kaum mehr als eine Marionette seines Vaters – aber eine Marionette, deren Macht selbst die Götter nicht gewachsen sind.

Zehn Jahre später taucht Münze in der Unsichtbaren Universität von Ankh-Morpork auf und stört die Zeremonie zur Ernennung des neuen Erzkanzlers. Er tötet jeden Zauberer, der es wagt, sich ihm in den Weg zu stellen oder seine Kraft mit ihm zu messen. Die Zauberer erklären Münze zum neuen Erzkanzler. Nicht alle sind glücklich mit dieser Entwicklung, andere aber sehr wohl, denn Münze benutzt die Magie nicht nur. Durch ihn strömt neue Magie in die Welt, die wiederum von den Zauberern eingesetzt werden kann. So funktionieren Zaubersprüche, die ihre Wirkung längst verloren haben, plötzlich doch wieder. Münze und die Zauberer der Unsichtbaren Universität reißen die Macht über Ankh-Morpork an sich. Münze gestaltet die Stadt nach seinen Vorstellungen um und schickt sich an, seinen Einfluss auf andere Länder auszudehnen. Er sperrt die Scheibenweltgötter in eine winzige Sphäre, wodurch die einst von den Göttern eingekerkerten Eisriesen freigesetzt werden.

Nur durch ein kleines Detail wird Münze von der absoluten Allmacht getrennt. Ihm fehlt der Hut des Erzkanzlers. In diesem Hut ist das Wissen aller Erzkanzler gespeichert, die ihn je getragen haben, und er besitzt einen eigenen Willen. Der Zauberhut hat die Gefahr erkannt und seinen eigenen Diebstahl veranlasst. Conina, eine Tochter Cohens des Barbaren, hat diesen Auftrag erledigt. Sie soll den Hut nun an einen Zauberer weitergeben, damit dieser sich Münze entgegenstellen kann. Coninas Wahl fällt ausgerechnet auf Rincewind, den schlechtesten Zauberer der gesamten Scheibenwelt. Kann Rincewind die Apokralypse abwenden – oder macht er alles nur viel schlimmer?

Vom Erscheinungsdatum her (1988) ist "Der Zauberhut" bereits der fünfte Scheibenwelt-Roman, er ist aber der erste nach Die Farben der Magie und Das Licht der Phantasie mit der Hauptfigur Rincewind. In Band 3 und 4 kommt Rincewind nicht vor, durch diese beiden Bücher werden Subzyklen mit eigen Hauptfiguren gestartet. Ich wollte wissen, wie es mit Rincewind weitergeht, und habe Band 5 deshalb vorgezogen. Dumm nur, dass der Roman in Bezug auf Rincewind mit einem Cliffhanger endet! Der chronisch erfolglose Zauberer scheint nämlich mitsamt seinem obligatorischen Begleiter, der lebenden Truhe aus intelligentem Birnbaumholz, in den Kerkerdimensionen verschollen zu sein. Der nächste Rincewind-Roman ist Band 9, aber ich wollte die Bücher ja in der Reihenfolge ihres Erscheinens lesen.

Wie schon in den ersten beiden Romanen gelangt Rincewind in neue Regionen der Scheibenwelt, die wir durch seine Augen kennenlernen, und er begegnet vielen absonderlichen Figuren. Am besten hat mir Conina gefallen. Die junge Frau wäre gern Coiffeurin geworden, doch ihre Gene sind stärker. Immerhin ist sie die Tochter des legendären Barbaren Cohen, dem wir in Band 2 begegnet sind! Und so hat sie nicht etwa einen Beautysalon eröffnet, sondern ist zu einer Meisterdiebin und geschickten Einzelkämpferin geworden, die es ebenso gut mit mehreren finsteren Kerlen gleichzeitig aufnehmen kann wie mit der verfilzten Haarpracht Rincewinds. Sie verliebt sich ausgerechnet in Nijel Hasenfuß, einen jungen Mann, der Barbar werden möchte und die entsprechenden Kenntnisse einem Handbuch entnehmen zu können glaubt. TOD liefert wieder herrliche Momente, z.B. wenn er gefragt wird, ob es denn nicht irgendwas gibt, wodurch das Leben für die Sterblichen in einer trostlosen Welt lebenswert wird. TOD muss nachdenken. Seine mit Grabesstimme vorgetragene Antwort kommt wie immer in Großbuchstaben: "KATZEN. JA, KATZEN SIND RECHT NETT".

Ansonsten kann ich mich nur wiederholen. In Pratchetts parodistischer, selbstironischer Fantasy zündet längst nicht jeder Gag, doch bei den Unmengen an verrückten Ideen und merkwürdigen Figuren ist das nicht weiter tragisch. Was die mal feinsinnigen, mal kalauerhaften Wortspiele angeht, muss ich erneut anmerken, dass in der deutschen Übersetzung leider so einiges verlorengeht. (03.08.2017)


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780
Affinity Bridge George Mann: Affinity Bridge
Piper, 2013
447 Seiten

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind die revolutionären Errungenschaften der modernen Technik im britischen Empire allgegenwärtig. Dampfgetriebene Motordroschken und Omnibahnen rumpeln übers Kopfsteinpflaster, am Himmel schweben gigantische Luftschiffe und Königin Victoria mag im Rollstuhl sitzen, regiert ihr Reich aber nach wie vor mit fester Hand – den erfindungsreichen Apparaten des königlichen Leibarztes Dr. Fabian sei Dank. Doch in London steht nicht alles zum Besten. Durch eine aus Indien eingeschleppte Seuche werden immer mehr Bewohner der Armenviertel in mörderische Bestien verwandelt, die nichts Menschliches mehr an sich haben, langsam verwesen und des Nachts auf Raubzug gehen, um sich am Fleisch der Lebenden zu laben. Eine Mordserie erschüttert Whitechapel. Die Opfer werden erwürgt, jedoch nicht ausgeraubt. Zeugen wollen eine bläulich glühende Gestalt in der Uniform eines Polizisten an den Tatorten gesehen haben, so dass schon bald von einem Geisterpolizisten die Rede ist. Obendrein stürzt im November 1901 das Luftschiff Lady Armitage aus ungeklärter Ursache vom Himmel und brennt völlig aus. Es gibt keine Überlebenden.

Sir Maurice Newbury, Anthropologe am Britischen Museum und seit vier Jahren Agent der Krone, unterstützt seinen alten Freund Sir Charles Bainbridge, Chief Inspector von Scotland Yard, bei der Untersuchung der Mordserie. Königin Victoria höchstpersönlich gibt ihm die Anweisung, sich nur noch um die Aufklärung des Absturzes der Lady Armitage zu kümmern. Newbury und Miss Veronica Hobbes, seine neue Assistentin, nehmen die Absturzstelle in Augenschein. Sie stellen zweierlei fest: Alle Passagiere waren an die Sitze gefesselt und der Pilot ist verschwunden. Joseph Chapman, Inhaber der Werft, in der das Luftschiff hergestellt wurde, gibt bereitwillig Auskunft. Ein Pilotenfehler kommt nicht als Ursache für die Katastrophe in Betracht, denn der Pilot war kein Mensch, sondern eine Maschine, erschaffen von Chapmans Kompagnon, dem genialen Wissenschaftler Pierre Villiers. Ein Versagen der von ihm erfundenen Automaten, die sich in der feinen Gesellschaft zunehmender Beliebtheit erfreuen und nach entsprechender Programmierung die verschiedensten Arbeiten verrichten können, ist konstruktionsbedingt ausgeschlossen. Das jedenfalls behaupten Chapman und Villiers, doch selbst der technikbegeisterte Newbury hegt gewisse Zweifel an der Zuverlässigkeit der Automaten.

Die Königin setzt Newbury unter Druck. Ein Angehöriger des holländischen Königshauses hat sich an Bord des Luftschiffes befunden, so dass ein Skandal droht. Newbury soll Antworten liefern, und zwar schnell. In dieser Situation meldet sich ein Zeuge, der wichtige Informationen liefern will. Wenig später wird der Mann tot in Whitechapel aufgefunden. Bainbridge nimmt an, dass der Serienmörder wieder zugeschlagen hat. In Newbury wächst ein anderer Verdacht, als er erfährt, dass der Zeuge im Besitz eines Maschinenmannes aus der Werkstatt von Villiers war – und dass der Automat eine Fehlfunktion hatte ...

"Affinity Bridge" ist in sich abgeschlossen. Das Buch bildet den Auftakt einer Serie mit den Hauptfiguren Newbury und Hobbes, die bis jetzt aus fünf Romanen sowie drei Kurzgeschichten besteht. Die Kurzgeschichten sind online frei verfügbar, die Links findet ihr im Artikel der englischsprachigen Wikipedia zum Autor. In der ersten Kurzgeschichte geht es um die Hambleton-Affäre, auf die im vorliegenden Roman kurz angespielt wird.

Zombies, Geister, Dampfmaschinen und mechanische Menschen… das klingt ganz nach Steampunk-Fantasy, nicht wahr? In diese Schublade passt der Roman allerdings nicht ganz hinein, denn für die vermeintlich übernatürlichen Geschehnisse gibt es (fast) immer eine wissenschaftliche Erklärung und mit Ausnahme der von Villiers erschaffenen Roboter gehört die zum Einsatz kommende Technik keineswegs ins Reich der Phantastik. Natürlich hat die Entwicklung in der von George Mann erdachten Alternativwelt eine etwas andere Richtung eingeschlagen als in der Realität. Zum Beispiel ist Königin Victoria im November 1901 noch am Leben, weil sie an ein massives Lebenserhaltungssystem angeschlossen wurde! Dennoch ist die Welt, in der Sir Maurice lebt, noch immer als unsere erkennbar – und genau dadurch erhält der Roman seinen besonderen Reiz. Der Autor versteht es geschickt, das Flair des viktorianischen Zeitalters einzufangen und es gerade so weit zu modifizieren, dass das Gesamtergebnis glaubwürdig bleibt. Sprache, Sitten, Gebräuche usw. werden möglicherweise manchmal etwas klischeehaft dargestellt (Bainbridge kippt z.B. einen Brandy nach dem anderen, in London ist es dauernd neblig), aber es funktioniert! Dasselbe gilt für den Kriminalfall. Die Zombieseuche, die Morde und der Luftschiffabsturz sind tatsächlich im Grunde ein- und derselbe Fall; die Auflösung hat mich überzeugt.

Als erster Teil der Serie enthält "Affinity Bridge" viel Exposition, das Serienuniversum und die Hauptfiguren müssen vorgestellt werden. Das gelingt dem Autor sehr gut, wenn ich auch zugeben muss, dass Newbury deutlich an Sherlock Holmes erinnert. Oder eher an eine Mischung aus dem berühmtesten Detektiv der Welt und seinem älteren Bruder Mycroft. Newbury ist ein brillanter Ermittler und starker Kämpfer, aber auch abhängig von Laudanum. Er besitzt eine große Sammlung okkulter Bücher und merkwürdiger Objekte. Hobbes ist eine selbstbewusste, schlagfertige und körperlich fitte junge Frau, deren Fähigkeiten Newbury immer wieder beeindrucken. Ihre Schwester Amelia hat manchmal anfallartige Visionen von der Zukunft (das meinte ich oben mit "fast") und lebt in einem Pflegeheim. Es bleibt nicht aus, dass Newbury sich in Hobbes verliebt ... Am Ende übertreibt der Autor es ein wenig mit der Action. Obwohl Newbury schwer verwundet ist, besteht er einen Kampf gegen zwei mächtige Gegner, wird dabei erneut verletzt und stürzt sich dennoch sofort in eine Verfolgungsjagd inklusive Kampf, wobei er weitere Blessuren davonträgt, die ihn nicht daran hindern, den Oberbösewicht zu jagen und zu stellen. Das wirkt fast wie eine Parodie. Gleichwohl bin ich mit "Affinity Bridge" insgesamt sehr zufrieden. Eine faszinierende Welt, sympathische Hauptfiguren und ein verzwickter Fall – was will man mehr? (25.07.2017)


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779
Cyberabad Ian McDonald: Cyberabad
Heyne, 2012
799 Seiten

Mitte des 21. Jahrhunderts ist Indien in mehrere unabhängige Staaten zerfallen. Aufgrund des seit Jahren ausgebliebenen Monsuns und der daraus resultierenden Wasserknappheit sind die Beziehungen zwischen den nordindischen Teilstaaten Bharat und Awadh angespannt. Ein gigantischer Eisberg wird ins Gangesdelta geschleppt. Man hofft, auf diese Weise das Klima verändern und die Regenzeit künstlich erzeugen zu können. Dennoch droht ein Krieg um das Wasser des heiligen Flusses. Die Lage wird durch die Agitation eines hinduistischen Fundamentalistenführers namens N.K. Jivanjee weiter verschärft. Seine Anhänger bereiten ein gigantisches Prozessionsfest vor, in dessen Vorfeld es zu Ausschreitungen gegen Muslime und andere Minderheiten kommt. Man befürchtet, dass sich die Unruhen zu landesweiten Pogromen ausweiten könnten. Ein Großteil der Bürger interessiert sich nicht für diese Entwicklungen. Millionen Menschen aller Kasten und Bevölkerungsschichten verfolgen Tag für Tag gebannt die Geschehnisse von "Stadt und Land", einer Fernsehsoap, die in einer nicht von der Realität unterscheidbaren digitalen Kunstwelt spielt und deren Darsteller keine Menschen sind, sondern Avatare künstlicher Intelligenzen. Andere KIs lenken die Informations- und Verkehrsnetze, steuern Roboter und dienen den Menschen als persönliche Assistenten. Hochwertige KIs sind potentiell gefährlich und werden von einer als Krishna Cops bezeichneten Spezialeinheit der Polizei "exkommuniziert" (vernichtet), sofern sie versuchen, sich zu verselbständigen. KIs, die ein bestimmtes Entwicklungslevel überschreiten, gelten aufgrund internationaler Bestimmungen ohnehin als illegal.

Im August 2047 findet der Krishna Cop Mr. Nandha Hinweise auf die Existenz einer KI der Stufe drei. Ein derartiges Maschinenwesen ist weit intelligenter als seine Schöpfer und stellt eine Bedrohung unschätzbaren Ausmaßes dar. Mr. Nandha widmet sich diesem wichtigsten Fall seiner Karriere mit voller Hingabe und setzt seine Ehe aufs Spiel. Shaheen Badoor Khan, der muslimische Privatsekretär der Premierministerin Bharats, fällt einer von N.K. Jivanjee inszenierten Intrige zum Opfer, die den Staat in ihren Grundfesten erschüttert. Vishram Ray tritt die Nachfolge seines Vaters an der Spitze des Familienunternehmens Ray Power an. Er interessiert sich besonders für ein Projekt zur Gewinnung von Energie aus anderen Universen. Vishram verhindert den Verkauf von Ray Power an ausländische Konkurrenten, indem er ein großzügiges Finanzierungsangebot des global agierenden Investors Odeco akzeptiert. Professor Thomas Lull, ein unübertroffenes Genie auf dem Gebiet virtueller Realitäten und künstlicher Intelligenz, hat sich nach Südindien zurückgezogen. Dort begegnet er einer faszinierenden jungen Frau namens Kij. Er hilft ihr bei der Suche nach ihren Eltern und kommt dabei einem ebenso ehrgeizigen wie unmenschlichen Forschungsprojekt auf die Spur. Lisa Durnau, ehemalige Kollegin und Geliebte Lulls, wird von der US-Regierung ins All geschickt. Im Inneren eines Asteroiden, der älter ist als das Sonnensystem, wurde ein außerirdisches Artefakt entdeckt. Das Objekt sendet eine aus drei Bildern bestehende Botschaft. Zu sehen sind die Gesichter Lulls, Durnaus und einer unbekannten jungen Frau ...

Ein ausschließlich in Indien spielender Science-Fiction-Roman? Das ist ungewöhnlich. Zumindest kenne ich keinen anderen. Ian McDonald benutzt den Schauplatz nicht nur als Bühne für beliebige SF-Szenarien. Stattdessen lässt er dieses zukünftige Indien, in dem uralte Traditionen sowie verschiedene Religionen mit technischen und gesellschaftlichen Neuerungen zusammenprallen, für den Leser lebendig werden. Dreh- und Angelpunkt ist die pulsierende Multimillionenstadt Varanasi, deren von Alkospritmotoren, Garküchen, Leichenverbrennungen usw. verpestete Luft man fast selbst zu riechen glaubt, wenn man die detailreiche Darstellung des unüberschaubaren bunten Gewimmels liest. Hightech und Primitivität existieren nebeneinander. In den Slums leben die Menschen auf engstem Raum in einfachen Verhältnissen, aber alle haben einen Fernseher, auf dem ununterbrochen "Stadt und Land" läuft. Wohlhabende Bürger wie Mr. Nandha legen Dachgärten hoch über dem lärmenden Chaos an. Die Damen der noblen Gesellschaft vergnügen sich in der Cricketarena. Wunderschöne Neuts (Menschen, die durch chirurgische und gentechnische Eingriffe in perfekte Neutren umgewandelt wurden) ziehen in den Clubs alle Blicke auf sich. Religionsfanatiker und heilige Kühe legen den Verkehr lahm. Nackte Sadhus praktizieren ihr asketisches Leben am Straßenrand, unbeeindruckt vom Großstadttrubel und dem einen oder anderen vorbeistapfenden Kampfroboter... Der Autor extrapoliert aktuelle Entwicklungen, wobei er den Boden der Glaubwürdigkeit bzw. des technisch Machbaren nur selten verlässt. Der besondere Clou: Alles ist untrennbar mit der indischen Kultur verknüpft. Tatsächlich habe ich mehr über Indien gelernt, als ich je wissen wollte – will sagen: Manchmal übertreibt es der Autor mit der Verwendung indischer Begriffe. Es ist ein Glossar vorhanden, aber wenn ich ständig etwas nachschlagen muss, werde ich aus dem Lesefluss herausgerissen. Das hätte in diesem Ausmaß nicht sein müssen.

Das beinahe 800 Seiten umfassende Epos besteht aus einer Vielzahl von verschachtelten Handlungssträngen. Im zweiten Absatz des obigen Teasers habe ich die wichtigsten angerissen, mehrere weitere kommen hinzu. Sie werden aus dem Blickwinkel der namentlich genannten und aus ganz verschiedenen Milieus stammenden Protagonisten erzählt (was sich auch auf den Stil auswirkt) und scheinen zunächst keine Berührungspunkte zu haben. Die Wege verschiedener Hauptpersonen kreuzen sich scheinbar mehr oder weniger zufällig. In welcher Beziehung sie zueinander stehen, wird erst ganz allmählich deutlich. Was es mit alldem auf sich hat, ist für den kundigen SF-Fan allerdings irgendwann klar, und so konnte mich die Auflösung nicht mehr überraschen. Achtung, hier folgt ein Spoiler – wer diese Information ignorieren will, möge beim nächsten Absatz weiterlesen. Das im Asteroiden gefundene Artefakt ist keineswegs außerirdischer Natur. Stattdessen wurde es von Menschen und KIs gemeinsam erschaffen, im Fall der Menschen allerdings unfreiwillig durch die Erforschung der Nullpunktenergie bei Ray Power. Es handelt sich um ein eigenes, abgekapseltes Universum, in das sich die letzten Stufe-3-KIs geflüchtet haben. Darin wurde der Zeitpfeil umgedreht, das heißt, das Mini-Universum entwickelt sich praktisch in die Vergangenheit hinein!

Mit seinem sprachlich und inhaltlich recht anspruchsvollen Roman zeichnet Ian McDonald ein sehr plastisches, greifbares Bild, erzeugt aber nur selten echte Spannung. Vielleicht hat er einfach zu viel gewollt und sich deshalb allzu sehr in Details verzettelt, die durchaus zu Stimmung und Atmosphäre beitragen, aber eben nicht zur Story. Die kommt lange nicht so recht in Gang und hat mir einiges an Geduld abverlangt. Trotzdem habe ich die Lektüre als lohnend empfunden. Der exotische Schauplatz und die vielen faszinierenden Ideen haben's rausgerissen. (17.07.2017)


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778
Mr. Mercedes Stephen King: Mr. Mercedes
Heyne, 2015
591 Seiten

Im Jahre 2009 stiehlt ein Unbekannter die Mercedes-Limousine einer reichen Frau namens Olivia Trelawney und rast mit dem zwei Tonnen schweren Luxuswagen in eine Menschenmenge. Viele Unschuldige sterben oder werden schwer verletzt. Der Täter bleibt unerkannt, denn er hat eine Clownsmaske getragen, die er im Tatfahrzeug zurücklässt, zuvor aber mit Bleichmittel übergießt, so dass keine DNS-Spuren gefunden werden können. Der hochdekorierte Detective K. William Hodges und dessen Partner Pete Huntley ermitteln ergebnislos. Olivia Trelawney begeht einige Zeit später Selbstmord. Für Polizei und Presse ist dies ein Schuldeingeständnis. Es wird angenommen, die Frau habe den Mercedes mit steckendem Schlüssel geparkt und das Massaker damit erst ermöglicht. Sie hat das stets abgestritten. Hodges beendet seine vierzigjährige Dienstzeit, ohne den Fall des Mercedes-Killers aufgeklärt zu haben. Der Ruhestand bekommt dem Arbeitstier nicht. Seine Ehe ist schon vor geraumer Zeit in die Brüche gegangen, seine Tochter meldet sich immer seltener und er selbst betrachtet seine Existenz als sinnlos. Hodges verbringt einen öden Tag nach dem anderen mit Bier und Junkfood vor dem Fernseher, setzt Fett an und beginnt an Selbstmord zu denken.

Ein Jahr nach dem Massaker erhält Hodges einen Brief, dessen Verfasser behauptet, der Mercedes-Killer zu sein. Hodges wird verspottet und aufgefordert, sich in einem anonymen Internet-Chatroom mit "Mr. Mercedes" zu treffen. Der Verfasser nennt Details, die nur der wahre Täter kennen kann. Hodges erkennt, dass es Mr. Mercedes darum geht, ihn in den Selbstmord zu treiben. Doch das genaue Gegenteil geschieht. Der Brief ist die erste Spur im Fall des Mercedes-Killers, und der Autor hat mehr über sich preisgegeben als beabsichtigt. Hodges wird von neuem Tatendrang beseelt. Er beschließt, die Polizei nicht zu informieren und der Sache auf eigene Faust nachzugehen. Mr. Mercedes behauptet in dem Brief, er verspüre nicht den Drang, weitere Morde zu begehen. Hodges geht zu Recht davon aus, dass das eine Lüge ist. Er nutzt seine Beziehungen, um Informationen über den Stand der Ermittlungen einzuholen und nimmt Kontakt mit Janey Patterson auf, Olivia Trelawneys Alleinerbin. Janey möchte wissen, ob ihre Schwester wirklich eine Mitschuld an dem Massaker trägt und engagiert Hodges als Privatdetektiv. Sie zeigt ihm einen Brief, den Olivia seinerzeit von Mr. Mercedes erhalten hat. Der Inhalt ähnelt dem an Hodges gerichteten Schreiben. Mr. Mercedes hat mit Olivia das gleiche perfide Spiel getrieben wie mit Hodges, in ihrem Fall aber mit Erfolg. In der folgenden Zeit werden Hodges und Janey ein Paar.

Um Mr. Mercedes aus der Reserve zu locken, postet Hodges im Chatroom eine provozierende Nachricht. Er bezeichnet den Briefeschreiber als Trittbrettfahrer und begründet dies mit (nicht existierenden) Beweisen, die man damals zurückgehalten habe. Damit bringt Hodges sich selbst und seine Freunde in Lebensgefahr, denn Mr. Mercedes ist wahrhaft wahnsinnig und will sich für diese Schmach rächen. Hodges ahnt nicht, dass Mr. Mercedes ihn seit geraumer Zeit beobachtet und über all seine Schritte im Bilde ist ...

Ich muss gestehen, dass ich während der Lektüre zunächst gedacht habe, der Mercedes-Killer sei ein böser Geist in der Tradition des Clowns Pennywise aus Kings Roman "Es". Das hat sich schnell als Irrtum herausgestellt, denn die Erzählperspektive wechselt immer wieder zwischen Hodges und einem jungen Mann namens Brady Hartsfield, einem schwer gestörten jungen Mann, der bei seiner alkoholabhängigen Mutter wohnt und eine ... hm ... "bewegte" Vergangenheit hat. Dieser Typ, das wird schon in einem der ersten Kapitel klar, ist Mr. Mercedes. Nun, dachte ich, er könnte ja vom Bösen besessen sein oder so. Aber nein – King kommt in diesem Roman wirklich und wahrhaftig ohne übernatürliche Elemente aus! "Mr. Mercedes" ist ein ganz normaler Kriminalroman, und meiner Meinung nach beherrscht King dieses Genre ebenso gut wie sein Stammfach. Die Identität des Killers wird wie gesagt früh enthüllt, aber das schadet der Spannung nicht. Sie entsteht durch den Schlagabtausch zwischen Hodges und Hartsfield, bei dem man nie so genau weiß, wer denn nun wem um eine Nasenlänge voraus ist, zumal sich immer wieder unerwartete Wendungen ergeben. Im Gegensatz zu Hartsfield kennt Hodges die Identität seines Gegners bis kurz vor Schluss nicht, doch trotz dieses Nachteils gelingt es dem pensionierten Detective immer wieder, dem Killer ein Schnippchen zu schlagen. Wenigstens einmal trickst sich Hartsfield sogar selbst aus, worunter seine Bedrohlichkeit ein bisschen leidet.

Wie üblich wäre es bestimmt möglich gewesen, dieselbe Geschichte auf der Hälfte der von King verwendeten Seiten zu erzählen. Und wie immer halte ich das, was manche Kritiker als "Geschwätzigkeit" bezeichnen, nicht für einen Mangel. Zumindest gelingt es King wieder einmal, glaubwürdige Figuren zu erschaffen, die man lieben und hassen kann. Das gilt nicht nur für die bodenständige Hauptperson Hodges und natürlich für dessen irren Gegenspieler Hartsfield, sondern auch für Nebenfiguren wie Holly Gibney, die spleenige (um eine diplomatische Formulierung zu verwenden) Cousine Janeys. Die Figurenzeichnung ist eben Kings Stärke, und er mag wortreich formulieren, erschafft dadurch aber stets eine ganz bestimmte, unverwechselbare Atmosphäre. Ich würde "Mr. Mercedes" allerdings nicht als nervenzerfetzenden Thriller bezeichnen, dazu ist das Tempo zu behäbig. Der Roman ist in sich abgeschlossen, aber einige Haupt- und Nebenfiguren, zum Beispiel Hodges, wirken in den Folgeromanen "Finderlohn" und "Mind Control" mit. (12.07.2017)


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777
Kind 44 Tom Rob Smith: Kind 44
Goldmann, 2015
509 Seiten

Anfang der Fünfzigerjahre ist Josef Stalin Alleinherrscher der Sowjetunion. Millionen Menschen sind bei den von ihm veranlassten "Säuberungswellen" bereits ermordet worden. Wer in den Verdacht gerät, politisch unzuverlässig zu sein oder gar mit dem nichtkommunistischen Ausland zu kollaborieren, dessen Leben ist verwirkt. Viele Menschen sind nur zu gern bereit, ihre Mitbürger zu denunzieren, oft aus reiner Missgunst. Alle "Verräter" werden hingerichtet oder in Arbeitslager deportiert, wo sie infolge der dort herrschenden unmenschlichen Bedingungen nach kurzer Zeit sterben. Nicht selten werden die Delinquenten zuvor grausam gefoltert. Mit Hilfe der so entstandenen Geständnisse werden weitere Dissidenten identifiziert. Ob die Anschuldigungen wahr oder frei erfunden sind, ist irrelevant. Für den Kriegshelden, überzeugten Kommunisten und hochrangigen Geheimdienstoffizier Leo Demidow gilt der Grundsatz, dass jeder Verdächtige solange als schuldig gilt, bis seine Unschuld bewiesen ist. Er hat schon viele echte oder vermeintliche Staatsfeinde dingfest gemacht und der Folter oder dem Henker überantwortet. Vor sich selbst rechtfertigt Leo das mit dem Streben nach einem höheren Ziel. In der perfekten Gesellschaft, die seiner Meinung nach nur durch den Kommunismus möglich ist, wird es all diese Auswüchse nicht mehr geben. Bis es soweit ist, müssen eben Opfer erbracht werden. Da Leo seine Arbeit für ungemein wichtig hält, ist er nicht besonders erfreut, als er wegen eines Spezialauftrages von der Suche nach einem Mann namens Anatoli Brodsky abgezogen wird, der mit ausländischen Geheimdiensten zusammenarbeiten soll.

In Moskau wurde die verstümmelte Leiche eines vierjährigen Jungen gefunden. Ein tragischer Unfall durch Unachtsamkeit des Opfers, so lautet die offizielle Version. Arkadi Andrejew, der Vater des Kindes, ist dagegen fest davon überzeugt, dass sein Sohn ermordet wurde. Doch im Kommunismus kann es bekanntlich keine Kriminalität geben, und somit kommt Andrejews Mordtheorie einem Angriff auf die Staatsideologie gleich. Die Sache ist besonders heikel, denn Andrejew ist einer von Leos Untergebenen beim Staatssicherheitsdienst MGB. Es bleibt Leo nichts anderes übrig, als seinen Kollegen so sehr einzuschüchtern, dass er die Sache auf sich beruhen lässt. Danach kann Leo endlich Brodskys Spur aufnehmen und den Mann in einem abgelegenen Dorf verhaften. Dort hat sich der angebliche Spion bei einem Freund versteckt. Bei dieser Aktion gerät Leo wieder einmal mit seinem Stellvertreter Wassili Nikitin in Konflikt. Nikitin beneidet Leo und lässt keine Gelegenheit aus, ihm eins auszuwischen. Er erschießt Brodskys Freund und tötet danach noch dessen Frau. Die Töchter des Ehepaares kommen nur mit dem Leben davon, weil Leo eingreift und seinen Stellvertreter niederschlägt. Mit dieser Tat hat sich Leo einen Todfeind gemacht. Die Kinder kommen in eines der berüchtigten Waisenhäuser, deren Bewohner sich selbst überlassen werden und völlig verwahrlosen.

Brodsky wird verhört. Leo gegenüber beteuert er seine Unschuld, legt dann aber ein Geständnis ab. Im entsprechenden Dokument werden weitere Spione genannt, darunter Leos Frau Raisa. Leo geht zu Recht davon aus, dass Nikitin dahinter steckt, muss jedoch gehorchen, als er von seinem Vorgesetzten aufgefordert wird, seine eigene Frau zu observieren. Obwohl es Anzeichen dafür gibt, dass Raisa etwas verbirgt, erklärt Leo sie für unschuldig, denn er hat von ihr erfahren, dass sie schwanger ist. Daraufhin wird er degradiert und zusammen mit Raisa in die Industriestadt Wualsk verbannt. Er wird der dortigen Miliz unter General Nesterow zugeteilt. In Wualsk wurde gerade erst ein Mädchen ermordet. Als Leo erfährt, dass die Umstände ihres Todes dieselben sind wie im Fall des vierjährigen Jungen in Moskau, wird er hellhörig. Es stellt sich heraus, dass Leo es mit einem Serienmörder zu tun hat. Arkadi Andrejews Sohn war bereits dessen vierundvierzigstes Opfer. Leo ermittelt weiter, wodurch er in größte Gefahr gerät, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Zudem ist er selbst viel tiefer in die Sache verwickelt, als er ahnt ...

"Kind 44" ist in sich abgeschlossen, bildet aber den Auftakt eine Trilogie mit der Hauptfigur Leo Demidow. Wenn man den Roman als Expositionsphase dieser Trilogie betrachtet, so ist es völlig in Ordnung, dass der Kriminalfall über weite Strecken hinweg überhaupt keine Rolle spielt. Der Autor verwendet weit über die Hälfte des Romans zur Einführung der Trilogie-Hauptfiguren Leo und Raisa sowie zur Skizzierung der Verhältnisse in der Sowjetunion der Stalinzeit. Ich wusste natürlich in groben Zügen, welche Gräueltaten schon vor und während des Zweiten Weltkrieges, aber auch in den Jahren nach Kriegsende bis zu Stalins Tod verübt worden sind. Bei der Lektüre des Romans musste ich denn doch immer wieder in der Wikipedia nachschlagen, um mich zu vergewissern, dass der Autor nicht übertreibt. Und das muss er gar nicht. Die Unmenschlichkeit eines Systems, in dem die Not leidenden Menschen durch Terror von oben dazu gebracht werden, ihre Freunde und Angehörigen ans Messer zu liefern, in dem ein Menschenleben nichts gilt und jeder jeden bespitzelt, wird von Tom Rob Smith äußerst eindringlich beschrieben. Das ist ein ganz großer Pluspunkt des Romans.

Leo ist quasi der Kristallisationspunkt dieser Verhältnisse. Der absolut linientreue Agent verschließt die Augen so lange vor der Wahrheit, bis er selbst ins Räderwerk des mörderischen Staatsapparats gerät. Seine Welt wird auf den Kopf gestellt (auch im privaten Bereich), er wird gebrochen und ausgespuckt. Als er ganz unten angekommen zu sein scheint, beginnt er umzudenken. Er bereut seine Mitwirkung bei der Vertuschung des Mordes an Andrejews Sohn und versucht Frieden zu finden, indem er nicht mehr lockerlässt. Er setzt sogar sein Leben aufs Spiel, um den Mörder aufzuhalten, weil niemand sonst das tun würde. Leos packend geschilderte Wandlung ist der zweite große Pluspunkt. Durch diese Wandlung gewinnt er sogar das Herz einer Frau, die ihn nie wirklich geliebt hat. Die Weigerung der Behörden, eine Mordserie auch nur in Betracht zu ziehen, ist übrigens nicht frei erfunden. Tom Rob Smith wurde durch den Fall des Serienmörders Andrei Tschikatilo inspiriert, der von 1978 bis 1990 über 50 Menschen getötet haben soll. Man hat die Todesfälle aus ganz ähnlichen Gründen wie im Roman nicht miteinander in Verbindung gebracht. Erst in der von Gorbatschow in Gang gesetzten Ära der Umgestaltung wurde das möglich.

In der zweiten Romanhälfte, also nach Leos tiefem Sturz, wird der Kriminalfall wirklich relevant. Er ist durchaus spannend, vor allem weil Leo und Raisa (die beiden arbeiten zusammen) nicht offen ermitteln können und gegen Ende sogar gejagt werden. Hier kann man so richtig mitfiebern und mit Action wird nicht gegeizt. Die Auflösung ist in sich schlüssig, ich halte sie aber für überkonstruiert. Die in den letzten Kapiteln enthüllten Zusammenhänge sind verblüffend, hätten jedoch eigentlich nicht sein müssen. Egal: "Kind 44" ist ein fesselndes, sehr düsteres Werk, durch das mein Interesse am geschichtlichen Kontext neu geweckt wurde. (09.07.2017)


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776
Das Implantat Daniel H. Wilson: Das Implantat
Droemer, 2012
367 Seiten

Das Gehirnimplantat "Neuronaler Autofokus MK-4" wird als Durchbruch in der Medizintechnik gefeiert. Bei einem unkomplizierten operativen Eingriff wird den Patienten ein Elektrodenträger implantiert, der mit einem unter der Haut sitzenden Prozessor verbunden ist. Äußerlich ist nur eine kleine Wartungsbuchse zu sehen. Der Prozessor reagiert auf bestimmte Hirnwellen, indem er die entsprechenden Hirnbereiche mit elektrischen Impulsen stimuliert. Auf diese Weise können die meisten Hirnleistungsstörungen kompensiert werden, außerdem lassen sich die verschiedensten Prothesen und sonstigen Hilfsmittel mittels des Autofokus steuern wie natürliche Sinnesorgane und Gliedmaßen. Dadurch wird unzähligen Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung ein ganz normales Leben ermöglicht. Wird das Implantat einem Menschen mit durchschnittlichem Intelligenzquotienten eingesetzt, dann entwickelt er sich praktisch über Nacht zum Genie. Auch Körperbeherrschung und Reaktionszeit lassen sich auf diese Weise erheblich verbessern.

Viele Menschen misstrauen der Technik und nutzen sie nicht oder können sich die Behandlung nicht leisten. Somit entsteht in den USA allmählich eine Zweiklassengesellschaft. Die Implantatträger ("Amps") werden beneidet und schließlich angefeindet, nicht zuletzt aufgrund der Parolen des Senators Joseph Vaughn. Seine Pure Pride-Bewegung geht so weit, die Amps als Gefahr für die Menschheit zu bezeichnen und ihnen die Menschenrechte abzuprechen. Der oberste Gerichtshof der USA entscheidet, dass Implantatträger nicht als gesellschaftliche Gruppe zu betrachten sind, die besonders gegen Diskriminierung geschützt werden muss. Wenig später werden Implantatträger in einem weiteren Urteil als nicht geschäftsfähig bezeichnet. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die von Populisten wie Vaughn aufgeheizte Stimmung in nackte Gewalt umschlägt.

Der Lehrer Owen Gray ist ein Amp. Sein Vater, ein an der Entwicklung des Autofokus beteiligter Arzt, hat Owens Epilepsie mit dem Implantat behandelt. Kurz nach der Urteilsverkündung überschlagen sich die Ereignisse. Wie zehntausende Amps im ganzen Land wird Owen enteignet, außerdem wird er polizeilich gesucht. Der Selbstmord einer implantattragenden Schülerin wird ihm zur Last gelegt. Owens Freunde wenden sich von ihm ab. Hilfesuchend wendet er sich an seinen Vater und erfährt, dass sein Implantat mehr ist als nur ein medizinisches Hilfsmittel. Es ist der Prototyp eines vom Militär eingesetzten Chips, der mit einem Extra aufgewertet wurde. Owen soll lernen, wie man das Implantat aktiviert, damit er den Amps in den bevorstehenden schweren Zeiten beistehen kann. Noch hat Owen diese Neuigkeit nicht verdaut, da fällt sein Vater einem Bombenattentat zum Opfer ...

Der Roman beginnt mit dem Selbstmord der Schülerin, den Owen vergeblich zu verhindern versucht. Zu diesem Zeitpunkt sind die vom Autofokus verursachten Spannungen zwischen "normalen" Menschen und Amps schon fast auf dem Höhepunkt angelangt. Der Autor zeigt uns nicht, wie es dazu gekommen ist. Er arbeitet die durchaus interessanten Implikationen der neuen Technik nicht aus, sondern stellt den Leser vor vollendete Tatsachen. Die Hintergründe werden relativ kurz in Überlegungen der Hauptfigur sowie in zwischen den Kapiteln eingestreuten fiktiven Dokumenten (z.B. eine Infobroschüre zum Autofokus, die Urteilsbegründung des US Supreme Court usw.) rekapituliert. Das alles wird im Roman als gegeben hingestellt, bleibt für den Leser aber zunächst schwammig. Deshalb kommt die Heftigkeit der Reaktionen etwas überraschend. Zumindest hatte ich den Eindruck, dass die Ausgrenzung der Amps zu schnell vonstattengeht. Fast alle "normalen" Amerikaner scheinen ja der Auffassung zu sein, Amps seien gar keine Menschen! Hier ist der Roman für meinen Geschmack zu oberflächlich; es geht nur noch um die Eskalation der Gewalt. Zudem hat mich die Amp-Technik nicht hundertprozentig überzeugt. So wird Owen, ein junger Lehrer und in jeder Hinsicht ein Durchschnittstyp, mit Hilfe des Implantats zum Superkämpfer, der es sogar mit amplifizierten Soldaten aufnehmen kann. Wann soll Owen denn die dazu benötigte Ausdauer und Muskelmasse auftrainiert haben? Das ist nicht glaubwürdig.

Aber abgesehen von diesen Kritikpunkten hat mir der Roman ganz gut gefallen. Der Autor stellt altbekannte gesellschaftliche Probleme in einen neuen Kontext, Stichwort "Transhumanismus". Dabei sollte beachtet werden, dass der Text nun schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Bei Veröffentlichung hat der Ausschluss des einseitig beinamputierten Athleten Markus Rehm von den Leichtathletik-Europameisterschaften noch zwei Jahre in der Zukunft gelegen. Rehm trägt eine spezielle Beinprothese und die Entscheider vom Deutschen Leichtathletik-Verband hatten den Verdacht, dass er dadurch einen Vorteil gegenüber allen anderen Sportlern gewinnt. Die Realität nähert sich dem also Roman an. Was würde wohl geschehen, wenn geistige / körperliche Überlegenheit käuflich wäre – für jedermann? Die Antwort des Autors fällt nicht gerade optimistisch aus, und ich fürchte, damit hat er nicht Unrecht ... (12.06.2017)


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775
Sapphique Catherine Fisher: Sapphique
Firebird, 2011
462 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Incarceron.

Finn ist aus Incarceron entkommen, musste seinen Eidbruder Keiro und die ehemalige Sklavin Attia aber zurücklassen. Keiro und Attia haben erfahren, dass ein Mann namens Rix, der sich selbst als "Dunkler Magier" bezeichnet und mit einer Schaustellertruppe durch die Gefängniswelt reist, im Besitz von Sapphiques Handschuh sein soll. Der Legende nach handelt es sich dabei um ein mächtiges Artefakt, welches Sapphique einst möglicherweise die Flucht aus Incarceron ermöglicht hat. Die beiden überlisten Rix und bringen den Handschuh an sich. Wenig später meldet sich Incarceron bei ihnen und fordert sie auf, den Handschuh ins Herz des Gefängnisses zu bringen. Incarceron hat dasselbe Ziel wie alle Gefängnisinsassen. Die Künstliche Intelligenz will ausbrechen und die Außenwelt erreichen. Zu diesem Zweck erschafft sie einen menschlichen Körper, in den sie sich transferieren will. Der Energieaufwand ist so hoch, dass sich ein Gefängnistrakt nach dem anderen abschaltet und in eine lebensfeindliche Eishölle verwandelt. Sollte die Incarceron-KI entkommen, so wären alle Bewohner des Gefängnisses dem Tode geweiht.

Claudia hält Finn für Giles, den rechtmäßigen Thronerben, der vor Jahren bei einem Reitunfall gestorben sein soll. In Wahrheit, so hat Claudia erfahren, wurde der echte Giles mit gelöschten Erinnerungen in das Gefängnis gebracht. Der Öffentlichkeit wurde die Leiche eines Doppelgängers präsentiert. Finn erhebt Ansprüche auf den Thron, doch dabei hat Königin Sia, die nicht an Rücktritt denkt, ein Wort mitzureden. Die als "Stahlwölfe" bekannten Verschwörer haben ein fehlgeschlagenes Attentat auf die Königin verübt. Claudias Vater John Arlex, Hüter von Incarceron und Oberhaupt der Verschwörer, musste daraufhin durch das Portal ins Innere des Gefängnisses fliehen. Dort sitzt er nun fest, denn ihm wurden die Kristallschlüssel abgenommen, ohne die ein Entkommen unmöglich ist. Außerdem wurde das Portal beschädigt. Claudias Mentor, der Sapient Jared, versucht das Portal zu reparieren, um John Arlex, Keiro und Attia zu befreien.

Währenddessen geraten Finn und Claudia durch eine von der Königin inszenierte Intrige in Gefahr. Ein junger Mann taucht am Hofe auf, der vorgibt, Prinz Giles zu sein. Er ähnelt Finn wie aus dem Gesicht geschnitten und kann sich im Gegensatz zu ihm sehr gut an die Zeit vor der Entführung erinnern. Ein Verfahren zur Identitätsprüfung wird in Gang gesetzt. Sollte Finn als Betrüger überführt werden, droht ihm und Claudia die Hinrichtung ...

Dies ist die zweite Hälfte eines Doppelromans, dessen erster Teil unter dem Titel "Incarceron" erschienen ist. Wie ich im Kommentar zu Band 1 geschrieben habe, ist das Label "Fantasy", unter dem der Doppelroman vermarktet wird, grundfalsch. Die Handlung ist in einer Science-Fiction-Welt angesiedelt, die – wie man am Ende von Band 2 erfährt – ohne die uralte und von kaum jemandem noch verstandene Supertechnik aus der Zeit vor den "Jahren des Zorns" (vermutlich eine Epoche globaler Kriege, in deren Folge sogar der Mond zerstört wurde) nicht existieren kann.

Dieser Weltentwurf ist durchaus faszinierend, aber ich glaube, dass die Autorin das Ganze nicht richtig durchdacht hat. Ich spoilere jetzt ein wenig. Wer die beiden Romane noch nicht kennt, sollte erst beim nächsten Absatz weiterlesen. Also: Die Incarceron-KI zieht nicht nur gewaltige Energiemengen aus dem Gefängnis ab, sondern auch aus der Außenwelt. Hier stellt sich zunächst einmal die Frage, wie das vonstattengehen soll. Schließlich handelt es sich bei Incarceron nicht um ein unterirdisches Labyrinth oder etwas Ähnliches, sondern um eine mikrominiaturisierte Welt, die buchstäblich an der Kette einer Taschenuhr baumelt! Jared schleppt die Uhr mit dem daran befestigten Incarceron-Würfelchen ständig mit sich herum, aber es ist keine Zapfvorrichtung erkennbar und von einer Energieübertragung ist nichts zu bemerken. Infolge des Energiemangels verwandelt sich die Außenwelt von einer Minute auf die andere in eine einzige große Ruine. Prächtige Gobelins zerfallen zu Staub. Anstelle goldener Wandverzierungen sind verrottende Kabel zu sehen. Gebäude stürzen ein. Tische zerbröckeln, wenn man sich aufstützt. Jareds Medizin, die er sich regelmäßig gespritzt hat, ist plötzlich eingetrocknet und nutzlos. Hier übertreibt es die Autorin, zumindest liefert sie keine logische Erklärung für das Phänomen, bei dem es sich ja wohl um mehr handeln muss als nur eine optische Täuschung.

Leider übertreibt die Autorin es auch mit dem verworrenen Geflecht von vermeintlichem und echtem Verrat, Intrigen, Täuschungen, Zufällen – und mit den Cliffhangern. Selbst innerhalb der nicht besonders langen Kapitel wechselt die Handlung ständig zwischen Incarceron und Außenwelt, und in über der Hälfte aller Fälle geschieht das mit einer scheinbar bedrohlichen Situation, die sich im nächsten Kapitel sang- und klanglos in Luft auflöst, oder mit einer überraschenden Wendung, die in Wahrheit gar keine ist. Aufgrund all dieser Probleme habe ich den zweiten Roman als unbefriedigend empfunden, zumal die Autorin dem schon im ersten Band ausgearbeiteten Szenario und der Figurenentwicklung kaum etwas hinzuzufügen hat, wenn man einmal von überflüssigen Figuren wie Rix absieht. Schade! (11.06.2017)


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774
Schutzpatron Volker Klüpfel / Michael Kobr: Schutzpatron
Piper, 2012
428 Seiten

Ungefähr 1200 Morde bleiben in Deutschland pro Jahr unentdeckt, weil die mit der Leichenschau befassten Hausärzte nicht entsprechend ausgebildet sind oder sich nicht genug Zeit nehmen und irrtümlicherweise von natürlichen Todesursachen ausgehen. Das zumindest behauptet Gerichtsmediziner Georg Böhm und weist Hauptkommissar Kluftinger von der Kriminalpolizei Kempten auf die Würgemale am Hals einer Toten hin, die er nur deshalb genauer untersucht hat, weil sie eingeäschert werden sollte. Maria Zahn, 82 Jahre alt und übergewichtig, ist von ihrem Mann Herbert tot in dessen Autowerkstatt aufgefunden worden. Doch sie ist nicht etwa an Herzversagen gestorben, wie es im Totenschein steht. Für Böhm gibt es keinen Zweifel: Die Frau wurde ermordet!

Somit ist Kluftinger zuständig. Dabei hätte er auch ohne den neuen Fall genug Arbeit, denn Polizeipräsident Lodenbacher hat ihn mit einer heiklen Aufgabe betraut. Kluftinger wurde einer Arbeitsgruppe zugeteilt, die die Rückführung eines vor dreißig Jahren in den Katakomben der Veste Alt-Kalden entdeckten Schatzes überwachen soll. Ein Wanderer hatte dort neben verschiedenen Kleinodien eine Monstranz gefunden, die eine Reliquie des heiligen Magnus enthält. Nach einer jahrelangen Ausstellungsreise im Ausland soll "Sankt Mang", der Schutzpatron des Allgäus, jetzt nach Hause zurückkehren. Zu diesem Zweck wurde eigens ein neues Museum in Altusried gegründet, das außerdem als Touristenmagnet dienen soll. Die Sicherheitstechnik ist auf dem neuesten Stand und die unschätzbar wertvolle Monstranz wurde mit einer Rekordsumme versichert.

In der Mordsache Zahn kommt Kluftinger zunächst nicht recht voran. Der Witwer sitzt im Rollstuhl und kommt nicht als Täter in Betracht. In der alten Werkstatt, die schon seit Jahren an verschiedene Privatleute vermietet wird, können so gut wie keine Spuren gesichert werden. In einem Nebenraum stoßen die Polizisten auf eine Ansammlung geometrischer Objekte, die durch zahlreiche Wollfäden mit den Wänden verbunden sind. Kluftingers Kollege Richard Maier hält das Arrangement für moderne Kunst, doch als bei der ersten Sitzung der Museums-Arbeitsgruppe eine Schemazeichnung des Ausstellungsraums präsentiert wird, hat Kluftinger eine Erleuchtung. Die Installation in der Werkstatt ist nichts anderes als das dreidimensionale Modell des Tresors mitsamt der zur Sicherung eingesetzten Laserstrahlen! Somit erhält der Mordfall eine völlig neue Dimension. Tatsächlich bereitet eine Gruppe von Kriminellen einen ausgeklügelten Coup vor. Kopf des Ganzen ist eine legendäre Unterweltgröße. Niemand kennt die wahre Identität dieses Mannes. Man nennt ihn den "Schutzpatron" ...

Wer Kluftinger-Romane liest, sollte wissen, dass es sich nicht um Krimis handelt, bei denen der Fall im Vordergrund steht, also die Aufklärung eines Verbrechens, die Jagd auf einen Mörder, die Suche nach Entführten oder dergleichen. Nein, in den Romanen dieser Reihe dreht sich alles um die Person des titelgebenden Hauptkommissars aus dem beschaulichen Altusried. Das mit Fettnäpfchen, tückischen Objekten und nervtötenden Nachbarn gespickte Privatleben des grantigen, übertrieben sparsamen, altmodischen (um nicht zu sagen erzkonservativen) und etwas weltfremden Allgäuers nimmt breiten Raum ein. Aktuell steht die geplante Hochzeit von Kluftingers Sohn Markus und Yumiko auf dem Programm. Klufti stellt sich selbst ein Bein, indem er seinen nicht abgeschlossenen VW-Passat irgendwo abstellt und dann nicht wiederfindet. Er glaubt, das uralte Auto sei gestohlen worden und muss sich nun allerlei einfallen lassen, um das zu verheimlichen. Seine Frau Erika glaubt schon, er gehe fremd. Durchschaubar, aber witzig!

Mir gefällt's, solange das Pendel nicht allzu sehr in diese Richtung ausschlägt, wie es leider im vorherigen Roman Rauhnacht der Fall ist. Diesmal funktioniert die Kombination bestens, zumal wieder mehr Lokalkolorit einfließt. So hatte ich bis dato keine Ahnung von der Existenz des heiligen Magnus, dem nicht nur im Roman wahre Wunderdinge nachgesagt werden. Und zum Glück kommt Kluftis Intimfeind Dr. Langhammer nur ab und zu mal eher nebenbei zum Einsatz. Seine allzu große Präsenz war mein Hauptkritikpunkt bei "Rauhnacht". Stattdessen bekommt Kluftingers Kollege Richard Maier, ein technikverliebter Streber, etwas mehr zu tun als sonst. Die beiden machen eine Dienstreise nach Wien. Kluftis erste und sicherlich letzte Flugreise inklusive Übernachtung in der versifften Bude eines österreichischen Kollegen sorgt für viele köstliche Momente.

Natürlich erlebt man Klufti auch bei der Ermittlungsarbeit. Die Autoren bewegen sich hier auf einem schmalen Grat. Sie dürfen Kluftingers Kauzigkeit und Schusseligkeit, ohne die der Humor der Romane so nicht möglich wäre, nicht überstrapazieren, weil man dem Kommissar sonst nicht abnehmen würde, dass er überhaupt irgendeinen Fall lösen kann. Es funktioniert, aber der Leser hat ihm gegenüber stets einen Wissensvorsprung, denn es werden häufig Kapitel mit der Perspektive der Gangster eingeflochten. Dieser Kunstgriff gefällt mir nicht so gut, insgesamt bin ich mit dem sechsten Klufti aber vollauf zufrieden. (29.05.2017)


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773
Russisches Poker Boris Akunin: Russisches Poker
Aufbau Taschenbuch Verlag, 2003
192 Seiten

Im Jahre 1886 sorgt eine Bande von Betrügern in Moskau für Aufsehen. Die gewitzten Ganoven nutzen die Habgier und Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen aus, um sich vor allem an wohlhabenden Bürgern und Adligen zu bereichern. Dabei geht es ihnen mindestens ebenso sehr um Ruhm wie um den Gewinn. Da die Gauner stets eine Spielkarte am Tatort zurücklassen, sind sie schon bald unter dem Namen "Pikbube" bekannt. Als sie Wladimir Andrejewitsch Dolgorukoi, den Generalgouverneur Moskaus, durch ein Täuschungsmanöver dazu bringen, die Residenz für 100.000 Rubel an einen Engländer zu verkaufen, legen sie sich allerdings mit dem Falschen an. Der Fürst fühlt sich in seiner Ehre gekränkt und beauftragt seinen besten Mann mit der Angelegenheit. Hofrat Erast Petrowitsch Fandorin, der scharfsinnige Sonderbeauftragte des Generalgouverneurs, setzt sich auf Pikbubes Spur. Dabei steht ihm sein neuer Assistent zur Seite, der ehemalige Botengänger Anissi Tulpov.

Fandorin und Tulpov erfahren von neuen ungewöhnlichen Vorgängen in der Stadt. Bei einer Lotterie mit sofortiger Ziehung werden noble Anwesen in verschiedenen europäischen Städten verlost. Die Idee ist natürlich auf Pikbubes Mist gewachsen. Fandorin lässt den Schwindel auffliegen, doch die Gauner können entwischen. Noch ahnt Fandorin nicht, dass er es nicht mit einer Bande zu tun hat, sondern mit einem einzigen Mann, der sich selbst Momus nennt, in unzählige Rollen schlüpft und nur von einer Schauspielerin begleitet wird. Momus kann die Schlappe nicht auf sich sitzen lassen und setzt seine Fähigkeiten ein, um Fandorin um einige Wertgegenstände zu erleichtern, die der Geliebten des Hofrats gehören, einer verheirateten und extrem launischen Gräfin. Somit erhält der Fall für Fandorin eine persönliche Dimension. Es entspinnt sich ein trickreiches Intrigenspiel, bei dem Fandorin alle Register seines Könnens ziehen muss ...

Gerade mal 190 Seiten, relativ großer Schriftgrad – von einem "Roman" kann man da nur mit viel gutem Willen sprechen, eher von einer Novelle. Erzählt wird eine Schelmengeschichte mit humorvollem Grundton und einem sympathischen Hochstapler, der mich sehr an Thomas Manns Romanfigur Felix Krull erinnert hat. Der Schlagabtausch zwischen Momus und Fandorin hat mir viel Spaß gemacht, denn hier treffen zwei ebenbürtige Verwandlungskünstler aufeinander. Ich muss jedoch sagen, dass die großmaßstäblichen Täuschungsmanöver beider Seiten arg konstruiert wirken und schließlich etwas zu sehr ins Absurde abrutschen. Da die Erzählperspektive ständig zwischen Fandorin / Tulpov und Momus wechselt, weiß der Leser stets mehr als die Protagonisten. Dem Vergnügen schadet das nicht.

Mit Anissi Tulpov wird dem russischen Tausendsassa Fandorin ein zweiter Partner neben dem Japaner Masa zur Seite gestellt. Tulpov ist das genaue Gegenteil seines Herrn: Hässlich, ungeschickt und mit Geistesgaben nicht gerade überreich ausgestattet dient er Fandorin als unvoreingenommener Beobachter und als Gehilfe in einer aufwändig inszenierten Scharade, in deren Verlauf sich der naive Bursche in Momus' Partnerin verliebt. "Russisches Poker" ist sicher nicht der beste Fandorin-Roman. Ein amüsanter Pageturner für zwischendurch ist er auf jeden Fall. (22.05.2017)


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772
Marsianischer Zeitsturz Philip K. Dick: Marsianischer Zeitsturz
Fischer, 2014
283 Seiten

Zur Linderung des Bevölkerungsdrucks auf der Erde wurden Kolonien auf dem Mars gegründet. Die Auswanderungswelle kommt nach einigen Jahren mehr oder weniger zum Erliegen, denn die Besiedlung des roten Planeten ist mit größeren Schwierigkeiten verbunden als anfänglich gedacht. Frischwasser ist kaum vorhanden, die Verteilung wird streng reglementiert. Technische Einrichtungen und elektronische Geräte nutzen sich in der unwirtlichen Marsatmosphäre viel schneller ab als auf der Erde und es gibt kaum Ersatzteile. Aufgrund des Wassermangels sind Ackerbau und Viehzucht nur sehr eingeschränkt möglich, so dass Nahrung (insbesondere Meeresfrüchte und andere Delikatessen) zu horrenden Preisen von der Mutterwelt importiert werden muss. Zahlreiche auf dem Mars geborene Kinder leiden unter einer besonderen Art von Autismus oder schweren körperlichen Deformationen. Sie werden in ein Internierungslager abgeschoben. Zudem haben die Siedler ihre alten Nationalstreitigkeiten von der Erde mitgebracht, denn jeder Staat hat seine eigene Kolonie gegründet. Viele Siedler reagieren mit Depressionen auf die harschen Lebensbedingungen. Der begabte Mechaniker Jack Bohlen dagegen ist ausgewandert, weil er geglaubt hat, auf diese Weise der Schizophrenie entfliehen zu können.

Im Jahre 1994 wird Jack von Arnie Kott angeworben, einem der mächtigsten Männer auf dem Mars. Arnie hat erfahren, dass ein autistisches Kind namens Manfred Steiner möglicherweise die Zukunft vorhersagen kann. Manfreds Arzt Dr. Milton Glaub vertritt die Theorie, dass Manfreds Krankheit auf einer verzerrten Zeitwahrnehmung beruht. Für den Jungen verläuft die Zeit so langsam, dass er nichts versteht, wenn man mit ihm spricht. Jack soll eine Apparatur konstruieren, durch die menschliche Sprache verlangsamt wird, so dass eine Kommunikation mit Manfred möglich wäre. Arnie erhofft sich von Manfreds Gabe geschäftliche Vorteile. Diese Bemühungen kommen jedoch zu spät. Jacks Vater Leo reist zum Mars, um ein vermeintlich wertloses Stück Land billig zu erwerben. Dort soll auf Betreiben der Vereinten Nationen demnächst ein gigantischer Wohnkomplex mit allen möglichen Versorgungseinrichtungen gebaut werden. Das wäre der Todesstoß für Arnies Wirtschaftsunternehmen. Kurz nach Leos Ankunft dringt Jack tatsächlich zu Manfred durch. Der Junge zeichnet ein Bild, auf dem der noch nicht existierende Wohnkomplex zu sehen ist – allerdings als verlassene Ruine.

Gleichzeitig tritt Jacks Geisteskrankheit erneut zutage. Wieder und wieder durchlebt er denselben Abend bei Arnie, wobei sich die Realität auf erschreckende Weise verzerrt. Jack vermutet, dass Manfred nicht nur in die Zukunft blicken, sondern den Zeitablauf verändern und den Menschen in seinem Umfeld die eigene destruktive Weltsicht aufzwingen kann ...

Dieser Roman aus dem Jahre 1964, der in Deutschland zuerst unter dem Titel "Mozart für Marsianer" veröffentlicht wurde (1973), dürfte einer von Philip K. Dicks dystopischsten sein. Zumindest finde ich die Atmosphäre, die durch die Schilderung der Existenzbedingungen auf dem Mars entsteht, sehr düster. Alle Siedler leiden unter Wassermangel und Versorgungsengpässen. Der Schwarzhandel blüht. Man schluckt allerlei Psychopharmaka, um dieses Leben ertragen zu können, Selbstmorde sind nicht selten. Gelangweilte Hausfrauen stürzen sich in kurzlebige Affären. Die Schüler werden von Robotern unterrichtet, die immer wieder dasselbe Programm abspulen und den Kindern überholte Werte eintrichtern sollen. Die Ermordung der im Camp internierten behinderten Kinder zur "Reinerhaltung des Blutes" wird offen diskutiert. Die marsianischen Eingeborenen (eine zum Aussterben verdammte humanoide Spezies, die wahrscheinlich sogar mit den Menschen der Erde verwandt ist) werden verachtet, unterdrückt und ausgebeutet.

Im Grunde ist das Kolonisierungsprojekt bereits gescheitert. Die Siedler können auf lange Sicht nicht überleben, und so gibt es in Manfred Steiners bizarren, beunruhigenden Visionen, die sich mit den psychotischen Schüben Jack Bohlens überlagern, nur Verfall und Verwesung. Menschen verwandeln sich in von Fäulnis zerfressene Schreckgestalten, die Welt um sie herum zerfällt. Die entsprechenden Textstellen sind ziemlich heftig! Entfremdung dürfte das Schlüsselwort des Romans sein – ein klassisches Thema in P.K. Dicks Romanen. Jack Bohlen steht kurz davor, Frau und Kind zu verlassen, kann keine Beziehung zu den gesellschaftlichen Institutionen herstellen, hält die Menschen in seiner Umwelt für Maschinen, verliert allmählich die eigene Identität und weiß am Ende nicht mehr, ob seine subjektive Realität überhaupt noch "wirklich" ist oder nur ein Produkt des kranken Geists eines autistischen Kindes ... (15.05.2017)


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771
Spin Robert Charles Wilson: Spin
Heyne, 2016
523 Seiten

Eines Nachts gegen Ende des 21. Jahrhunderts verschwinden die Sterne. Auch der Mond ist nicht mehr zu sehen. Alle Satelliten stürzen gleichzeitig zur Erde zurück und der Kontakt mit der Internationalen Raumstation bricht ab. Die Sonne geht am nächsten Tag wie gewohnt auf, aber der Nachthimmel bleibt vollkommen schwarz. Es kann festgestellt werden, dass der ganze Planet in eine Art Energiefeld gehüllt wurde, welches offenbar von zwei gigantischen, unangreifbaren Raumstationen erzeugt wird, die über den Polen schweben. Raumfahrzeuge können die Membran durchdringen. Sternenlicht und kosmische Strahlung werden jedoch komplett abgeblockt. Sonnenlicht und Wärme, ohne die kein Leben auf der Erde möglich wäre, werden von der Membran erzeugt. Der Wechsel von Tag und Nacht ist nur simuliert. Die echte Sonne ist genauso unsichtbar wie jeder andere Himmelskörper. Die Membran hat noch eine andere Funktion, deren Folgen den Menschen erst nach und nach bewusst werden: Der Zeitablauf innerhalb der schwarzen Hülle, die künftig als "Spin" bezeichnet wird, weicht dramatisch vom restlichen Universum ab. Jedes Jahr auf der Erde entspricht ungefähr 100 Millionen Jahren außerhalb der Spin-Membran.

Der Zusammenbruch der satellitengestützten Telekommunikation und die nicht zu leugnende Tatsache, dass unfassbar mächtige Wesen aus unbekannten Gründen in das Schicksal der Erde eingegriffen haben, sind für die Menschheit schon traumatisch genug. Aufgrund der Erkenntnis, dass die Sonne im Vergleich zur Erde extrem schnell altert, müssen sich die Menschen obendrein mit dem bevorstehenden Weltuntergang auseinandersetzen. In wenigen Jahrzehnten Erdzeit – vielen Jahrmillionen Spin-Zeit – wird die Sonne das Ende ihres Lebenszyklus erreichen und die Erde verschlingen. Selbst die Spin-Membran, so wird angenommen, kann den Planeten dann nicht mehr schützen. Manche Menschen stürzen sich angesichts der Aussichtslosigkeit dieser Situation in alle möglichen Vergnügungen. Es kommt zu Selbstmordwellen und die Kriminalitätsrate steigt ständig. Im Laufe der Jahre schießen die verschiedensten religiösen Sekten und Kulte aus dem Boden.

Die Raumfahrtbehörden aller Länder entwickeln ein Programm zur Kolonisierung des Mars, das ohne den differierenden Zeitablauf nicht möglich wäre. Zunächst werden widerstandsfähige Bakterienstämme zum Mars geschossen. Samen höher entwickelter Pflanzen folgen. Da in jeder Sekunde Erdzeit mehrere Jahre außerhalb der Membran vergehen, kann man praktisch zusehen, wie der lebensfeindliche Nachbarplanet der Erde zu einem Ort wird, an dem Menschen existieren können. Zahlreiche bemannte Raketen fliegen zum terrageformten Mars. Man hofft, dass die Kolonisten dort überleben und eine Kultur aufbauen können, die Antworten auf die Fragen liefert, wer die Erschaffer der Membran sind, was sie mit dem Spin erreichen wollen und wie man den Tod der Sonne überleben kann ...

In obigem Teaser skizziere ich lediglich die Ausgangssituation, die zugrundeliegende Idee. Sie ist an sich schon wahrhaft faszinierend und ermöglicht verblüffende Gedankenspiele. Man stelle sich vor: Während man morgens aufsteht, duscht und gemütlich frühstückt, entstehen und vergehen auf dem terrageformten Mars ganze Staaten. Revolutionäre Entdeckungen werden gemacht, anderes Wissen gerät in Vergessenheit. So werden die Erdenmenschen, die jetzt mit dem Frühstück fertig sind, zur Arbeit fahren und sich auf den Feierabend freuen, für die Nachfahren der Marskolonisten allmählich zu mythischen Wesen. Aber damit nicht genug. Die "Hypothetischen" (so werden die Konstrukteure der Spin-Membran bezeichnet) verfolgen offensichtlich einen ganz bestimmten Plan. Ich spoilere jetzt ein wenig: Sobald die Marsbewohner eine Zivilisationsstufe erreicht haben, die dem ihrer Vorfahren mindestens ebenbürtig ist, wird auch der Mars in eine Spin-Membran gehüllt! Und es gibt noch viele weitere auf die gleiche Weise isolierte Planeten in der Milchstraße. Am Ende des Romans wird enthüllt, wer die Hypothetischen sind und was mit der Erde weiter geschieht. Ganz unaufdringlich und umso effektvoller breitet Wilson dieses großmaßstäbliche Szenario vor den Augen des Lesers aus.

Das klingt jetzt vielleicht nach Gigantomanie, aber Wilson macht nicht den Fehler, den Leser mit ausufernden Beschreibungen zu erschlagen. Zunächst einmal lässt er die Auswirkungen des Spins auf die menschliche Gesellschaft nicht außer Acht. Das Buch beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Themen; verschiedene gesellschaftliche und politische Reaktionen werden vorgestellt. Alle sind absolut glaubwürdig. Zudem gelangt tatsächlich ein Marsianer zur Erde. Was er im Gepäck hat, sorgt für neuen Zündstoff. Wilson geht aber noch einen Schritt weiter und bricht die Geschehnisse auf die persönliche Ebene herunter, das heißt, er richtet sein Augenmerk auf drei differenziert charakterisierte Hauptfiguren. Ich-Erzähler ist Tyler Dupree, dessen Schicksal eng mit dem der hochbegabten Zwillinge Jason und Diane Lawton verbunden ist. Tyler, Jason und Diane sind Teenager, als die Spin-Membran entsteht. In den folgenden Jahren wird Jason von seinem superreichen Vater zum Leiter des Terraformingprojekts gemacht. Diane sucht ihr Heil in der Religion und heiratet ein Sektenmitglied. Tyler, unglücklich in Diane verliebt, wird Arzt. Jason zieht ihn hinzu, als bei ihm Symptome einer fortschreitenden neurologischen Krankheit auftreten, die vor der Öffentlichkeit verheimlicht werden müssen. Die Ausarbeitung eines komplexen Beziehungsgeflechts ist in diesem Roman mindestens genauso wichtig wie die vordergründigen Ereignisse rund um den Spin. Zudem wird die Geschichte in zwei Zeitebenen erzählt; einmal chronologisch fortlaufend seit der Nacht, in der die Sterne verschwinden, und einmal Jahrzehnte später, als die Welt sich – um mit einem anderen Autor zu sprechen – weitergedreht hat.

Die Verknüpfung ganz individueller Einzelschicksale mit einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel und wahrhaft kosmischen Geschehnissen ist dem Autor bestens gelungen. Durch die Identifikation mit dem Ich-Erzähler werden selbst die unglaublichsten Dinge begreifbar, der Roman wird nie zu abgehoben und eignet sich deshalb meiner Meinung nach auch sehr gut für Leute, die mit Science Fiction sonst nichts am Hut haben. Ich zähle "Spin" zu meinen Lese-Highlights der letzten Jahre. (08.05.2017)


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770
Der Neutronium Alchimist Peter F. Hamilton: Der Neutronium Alchimist
Bastei Lübbe, 2000
892 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Seelengesänge.

Das wahre Ausmaß der von den Besessenen ausgehenden Gefahr ist jetzt überall in der Konföderation bekannt. Einzelne Planeten wurden bereits in ein anderes Universum versetzt. Jeder im Kampf gegen die Besessenen gefallene Mensch verstärkt die Reihen des Gegners, außerdem wechseln auf diese Weise auch Geheimnisträger die Seiten. Um weitere Infiltrationen zu verhindern, wird eine Blockade verhängt. Der Raumflugverkehr wird massiv eingeschränkt und alle erdenklichen Sicherheitsmaßnahmen werden ergriffen. Dennoch breiten sich die Besessenen immer weiter aus, zumal es genug gewissenlose Geschäftemacher gibt, die trotz der großen Gefahr mit den zurückgekehrten Toten paktieren. Quinn Dexter hat einen Zugang zu einer Art Zwischendimension entdeckt, in der die Geister von Verstorbenen dahinvegetieren. Durch die Nutzung dieses Verstecks gelingt es ihm, unbemerkt zur Erde zu gelangen, nachdem er den Himmel einer Kolonialwelt durch die Sprengung von Asteroiden verfinstert hat. Die in den Körper der von Lalonde entkommenen Kolonistin Marie Skibbow gefahrene Possessorin Kiera Salter lockt unzählige Jugendliche mit dem Versprechen eines unabhängigen Lebens zum BiTek-Habitat Valisk, wo die ahnungslosen jungen Leute für die Possession "geöffnet" werden.

Da große Teile der konföderierten Navy zur Durchsetzung der Blockade gebunden sind, kann nicht schnell genug reagiert werden, als Al Capone eine Flotte in Marsch setzt, die mehrere Planeten und industrialisierte Asteroiden erobert. Außerdem beeinträchtigt die Blockade den interstellaren Handel. Den Staatsoberhäuptern und Militärs ist klar, dass die Konföderation in absehbarer Zeit an dieser Situation zerbrechen wird. Ein Sieg wird dringend gebraucht, vor allem muss bewiesen werden, dass die Possession rückgängig gemacht werden kann. Ein hierzu einsetzbares technisches Verfahren ist bekannt. Einem Vorschlag Ralph Hiltchs folgend haben sich Adamisten und Edeniten verbündet. Verstärkt durch 500.000 BiTek-Geschöpfe, deren Baupläne von Ione Saldana zur Verfügung gestellt werden, der Herrscherin des edenitischen Habitats Tranquility, sollen die Truppen der Adamisten die von Possessoren besetzte Halbinsel Mortonridge auf dem Planeten Ombey zurückerobern und die Opfer der Possession befreien. Allen ist bewusst, dass ein Erfolg nur mit großen Opfern errungen werden kann und bestenfalls symbolische Bedeutung hätte, denn mit militärischen Mitteln sind die Besessenen nicht zu besiegen. Es wird klar, dass die Kiint, ein nichtmenschliches, lose mit der Konföderation assoziiertes Volk, vor langer Zeit eine ähnliche Krise durchlitten haben. Ihren kryptischen Äußerungen zufolge muss jedes Intelligenzvolk seinen eigenen Weg aus dieser Krise finden.

Währenddessen versucht Dr. Alkad Mzu, sich in den Besitz eines Raumschiffes zu bringen, mit dem sie den Alchimisten bergen und abfeuern kann, eine von ihr entwickelte Superwaffe, die Sonnen zum Erlöschen und Planeten zur Explosion bringen kann. Sie wird von den Geheimdiensten gejagt, Joshua Calvert ist ihr ebenfalls auf der Spur und auch Al Capone erfährt von ihrer Existenz. Während die anderen alles daransetzen müssen, Alkad Mzu lebend in die Hände zu bekommen, würde es den Besessenen reichen, sie einfach zu töten. Selbst eine so standhafte Frau wie die garissanische Partisanin wäre nach einem Aufenthalt im Jenseits mit Sicherheit bereit, ihr Wissen mit den Besessenen zu teilen, nur um in die Welt der Lebenden zurückkehren zu können ...

Dies ist der vierte Teil des "Armageddon"-Zyklus, einer modernen Space-Opera, die von Anfang an in derart epischer Breite angelegt wurde, dass die Beurteilung einzelner Romane schwierig ist. Wir befinden uns im Mittelteil des Zyklus, und so sieht es auch in "Der Neutronium Alchimist" ziemlich düster für die Menschen aus. Nichts scheint die Possessoren aufhalten zu können. Mit Waffengewalt sind sie nicht zu stoppen, sie erringen Sieg um Sieg. Kann es da überhaupt noch ein Happy End geben? Religion – oder vielmehr der Glaube – scheint der Schlüssel zu sein. Das zeichnet sich immer deutlicher ab.

In jedem Einzelband wird nicht nur eine durchgehende Geschichte erzählt – es sind unzählige! Durch den häufigen Perspektivwechsel ist ein stetig hoher Spannungslevel garantiert und ich würde nicht sagen, dass Hamilton zu ausführlich schreibt. Er nimmt sich einfach die Zeit, die er zur Weiterentwicklung einer komplexen Welt braucht. Außerdem werden immer wieder scheinbar berührungslos nebeneinander laufende Handlungsfäden verknüpft. Zum Beispiel habe ich bisher noch nichts von Erick Thakrar berichtet, einem Agenten der Konföderierten Navy, der undercover an Bord eines Raumschiffes unterwegs ist, dessen krimineller Kommandant Duchamp sogar für Al Capones Organisation arbeitet. Erick ist eine Haupt-Nebenfigur der letzten Bände. Immer wieder freut er sich auf das baldige Ende seiner Undercover-Mission, nur um dann aufgrund widriger Umstände doch wieder gezwungen zu sein, weiter mit Kommandant Duchamp zu fliegen. Für den Fortgang der eigentlichen Handlung war das bisher nicht von Bedeutung. Jetzt allerdings überbringt Erick der Navy wichtige Informationen. Er weiß, welches Ziel Al Capones Flotte demnächst angreifen wird. Dummerweise bleibt das der Gegenseite nicht verborgen, und so wird der fiese Cliffhanger-Showdown von "Der Neutronium Alchimist" möglich. In weiteren Nebenhandlungen wird gezeigt, dass nicht alle Possessoren böse sind. Fletcher Christian beschützt Louise Kavanagh und setzt alles daran, Quinn Dexter aufzuhalten. Auf Ombey tun sich einige Besessene zusammen, um nicht-besessene Kinder in Sicherheit zu bringen.

Im obigen Teaser habe ich nur die wichtigsten Handlungsebenen erwähnt, dasselbe habe ich bei den bisherigen Romanen getan. Alle Bücher enthalten so viel mehr, dass ich einige Seiten füllen müsste, um zu erzählen, was mit den vielen Haupt- und Nebenfiguren geschieht. Als wäre ein Calvert noch nicht genug, begegnet Joshua einem Halbbruder namens Liol, von dessen Existenz er bisher nichts wusste. Witzigerweise sind sich die beiden so ähnlich, dass Joshua Liol geradezu hasst ... Wichtiger scheint mir zu sein, dass sowohl die Kiint als auch die ebenfalls nichtmenschlichen Tyrathca ihre Erfahrungen mit Possessoren haben. Die Tyrathca glauben an einen schlafenden Gott, der sie vor den Besessenen retten kann. Die Kiint sind ziemlich aufgeregt, als sie zufällig hiervon erfahren. Kelly Tirrel ist es zu verdanken, dass Ione Saldana das mitbekommt. Die Tyrathca sind eine derart phantasielose Spezies, dass ihnen zum Beispiel das Konzept der Lüge völlig fremd ist. Der schlafende Gott muss also wirklich existieren. Außerdem erfahren wir, dass es nicht nur die Possessoren gibt. Im von Quinn Dexter entdeckten Zwischenreich existieren Geister, außerdem treten mindestens zwei Beobachter auf, die offenbar schon seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden auf der Erde unterwegs sind, möglicherweise nicht als Menschen bezeichnet werden können und sich nicht vor den Possessoren zu fürchten brauchen.

Hamiltons Erzählkunst macht auch diesen Roman zum Genuss. Großmaßstäbliche Raumschlachten werden ebenso geboten wie berührende Einzelschicksale. Bei aller Action geht das menschliche Element nicht verloren. Hamilton vergisst beim Bau seines komplexen Universums die dem Leser ans Herz gewachsenen (oder verhassten) Protagonisten nicht, so dass man wunderbar mitfiebern kann. Der "Armageddon"-Zyklus ist eine Space-Opera, wie sie sein soll! (24.04.2017)


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769
Kate John Carder Bush: Kate – Inside The Rainbow
Sphere, 2015
283 Seiten, gebunden

Fans von Kate Bush haben es nicht leicht. In den letzten 20 Jahren sind nur drei neue Alben erschienen und was anderen Output angeht, so kann man ohne Übertreibung behaupten, dass er annähernd Null ist. Kate Bush hat es zudem stets verstanden, ihr Privatleben gegenüber der Öffentlichkeit abzuschirmen. Sie hat immer die Kontrolle über ihr Werk behalten und sich nicht der Plattenindustrie ausgeliefert. Alle Veröffentlichungen Dritter, die sich in irgendeiner Weise mit der britischen Ausnahmekünstlerin beschäftigen, sind daher ein gefundenes Fressen für Leute wie mich. Der großformatige, aufwändig in Leinen gebundene und auf dickem Papier gedruckte Bildband "Kate – Inside The Rainbow" von Kate Bushs älterem Bruder John Carder Bush nimmt hierbei eine Sonderstellung ein, denn anders als zum Beispiel der Biograf Rob Jovanovic muss sich Kates Bruder nicht auf externe Quellen stützen. John Carder Bush gehört zu jenem inneren Kreis, von dem die ganze restliche Welt ausgeschlossen bleibt.

Man sollte jetzt allerdings nicht erwarten, Einblicke in Kate Bushs Privatleben zu gewinnen oder nie gehörte Informationen zu ihrer Karriere zu erhalten. John Carder Bush hat durchaus einiges zu sagen, aber in den Texten beschäftigt er sich hauptsächlich mit der Entstehung der von ihm angefertigten Cover-Artworks für die Alben seiner Schwester. Ich finde gerade diese Herangehensweise sehr interessant. Der Autor beschreibt den Prozess des Fotografierens als sinnliche Erfahrung; von der teils körperlich herausfordernden Vorbereitung mit meist ganz einfachen Mitteln über das eigentliche Shooting mit einer alten Hasselblad-Kamera bis hin zur Arbeit mit diversen Emulsionen in der Dunkelkammer – man kann die Faszination für dieses Handwerk deutlich herauslesen. Fast alle Bilder sind ja lange vor dem Zeitalter der digitalen Fotografie und Bildbearbeitung entstanden, das heißt, man konnte das fertige Produkt erst ganz am Schluss sehen und selbst in der Dunkelkammer konnte noch viel schiefgehen. John Carder Bush lässt auch seine Erfahrungen als Kampfkünstler einfließen. Hauptperson ist also eigentlich nicht Kate, sondern John Carder.

Ganz anders sieht es natürlich mit den Fotos aus. Ein paar Aufnahmen von John Carder Bush (angefertigt von seiner Schwester) sind enthalten, der Löwenanteil besteht jedoch aus nicht verwendeten Cover-Bildern, Testaufnahmen, Hinter-den-Szenen-Material von den Video-Dreharbeiten und so weiter. Da sieht man Kate Bush denn auch mal ungeschminkt und ganz leger gekleidet. Die letzten Fotos, es sind nur sehr wenige, sind im Jahre 2011 anlässlich der Veröffentlichung des Albums "Director's Cut" entstanden. Sehr viel völlig Neues bekommen wir armen geplagten Fans also auch diesmal nicht zu sehen, dennoch ist der Bildband ein unverzichtbarer Bestandteil jeder Sammlung. (20.04.2017)

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768
Das Licht der Phantasie Terry Pratchett: Das Licht der Phantasie
Piper, 2011
290 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Die Farben der Magie.

Vor vielen Jahren hat Rincewind heimlich im Oktav geblättert, dem in der Unsichtbaren Universität von Ankh-Morpork aufbewahrten mächtigsten magischen Werk der Scheibenwelt. Dabei ist einer der acht Großen Zaubersprüche von den Seiten des uralten Folianten direkt in Rincewinds Kopf gesprungen und hat es sich in seinem Gedächtnis gemütlich gemacht. Seitdem findet dort kein anderer Zauberspruch mehr Platz. Das Oktav hat kein Interesse daran, dass Rincewind stirbt, wenn kein anderer Wirt in der Nähe ist, auf den der in seinem Hirn hausende Spruch überspringen kann. Daher wird die Realität kurzerhand neu erschaffen, als Rincewind eines Tages über den Rand der Scheibenwelt stürzt und im Weltall umzukommen droht. Ein magisches Ereignis derart kosmischen Ausmaßes bleibt den Meistern der magischen Orden natürlich nicht verborgen. Nachdem sie erfahren haben, dass alle acht Zaubersprüche des Oktav zu einem bestimmten Zeitpunkt in nicht allzu ferner Zukunft ausgesprochen werden müssen, weil sonst der Untergang der Scheibenwelt droht, setzen sie alle Hebel in Bewegung, um Rincewind zurück nach Ankh-Morpork zu bringen. Als ob die Situation noch nicht angespannt genug wäre, schwingt sich der phantasielose, aber sehr gut organisierte und von keinerlei Skrupeln heimgesuchte Zauberer Ymper Trymon zum Großmeister auf.

Rincewind findet sich nach seinem Sturz ins All unvermittelt in einem Wald wieder. Sein ständiger Begleiter, der Tourist Zweiblum, ist nicht weit entfernt. Auf der Flucht vor ihren Verfolgern retten die beiden die als Opfer vorgesehene Jungfrau Bethan aus den Händen einiger Druiden und gewinnen einen berühmten Helden namens Cohen als weiteren Gefährten. Im Handgemenge wird Zweiblum vergiftet. Rincewind reist ins Reich des Todes, um seinen Freund zu retten, und begegnet dort Ysabell, der Adoptivtochter des Sensenmannes. Derweil erscheint ein größer werdender roter Stern am Himmel der Scheibenwelt. Offensichtlich hält Groß-A'Tuin, die durchs Weltall wandernde gigantische Schildkröte, auf deren Rückenschild vier gewaltige Elefanten stehen, die die Scheibenwelt tragen, direkt auf diesen Stern zu. Während es auf der Scheibenwelt immer wärmer wird, verliert die Magie allmählich ihre Kraft. Viele Menschen glauben, dass der Rote Stern als Strafe für die Praktiken der Zauberer geschickt wurde. Es kommt zu Ausschreitungen in den Städten, so auch in Ankh-Morpork, wo sich Trymon bereits in den Besitz des Oktav gebracht hat. Rincewind erfährt, dass sich der Zauberspruch nicht zufällig in seinem Kopf eingenistet hat. Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass jemand wie Trymon das Oktav missbraucht. Somit ist es nun ausgerechnet die Aufgabe Rincewinds, des schlechtesten Zauberers aller Zeiten, Trymon aufzuhalten und die Scheibenwelt zu retten.

Mit dem zweiten Scheibenwelt-Roman, erschienen im Jahre 1986, wird die Geschichte des drei Jahre vorher veröffentlichten Romans "Die Farben der Magie" direkt fortgesetzt. Berücksichtigt man das Ende des ersten Romans, könnte man auf die Idee kommen, Pratchett habe ursprünglich gar keine Serie im Sinn gehabt, sondern ein endgültiges Ende, zumindest für Rincewind. Und so muss denn eine komplette Neukonstruktion der Realität zur Rettung des erfolglosen Zauberers herhalten. Im ersten Band mussten ja ab und zu die Scheibenweltgötter eingreifen, um Rincewind und Zweiblum in Gefahr zu bringen oder aus selbiger herauszuführen. Die Götter halten sich diesmal vornehm zurück, stattdessen mischen sich das Oktav beziehungsweise der in Rincewinds Gedächtnis gespeicherte Große Zauberspruch immer wieder ein. Am Ende, so viel sei verraten, wendet sich alles zum Guten. Rincewind ist endlich ein richtiger Zauberer! Von Zweiblum, der nach Hause zurückkehrt, erhält er die wehrhafte Truhe als ständigen Begleiter und Leibwächter. Somit ist der Weg frei für viele weitere Abenteuer Rincewinds in Ankh-Morpork und Umgebung! Ich habe mir vorgenommen, sie alle zu lesen, und zwar in der Reihenfolge des Erscheinens. Mal sehen, ob ich das durchhalte. Wenn alle Romane so amüsant sind wie die ersten beiden (nur die kannte ich bisher), dann habe ich da keine Bedenken.

Band 1 ist mir wie eine inhaltlich lose verknüpfte Ansammlung von Kurzgeschichten vorgekommen. Der zweite Roman ist dagegen ein in sich geschlossener Roman. Zugegeben, Rincewind und Zweiblum werden auch diesmal wieder durch verschiedene Regionen der Scheibenwelt gejagt, das heißt, der Text enthält viele Beschreibungen, mit denen der Autor seinen Ideenreichtum auslebt, die zur Story im Grunde aber nicht viel beitragen (aber sehr lustig sind, so dass ich nicht drauf verzichten möchte). Dennoch ist deutlicher als im ersten Roman zu erkennen, wohin das alles führen soll. Mehrere neue Figuren, die in späteren Scheibenweltgeschichten wieder auftauchen, zum Beispiel Ysabell und Cohen der Barbar, werden eingeführt. Cohen ist ein schönes Beispiel für die parodistischen Elemente des Romans. Gemeint ist natürlich Conan – nur ist Cohen weit über 80, leidet unter Rückenschmerzen und kann mangels Beißerchen lediglich Suppe essen… Trotzdem ist er keine Witzfigur, sondern ein tödlicher Kämpfer, der sogar eine Jungfrau für sich gewinnen kann. Pratchett veralbert seine Figuren und nimmt sie gleichzeitig ernst. Gefällt mir! (11.04.2017)


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767
Incarceron Catherine Fisher: Incarceron – Fliehen heißt sterben
Blanvalet, 2014
476 Seiten

Vor 150 Jahren hat sich die Welt grundlegend gewandelt. Einem Dekret des damaligen Königs zufolge darf es keine neuen Entwicklungen in Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst geben. Die Menschen haben einem Protokoll zu folgen, welches die Benutzung hoch entwickelter Technik untersagt. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass es wieder zu solch verheerenden Kriegen wie in den "Jahren des Zorns" kommt. Auch wenn das Protokoll nicht immer strikt eingehalten wird, gibt es seither keinerlei Fortschritt. Nur wenige Gelehrte, die Sapienti, haben die Erlaubnis, das Wissen vergangener Zeitalter zu bewahren. Somit ist die menschliche Kultur in einem vorindustriellen Stadium gefangen. Nach den Jahren des Zorns war man zudem der Meinung, man müsse die menschliche Gesellschaft von all jenen Personen "säubern", die für nicht besserungsfähig gehalten wurden. In einer letzten Anstrengung wurde ein sich selbst regulierendes Gefängnis namens Incarceron konstruiert; eine in sich abgeschlossene, unermesslich große Welt, die zur Heimat für Verbrecher und andere unerwünschte Elemente geworden ist. 70 Sapienti haben sich seinerzeit freiwillig in diesen Kerker begeben, aus dem es kein Entkommen gibt. Incarceron "lebt" und besitzt ein eigenes Bewusstsein. Das Gefängnis beobachtet seine Insassen und besitzt verschiedene Möglichkeiten, sie zu belohnen und zu bestrafen. Nur der Hüter weiß, wo sich Incarceron befindet und nur er kennt einen Weg hinein. John Arlex ist der amtierende Hüter. Seine Tochter Claudia soll demnächst mit Caspar verheiratet werden, dem Sohn von Königin Sia. Das entspricht überhaupt nicht den Wünschen der eigensinnigen jungen Frau. Mit Hilfe ihres Privatlehrers, des Sapienten Jared, versucht sie mehr über die Arbeit ihres Vaters herauszufinden. Sie bricht in sein Arbeitszimmer ein und bringt einen Kristallschlüssel in ihren Besitz, der irgendetwas mit Incarceron zu tun haben muss.

Den ursprünglichen Plänen zufolge hätte Incarceron ein Paradies werden sollen. Ziel war die Läuterung der Insassen und die Erschaffung einer perfekten Gesellschaft, die von einem allmächtigen, unbestechlichen und niemals schlafenden Wächter kontrolliert wird. Das Gegenteil ist eingetreten. Die Lebensbedingungen in den meisten Bereichen Incarcerons sind erbärmlich. Trotz der gewaltigen Ausmaße des Gefängnisses leiden die Menschen darunter, für immer eingeschlossen zu sein – und selbst die Incarceron-KI scheint hiervon beeinträchtigt zu werden. Zudem sind die Recyclingsysteme gestört. Obwohl im Gefängnis kein Atom verschwendet wird, steht nach mehreren Generationen nicht mehr genug Rohmaterial zur Erschaffung neuer Lebewesen zur Verfügung. Bei vielen Tieren handelt es sich um Cyborgs und es kommen immer mehr Mensch-Maschine-Hybridwesen zur Welt. Manche Insassen haben sich zu räuberischen Banden zusammengeschlossen. Der junge Finn ist Mitglied einer solchen Gruppe, seit er vor drei Jahren ohne Erinnerungen in einer Zelle Incarcerons erwacht ist. Finn hat immer wieder Visionen vom "Außerhalb" und wird von der Frage nach seiner Identität gequält. Der alte Sapient Gildas hofft, dass Finns Visionen ihm eines Tages den Weg in die Freiheit zeigen werden. Wie viele andere Insassen ist Gildas davon überzeugt, dass es eine Fluchtmöglichkeit gibt, denn Legenden zufolge ist es einem Mann namens Sapphique vor langer Zeit gelungen, aus Incarceron zu entkommen.

Eines Tages nehmen Finn und sein Eidbruder Keiro bei einem Raubzug eine Frau gefangen, die etwas über eine Tätowierung in Form eines gekrönten Adlers zu wissen scheint, die sich auf Finns Handgelenk befindet. Die Frau erklärt, sie habe dasselbe Symbol im Inneren eines von ihren Leuten zufällig gefundenen Artefakts aus Kristall gesehen. Finns einziges Ziel besteht nun darin, diesen Gegenstand in seinen Besitz zu bringen ...

Dies ist die erste Hälfte eines Doppelromans, dessen zweiter Teil den Titel "Sapphique" trägt. Er wird nach meinen Beobachtungen als Fantasy für junge Erwachsene vermarktet, passt in diese Nische aber aus zweierlei Gründen nicht hinein. Zunächst einmal ist "Incarceron" sehr düster, und zwar vorwiegend in den Kapiteln, die innerhalb des Gefängnisses spielen. Elend und Verfall sind hier allgegenwärtig, der Überlebenskampf ist gnadenlos und es wird nicht mit drastischen Beschreibungen gegeizt. Außerdem ist die Fantasy-Schublade falsch. Science-Fiction passt eher! Die Menschen des "Außerhalb" mögen so tun, als lebten sie irgendwann vor dem 19. Jahrhundert, so dass viel von Fürsten, Königen, höfischer Etikette, Intrigen usw. die Rede ist, und in Incarceron mögen noch primitivere Verhältnisse herrschen. Aber was in beiden Welten geschieht, basiert nicht auf Magie. Es kommen keine Fabelwesen oder übernatürlichen Elemente vor. Alles ist durch die Technik der fiktiven Welt in sich schlüssig erklärbar.

Die Story von den beiden jungen Leuten (Finn und Claudia), die in mehr als einer Hinsicht durch Welten voneinander getrennt sind, sich gegen die Erwachsenen durchsetzen müssen und irgendwann doch zueinander (und zu sich selbst) finden, ist meines Erachtens der einzige Aspekt, den Leser gesetzteren Alters als störend empfinden könnten. So kritisch sehe ich das nicht, zumal mir die beiden ausreichend sympathisch geworden sind. Eine Reihe ebenfalls durchaus interessanter Figuren dient der Abrundung. Da wären Finns eitler und undurchsichtiger Eidbruder Keiro, Claudias unnahbarer Vater sowie ihr bester Freund Jared, ein intriganter Fürst und eine nicht minder gefährliche Königin – einige sind vielleicht etwas klischeehaft gezeichnet, doch darüber konnte ich aufgrund des ungewöhnlichen Weltenbaus hinwegsehen. Nicht nur Finn lebt in einem Gefängnis; Claudia ergeht es genauso. Auf der einen Seite haben wir es mit einem gescheiterten Experiment zur Erschaffung eines Utopia zu tun, auf der anderen Seite um absoluten Stillstand zwecks Bewahrung des Friedens. In beiden Fällen sollten der menschlichen Natur Fesseln angelegt werden. Im Falle Incarcerons durch die gar nicht so emotionslos wie gedacht agierende Gefängnis-KI, im Falle der Außenwelt durch das Protokoll. Das konnte natürlich nicht funktionieren.

Ich finde diese Ideen faszinierend und sie werden so plastisch beschrieben, dass ich mich gut in das Szenario hineinversetzen konnte. Nur Teilaspekte haben mich nicht ganz überzeugt. Zum Beispiel ist mir unklar geblieben, warum in Incarceron immer mehr Cyborgs zur Welt kommen. Es könnte sein, dass im Gefängnis kein Lebewesen auf natürliche Weise geboren werden kann, aber das wird nicht eindeutig gesagt oder begründet. Auch verstehe ich nicht, durch welche Maßnahmen das Protokoll in der Außenwelt durchgesetzt wird. Die Autorin (oder die Übersetzerin?) kommt zudem manchmal mit den Zeitangaben durcheinander. Mal ist von 150 Jahren seit der Erschaffung Incarcerons die Rede, dann wieder von Jahrhunderten. (03.04.2017)


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766
Der Erbe Dschainas Neal Asher: Der Erbe Dschainas
Bastei Lübbe, 2009
703 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Der Drache von Samarkand.

Die Menschheit hat sich über zahlreiche Planeten ausgebreitet. Die meisten besiedelten Welten sind in der Polis zusammengeschlossen, einer Kultur, die von hoch entwickelten Künstlichen Intelligenzen regiert wird. Obwohl praktisch alle Bürger der Polis in Frieden und Wohlstand leben, sind nicht alle Menschen mit der Bevormundung durch KIs einverstanden. Die Polis verzichtet darauf, sich die von Separatisten bewohnten Planeten gewaltsam einzuverleiben. Sie wird nur aktiv, wenn sie zu Hilfe gerufen wird, wenn mindestens achtzig Prozent der Bevölkerung für eine Aufnahme in die Planetengemeinschaft stimmen, oder wenn Separatisten Terroranschläge verüben. In solchen Fällen kommen die Agenten der Earth Central Security (ECS) zum Einsatz.

Ian Cormac, der berühmteste und gefürchtetste ECS-Agent, wird mit dem Schlachtschiff Occam Razor zum Planeten Callorum entsandt, auf dem militante Separatisten eine Basis eingerichtet haben, die es einzunehmen gilt, weil dort ein skrupelloser Wissenschaftler namens Skellor an den gefährlichen Hinterlassenschaften eines verschollenen Volkes forscht, von dem nur der Name "Dschaina" bekannt ist. Cormac stellt Skellor, doch der hetzt eines seiner Forschungsobjekte auf den Agenten. Es handelt sich um ein Mischwesen aus einem Menschen und einem einheimischen Raubtier, dessen Körper durch Dschaina-Technik verstärkt wurde. Die Kreatur bringt Cormac in schwere Bedrängnis und ermöglicht Skellor die Flucht. Der Wissenschaftler nutzt eine von ihm entwickelte Tarnvorrichtung, um sich unbemerkt an Bord der Occam Razor zu begeben. Er verschluckt ein Dschaina-Artefakt, auf das er vor geraumer Zeit zufällig gestoßen ist. Sein Körper wird von den darin enthaltenen Nanomaschinen umgewandelt. Er gewinnt übermenschliche Kräfte und kann sich mit den Bordsystemen vernetzen.

Währenddessen rettet die Occam Razor einen jungen Mann namens Apis Coolant aus Raumnot. Er ist der einzige Überlebende des Weltraumhabitats Miranda. Agenten der so genannten Theokratie, die mit eiserner Faust über den Planeten Masada herrscht, haben mit Drache paktiert, jenem extragalaktischen Lebewesen, mit dem es Cormac schon früher zu tun hatte, um Miranda zu vernichten und die Überlebenden zu versklaven. Dabei ist einiges schiefgelaufen. Ein Kampfschiff der Theokratie hat Drache angegriffen und ihn verwundet, wurde aber von ihm zerstört. Apis ist mit einem Rettungsboot entkommen. Drache wünscht nun von der Occam Razor nach Masada gebracht zu werden, um die Theokratie zu bestrafen. Inzwischen ist es Skellor gelungen, die Kontrolle über das Schiff zu übernehmen und fast die gesamte Besatzung zu ermorden. Cormac, Apis und einige weitere Besatzungsmitglieder fliehen in letzter Minute. Sie gelangen nach Masada und geraten mitten in einen Aufstand der gegen die Theokratie aufbegehrenden Untergrundkämpfer hinein ...

Im zweiten Roman aus dem "Polis"-Universum kann sich Neal Asher auf der Bühne austoben, die er mit "Der Drache von Samarkand" bereitet hat. Man sollte den ersten Roman gelesen haben, denn nicht alles wird noch einmal ausführlich erklärt. Vorkenntnisse werden vorausgesetzt. Beide Geschichten sind in sich abgeschlossen, dennoch ist ein übergreifender Handlungsbogen erkennbar. So ist das Thema "Drache" sicher noch längst nicht abgehakt und die Dschaina-Technik wird sicherlich noch für einigen Ärger sorgen. Neben Ian Cormac wirken einige aus Band 1 bekannte Figuren mit, und zwar in weiteren Handlungsebenen, die ich im obigen Teaser nicht erwähnt habe. So gelangen John Stanton und dessen Frau Jarvellis ebenfalls nach Masada. Die Anführerin der Untergrundkämpfer ist Stantons Schwester und beide haben eine alte Rechnung mit einem hochrangigen Mitglied der Theokratie offen.

Der Schauplatz Masada wird aus der Perspektive der Sklavin Eldene vorgestellt. Die junge Frau gehört zur geknechteten Unterschicht, die unter unmenschlichen Bedingungen in der lebensfeindlichen Umwelt Masadas für die in luxuriösen Weltraumhabitaten residierende Theokratie-Oberschicht schuften muss. Der unter dem Einfluss der Dschaina-Nanotech immer weiter mutierende Skellor und das machtgierige Oberhaupt der Theokratie sind Hauptfiguren ihrer eigenen Handlungsebenen. Beim ständigen Wechsel der Perspektive ist Spannung garantiert. Alle Fäden laufen auf Masada zusammen und am Ende wird eine befriedigende Auflösung präsentiert. Die Figurenzeichnung bleibt zumindest teilweise auf der Strecke. Cormac, eigentlich die Hauptperson des Zyklus, ist für mich nicht richtig "greifbar" geworden. Sein im ersten Band beschriebenes Problem (er war zu lange mit den KIs vernetzt und hat dadurch fast seine Menschlichkeit verloren) spielt jetzt keine Rolle mehr. Aber das macht nichts, denn die anderen Protagonisten, allen voran Eldene und Stanton/Jarvellis, sind mir richtig ans Herz gewachsen.

Die sich durch die Dschaina-Nanotech ergebenden Möglichkeiten sind faszinierend, noch besser hat mir die Beschreibung Masadas gefallen. Das ebenso perfide wie heucherlische Unterdrückungssystem, die bizarre Tier- und Pflanzenwelt des Planeten und die Bedingungen, unter denen Menschen wie Eldene leben – das alles wird prima ausgearbeitet. Am Beispiel Masadas wird gezeigt, dass die Polis bei der Eingliederung neuer Welten keineswegs so zurückhaltend agiert, wie man es aufgrund ihrer Prinzipien annehmen sollte. Polis-Agenten sind schon seit geraumer Zeit auf Masada unterwegs, um die Rebellen zu unterstützen und auf Stimmenfang zu gehen. Sie wirken also aktiv an der Destabilisierung der Lage mit. Ein Schelm, der Parallelen zur realen Welt erkennt! Die Beschreibung der Kampfhandlungen zwischen Lellans Untergrundkämpfern und der Armee der Theokratie nimmt breiten Raum ein. Asher hält sich hier nicht mit blutigen Details zurück. Das gilt auch für Skellors Machenschaften sowie für die Ernährungsweise der räuberischen Megafauna Masadas. Man könnte den Roman somit durchaus dem Subgenre "Military-SF" zuordnen. Ehrlich gesagt hätte ich auf die eine oder andere detailgenaue Beschreibung dessen, was die moderne Waffentechnik anrichten kann, verzichten können. Dennoch hat mir der Roman fast noch mehr Spaß gemacht als der erste Band. (27.03.2017)


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765
Down to the Bone Justina Robson: Down to the Bone
Gollancz, 2011
344 Seiten

Das Universum, in dem sich die Erde befindet, ist nur eine von vielen Realitätssphären, was den Menschen nach der Explosion eines Superzyklotrons im Jahre 2015 klar wird. In Alfheim existiert eine mächtige Zivilisation extrem langlebiger und weiser Elfen. Dämonia ist die Heimat der ebenso hedonistischen wie kriegerischen Dämonen. Betrügerische Entitäten, deren Form nicht festgelegt ist und die eng mit der Mythologie der Menschen verwoben sind, leben in Feenland. Kein Bewohner dieser Sphären kann lange in Zoomenon überleben, dem Reich der Elementargeister. Thanatopia ist das weitgehend unbekannte Land der Toten. Seit der Explosion der Quantenbombe sind die anderen Sphären für die Menschen zugänglich – und umgekehrt. Auf diese Weise hält die Magie in der nun Otopia genannten Menschenwelt Einzug. Die Menschheit reagiert mit der Gründung einer nationalen Sicherheitsbehörde, deren Geheimdienst für alle Angelegenheiten im Zusammenhang mit den anderen Sphären und deren Bewohnern, die Otopia schon bald regelmäßig Besuche abstatten, zuständig ist.

Lila Black ist eine Agentin dieser Behörde. Bei einer gescheiterten diplomatischen Mission in Alfheim wurde sie grausam gefoltert und war dem Tode nahe, konnte aber gerettet werden. Ihr verstümmelter Körper wurde mit Robotergliedmaßen, Waffensystemen, einem Fusionsgenerator sowie anderen Implantaten ausgestattet und mit einer Hochleistungs-KI aufgerüstet, die permanent mit den Datennetzwerken Otopias verbunden ist. Als experimentelle kybernetische Superkämpferin hat Lila seitdem verschiedene Aufträge auf der Erde und in den Sphären erledigt. Sie hat sich in den Elfen-Rockmusiker Zal sowie den Dämonen-Assassinen Teazle verliebt und Freundschaft mit dem Feen-Agenten Malachi geschlossen. Sie hat einige Zeit lang den Geist des Nekromanten Ilyatath in ihrem Inneren getragen und wurde durch den Einfluss von Metallelementaren weiter verändert. Lilas organischer Körper und die Prothesen sind zu einer Einheit geworden, außerdem kann sie ihre Gestalt nach Belieben verändern.

Bei der Rückkehr von einem Einsatz hat Lila 50 Jahre übersprungen. Otopia hat sich in der Zwischenzeit sehr verändert. Geisterhafte Wesen machen das Land unsicher und die Toten kehren zurück. Der einstige Geheimdienst ist jetzt eine Agentur, die sich mit dem Übernatürlichen beschäftigt und zahlreiche Cyborgs stehen in ihren Diensten. Lila hat sich längst von ihren einstigen Herren losgesagt, muss aber wieder einmal für die Agentur tätig werden. Drei vor langer Zeit von den Elfen zur Abwehr einer noch größeren Gefahr erschaffene Titanen sind aus ihrem Kerker entkommen und schicken sich an, alle Sphären zu vernichten. Der Kontakt mit Alfheim ist bereits abgebrochen und was immer dort geschehen ist, scheint sich auf Dämonia auszuweiten. Lila, Zal und Teazle müssen sich den Titanen stellen. Lila erfährt endlich, welcher Daseinszweck ihr ursprünglich zugedacht war – und allmählich kommt sie zu der Erkenntnis, dass sie diesmal nicht gewinnen kann ...

Dies ist der fünfte und letzte Band der Reihe "Quantum Gravity" bzw. "Lila Black". In deutscher Übersetzung sind nur die ersten drei Bände erschienen. Die beiden letzten habe ich mir im englischen Original zugelegt. Während der erste Roman noch in sich abgeschlossen ist, kann man die übrigen nicht isoliert lesen. Ich habe mir alle reingepfiffen (hauptsächlich, weil ich Serien ungern unvollendet lasse, weniger wegen der Qualität der Romane) und musste feststellen, dass selbst das nicht zum Verständnis der verwickelten Geschichte ausreicht. Man müsste alle fünf Romane sofort nacheinander lesen, um eine Chance zu haben, alles zu begreifen. Ich habe schon bei Band 4 den Faden verloren! In Band 5 wird es nicht besser. Zu meiner Beruhigung konnte ich erneut feststellen, dass es nicht an meinen Englischkenntnissen liegt. In fast jeder englischsprachigen Review, die ich kenne, finde ich meine Kritikpunkte wieder. Die Reviewer bemängeln, dass sich die Autorin in unzählige Subplots verstrickt, die entweder keinen erkennbaren Bezug zur Handlung des Romans (oder der Serie an sich) haben und zum Erzählen der Geschichte schlicht nicht gebraucht werden oder auf Abwege führen, die vielleicht als der Figurenzeichnung oder dem Weltenbau dienlich bezeichnet werden können, den Leser aber im Grunde nur verwirren.

Der Aufbau lässt zu wünschen übrig. Auf den mehr als 300 eng beschriebenen Seiten geschieht zunächst einmal sehr wenig. Lilas Mentor Sarasilien ist zurück, außerdem finden Lila und Zal in ihrem neuen Liebesnest ein merkwürdiges Mädchen vor, das sich im Showdown als einer der großen Spieler erweist, an deren Fäden Lila und die anderen Hauptfiguren tanzen. Es wird viel über Gefühle geredet (etwas Sex kommt wie üblich hinzu), es wird ein wenig gekämpft (u.a. Lila vs. Lynchmobs, die Jagd auf lebende Tote machen), es wird endlos philosophiert ... und die Handlung kommt nicht von der Stelle. Nach einer immerhin ganz netten Wendung (es stellt sich heraus, dass die Schöpfer der Titanen quasi ihr eigenes Spiegelbild gesehen und geglaubt haben, es handele sich um das ultimativ Böse, das dann von den Titanen bekämpft werden sollte) folgt sehr schnell der Showdown, in dem die Hauptfiguren praktisch überhaupt nicht gebraucht werden. Als Finale einer fünfteiligen Reihe ist das wenig befriedigend.

Natürlich gibt es immer wieder starke Momente, aber meine Geduld war schon mit Band 4 erschöpft und sehr viel Neues hat die Autorin der Serie mit Band 5 nicht hinzuzufügen. Der letzte Band ist nicht gerade ein Ärgernis, aber ich bin doch froh, es jetzt hinter mir zu haben! (21.03.2017)


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764
Star Wars Rogue One Pablo Hidalgo: Star Wars Rogue One – Die illustrierte Enzyklopädie
Dorling Kindersley, 2016
200 Seiten, gebunden

So genannte "Illustrierte Enzyklopädien" sind zu jedem Star Wars – Kinofilm erschienen. Die großformatigen Bände enthalten Abbildungen aller wichtigen Personen, Planeten, Orte, Droiden, Raumschiffe, Fahrzeuge, Kreaturen, Waffen und sonstigen Gegenständen mit Erläuterungen, Diagrammen und dergleichen. Verwendet werden nicht nur Screenshots aus den Filmen. Viele Standfotos der Schauspieler und möglicherweise eigens für die Bücher angefertigte Aufnahmen von Requisiten sind ebenfalls enthalten. So kann man in aller Ruhe Details studieren, die man beim Anschauen der Filme gar nicht wahrnimmt. Bei den Texten habe ich mich immer gefragt, inwieweit sie "kanonisch" sind, das heißt, ob es sich um Hintergrundinformationen zum Beispiel aus den Drehbüchern handelt, oder ob man sie als Hinzudichtungen des Verfassers der Enzyklopädie bezeichnen muss. Ich war bisher stets der Meinung, dass die Bezeichnung "Enzyklopädie" zu hoch gegriffen ist, denn im Grunde handelt es sich nur um Bilderbücher mit knappen Anmerkungen.

Das ist bei der illustrierten Enzyklopädie zu "Rogue One" nicht anders. Allerdings sind die Texte ausführlicher, zudem werden mehr großformatige, teils doppelseitige Bilder geboten. Obendrein wurden hier erstmals Risszeichnungen abgedruckt! Solche Zeichnungen (sie wurden von Kemp Remillard gefertigt) wurden bei den früheren Filmen immer in eigenen Bänden veröffentlicht. Zu guter Letzt sind auch noch Konzeptzeichnungen und Aufnahmen von den Dreharbeiten enthalten. Die Enzyklopädie hat somit den mehrfachen Umfang der älteren Bände! Die haben mir ja auch schon gefallen, aber diesmal bin ich geradezu begeistert. Ganz vollständig ist die Enzyklopädie jedoch nicht. Einzelne Figuren (Tarkin und Leia) fehlen komplett und Leias Fluchtschiff kommt nicht vor. Das finde ich schade, zumal die verschiedensten viel unwichtigeren Nebenfiguren mit Bild und Text vorgestellt werden. Möglicherweise waren Tarkin und Leia, bei denen es sich ja um reine CGI-Modelle handelt, bei Drucklegung des Buches noch nicht fertig – die Enzyklopädie ist vor dem Kinostart von "Rogue One" erschienen.

Wer wie ich anfangs Schwierigkeiten hatte, sich die Namen der vielen neuen Personen und Planeten von "Rogue One" zu merken, ist mit der Enzyklopädie bestens bedient. Sogar eine Galaxienkarte und eine Zeitleiste sind vorhanden, so dass man schön erkennen kann, wo sich die Schauplätze der sieben Star Wars – Filme befinden und welche geschichtlichen Ereignisse zum Bau des Todessterns geführt haben. Auch als Erinnerungsstück, in dem man gern immer wieder mal blättert und das sich im Regal gut macht, kann ich das Buch nur empfehlen. (13.03.2017)

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763
Wilsberg und die Malerin Jürgen Kehrer: Wilsberg und die Malerin
Grafit-Verlag, 2003
192 Seiten

Im Auftrag des Bankdirektors Jean Gessner führt Georg Wilsberg eine Geldübergabe durch. Ein Diebespärchen hat ein Gemälde aus Gessners Villa am Zürichsee entwendet und für 10.000 Euro zum Rückkauf angeboten. Wilsberg erhält dieselbe Summe, als er das Bild unbeschädigt in die Schweiz zurückbringt. Es ist leicht verdientes Geld für den chronisch abgebrannten Privatdetektiv aus Münster, deshalb behält er die Frage für sich, warum Gessner 20.000 Euro für ein Bild ausgibt, das nicht annähernd so viel wert ist. Die Antwort erhält er von Gessners Tochter Nora. Sie erklärt, dass es sich bei den Dieben um ihre jüngere Schwester Lena und deren Freund handelt. Lena war schon immer rebellisch und hat sich von der Familie losgesagt. Malen ist ihr Lebensinhalt. Nora befürchtet, Lena sei durch ihren Freund in Drogengeschäfte verwickelt oder gar süchtig gemacht worden. Wilsberg soll Lena aufspüren, damit Nora mit ihr reden kann. Der erste Teil des Auftrags ist schnell erledigt (Lena lebt in einer Künstlerkommune in Münster), doch Lena will nach wie vor nichts mit ihrer Familie zu tun haben, auch nicht mit ihrer Schwester. Wilsberg hinterlässt eine Visitenkarte.

Wenige Tage später steht Lena aufgelöst vor Wilsbergs Tür. Ihr Freund Simon ist tot. Lena glaubt, dass man ihn gezwungen hat, eine Drogen-Überdosis zu nehmen, und sie fühlt sich verfolgt. Wilsberg nimmt die junge Frau bei sich auf und zapft Hauptkommissar Stürzenbecher an, seinen Freund bei der Kriminalpolizei. Stürzenbecher bestätigt, dass Simon an einer Überdosis gestorben ist, aber angeblich gibt es keine Anzeichen für Fremdverschulden. Als Wilsberg nach Hause zurückkommt, ist Lena verschwunden. Sie hat ein eigenartiges Kunstwerk an die Wand gemalt. Wie sich herausstellt, wurde Lena entführt. Sie taucht nach einiger Zeit völlig verwirrt wieder auf. Die mutmaßlichen Täter schnüffeln bei Wilsberg herum, wobei sie Spuren hinterlassen. So wird Wilsberg auf die "Demokratische Alternative Deutschland" (DAD) aufmerksam, eine rechtspopulistische Datei unter dem Vorsitz des gewissenlosen Machtmenschen Gottfried Gruber. Nora, die inzwischen nach Deutschland gereist ist, erkennt Gruber auf einem Wahlkampfplakat. Der Mann war einmal zu Besuch bei ihrem Vater. Von einem Journalisten erfährt Wilsberg, dass eine Kollegin, die gegen Gruber recherchiert hat, bei einem Unfall gestorben ist.

Existiert eine Verbindung zwischen Gessners Bankhaus und der DAD? Was haben Simons Tod und der Unfall der Journalistin gemeinsam? Was haben die Entführer bei Lena gesucht – und befindet sich dieser Gegenstand womöglich noch in Wilsbergs Wohnung? Je tiefer Wilsberg gräbt, desto schmutziger werden die zu Tage geförderten Geheimnisse ...

Diesmal ist Wilsberg mehr auf Achse als in allen bisherigen Romanen zusammengenommen! Es geht in die Schweiz, zurück nach Deutschland, dann nach Liechtenstein und wieder in die Schweiz. Zudem ist Wilsbergs fünfzehnter Fall ziemlich verzwickt. Es tun sich immer neue Perspektiven auf, die sich nur langsam zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenfügen. Der simple Diebstahl eines Gemäldes ist nur der Auslöser für einen Trip quer durch den braunen Sumpf, in dem nicht nur Gessners Bankhaus mit drinsteckt. Ausländische Mächte und die Geheimdienste sind ebenfalls involviert. Im Gegensatz zum letzten Roman (Wilsberg und der tote Professor) bleibt die Handlung stets in sich schlüssig, das heißt, die Auflösung wird nicht herbeigezaubert, sondern durch solide Ermittlungen herausgearbeitet.

Dass Wilsberg bei derartigen Verflechtungen am Ende nicht unbedingt wie der große Gewinner dasteht, dürfte klar sein, auch wenn sich die Arbeit zumindest finanziell definitiv für ihn auszahlt. Ganz am Schluss wird noch eine nette kleine Wendung eingebaut, die dazu führt, dass eine bestimmte Figur plötzlich gar nicht mehr so sympathisch ist, wie Wilsberg zunächst dachte. Und das alles auf gerade mal 190 Seiten! Somit bleibt nur wenig Zeit für Wilsbergs Privatleben oder Lokalkolorit. Das schadet dem Roman nicht, zumal die Figurenzeichnung der Hauptakteure trotz aller Kürze gut gelungen ist. Wieder mal ein richtig guter Wilsberg und obendrein ein prophetischer. Zugegeben, auch im Erscheinungsjahr 2003 hat’s vergleichbare Entwicklungen gegeben (Schill-Partei in Deutschland, Jörg Haider in Österreich), aber die Parallelen zwischen der Demokratischen Alternative Deutschland und der realweltlichen AfD sind doch ein bisschen gruselig. (06.03.2017)


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762
Rauhnacht Volker Klüpfel / Michael Kobr: Rauhnacht
Piper, 2010
363 Seiten

Vor einem halben Jahr hat Kriminalhauptkommissar Kluftinger einen Terroranschlag in seinem Heimatort Altusried verhindert. Viele Menschen haben ihm das Leben zu verdanken, so auch Julia König, Besitzerin des im Gebirge bei Oberstdorf gelegenen Luxushotels "Königreich". Zum Dank spendiert König dem Kommissar einen mehrtägigen Aufenthalt im Hotel. Kluftinger wird nicht nur von seiner Frau Erika begleitet; zu seinem größtem Missfallen ist das befreundete Ehepaar Langhammer ebenfalls zu Gast im "Königreich". Die Besitzerin strebt eine Neuausrichtung des mit großem Aufwand renovierten und mit umfangreichen Wellnesseinrichtungen ausgestatteten Hotels an. Es werden besondere Events geboten, zum Beispiel ein Krimidinner, bei dem die Hotelbewohner selbst die Hauptrollen spielen dürfen. Genau das erwartet die zehn zur Neueröffnung geladenen Ehrengäste. Zwei professionelle Schauspieler und Königs Ehemann kommen noch hinzu. Für Kluftinger ist die Rolle des belgischen Meisterdetektivs Hercule Poirot vorgesehen. Als begeisterter Laienschauspieler schlüpft er nicht ungern ins Kostüm. Die Tatsache, dass das Hotel wegen eines Schneesturmes schon am ersten Tag völlig von der Außenwelt abgeschnitten ist, schmälert das Vergnügen nicht.

Aus dem Kriminalspiel wird Ernst. Ein Hotelgast namens Carlo Weiß wird tot in seinem Zimmer aufgefunden, dessen Tür aufgebrochen werden muss. Dr. Langhammer führt die Leichenschau durch und entdeckt eine Einstichstelle in der Leistengegend des Toten. Weiß war weder Diabetiker noch drogensüchtig. Wurde ihm also Gift injiziert? Wenn ja, dann muss der Täter noch anwesend sein, denn infolge des Schneesturms konnte niemand das Hotel erreichen oder verlassen. Telefon und Internet sind tot. Die Polizei kann nicht verständigt werden. Daher nimmt sich Kluftinger wohl oder übel des Falles an. Zu seinem Leidwesen ist er dabei nicht allein, denn Dr. Langhammer ist fest entschlossen, ihm zu assistieren. Der besserwisserische Dorfmediziner hält sich für einen begabten Ermittler, geht dem Kommissar jedoch nur gewaltig auf die Nerven.

Hotelgäste und Personal werden befragt. Dabei stellt Kluftinger fest, dass alle Gäste und selbst das Schauspieler-Ehepaar mit dem Opfer bekannt waren. Manche hatten sogar handfeste Mordmotive. Einige Mitglieder des Hotelpersonals machen sich ebenfalls verdächtig. Doch wie konnte der Täter aus dem von innen verschlossenen Zimmer entkommen? Durchs Fenster nicht, soviel kann festgestellt werden, und es gibt keinen anderen Zugang ...

In Kluftingers fünftem Fall ist für meinen Geschmack viel zu viel Langhammer enthalten. Der Kleinkrieg zwischen Klufti und seinem Intimfeind zieht sich durch alle Romane, wurde in den bisherigen aber viel dosierter eingesetzt. Diesmal artet das Ganze schon in Slapstick aus. Der übereifrige und diesmal allzu überzeichnete Möchtegern-Ermittler lässt sich überhaupt nicht mehr abschütteln und fällt nicht nur dem Kommissar auf die Nerven! Vielleicht wollten die Autoren auf diese Weise das aufgrund des Settings weggefallene Geplänkel zwischen Kluftinger und seinen Kollegen ersetzen. Ich muss sagen: Weniger wäre mehr gewesen! Leider wirken auch Kluftis unvermeidliche Missgeschicke zu bemüht, zu aufgesetzt. Natürlich benimmt sich der in dieser Beziehung ziemlich weltfremde Kommissar im Hotel wie die Axt im Walde. Das war zu erwarten, aber es wird zu dick aufgetragen.

Die Ereignisse im eingeschneiten Berghotel ereignen sich während der so genannten Rauhnächte. In diesen Nächten rund um die Mittwinterzeit gehen dem Volksglauben zufolge Geister und Dämonen um. Für die Story hat das rein gar keine Bedeutung und auch insoweit unterscheidet sich der Roman von den ersten Büchern der Klufti-Reihe. Brauchtum, Aberglaube und Lokalkolorit waren sonst nicht unwichtig für Kluftis Fälle. Diesmal nicht. Es kommt mir so vor, als sei der Roman als Hommage an Krimiklassiker von Agatha Christie, Arthur Conan Doyle usw. gedacht. Mord in einem von innen verschlossenen Zimmer, alle Protagonisten an einem Ort versammelt, den sie nicht verlassen können, jeder einzelne mit einem zunächst verborgenen Motiv – das kommt uns bekannt vor, nicht wahr? Die Auflösung des Falles ist nicht schlecht ausgedacht, nur war die Identität des Mörders für mich spätestens dann kein großes Geheimnis mehr, als klar wurde, dass alle Anwesenden das Opfer kannten.

Kluftis fünfter Fall ist vorhersehbar und viel zu klamaukig geraten. Für mich persönlich ist dies der schwächste Band der Reihe. (27.02.2017)


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761
Das Objekt Constantin Gillies: Das Objekt
Goldmann, 2015
383 Seiten

Schröder, Computerforensiker beim Dienstleister Forensecura, arbeitet am liebsten allein. Außerdem hat der in die Jahre gekommene Nerd wenig Erfahrung im Umgang mit Frauen. Die Zusammenarbeit mit seiner neuen Kollegin Harriet Thorborg beginnt deshalb denkbar schlecht. Schröder hat nichts Besseres zu tun, als das Hinterteil der attraktiven jungen Frau mit seiner Webcam zu filmen, was ihr natürlich nicht verborgen bleibt. Schon beim ersten gemeinsamen Auftrag beweist Harriet, dass sie mindestens genauso viel auf dem Kasten hat wie Schröder, der sich nur zu gern als Chef aufspielen würde. Die Kriminalpolizei zieht Forensecura in einem Mordfall hinzu. Ein gewisser Jan Kellermeister wurde zu Hause von einem Scharfschützen erschossen. Es gibt keine Hinweise auf das Motiv, aber der unbekannte Täter hat auch auf den Computer des Opfers geschossen. Die Festplatte wurde zerstört. Dennoch kann Harriet einen Großteil der Daten retten, mit denen sich das Mordopfer zuletzt beschäftigt hat. Neben Pornobildern (Kellermeister war Achselfetischist) befinden sich zahlreiche körnige Schwarzweißaufnahmen im Hauptspeicher des Computers.

Schröder erkennt sofort, womit er es zu tun hat. Kellermeister war einer von vielen Enthusiasten, die am Lunar Image Project der NASA mitgearbeitet und Aufnahmen von der Mondoberfläche ausgewertet haben. Die Bilder sind in den Sechzigerjahren zur Vorbereitung der Mondlandung angefertigt worden und sollen jetzt mit aktuellen Aufnahmen verglichen werden. Man hofft, auf diese Weise erkennen zu können, wie sich die Mondoberfläche in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Die Qualität der alten Bilder ist zu schlecht für eine Auswertung durch Computer. Freiwillige in aller Welt können sich Bilder von einer Webseite herunterladen, am heimischen PC bearbeiten und wieder zurückschicken. Da nicht anzunehmen ist, dass sich der Mörder für Achselpornos interessiert hat, gehen Schröder und Harriet davon aus, dass Kellermeister auf den NASA-Bildern etwas entdeckt hat, das nicht an die Öffentlichkeit gelangen darf. Schröder wendet sich per Mail an das Project, um mehr über die Hintergründe zu erfahren.

Zur gleichen Zeit in den USA: Jesko von Neumann, Ex-Mitarbeiter des NASA-Jet Propulsion Laboratory und jetziger Chef des Project, entgeht nur knapp dem Tod, als Unbekannte das Gebäude in die Luft jagen, in dem er arbeitet. Wenig später erhält Neumann Schröders Mail. Der Computerforensiker und seine Kollegin sind bereits in den USA. Sie sollen an einer Schulung in Las Vegas teilnehmen. Den Laptop mit Kellermeisters Daten hat Harriet dabei. In Vegas kommen sich Schröder und Harriet ein wenig näher. Tatsächlich ist Schröder bereits rettungslos verliebt. Nachts werden beide in ihren Hotelzimmern überfallen. Harriet wird entführt ...

Remittendentische. Welche Leseratte kennt diese Fundgruben für preiswerte Taschenbücher nicht? Die so genannten "preisreduzierten Mängelexemplare" (die meist überhaupt keine Mängel außer einem Stempelaufdruck auf dem Unterschnitt haben) unterliegen nicht der Buchpreisbindung und sind so günstig, dass ich gern mal Risiken eingehe. Manchmal habe ich Pech und erwische Machwerke, für die selbst ein Euro noch zu viel wäre. Manchmal dagegen finde ich echte Perlen. Auf diese Weise habe ich so manchen mir bis dahin nicht bekannt gewesenen Autor entdeckt, dessen (vollpreisige!) Bücher seitdem bei mir den "Autobuy-Reflex" auslösen. "Das Objekt" rangiert irgendwo dazwischen. Ich fand den Roman unerwartet unterhaltsam und bin durchaus neugierig auf andere Werke von Gillies geworden ... aber ein weiteres Buch würde ich mir doch lieber wieder als preisreduziertes Mängelexemplar zulegen!

Die Story ist durchaus spannend, wenn man die etwas zu weit hergeholte Ausgangssituation geschluckt hat. Schließlich geht es "nur" um alte Fotos von der Mondoberfläche, auf denen etwas zu sehen ist, bei dem es sich möglicherweise um ein nicht von Menschenhand gefertigtes Objekt handeln könnte, ebenso gut aber auch um eine Bildstörung. Ich finde es nicht glaubwürdig, dass die Hintermänner bereit sind, mehrere Morde im In- und Ausland zu begehen sowie einen Bombenanschlag mitten in einer amerikanischen Großstadt zu verüben, um zu verhindern, dass diese Bilder an die Öffentlichkeit gelangen. Dadurch wird viel zu große Aufmerksamkeit auf das Project gelenkt! Geschickter wäre es gewesen, das Project still und leise einschlafen zu lassen und die Mitarbeiter als Verschwörungstheoretiker zu diffamieren. Zudem endet gefühlt jedes Kapitel mit einem Cliffhanger. Die vermeintliche Bedrohung entpuppt sich in der Regel als völlig harmlos. Das funktioniert irgendwann nicht mehr. Wie dem auch sei: Ich konnte mitfiebern, denn die Figurenzeichnung ist gut gelungen. Am Ende hat sich sogar ein wenig "Sense of Wonder" eingestellt, jenes schwer zu beschreibende sehnsuchtsvolle Gefühl, das SF-Fans und Sternguckern gut bekannt sein dürfte. Einen befriedigenden Schluss gibt es nicht. Weder erfährt man, wer die Hintermänner sind, noch worum es sich beim titelgebenden Objekt handelt.

Was den Roman für Menschen, die in den Siebzigern und Achtzigern aufgewachsen sind, zu etwas Besonderem macht, das ist "Schröders innerer Film". Der Ich-Erzähler in den Schröder-Kapiteln (andere Kapitel haben die auktoriale Erzählsituation) vergleicht alle Erlebnisse permanent mit entsprechenden Situationen aus Filmen, Fernsehserien und Games seiner Kindheit. Er spricht in Zitaten, die von der viel jüngeren Harriet meist nicht verstanden werden, lässt unzählige Anspielungen einfließen und ist begeistert, als sich Harriet als PC-Puristin erweist, die lieber Textbefehle eingibt, als Klickibunti-Benutzeroberflächen zu bedienen. Das alles macht natürlich besonders viel Spaß, wenn man so alt ist wie Schröder und die Referenzen versteht. Gillies geht nicht so weit wie Ernest Cline in Ready Player One, dennoch sind Schröders Jugenderinnerungen nicht unwichtig für den Showdown. Dabei spielt ein C64 eine entscheidende Rolle! (20.02.2017)


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760
Der Schatz im Silbersee Karl May: Der Schatz im Silbersee
Kindle Edition

Im Jahre 1870 streifen große Gruppen von Gesetzlosen durch den Wilden Westen. Diese so genannten Tramps rauben und morden, wo immer sie sich durch Betrug oder schiere Überzahl im Vorteil wähnen. Sie überfallen Farmen, rauben Reisende aus und schrecken auch sonst vor keiner Schandtat zurück. Einer ihrer gefährlichsten Anführer ist ein gewissenloser Schurke namens Brinkley, den man den "roten Cornel" nennt. Er ist mit einigen Spießgesellen unterwegs zum Silbersee in den Rocky Mountains, auf dessen Grund ein gewaltiger Schatz liegen soll. Brinkley hat bereits einige Morde begangen, um an die Schatzkarte heranzukommen. Ein aus Deutschland stammender Polizeiagent namens Sebastian Melchior Pampel, besser bekannt als "Tante Droll", ist ihm auf den Fersen. Auf einem Raddampfer, der den Arkansas hinauffährt, gerät der rote Cornel mit dem berühmten Westmann Old Firehand aneinander. Auch Old Firehands Ziel ist der Silbersee. Er hat dort reiche Silber- und Goldvorkommen entdeckt, deren Ausbeutung er mit der Hilfe des Ingenieurs Butler vorbereiten möchte. Der rote Cornel stiehlt Butlers gesamtes Vermögen und setzt sich ab. Er schart immer mehr Tramps um sich und plant verschiedene Überfälle. Eine Gruppe von Holzfällern, die Farm von Butlers Bruder und eine Eisenbahnstation sollen ausgeraubt werden. Old Firehand, Tante Droll und einige andere Westmänner folgen den Tramps, um ihre Pläne zu durchkreuzen. Winnetou schließt sich ihnen an.

Zur gleichen Zeit begegnet Old Shatterhand, der mit seinem Schüler Heliogabalus Morpheus Edeward Franke ("Hobble-Frank") unterwegs ist, den Westmännern Humply-Bill und Gunstick-Uncle. Die beiden wurden gerade erst vom abenteuerlustigen und wettbegeisterten Lord Castlepool aus Schottland als Führer angeheuert. Alle fünf geraten in Konflikt mit Großer Wolf, einem Häuptling der Utahs. Dieser Stamm wurde von den Tramps des roten Cornel überfallen und hat deshalb das Kriegsbeil ausgegraben. Die Utahs haben allen Weißen den Tod geschworen. Old Shatterhand und seine Gefährten sollen am Marterpfahl sterben ...

"Der Schatz im Silbersee" dürfte einer der bekanntesten Romane Karl Mays sein, zumindest was den Titel angeht, denn die 1962 uraufgeführte, extrem erfolgreiche Verfilmung trägt denselben Titel. Dieser Film war der Auftakt der allseits bekannten Karl-May-Verfilmungen. Pierre Brice und Lex Barker waren zum ersten Mal als Winnetou und Old Shatterhand zu sehen. Der Film weicht allerdings ganz erheblich vom Roman ab. Im Text spielen Winnetou und Old Shatterhand zunächst einmal überhaupt keine Rolle. Sie stoßen erst in der zweiten Hälfte hinzu. Hauptfigur der ersten Hälfte ist Old Firehand. Deshalb verwundert es nicht, dass es in diesem Teil keinen Ich-Erzähler gibt. Doch dabei bleibt es, das heißt, Old Shatterhand erzählt ausnahmsweise nicht selbst. Old Firehand tritt später gegenüber den beiden großen Helden in den Hintergrund und die Tramps (auch der rote Cornel), die ja über mehrere Kapitel hinweg als Hauptantagonisten aufgebaut wurden, werden schnell abserviert. Sobald Old Shatterhand hinzukommt, nehmen die fiesen Utahs die Position der Oberschurken ein. Ich hatte den Eindruck, dass hier zwei völlig verschiedene Romane eher ungeschickt zusammengekleistert wurden.

Die Handlung besteht größtenteils aus den üblichen Versatzstücken. Verschiedene Gegner werden von "den Guten" belauscht, so dass ihre finsteren Pläne relativ leicht durchkreuzt werden können. Dennoch geraten die Helden mehrmals in Gefangenschaft. Sie müssen um ihr Leben kämpfen oder werden von Freunden befreit. Am Schluss kommt ein wenig Flair in die Story, wenn es tatsächlich um den uralten versunkenen Schatz geht. Alles wie gewohnt also und durchaus unterhaltsam, aber nichts Besonderes, wenn man davon absieht, dass es von Anfang bis Ende ganz schön blutig zugeht. In den zahlreichen Kämpfen kommen unzählige Tramps ums Leben, dem roten Cornel werden die Ohren abgeschnitten, Menschen werden zu Tode gemartert und bei lebendigem Leibe skalpiert, über 100 Utahs ertrinken ... in späteren Werken Karl Mays kommen nicht so viele Grausamkeiten vor. Eine weitere Besonderheit sind die vielen skurrilen Figuren, mit denen sich Old Firehand und Old Shatterhand umgeben. Tante Droll wird zum Beispiel wie ein Transvestit oder Transsexueller beschrieben. Er stammt aus Sachsen und redet in einer merkwürdigen Mundart, wenn er mit Landsleuten spricht. Die entsprechenden Textstellen sind nicht ganz leicht zu lesen. Sobald Tante Droll seinem Vetter Hobble-Frank begegnet, werden ganze Seiten mit derartigen schrägen Dialogen gefüllt. Hobble-Frank, ebenfalls Sachse, hat einen etwas anderen Dialekt und obendrein die Angewohnheit, Fremdworte völlig falsch zu benutzen. Das ist irgendwann nicht mehr lustig. (13.02.2017)


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759
Ozymandias Thomas F. Monteleone: Ozymandias
Moewig, 1983
192 Seiten

Die menschliche Hochkultur der "Ersten Zeit" ist in einem apokalyptischen Krieg untergegangen. Zweitausend Jahre später künden nur noch Mythen und Legenden von der einstigen Größe der Menschheit. Die Überlebenden der globalen Katastrophe sind auf eine mittelalterliche Zivilisationsstufe zurückgefallen und leben in den nicht verseuchten Gebieten entlang des Golfs von Aridard. Inmitten der Eisenwüste, dem Schauplatz der letzten großen Schlacht am Ende der Ersten Zeit, erhebt sich die Zitadelle, eine sich selbst versorgende und von einer künstlichen Intelligenz gesteuerte Verteidigungsanlage, in deren Datenspeichern umfassende Informationen über alle Errungenschaften der Ersten Zeit gespeichert sind. Während der Entscheidungsschlacht hat die KI – der Wächter – einen Kyborg namens Kartaphilos entsandt. Das mit einem menschlichen Gehirn ausgestattete Maschinenwesen sollte Hilfe herbeiholen, konnte diese Mission aber erst Jahrhunderte später erfüllen, als der Krieg längst in Vergessenheit geraten war.

22 Jahre sind vergangen, seit vier Abenteurer die Zitadelle entdeckt haben. Der Wächter hat sie getestet und ihnen dann die Freiheit geschenkt. Danach haben der Wächter und Kartaphilos ein ehrgeiziges Projekt in Angriff genommen: Die Erschaffung eines menschlichen Körpers für den Wächter. Nun ist der zu diesem Zweck hergestellte genmanipulierte und mit übermenschlichen Kräften ausgestattete Klon eines vor Jahrtausenden gestorbenen Soldaten bereit zur Aufnahme des Maschinengeists. Die KI wird in den Körper des Klons transferiert. Sie gibt sich selbst den Namen Ozymandias nach einer Figur in einem uralten Gedicht. Begleitet von Kartaphilos verlässt Ozymandias die Zitadelle, um die Menschen kennenzulernen und das Zeitalter der Barbarei mit Hilfe seines enormen Wissens zu beenden. Auf der Insel Gnarra geht Ozymandias bei dem Magier Beldamo in die Lehre und verliebt sich in dessen Enkelin Miratrice. Um mit ihr zusammen sein zu können, lässt sich Ozymandias für die Zwecke Beldamos instrumentalisieren. So wird er gegen seinen Willen zur Galionsfigur für einen heiligen Krieg ...

"Ozymandias" und Zitadelle des Wächters bilden einen Doppelroman. Allerdings muss man "Zitadelle des Wächters" nicht gelesen haben, um "Ozymandias" zu verstehen. Die Hauptfiguren Varian Hamer, Tessa, Stoor und Raim spielen keine Rolle mehr. Nur Varian und Stoor werden am Rande erwähnt. Ihre Suche nach der Zitadelle sowie die dortigen Erlebnisse haben nicht die geringste Bedeutung für den zweiten Roman. Band 1 kann aufgrund des skizzenhaften Weltenbaus und der Abservierung der Hauptfiguren nicht mal als Expositionsphase für Band 2 bezeichnet werden. Der Wächter kommt am Ende von Band 1 auf die Idee, einen lebenden Körper für sich selbst herzustellen. Daran knüpft Band 2 an – das ist alles. Somit wird die an sich schon dünne Story von "Zitadelle des Wächters" noch weiter entwertet.

Der zweite Roman wirkt in sich geschlossener als "Zitadelle des Wächters", weil sich von Beginn an alles auf die beiden Hauptfiguren Ozymandias und Kartaphilos konzentriert. Die erste Romanhälfte berichtet von der Selbstfindung des zum Menschen gewordenen Computers. Das ist ganz interessant, allerdings frage ich mich, wie diese Menschwerdung eigentlich funktioniert. Im Computernetzwerk der Zitadelle scheint danach keine Spur des Wächters mehr vorhanden zu sein, das heißt, sein "Bewusstsein" wird nicht in das menschliche Gehirn kopiert, sondern tatsächlich restlos übertragen. Das kommt mir merkwürdig und leichtsinnig vor. Schließlich wäre das gesamte Wissen der Vorzeit im Falle von Ozymandias' Tod für immer verloren! Die Geschichte läuft ein bisschen aus dem Ruder, sobald Ozymandias Miratrice begegnet und zum Zauberlehrling wird. Das große Ziel, zu dessen Zweck er erschaffen wurde, erreicht Ozymandias nicht. Er unternimmt aber auch kaum noch entsprechende Anstrengungen. Insgesamt und unter Berücksichtigung von "Die Zitadelle des Wächters" kann ich nur sagen: Die gute Grundidee wurde nicht überzeugend umgesetzt. Zu unausgegoren, lieblos ausgearbeitet und skizzenhaft wirkt das Ganze. (06.02.2017)


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758
Die Farben der Magie Terry Pratchett: Die Farben der Magie
Heyne, 1995
270 Seiten

Auf dem Rücken von vier planetengroßen Elefanten, welche auf dem Panzer der noch weit größeren kosmischen Schildkröte Groß-A'Tuin stehen, ruht eine Welt, die sich von den meisten anderen Welten des Universums nicht nur durch die Scheibenform unterscheidet, sondern auch durch die Tatsache, dass Magie dort den Stellenwert einer Elementarkraft hat. Die Scheibenwelt dreht sich um sich selbst und in ihrem Zentrum erhebt sich ein zehn Meilen hoher Berg – der Sitz der Scheibenweltgötter – inmitten eines Landes, in dem ewiger Winter herrscht. Zum Rand hin werden die klimatischen Verhältnisse angenehmer. Ein ringförmiger Ozean umschließt die Landmassen und am Rand der Welt ergießt sich ein gewaltiger Wasserfall in die Tiefen des Alls. Die Menschen sind nicht die einzigen intelligenten Bewohner der Scheibenwelt. Elfen, Zwerge, Kobolde, Trolle und andere Kreaturen leben dort einträchtig neben- und miteinander. Die größte Stadt der Scheibenwelt trägt den Namen Ankh-Morpork. Dort befindet sich die Unsichtbare Universität, der Hauptsitz der Zauberer.

Rincewind, ein ehemaliger Student der Unsichtbaren Universität, ist der schlechteste Zauberer, der je auf der Scheibenwelt gelebt hat. Abgesehen von der Gabe, die Farbe Oktarin zu sehen und somit Dinge wahrzunehmen, die für andere Menschen unsichtbar sind, besitzt er keinerlei magische Fähigkeiten. Er beherrscht nur einen einzigen Zauberspruch – oder vielmehr verhält es sich umgekehrt. Um eine Wette zu gewinnen, hat Rincewind heimlich im uralten Grimoire "Oktav" geblättert. Dabei ist der Spruch von den Seiten direkt in sein Gehirn gesprungen und hat sich dort unauslöschlich eingebrannt. Niemand weiß, was dieser Spruch bewirkt, aber es steht fest, dass es sich um eine der acht mit dem Gefüge von Raum und Zeit verbundenen fundamentalen Formeln handelt. In Situationen großer Gefahr drängt sich der Spruch stets in den Vordergrund, doch bisher ist es Rincewind immer gelungen, ihn nicht auszusprechen.

Eines Tages begegnet Rincewind in Ankh-Morpork einem Ausländer namens Zweiblum, der sich äußerst merkwürdig verhält. Zweiblum versteht die Landessprache nicht, reagiert mit naiver Begeisterung auf alle möglichen Alltäglichkeiten, wirft mit Gold nur so um sich und merkt nicht, dass er gnadenlos über den Tisch gezogen wird. Kurz: Er ist der erste Tourist der Scheibenwelt. Zweiblum wird von einer großen Truhe aus intelligentem Birnbaumholz begleitet. Das wehrhafte Möbelstück läuft auf unzähligen winzigen Beinchen, ist praktisch unzerstörbar und beschützt seinen Herrn wie ein treuer Hund. Da Rincewind Zweiblums Sprache spricht, wird er vom Patrizier Ankh-Morporks verpflichtet, dem Fremden als Führer zu dienen. Zweiblum stammt vom mächtigen Gegengewichts-Kontinent, dessen Feindschaft sich der Patrizier nicht leisten kann. Rincewind soll sicherstellen, dass Zweiblum glücklich nach Hause zurückkehrt.

Diese Aufgabe übersteigt Rincewinds Fähigkeiten bei weitem. Zweiblums märchenhafter Reichtum lockt allerlei Gesindel an, außerdem überlegen sich die Mächtigen des Gegengewichts-Kontinents die Sache anders: Zweiblum soll sterben. Infolge eines von Zweiblum verursachten Missverständnisses zündet der Besitzer einer Taverne selbige an, was dazu führt, dass bald die ganze Stadt in Flammen steht. Rincewind und Zweiblum fliehen, doch damit sind ihre Abenteuer noch lange nicht zu Ende, denn die beiden ungleichen Gefährten sind Figuren in einem Spiel der Götter, bei dem der Tod höchstpersönlich ein Wörtchen mitzureden hat!

Mit diesem Buch, erstmals erschienen im Jahre 1983, beginnt eine der erfolgreichsten und lustigsten Reihen des Fantasy-Genres. 40 weitere Scheibenwelt-Romane wurden seitdem veröffentlicht! Darin wird zwar keine fortlaufende Geschichte erzählt, viele Romane sind aber eng miteinander verknüpft. Die Story von "Die Farben der Magie" wird zum Beispiel in "Das Licht der Fantasie" direkt fortgesetzt und Rincewind, der erfolglose Zauberer, kommt in zahlreichen anderen Scheibenwelt-Geschichten vor.

Der Roman ist eindeutig als Parodie angelegt. Viele Klischees, Stereotypen und Topoi des Fantasy-Genres werden auf die Schippe genommen. So sind Rincewind und Zweiblum offensichtlich Figuren in einem Tabletop-Rollenspiel der Scheibenwelt-Götter, genau wie zum Beispiel Hrun der Barbar, den man als Inkarnation sämtlicher Hauptfiguren der trivialen Heroic Fantasy bezeichnen könnte. Er hat sogar ein sprechendes Zauberschwert! Der kundige Leser wird zahlreiche Anspielungen finden, etwa auf Anne McCaffreys Serie rund um die Drachenreiter von Pern. Rincewind, Zweiblum und Hrun kämpfen sich durch einen Tempel, der inklusive der darin hausenden unaussprechlich bösen Kreatur aus der Feder H.P. Lovecrafts stammen könnte. Obendrein lässt Pratchett immer wieder Seitenhiebe auf die reale Welt einfließen. So ist Zweiblum von Beruf Versicherungsvertreter. Versicherungen sind in Ankh-Morpork unbekannt. Man missversteht sie als eine Art Wette, bei der Zweiblum sein Geld darauf setzt, dass kein Feuer ausbricht. Der Abschluss einer einzigen Feuerversicherung genügt daher, um Ankh-Morpork in Flammen aufgehen zu lassen. Der Roman strotzt bei aller Kürze nur so vor skurrilen Ideen dieser Art! Pratchetts unverwechselbarer Humor hat mir nach all den Jahrzehnten immer noch so manches Grinsen entlockt, obwohl ich den Roman schon kannte. Es wäre mir allerdings lieber gewesen, wenn der Autor auf Interjektionen wie "Arrgh" und dergleichen verzichtet hätte. Und manche Wortspiele muss man sich wegen der deutschen Übersetzung selbst zusammenreimen.

Als erster Band der Reihe enthält "Die Farben der Magie" natürlich ziemlich viel Exposition. Pratchett beschränkt sich jedoch nicht auf Abhandlungen zur Scheibenwelt und zu ihren Bewohnern. Stattdessen schickt er seine Protagonisten in verschiedene Gegenden der Scheibenwelt und lässt sie die absonderlichsten Abenteuer erleben, um dem Leser nicht zu erklären, sondern zu zeigen, wie diese magische Welt beschaffen ist. Rincewind und Zweiblum landen sogar mal in "unserer" Realität! Die Story wirkt ein wenig uneinheitlich, denn die Hauptkapitel sind wie thematisch zusammenhängende Kurzgeschichten gestaltet. Es kommt sogar zu einem größeren Zeitsprung zwischen zwei Kapiteln. Rincewind, der als eher zwielichtige Figur eingeführt wird, nutzt Zweiblum zu Beginn nur aus und würde ihn im Stich lassen, hätte der Patrizier nicht andere Ziele. Nach der Lücke wirkt Rincewind viel sympathischer. Er und Zweiblum müssen in der nicht erzählten Zeit viel gemeinsam erlebt haben und sind danach Freunde.

"Die Farben der Magie" ist ein humorvolles Ideenfeuerwerk, das mich zu einem Mammutprojekt inspiriert hat. Ich habe die ersten beiden Romane vor vielen, vielen Jahren mit dem größten Vergnügen verschlungen. Dann habe ich die Reihe sträflich vernachlässigt. Das soll anders werden! Ich habe mir vorgenommen, alle Scheibenwelt-Romane von Beginn an zu lesen. Das kann allerdings einige Jahre dauern ... (31.01.2017)


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757
Seelengesänge Peter F. Hamilton: Seelengesänge
Bastei Lübbe, 2001
923 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Fehlfunktion.

Die Besessenen konnten sich über mehrere Konföderationswelten ausbreiten. Ihre Ziele bestehen darin, so viele ihrer Leidensgenossen wie möglich aus dem Jenseits zu befreien und die okkupierten Planeten mit vereinten Kräften aus dem vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum herauszulösen. So hoffen sie Freiheit und ewiges Leben zu erlangen. Doch nicht alle Besessenen verfolgen diese Ziele. So verlässt Quinn Dexter den von ihm unterworfenen Planeten Norfolk und reist zur Erde. Die Urheimat der Menschheit soll Satan geopfert werden. Auf dem Planeten New California wird Al Capone wiedergeboren, dessen Verbrechersyndikat in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts über die irdische Stadt Chicago geherrscht hat. Capone setzt sich an die Spitze der schlecht organisierten Besessenen und gewinnt innerhalb kurzer Zeit die Kontrolle über den gesamten Planeten. Er will das neue Leben im Diesseits nicht aufgeben und unterdrückt das Bestreben der Possessoren, die Welt in eine andere Dimension zu versetzen. Da Nicht-Besessene zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft und zum Aufbau einer schlagkräftigen Flotte gebraucht werden, leben auf New California bald Menschen aus beiden Lagern mehr oder weniger friedlich zusammen. Mit Hilfe seiner Geliebten, dem nicht besessenen Superstar Jezzibella, plant Al Capone die Ausdehnung seiner Herrschaft auf andere Planeten.

Die Lady MacBeth kehrt mit zahlreichen Überlebenden nach Tranquility zurück. Die von Kelly Tirrel angefertigte Sens-O-Vis-Dokumentation über die Ereignisse auf Lalonde schlägt ein wie eine Bombe. Die Wahrheit über die Invasion verbreitet sich wie ein Lauffeuer über die gesamte Konföderation. Durch Latons letzte Botschaft erfahren gleichzeitig auch die Edeniten, welche Bedrohung auf Lalonde entstanden ist. Als die zum Königreich Kulu gehörende Welt Ombey von den Besessenen infiltriert wird, setzt sich Ralph Hiltch, ehemaliger Chef des königlichen Geheimdienstes ESA auf Lalonde, an die Spitze der Verteidiger. Seinem Wissen ist es zu verdanken, dass die Invasion durch harte Gegenschläge eingedämmt werden kann. Die Possessoren bleiben unbesiegt, können die von ihnen besetzte Halbinsel Mortonridge aber nicht verlassen. Durch all diese Ereignisse wird das wahre Ausmaß der Bedrohung klar. Im "Jenseits" warten Millionen von Seelen auf eine Rückkehr in die Welt der Lebenden. Wird ein Besessener vernichtet, so kehrt seine Seele ins Jenseits zurück und könnte erneut wiedergeboren werden. Jeder Mensch, der im Kampf gegen die Possessoren fällt, verstärkt ihre Reihen nur noch. Die Entwicklung neuer Waffen kann also nicht die Lösung sein – es muss eine Möglichkeit gefunden werden, wie sich die Possession ohne Folgeschäden für das Opfer rückgängig machen lässt. Adamisten und Edeniten erkennen, dass sie zusammenarbeiten müssen, um ihre Zivilisationen vor dem Untergang zu bewahren.

Die Besessenen sind nicht die einzige Gefahr, der sich die Konföderation stellen muss. Dr. Alkad Mzu, eine der letzten Überlebenden des Planeten Garissa, der vor über 30 Jahren von den Omutanern unbewohnbar gemacht worden ist, hat seinerzeit einen als "Alchimist" bezeichneten Planetenkiller entwickelt. Dr. Mzu wurde jahrzehntelang in Tranquility von den Geheimdiensten der verschiedenen Machtblöcke beobachtet, konnte aber entkommen. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass sie die ultimate Waffe einsetzen will, um sich an Omuta zu rächen. Ione Saldana bittet Joshua Calvert, Dr. Mzu abzufangen. Sollte der Alchimist in Massenproduktion gehen, wäre ein galaktischer Krieg unausweichlich ...

Dies ist der dritte Teil des "Armageddon"-Zyklus, einer modernen Space-Opera, die von Anfang an in derart epischer Breite angelegt wurde, dass die Beurteilung einzelner Romane schwierig ist. In jedem Einzelband wird nicht nur eine durchgehende Geschichte erzählt – es sind unzählige! Im obigen Teaser habe ich nur die wichtigsten Handlungsebenen erwähnt, dasselbe habe ich bei den ersten beiden Romanen getan. Alle Romane enthalten so viel mehr, dass ich einige Seiten füllen müsste, um zu erzählen, was mit den vielen Haupt- und Nebenfiguren geschieht. Das kann ich mir jedoch sparen, denn nicht alles ist relevant für den Fortgang des Zyklus, sondern dient der Ausarbeitung des gewaltigen fiktiven Konföderations-Universums und der Figurenzeichnung. Aus diesem Grund habe ich zum Beispiel den ESA-Agenten Ralph Hiltch in den Kurzzusammenfassungen der ersten beiden Romanen nicht erwähnt, obwohl er dort durchaus schon eine prominente Rolle spielt. Seinen Taten kommt erst jetzt entscheidende Bedeutung zu. Dr. Alkad Mzu ist auch so ein Fall. Tatsächlich beginnt der gesamte Zyklus mit einem Kapitel, in dem sie die Hauptfigur ist! Was damals geschehen ist, wird erst jetzt wichtig.

Das soll absolut nicht heißen, dass all diese Inhalte in den bisherigen Romanen sinnlos oder langweilig wären. Ganz im Gegenteil! Durch den häufigen Perspektivwechsel ist ein stetig hohes Spannungslevel garantiert und ich würde nicht sagen, dass Hamilton zu ausführlich schreibt. Er nimmt sich einfach die Zeit, die er zur Entwicklung einer komplexen Welt braucht. Hier einige der von mir nicht erwähnten Subplots: Louise Kavanagh und ihre jüngere Schwester Genevieve fliehen von Norfolk, wobei ihnen der wiedergeborene Fletcher Christian hilft (ganz recht, der von der Bounty). Schon in den vorherigen Bänden war zu lesen, dass nicht alle Besessenen bösartig sind. Christian scheint wirklich keine üblen Hintergedanken zu haben. Ähnliches gilt für die wiedergeborene Loren Skibbow, eine auf Lalonde gestorbene Siedlerin. Sie hilft ihrem Mann Gerald, das von Besessenen eingenommene BiTek-Habitat Valisk zu erreichen, damit er ihre Tochter Marie von der Possession befreien kann. Maries Possessorin wiederum hat einen Lockruf in die Galaxie ausgestrahlt, dem zahlreiche junge Nicht-Besessene folgen. Außerdem erfahren wir, dass die Kiint und die Tyrathca (mit der Konföderation assoziierte Aliens) in der Vergangenheit ebenfalls mit Possessoren zu kämpfen hatten.

In "Seelengesänge" schreitet die Ausbreitung der Besessenen weiter voran, entscheidende neue Erkenntnisse bleiben diesmal noch aus. Zumindest begreifen die Menschen endlich, womit sie es wirklich zu tun haben, und sie schlagen zurück. An verschiedenen Beispielen wird gezeigt, wie so etwas verlaufen kann. New California ist ein Sonderfall. Al Capone und Jezzibella bilden ein echtes Duo infernale. Die beiden schillernden und absolut gegensätzlichen Figuren werden in diesem Roman besonders gut ausgearbeitet.

Ich finde den Zyklus immer noch klasse, nur ein Aspekt kommt für meinen Geschmack zu kurz. Die Menschen wissen jetzt, dass es ein "Jenseits" gibt und dass sie nach dem Tod praktisch auf der Seite der Possessoren stehen werden. Inwieweit verändert sich dadurch ihre Einstellung zum Leben, zu den Religionen und zum Kampf gegen die Possessoren? Dieser Aspekt wird nur ab und zu mal kurz erwähnt, aber nicht vertieft. (25.01.2017)


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756
Signal Alan Dean Foster: Signal
Bastei Lübbe, 2013
350 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Genom.

Von Morgan Ouspel, dem möglicherweise einzigen Menschen, dem jemals die Flucht aus der geheimen SAHV-Forschungseinrichtung "Nerens" in der Namib-Wüste gelungen ist, haben Dr. Ingrid Seastrom und Whispr Navigationsdaten erhalten, die genau dorthin führen. Das ungleiche Paar macht sich auf den Weg. Die beiden haben allerdings keine Idee, wie sie in die bestens gesicherte Anlage hineinkommen sollen. Der Auftragskiller Napun Molé hat ihre Spur verloren, gibt die Suche aber nicht auf. Ihm geht es jetzt nicht mehr nur darum, seinen Auftrag zu erfüllen und den vermeintlichen Speicherfaden sicherzustellen, dessen Geheimnis Ingrid und Whispr zu lösen hoffen. Er betrachtet die Tatsache, dass seine Opfer mehrmals entwischen konnten, als persönliche Beleidigung. Ingrid und Whispr müssen sterben, das steht fest – aber Molé will sicherstellen, dass das nicht zu schnell geschieht, bevor seine perversen Gelüste gestillt sind.

In der Namib müssen sich Ingrid und Whispr mit wilden Tieren, gefährlichen Naturerscheinungen, einem geldgierigen Fremdenführer, einem Diamantensucher, genoptimierten Erdmännchen sowie San-Buschleuten auseinandersetzen, die sich radikalen Melds unterzogen haben und unerkannt in unmittelbarer Nähe von Nerens leben. Mit Hilfe der letzteren gelingt es ihnen tatsächlich, die Anlage zu infiltrieren. Durch pure Dreistigkeit gelangen sie bis zur Sicherheitstür eines Labors, in dem vermutlich jenes Material hergestellt wird, das unter den auf der Erde herrschenden Bedingungen eigentlich nicht existieren dürfte. Was sich hinter dieser Tür verbirgt, bringt ihr gesamtes Weltbild ins Wanken ...

Foster hatte schon in Band 2 der "Wendepunkt-Trilogie" kaum noch etwas zu erzählen und dasselbe gilt für sechs Siebtel des Abschlussbandes. Das sind 300 nicht enden wollende, größtenteils verzichtbare Seiten. Ingrid und Whispr stolpern durch die Wüste und kommen nur aufgrund unglaubwürdiger Zufälle mittels fremder Hilfe weiter, während ihre ach so überlegenen Verfolger weiterhin überhaupt nichts erreichen. Whispr, den der Autor vergeblich zu einer positiven Figur aufzubauen versucht, hechelt Ingrid hinterher, während Molé zu einer Art Hannibal Lecter mutiert. Der Tiefpunkt ist erreicht, als sechs bis an die Zähne bewaffnete Elitesöldner in der Namib landen, um Ingrid und Whispr auszuschalten, aber selbst niedergemetzelt werden – von Erdmännchen! Dieses an sich schon vollkommen sinnlose Kapitel könnte man fast als Leserverhöhnung bezeichnen.

Auf den letzten 50 Seiten wird dann endlich enthüllt, was es mit dem in Ingrids BH versteckten Distributor und den quantenverschränkten Neuroimplantaten auf sich hat, mit denen zahlreiche Jugendliche auf der ganzen Welt versorgt worden sind. Damit ihr euch nicht durch diesen Roman quälen müsst, folgt hier ein Spoiler: Es gibt unzählige außerirdische Völker. Sie leben friedlich zusammen und haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschheit vor der Selbstvernichtung zu bewahren. Die Implantate nehmen subtile Beeinflussungen vor, die den freien Willen des Trägers nicht beeinträchtigen, ihn aber dazu bringen, das Wohl der Allgemeinheit über persönliche Interessen zu stellen. Die Organisation SAHV soll bei der Herstellung der Implantate und bei der Geheimhaltung helfen, ist aber ein wenig übers Ziel hinausgeschossen. Ingrid darf am Leben bleiben, weil die Außerirdischen so viele Ärzte wie möglich brauchen, um die Implantate zu verteilen. Na toll. Das alles wird natürlich nicht sinnvoll im Handlungsverlauf enthüllt, sondern in langen Monologen der lieben Außerirdischen erklärt. Ungeschickter geht's kaum noch.

Band 1 der Trilogie geht so. Der Rest ist langweiliger Schrott. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. (19.01.2017)


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755
Zitadelle des Wächters Thomas F. Monteleone: Zitadelle des Wächters
Moewig, 1980
176 Seiten

Die Welt ist in einem apokalyptischen Krieg untergegangen. Die Riken, ein grausames Volk aus der nördlichen Hemisphäre, haben einen gnadenlosen Eroberungsfeldzug geführt und ganze Völker ausgerottet. Nur die friedliche Republik Genon konnte Widerstand leisten. Die Genonesen haben ihre Städte mit Zitadellen gesichert. Diese sich selbst versorgenden kybernetischen Systeme mit schweren Verteidigungsanlagen, menschenähnlichen Kampfrobotern und Fluchtbunkern wurden von Künstlichen Intelligenzen, den Wächtern, geleitet. Eine der wichtigsten Zitadellen hatte die Aufgabe, eine Industriestadt in der Nähe der bedeutendsten Erzlager der Welt zu sichern. Dort wurde das zur Herstellung von Treibstoff, Sprengköpfen und anderen kriegswichtigen Gütern benötigte Element Thorium gewonnen. Thorium war der Schlüssel zum Sieg, und so wurde das Schicksal der Menschheit beim Kampf um diese Zitadelle entschieden.

Zweitausend Jahre später ist die "Erste Zeit" weitgehend vergessen. Von den Kriegsmaschinen der Riken und Genonesen sind nur verrostete Trümmer übrig. Die Menschheit ist in die Primitivität zurückgefallen. Eine vorindustrielle Kultur hat sich entwickelt und zumindest in einigen Ländern entlang des Golfs von Aridard herrscht Frieden. Was jenseits des Golfs auf der einen und den endlosen verseuchten Wüsten auf der anderen Seite ihrer Welt liegt, wissen die Menschen nicht. Eines Tages wird der Seefahrer Varian Hamer, ein meisterhafter Kämpfer, von einem alten Mann namens Kartaphilos aufgesucht. Er erhält den Auftrag, nach der letzten Zitadelle zu suchen. Nur mit Hilfe des dort gespeicherten Wissens könnte sich die Menschheit zu neuer Blüte aufschwingen. Varian ist skeptisch, doch dann offenbart Kartaphilos sein wahres Wesen. Er ist ein Roboter, der gegen Ende des großen Krieges vom Wächter der Zitadelle entsandt wurde, um Hilfe zu holen. Gemeinsam mit der von ihm befreiten Sklavin Tessa sowie den Abenteurern Stoor und Raim macht sich Varian auf die Suche. Was er schließlich findet, entspricht nicht ganz seinen Erwartungen ...

Die große Zeit der Science Fiction in Deutschland – das waren die frühen Achtzigerjahre. Nach dem Riesenerfolg von Kinofilmen wie Krieg der Sterne, Unheimliche Begegnung der Dritten Art und E.T. war es zu einem wahren SF-Boom gekommen. Fast jeder Verlag hatte eigenständige SF- und Fantasy-Reihen, in denen monatlich unzählige aktuelle und ältere Romane sowie Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht wurden. Eine dieser Reihen war Moewig SF, herausgegeben von H.J. Alpers. Ich war und bin kein Sammler, aber diese Reihe hatte ich so ziemlich komplett. Mitte der Neunziger habe ich fast alle Bücher aus Platzmangel verkauft. Einen dieser Romane nach all den Jahren wieder zu lesen (ich habe das Buch in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden) war deshalb für mich die reine Nostalgie.

Es war aber auch eine ernüchternde Erfahrung. Ich hatte "Zitadelle des Wächters" nämlich als faszinierende Endzeitvision in Erinnerung. Eine sich erst allmählich wieder aus den Trümmern der untergegangenen Zivilisation erhebende Menschheit, eine eng begrenzte Welt inmitten radioaktiver Wüsten voller Kriegsschrott, in denen mutierte Kreaturen umherstreifen ... das war doch toll? Diese Welt ist aber nur Kulisse, will sagen, sie wird nicht sinnvoll in die Handlung eingebunden. Sie wird nicht gezeigt, sondern nur beschrieben, und zwar in einem mehrseitigen Prolog. Ein Historiker schildert den Zustand der Welt und skizziert die Verhältnisse in den Staaten an der Golfküste. Was dann geschieht, könnte in jeder beliebigen anderen Umgebung stattfinden. Weitere Infos werden im späteren Verlauf durch Rückblicke vermittelt. Besonders geschickt ist das also nicht gemacht. Die Figurenzeichnung ist mehr oder weniger holzschnittartig und die Story steckt voller Anachronismen. Nur ein Beispiel von vielen: Angeblich kann sich kaum jemand an die "Erste Zeit" erinnern, aber als Kartaphilos seine wahre Identität enthüllt, denkt Varian in Begriffen wie "LEDs", "Mikroprozessoren" usw.! Vom Stil will ich gar nicht erst anfangen, denn der kann auf die holprige Übersetzung zurückzuführen sein. Tja, manchmal sollte man schöne Erinnerungen lieber unangetastet lassen! (12.01.2017)


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754
Buckaroo Banzai – Die 8. Dimension Earl Mac Rauch: Buckaroo Banzai – Die 8. Dimension
Bastei Lübbe, 1984
231 Seiten

Der Neurochirurg, Kernphysiker, Kampfsportler, Rennfahrer, Comic-/Roman-/Filmheld und Rockstar Buckaroo Banzai hat vor vielen Jahren das Banzai Institute gegründet, um Topwissenschaftlern aus aller Welt die Möglichkeit zu bieten, ihre Forschungen frei von Geldsorgen und staatlicher Beeinflussung zu betreiben. Mit seinen engsten Freunden und Kampfgefährten, den Hong Kong Cavaliers, schützt Banzai die Welt vor dem Bösen. Hanoi Xan, das Oberhaupt der World Crime League, ist Banzais Nemesis. Xan ist verantwortlich für den Tod der Eltern Banzais und seiner Ehefrau Peggy. Banzai vertritt die Theorie, dass das menschliche Gehirn nicht der Sitz des Bewusstseins ist, sondern eher eine Art Empfänger für eine kosmische Partikelwelle, und dass es möglich sein müsste, mehr als nur eine Frequenz dieser Welle zu empfangen. Ausgehend von der Erkenntnis, dass jegliche Materie hauptsächlich aus Zwischenräumen besteht, haben Banzai und seine Mitstreiter den Oszillations-Alphalaser entwickelt, eine Vorrichtung, die die Durchdringung fester Materie ermöglichen soll. Banzai aktiviert den Alphalaser bei der Erprobung eines überschallschnellen Jet-Autos. Damit will er gleichzeitig die Bewusstseinswellen-Theorie beweisen. Wie geplant durchquert das Fahrzeug einen Berg. Banzai erreicht die 8. Dimension und erkennt, dass es dort Leben gibt.

Banzai übersteht den Test unbeschadet. Sein sensationeller Erfolg wird zum Hauptthema aller Medien. So erfährt Hanoi Xan von der jüngsten Heldentat seines Erzfeindes. Xan will den Alphalaser um jeden Preis in seinen Besitz bringen. Er befreit Dr. Emilio Lizardo aus der Irrenanstalt, in welcher der wahnsinnige Wissenschaftler seit Jahrzehnten erfolglos behandelt wird. Lizardo hat schon 1938 an einem Alphalaser gearbeitet. Bei der ersten Erprobung ist er teilweise in die 8. Dimension eingedrungen. Dort ist sein Geist von Lord John Whorfin übernommen worden, dem Kriegsherrn der reptilienartigen Roten Lectroiden vom Planeten 10. Whorfin und seine bösen Gefolgsleute sind aufgrund diverser Gräueltaten vor langer Zeit in die 8. Dimension verbannt worden, wo der Großteil dieser widerwärtigen Kreaturen noch immer festsitzt. Whorfin/Lizardo denkt gar nicht daran, Xan zu Willen zu sein. Sein Ziel ist die Befreiung der Roten Lectroiden aus der 8. Dimension und die Eroberung des Planeten 10. Hierfür braucht er natürlich Banzais Alphalaser.

Nachdem Banzai bei einem Konzert eine junge Frau namens Penny Priddy kennengelernt hat, die seiner von Xan ermordeten Gattin wie eine Zwillingsschwester ähnelt, wird er von den Verfolgern Whorfins kontaktiert. Ihm wird mitgeteilt, dass die Roten Lectroiden aufgehalten werden müssen. Diese Aufgabe fällt Banzai und den Hong Kong Cavaliers zu. Sollten sie versagen, droht die Vernichtung des Planeten Erde ...

Buckaroo Banzai – Die 8. Dimension ist einer der obskursten Science-Fiction-Filme der Achtzigerjahre. Abgesehen von der extrem holprigen Inszenierung hat der Film bei mir vor allem wegen der sehr dünnen Story für Stirnrunzeln gesorgt. Ich hatte den Eindruck, dass mir verschiedene entscheidende Informationen entgangen sind. Im Film tauchen ständig irgendwelche Leute auf, die anscheinend irgendwie wichtig sind, zu Buckaroos Team gehören oder dieses unterstützen, aber keinerlei Hintergrundgeschichte haben (von einer Bedeutung für die Story ganz zu schweigen) und abrupt wieder verschwinden. Geschehnisse aus Buckaroo Banzais Vergangenheit werden höchstens angedeutet, Zusammenhänge müssen erraten werden, Fragen bleiben offen. Im Bonusmaterial der Blu-ray wird mehrmals auf eine Novelization aus der Feder des Drehbuchautors Earl Mac Rauch verwiesen, die alles enthalten soll, was dem Film fehlt: Backstorys für die vielen Nebenfiguren, mehr Informationen zu Penny und Peggy - und ein komplettes fiktives Universum, in welches das Geschehen eingebettet ist. Das Buch, im selben Jahr erschienen wie der Film, ist antiquarisch erhältlich, und so habe ich es mir jetzt mal zu Gemüte geführt.

Ja, es stimmt: Die Story des Romans gibt den Inhalt des Films viel ausführlicher und detailreicher wieder. Als Ich-Erzähler tritt Reno Nevada auf, ein Mitglied der Hong Kong Cavaliers. Bezeichnenderweise hat Reno im Film kaum etwas zu tun, während er sich im Roman als Banzais Chronist betätigt. Er reichert seinen Bericht immer wieder durch Rückblicke, Gesprächsprotokolle anderer Personen und ähnliches an. Man erfährt zum Beispiel recht viel über Sinn und Zweck des Banzai-Instituts und über Buckaroo Banzais Theorien. Das heißt jedoch nicht, dass die Geschichte dadurch leichter verständlich wird. Im Grunde wird sie durch die vielen Einschübe und Abweichungen, die zur Erläuterung des kruden Handlungsgrundgerüstes dienen sollen, sogar noch wirrer! So wird Hanoi Xan, der im Film überhaupt nicht vorkommt, von Reno groß eingeführt. Von Xans früheren Untaten wird ausgiebig berichtet. Nachdem Xan Lizardo befreit hat, spielt er jedoch praktisch keine Rolle mehr! In diesem Stil geht es weiter. Nebenhandlungen beginnen und enden im Nichts, die Erzählung mäandriert so vor sich hin. Und was genau es mit Penny Priddy auf sich hat, bleibt im Roman ebenso unklar wie im Film. Zugegeben, der Roman hat mir mehr Spaß gemacht als der Film, schon allein aufgrund der überbordenden Ideenvielfalt. Man verpasst aber nichts, wenn man beide nicht kennt. (02.01.2017)


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753
Der Tod des Achilles Boris Akunin: Der Tod des Achilles
Aufbau Taschenbuch Verlag, 2002
409 Seiten

Im Jahre 1882 kehrt Kollegienassessor Erast Petrowitsch Fandorin nach sechs Jahren erstmals wieder in seine Heimat zurück. Er hat mehrere Jahre Dienst in der russischen Gesandtschaft im Königreich Japan getan und wurde jetzt von Sankt Petersburg nach Moskau beordert. Dort tritt er eine Stelle als Sonderbeauftragter des Generalgouverneurs Fürst Wladimir Andrejewitsch Dolgorukoi an. In Japan hat Fandorin einen neuen Begleiter gefunden: Masahiro Sibata, genannt Masa. Der Ex-Yakuza ist Fandorins Diener und Freund. Fandorin logiert im Nobelhotel Dusseaux, wo zu seiner großen Freude auch General Michail Sobolew abgestiegen ist, ein guter Bekannter aus der Zeit des Russisch-Omanischen Krieges. Doch die Freude währt nicht lang, denn Sobolew stirbt am Tag von Fandorins Ankunft. Bei der Obduktion wird Herzversagen festgestellt, doch es gibt Zweifel an dieser Diagnose. Wurde Sobolew etwa vergiftet? Fürst Dolgorukoi entscheidet, dass Fandorin die Sache klären soll.

Bei seinen Ermittlungen stößt Fandorin auf unerwarteten Widerstand seitens der Kameraden Sobolews. Sie wollen sich sogar mit ihm duellieren, um die peinliche Wahrheit zu verschleiern. Tatsächlich ist der General nicht im Hotelzimmer gestorben, sondern in den Armen der berühmten Edelkurtisane Helga Iwanowna Tolle, genannt Wanda. Als Fandorin herausfindet, dass Wanda von einem deutschen Geheimdienstoffizier namens Hans-Georg Knabe auf Sobolew angesetzt worden ist, der wenig später getötet wird, scheint der Fall klar zu sein. Sobolew, Führer der Russischen Nationalen Partei, war ein militanter Deutschenfeind und wäre als äußerst populärer "russischer Achilles" fähig gewesen, einen Krieg vom Zaun zu brechen. Knabe, so wird angenommen, wollte diese Gefahr für sein Heimatland beseitigen und hat Wanda benutzt, um Sobolew zu eliminieren. Dass Sobolew ein schwaches Herz hatte und gar nicht vergiftet werden musste, konnte Knabe nicht ahnen, ebenso wenig, dass der deutsche Geheimdienst alles andere als erfreut über Knabes Alleingang sein und seine Liquidierung anordnen würde.

Da wird Fandorin von Jekaterina Golowina aufgesucht, einer Geliebten Sobolews. Sie ist fest davon überzeugt, dass der General ermordet wurde. Sie spricht von einem Portefeuille (Inhalt: Eine Million Rubel, Sobolews gesamtes Vermögen), das ihr Geliebter bei sich gehabt haben soll. Dieses Portefeuille wurde bei der Durchsuchung des Hotelzimmers nicht gefunden. Fandorin macht sich auf die Suche nach dem Geld und gerät dabei in größte Gefahr. Nicht nur kommt er den mächtigsten Männern des Zarenreiches in die Quere, sondern auch deren Werkzeug Ahimaaz Welde, dem König der Auftragskiller ...

In diesem Roman wird Fandorin endgültig zu einer Mischung aus Sherlock Holmes und James Bond, denn zu seinen überragenden Geistesgaben und dem legendären Glück im Spiel gesellen sich außerordentliche Fertigkeiten, die sich der junge Kollegienassessor in Japan angeeignet hat. Die fernöstlichen Kampf- und Meditationstechniken sowie das Ninja-Waffenarsenal, welche er meisterlich beherrscht, kann Fandorin gut gebrauchen, denn er hat es mit einem äußerst gefährlichen Widersacher zu tun. Ich will nicht zu viel verraten, aber Ahimaaz Welde hat schon im ersten Fandorin-Roman eine Rolle gespielt. Ihm hat Fandorin seine jetzige Lebenssituation im Grunde sogar zu "verdanken". Der Killer hat unter anderem für die Asasel-Organisation gearbeitet ... Die Besonderheit dieses Romans besteht darin, dass nach gut 230 Seiten, in denen die Geschehnisse aus Fandorins Blickwinkel erzählt werden, ein Perspektivwechsel stattfindet. Die folgenden 170 Seiten enthalten Ahimaaz Weldes Lebensgeschichte, die schließlich in jene Ereignisse mündet, welche der Leser schon kennt. Diese erscheinen nun aber in anderem Licht und erhalten eine ganz neue Dimension.

Durch diesen Kunstgriff wird der an sich schon spannende, wendungsreiche Kriminalfall noch interessanter. Zudem wird wie schon in den ersten Romanen ein lebendiges Bild der prunkvollen Zarenzeit gezeichnet. Den General Sobolew hat es ja wirklich gegeben und auch in der Realität kam sein Tod wohl recht überraschend. Für den Humor ist diesmal hauptsächlich Fandorins Faktotum Masa zuständig. Fandorins treuer Freund mit einer Schwäche für das schöne Geschlecht und süßes Gebäck mag mit seiner gedrungen, krummbeinigen Statur wenig beeindruckend wirken, ist jedoch ein geschickter Kämpfer. Er rettet seinem Herrn sogar das Leben. Masa hält die Russen für Barbaren und eckt mit seinen ungewöhnlichen Verhaltensweisen immer wieder an, was für diverse Pointen sorgt. Es wird übrigens erwähnt, dass Fandorin einer Frau namens Midori hinterhertrauert, in die er sich wohl in Japan verliebt hat. Das spielt aber im weiteren Verlauf des Romans keine Rolle mehr.

Fandorins unkonventionelle Arbeitsweise, die verzwickte Story, die durchaus deftige Gewalt vor allem in den Ahimaaz-Kapiteln und nicht zuletzt der für diese Romanreihe typische "historisierende" Stil machen auch Fandorins viertes Abenteuer zu einem erstklassigen Lesevergnügen. (27.12.2016)


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752
Die Sisters Brothers Patrick DeWitt: Die Sisters Brothers
Goldmann, 2013
348 Seiten

Man schreibt das Jahr 1851. Es ist die Zeit des großen Goldrauschs. Die Brüder Eli und Charlie Sisters sind gefürchtete Auftragskiller. In letzter Zeit arbeiten sie hauptsächlich für den mächtigen Kommodore in Oregon City. Sie sollen nach San Francisco reisen und einen Goldsucher namens Hermann Kermit Warm finden. Warm hat den Kommodore bestohlen. Es geht um eine spezielle Formel, deren Inhalt den Sisters Brothers nicht mitgeteilt wird. Warm muss sterben und die Formel muss wiederbeschafft werden. Henry Morris, ein Handlanger des Kommodores, ist bereits vor Ort, um Warm auszuspionieren. Bei diesem Auftrag soll Charlie der Anführer sein. So will es der Kommodore. Hierüber ist Eli, der neben seinem Bruder ohnehin meist die zweite Geige spielt und sich im Grunde ein anderes, friedliches Leben erträumt, nicht besonders unglücklich.

Der Ritt nach San Francisco ist beschwerlich und wird durch verschiedene Zwischenfälle verzögert. So wird Eli von einer Giftspinne gebissen und leidet kurz danach an einem vereiterten Zahn. Sein Pferd wird von einem Bären angefallen und verletzt. Nachdem sie weitere Gefahren überstanden haben, erreichen die Sisters Brothers endlich ihr Ziel, müssen sich in der großen Stadt erst einmal zurechtfinden und stellen schließlich fest, dass sich Morris mit Warm verbündet hat. Warm hat eine Chemikalie entwickelt, mit der die Goldsuche zum Kinderspiel wird. Wenn man die Substanz in einen gestauten Fluss kippt, beginnt das im Schlamm verborgene Gold zu leuchten und kann bequem eingesammelt werden. Auch die Sisters Brothers erliegen dem Lockruf des Goldes ...

Was war das denn? Ein Western? Eine Western-Parodie? Ein Abgesang auf den Western? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: Ein Roman im eigentlichen Sinne ist "Die Sisters Brothers" nicht. Zumindest habe ich mich fast bis zum Schluss gefragt, wann denn die Handlung losgehen wird. Es vergehen zahlreiche Kapitel mit diversen teils ziemlich bizarren Erlebnissen der Sisters Brothers während der Reise nach San Francisco, die in keinem wie auch immer gearteten Zusammenhang stehen. Mit viel gutem Willen kann man diesen Teil, der sich wie eine Sammlung unvollendeter Kurzgeschichten liest, als zu lang geratene Expositionsphase bezeichnen. Ich will zugestehen, dass eine überzeugende Western-Atmosphäre entsteht, und zwar nicht im Sinne eines John-Wayne-Edelwestern, sondern eher in der Tradition von "Spiel mir das Lied vom Tod". Mit explizit geschilderter Gewalt wird nicht gegeizt. Leichen pflastern den Weg der Sisters Brothers.

Der Umfang von fast 200 Seiten wäre für diese Phase jedoch nicht nötig gewesen. Es wird schnell klar, dass Eli (der Ich-Erzähler) von seinem gewissenlosen Bruder nur ausgenutzt wird. Charlie ist ein eiskalter Killer. Eli dagegen ist ein übergewichtiger Träumer, der allerdings zu unkontrollierbaren Wutanfällen neigt – insbesondere dann, wenn sein Bruder bedroht wird. Erst nach Ankunft der Brüder in San Francisco ist eine Story zu erkennen. Sie wird durch eine lange, im Grunde überflüssige Erzählung Warms unterbrochen und verläuft etwas anders als gedacht. Am Ende kehren die Brüder mit leeren Händen (nur drei davon sind übrig) zu Mami zurück und alles ist gut. Wer hierin einen tieferen Sinn entdeckt, darf ihn behalten. (19.12.2016)


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751
Laienspiel Volker Klüpfel / Michael Kobr: Laienspiel
Piper, 2013
363 Seiten

Kriminalhauptkommissar Kluftinger ist im Stress. Kempten wird bald Sitz des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West mit erweitertem Zuständigkeitsbereich sein. Aufgrund des größeren Platzbedarfs wurde die Kripo ausgegliedert, Kluftinger und seine Kollegen müssen neue Räumlichkeiten beziehen. Das mit dem Umzug verbundene Durcheinander passt dem Kommissar ebenso wenig wie der bevorstehende Verlust lieb gewonnener Gewohnheiten. Außerdem steckt Kluftinger in den Vorbereitungen zu den Altusrieder Freilichtspielen. Schillers "Wilhelm Tell" steht auf dem Programm. Wie große Teile der Bevölkerung wird auch Familie Kluftinger alle paar Jahre vom Theaterfieber gepackt, und so nimmt Kluftinger mit Gattin Erika und Eltern begeistert an den Proben teil. Es gibt nur einen Wermutstropfen: Kluftingers Intimfeind Dr. Langhammer springt als Zweitbesetzung für einen Laienschauspieler ein, der eine gemeinsame Szene mit Kluftinger hat. Der Regisseur ist nicht erfreut, als das Handy des Kommissars mitten auf der Bühne klingelt. Es gibt jedoch wichtigere Dinge als die Proben – Kluftinger hat einen neuen Fall!

Kluftinger eilt zum Tatort, ohne sich die Mühe zu machen, das Kostüm abzulegen. Das sorgt für einiges Aufsehen, erst recht, weil sich zwei Kollegen aus Österreich vor Ort befinden. Valentin Bydlinski und Simon Haas vom Landespolizeikommando Innsbruck haben ohne offizielle Erlaubnis einen jungen Mann von Österreich bis nach Deutschland verfolgt, der das anonyme Postfach eines bekannten Waffenschiebers genutzt hat. Der Mann, ein Maschinenbaustudent namens Tobias Schumacher, war offenbar so verzweifelt, dass er sich auf der Flucht erschossen hat. Abgesehen von den dienstrechtlichen Verwicklungen hält Kluftinger die Sache für einen einfachen Fall. Dann stellt sich heraus, dass Schumacher Bauteile für einen Bombenfernzünder bei sich hatte. Außerdem zeigt sein Laptop einen Countdown. Schumacher war ein introvertierter Einzelgänger, der seit einiger Zeit die Nähe von Islamisten aus Tadschikistan gesucht hat. Diese Leute scheinen noch keine Ahnung von Schumachers Selbstmord zu haben. Eine Mail geht ein, die keinen Zweifel mehr daran lässt, dass der Tote zu einer von mehreren Terrorzellen gehört hat, die Selbstmordanschläge planen. Die Ziele bleiben unbekannt, allerdings sollen am bewussten Datum mehrere Spiele der Fußball-EM in Österreich stattfinden.

Kluftinger ist entsetzt angesichts der Tatsache, dass der Terror jetzt auch ins beschauliche Allgäu vorgedrungen ist. Er kann die Angelegenheit nicht einmal ans Bundeskriminalamt abgeben. Stattdessen wird er vom BKA-Terrorismusexperten Faruk Yildrim in eine Task Force berufen, die mit Sondervollmachten ausgestattet wird und den Fall mit höchster Priorität behandelt. Doch es gibt keine heiße Spur – und die Uhr tickt ...

Wer einen Klufti-Krimi liest, sollte sich vorab darauf einstellen, dass er ungefähr genauso viel über das Privatleben des Kommissars erfahren wird wie über den aktuellen Fall. Da ist natürlich zunächst einmal die Tell-Aufführung zu nennen. Die Laienspiele in Altusried gibt es wirklich, das Städtchen hat eine der größten Freilichtbühnen Deutschlands. Hier macht Klufti eine weit bessere Figur als beim gemeinsam mit den Langhammers besuchten Tanzkurs. Dieser eine Abend wird für Klufti zur Hölle! Dem geht ein für den Kommissar wegen der Begleitung durch Mutter und Gattin nicht minder peinlicher Kauf passenden Schuhwerks voraus. Auch ein Grillabend bei Kluftingers gerät zur Beinahe-Katastrophe, weil sich Klufti vom "Vatter", der immer alles besser weiß (scheint erblich zu sein), beim Zusammenbau des neuen Lavasteingrills nicht dreinreden lassen will. Wäre Klufti nicht ein so sympathischer, direkt aus dem Leben gegriffener Zeitgenosse, dessen Alltagssorgen genauso nachvollziehbar sind wie die beruflichen Probleme, könnten solche Abschweifungen schnell lästig werden. Was mich betrifft, so kann ich gar nicht genug davon kriegen!

Fall und Privatleben stehen nicht völlig isoliert nebeneinander. So ist die Mitarbeit in der Task Force für Klufti eine andere Art von Laienspiel, in der er Bestätigung findet. Die Zusammenarbeit mit Yildrim, der dem Klischeebild eines BKA-Mannes glücklicherweise überhaupt nicht entspricht, funktioniert sehr gut. Es wird Wert auf ein gewisses Maß an Realismus gelegt, so dass man keine übertriebene Action erwarten darf. Bevor es auf den letzten Seiten richtig zur Sache geht, muss viel ermittelt werden. Über allem schwebt der bevorstehende Umzug der Polizeidirektion. Da Klufti mit der Arbeit in der Task Force ausgelastet ist, darf sich Richard Maier als Chef aufspielen. Der etwas prollige Bydlinski funkt dazwischen und baggert obendrein zum großen Missfallen Roland Hefeles Kluftis Sekretärin Sandy Henske an. All diese Elemente machen auch Kluftis vierten Fall zu einem kurzweiligen Lesevergnügen.

Die Einbeziehung von Kluftis Heimatort halte ich für weniger gut gelungen. Ich will nicht zu sehr spoilern, aber so viel sei gesagt: Die Vermutung, dass ein Anschlag in einem EM-Stadion stattfinden soll, ist richtig. Es gibt aber noch ein zweites Ziel, welches angesichts des Ausmaßes des ersten etwas unglaubwürdig wirkt. Außerdem ist Klufti hier zu begriffsstutzig. Zumindest war mir schon sehr früh klar, wo die zweite Bombe explodieren soll. Im Roman wird immerhin eine akzeptable Begründung geliefert. Die Islamisten wollen nicht nur maximalen Schaden anrichten, sondern den Terror auch noch in die Provinz tragen, damit sich wirklich niemand mehr sicher fühlen kann. (12.12.2016)


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