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Dies ist der 18. Teil einer Übersicht meiner Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



853
Future Dmitry Glukhovsky: Futu.re
Heyne, 2014
925 Seiten

Die Menschheit hat den Tod besiegt. Das für den Alterungsprozess verantwortliche Gen wurde identifiziert und mit einem Virus unwirksam gemacht. Somit können alle Menschen ewige Jugend genießen zumindest in Europa, wo jedes Neugeborene mit dem Recht auf Unsterblichkeit zur Welt kommt. Das Virus wurde ins Trinkwasser gemischt, und wer es einmal aufgenommen hat, braucht keine weitere Dosis. In anderen Ländern steht das Virus entweder gar nicht zur Verfügung oder wird nur an zahlungskräftige Kunden verkauft. Schon bald werden die negativen Folgen der Unsterblichkeit offenkundig. Die Bevölkerung explodiert und der Raubbau an den natürlichen Ressourcen der Erde nimmt ungeahnte Ausmaße an. Im 25. Jahrhundert ist Europa hoffnungslos überbevölkert. Milliarden Menschen leben in den kilometergroßen Wohntürmen einer gigantischen Stadt, in der es so gut wie kein unbebautes Fleckchen Erde mehr gibt. Überreste der alten europäischen Hauptstädte wurden integriert; so befindet sich das Straßburger Münster mit Teilen der Altstadt im Erdgeschoss eines Wohnturmes. Nur die Superreichen können sich den Luxus einer aus mehreren Zimmern bestehenden Wohnung und abwechslungsreicher Mahlzeiten leisten. Die Ärmsten drängen sich auf den unteren Ebenen zusammen, ernähren sich von Zuchtheuschrecken oder Kunstprodukten und schlucken allerlei Psychopharmaka, um ihr erbärmliches Dasein ertragen zu können. Regierungsmitglieder leben buchstäblich an der Spitze der Gesellschaft: In Penthouses auf den über die Wolken hinausragenden Dachebenen.

Durch die Bevölkerungsexplosion werden die Menschen zu drastischem Maßnahmen gezwungen. Kinder dürfen nur geboren werden, wenn ein Elternteil auf die Unsterblichkeit verzichtet. Derjenige erhält eine Akzelerator-Injektion und vergreist innerhalb von maximal zehn Jahren, kann die Zeit bis zum Tod aber mit dem Kind verbringen. Unregistrierte Geburten sind ein Kapitalverbrechen. Kommt eine solche Tat ans Licht, so wird einem Elternteil die Injektion zwangsweise verabreicht. Außerdem müssen die Kinder abgegeben werden. Sie landen in "Internaten", wo sie unter unmenschlichen Bedingungen zu Killern gedrillt werden. Nur wer verschiedene Prüfungen besteht und sich ganz von seinen Eltern lossagt, hat eine Chance, das Heim zu verlassen. Anschließend wird er in die Phalanx eingegliedert, eine mehrere zehntausend Mann starke Organisation von Unsterblichen, die Jagd auf Familien mit nicht angemeldeten Schwangerschaften macht. Die Phalanx der Unsterblichen ist einem strengen Verhaltenskodex unterworfen. Unter anderem dürfen die Mitglieder keine Partnerschaften eingehen.

Im Jahre 2454 erhält Jan Nachtigall 2T, Mitglied eines Einsatzteams der Phalanx, von Senator Erich Schreyer einen Spezialauftrag. Bei seinem nächsten Einsatz soll er Jesús Rocamora ermorden, den Anführer der als Terrororganisation gebrandmarkten "Partei des Lebens", die die Reglementierung von Geburten ablehnt. Rocamoras (bis jetzt nicht registrierte) schwangere Freundin Annelie Wallin 21P soll ebenfalls sterben. Zur Belohnung winken Jan sozialer Aufstieg und die damit verbundenen Vergünstigungen. Er muss schnell handeln, denn ein alter Feind aus dem Internat wird den Job an seiner Stelle übernehmen, sollte sich Jan als zu schwach erweisen. Der Einsatz geht schief. Jans Kameraden vergewaltigen Annelie. Er selbst bringt es nicht fertig, Rocamora zu töten. Er lässt den Mann laufen und beschützt dessen Freundin, die er eigentlich beseitigen sollte, denn er verliebt sich in die junge Frau ...

Jan Nachtigall ist der Ich-Erzähler dieses dystopischen Romans, der von Anfang bis Ende von einer beklemmenden Atmosphäre der Hoffnungs- und Ausweglosigkeit geprägt ist. Das Grundrecht auf Unsterblichkeit ist für die Europäer eher Segen als Fluch, dennoch möchte verständlicherweise niemand darauf verzichten. Und so lernen wir aus Jans Perspektive viele Aspekte einer Welt kennen, die ihren Bewohnern zwar ewige Jugend verheißt, für die meisten aber auch ein ewiges Jammertal. Nur die Reichen und Mächtigen können diese Existenz wirklich genießen. Jan haust in einem winzigen Kabuff, vergleichbar mit den heutigen Kapselhotels, und muss noch froh sein, überhaupt eine solche vergleichsweise geräumige Wohnung für sich allein zu haben. Wie alle anderen schluckt er verschiedene Pillen zur Stimmungsaufhellung und zur Unterdrückung gewisser Triebe. Als er gemeinsam mit Annelie aus dieser Existenz ausbricht, führt ihn sein Weg nach Barcelona, wo die Phalanx (noch) keine Macht hat. In diesem chaotischen Schmelztiegel gewinnt die Düsternis nochmal eine ganz eigene Qualität. Zwischendurch wird immer wieder in Jans Jugend zurückgeblendet. Sein Martyrium im "Internat" nimmt breiten Raum ein, was ich zunächst als nicht unbedingt notwendig betrachtet habe, bis klar wurde, dass diese Vergangenheit sehr wichtig für den finalen Plot-Twist ist. Den Ausgang, also die Erklärung dafür, was Schreyer wirklich von Jan will, fand ich allerdings überkonstruiert. Spoiler: Jan ist Rocamoras Sohn, den dieser illegal mit Schreyers früherer Frau gezeugt hat ...

Die sehr eindrucksvoll und bildgewaltig geschilderten Verhältnisse in Europa sind in sich stimmig. Hier spricht der obige Teaser wohl für sich. Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund, er hält sich mit Sex- und Gewaltdarstellungen nicht zurück. Das ist dem Thema durchaus angemessen und geht für mich in Ordnung. Die Welt der Unsterblichen ist extrem, sie ist eine Monstrosität, entsprechend drastisch muss man sie dem Leser vor Augen führen. Bei den Figuren hapert es dagegen ein wenig. Zumindest ist Jan für mich trotz wortreicher innerer Monologe nicht so recht "greifbar" geworden. Er ist ein Getriebener, der wohl selbst nicht weiß, was er eigentlich will oder der zumindest nicht entsprechend handelt. Als er es endlich tut, ist es zu spät. Bei den anderen Figuren herrscht leider zu oft Eindimensionalität vor. Insgesamt ist "Futu.re" sicher kein schlechter Roman, aber irgendwie hat er mich nicht gepackt. Vielleicht liegt es daran, dass ich Dystopien wie diese früher heiß und innig geliebt habe heute aber nicht mehr so sehr, weil sich unsere Realität in vielen Punkten eben jenen düsteren Zukunftsvisionen immer weiter annähert ... (26.12.2018)


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852
Prador Mond Neal Asher: Prador Mond
Bastei Lübbe, 2011
285 Seiten

Seit der Entwicklung der als "Runcibles" bezeichneten Materietransmitter haben sich die Menschen über zahlreiche Sonnensysteme ausgebreitet. Eines Tages berührt die Polis das von Künstlichen Intelligenzen geführte Staatswesen der Menschheit bei ihrer Expansion die Grenzen des Königreichs der Prador. Die an riesige Krabben erinnernden Wesen betreiben überlichtschnelle Raumfahrt und kennen die Runcibletechnik nicht, sind der Polis aber auf dem Gebiet der metallverarbeitenden Technik weit überlegen. Die Prador sind paranoide Individualisten. Sie leben in einem streng hierarchisch gegliederten System, in dem die Familienoberhäupter uneingeschränkte Macht besitzen und ihre Nachkommen mittels spezieller Pheromone und purer Gewalt gefügig machen. Unter den Erst- und Zweitkindern jedes Prador-Clans (noch jüngere Exemplare liegen buchstäblich auf Eis, bis sie gebraucht werden) tobt ein ständiger Konkurrenzkampf. Wenn ein Familienoberhaupt Schwäche zeigt, endet es gewöhnlich in den Mandibeln der eigenen Brut. Der erste Kontakt zwischen Menschen und Prador findet in der Raumstation Avalon statt. Ein Botschafter soll eine Abordnung der Krabbenwesen in Empfang nehmen. Jebel Krong, ein Sicherheitsoffizier der Station, wird Zeuge, wie der Anführer der Prador den Botschafter mit seinen Scheren in zwei Hälften teilt ...

Die Prador sind nicht an einer friedlichen Koexistenz interessiert. Sie kommen als Eroberer, überrennen die Station, töten tausende Zivilisten und nehmen hunderte gefangen, um mit ihnen zu experimentieren oder sie zu verspeisen Menschenfleisch ist für die Prador besonders lecker, wenn auch schwer verdaulich. Die Menschen führen ein aussichtsloses Rückzugsgefecht, um die Flucht der Bewohner Avalons zu decken. Jebel versucht vergeblich, die Entführten zu retten. Durch eine wagemutige Aktion gelingt es ihm, den Anführer der Prador zu töten, doch unzählige Zivilisten sterben, darunter eine Frau, in die sich Jebel verliebt hat. In der folgenden Zeit greifen die Prador einen zur Polis gehörenden Planeten nach dem anderen an und metzeln gnadenlos alles nieder, was ihnen in die Quere kommt. Die Menschen kämpfen auf verlorenem Posten, weil nicht genug Schlachtschiffe zur Verfügung stehen und die Panzerungen der gegnerischen Einheiten fast unzerstörbar sind. Nur langsam läuft die Produktion neuer, besser bewaffneter Einheiten an.

Um jeden Preis muss verhindert werden, dass den Prador ein Runcible in die Hände fällt. Genau dieses Ziel verfolgt Immanenz, Kapitän jenes Prador-Kampfschiffes, das Avalon angegriffen hat. Sein Ziel ist das Trajeen-Runcible, ein experimenteller Großtransmitter für Fracht und Raumschiffe. Moria Salem, eine beim Trajeen-Torprojekt eingesetzte Technikerin, entwickelt eine tollkühnen Plan zur Rettung des Runcibles und zur Vernichtung des unbezwingbar scheinenden Feindes.

"Prador Mond" ist Bestandteil des Polis-Universums und spielt vor dem ebenfalls in dieses Universum eingebetteten fünfbändigen Ian-Cormac-Minizyklus, den ich jüngst beendet habe. In den Bänden des Minizyklus, vor allem in Band 4 (Das Tor der Zeit) wird immer wieder auf den lange zurückliegenden Pradorkrieg angespielt, durch den die Polis an den Rand des Untergangs getrieben wurde und der weitreichende Veränderungen nach sich gezogen hat. Um den Ausbruch genau dieses Krieges und nicht viel mehr geht es im vorliegenden Roman. Asher erweist sich wieder einmal als nicht zimperlich bei der Schilderung von Gewalt, und so geht es in den Jebel-Krong-Kapiteln sehr, sehr blutig zur Sache. Die Prador wirken wie Klischees aus Space Operas der Fünfzigerjahre, allerdings wird das Ganze einerseits durch Gedanken der Protagonisten ironisch gebrochen, die sich darüber wundern, dass die Prador aussehen und sich verhalten wie B-Film-Monster, andererseits sind die Prador nicht einfach böse. Sie entstammen nun einmal einer ganz anderen Kultur, in der Rücksichtnahme auf Schwächere völlig unbekannt ist. Bei ihnen gilt der Grundsatz "Fressen und gefressen werden". Die Prador gehen mit den Menschen einfach genauso um wie mit ihresgleichen und verstehen gar nicht, warum sich diese weichlichen Zweibeiner so sehr darüber aufregen. Das sorgt in den Kapiteln, bei denen die Perspektive der Prador eingenommen wird, für einige sehr schwarzhumorige Situationen.

Die Kämpfe zwischen Menschen und Prador sind durchaus packend, hätten aber auf die Dauer doch langweilig werden können. Zum Glück springt Asher nicht nur zwischen beiden Parteien hin und her. In einer dritten Handlungsebene erleben wir mit, wie Moria Salem ihren ersten Zerebralverstärker erhält. Im Ian-Cormac-Zyklus trägt praktisch jeder Bürger der Polis so ein Ding, mit dem sich die Leistungsfähigkeit des menschlichen Hirns steigern lässt und das zur Vernetzung mit den allgegenwärtigen KIs dient. Hier ist das noch nicht so. An Morias Beispiel erfahren wir, wie es sich anfühlt, einen Verstärker zu benutzen. Hinzu kommt der eine oder andere Querverweis. So lässt sich Moria von Aubron Sylac aufrüsten, einem gewissenlosen Arzt, der Arian Pelter in Der Drache von Samarkand mit Hardware zur Steuerung des Killer-Golems Mr. Crane ausstattet, außerdem erleben wir das Polis-Schlachtschiff Occam Razor in Aktion. Insgesamt ist die Handlung dieses kurzen, knackigen Romans ziemlich simpel, als kleine Facette eines größeren Universums ist das Buch dennoch OK. (10.12.2018)


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851
Fraktal Hannu Rajaniemi: Fraktal
Piper, 2013
396 Seiten

Ich gebe offen zu, dass ich nicht ganz kapiert habe, um was es in diesem Roman eigentlich geht. Das soll nicht heißen, dass man der Handlung nicht folgen könnte; man kommt schon irgendwie mit. Mir ist auch klar, dass der Autor uns ein Universum des Posthumanismus vorführen möchte, in dem Körper und Bewusstsein schon lange keine Einheit mehr bilden und in dem es keine Individualität gibt, weil ein Bewusstsein beliebig oft kopiert sowie in die verschiedensten Trägermedien eingespeist werden kann; sei es ein aus Nanomaschinen bestehender Kunstkörper, eine virtuelle Realität oder ein planetengroßes Supergehirn. Aber welche Ziele die Protagonisten verfolgen? Warum sie sich diese Ziele gesetzt haben? Was sie tun, um die Ziele zu erreichen? Und wer oder was die Protagonisten überhaupt sind? Das ist mir größtenteils schleierhaft geblieben. Deshalb müsste ich mir wie schon beim Vorgängerroman Quantum einiges zusammenreimen, um einen vernünftigen Teaser schreiben zu können. Ehrlich gesagt fehlt mir dazu die Lust.

Soweit ich es verstanden habe, soll der Meisterdieb Jean le Flambeur den Kaminari-Stein für die Gründerin Josephine Pellegrini stehlen (keine Ahnung, was das für ein Ding ist). Der Stein befindet sich im Besitz Matjek Chens, des derzeitigen Herrschers des Sobornost, und er wird zur Vollendung des großen Plans dieser Halbgötter benötigt. Ein virtuelles Universum soll entstehen, in dem alle Menschen, die vor dem Großen Zusammenbruch auf der Erde gelebt haben, wiedergeboren werden und ewig leben können. Um an Chen heranzukommen, benötigt Jean dessen Gründercodes. Diese kann er am ehesten mit der unfreiwilligen Hilfe einer Bewusstseinskopie Chens erlangen. Eine solche Kopie soll sich auf der Erde in einem Tiefbunker befinden, der so perfekt gesichert ist, dass er den Großen Zusammenbruch überstanden haben könnte. Die Sicherung stellt natürlich ein Problem dar, außerdem ist die Erde eine Wüste, in der eine ungeschützte Person von wilden Naniten zerfressen oder durch die Einwirkung von Chaoscode mutieren würde. Nur die herrschenden Muthasib-Familien können schützende Siegel verleihen. Um sich in Chens VR einschleusen zu können, nimmt Jean die Identität eines Abgesandten des Sobornost an, der einen Mord aufklären soll. Er bedient sich einer jungen Frau namens Tawaddud Gomelez, die bei ihrem Vater in Ungnade gefallen ist und sich nun rehabilitieren will. Derweil lässt sich Mieli als Söldnerin anheuern, um ebenfalls auf der Erde aktiv werden zu können.

Ich hatte dieselben Probleme wie beim ersten Roman der Trilogie, die ich jetzt wohl doch nicht wie ursprünglich beabsichtigt beenden werde. Teil 3 ist bis jetzt nur in englischer Sprache erschienen. Wenn ich bei den ersten beiden Bänden schon meistens Bahnhof verstanden habe, dann wird das beim dritten sicher noch schlimmer sein. Der Autor konfrontiert den Leser ununterbrochen mit nicht immer nachvollziehbarem Technobabble, unverständlichen Neologismen und sonstigen Fantasiebegriffen, zu denen nur in den seltensten Fällen irgendwann später wenigstens Häppchen jener Informationen geliefert werden, die man bräuchte, um zu begreifen, was der Autor einige Kapitel vorher gemeint hat. Ein Glossar wäre sehr hilfreich gewesen und über einen Abriss der Vorgeschichte, auf die in den beiden Romanen immer wieder allerdings stets nur andeutungsweise Bezug genommen wird, hätte ich mich gefreut. Der ständige Wechsel zwischen der selbst für SF-Fans nicht leicht verständlichen Zukunftswelt und unzähligen ineinander verschachtelten virtuellen Realitäten/Träumen/Visionen, in denen sowieso alles möglich ist, macht die Lektüre nicht gerade leichter. Irgendwann wusste ich buchstäblich nicht mehr, "wo" ich gerade war. Wie schon bei Band eins finde ich den Roman durchaus faszinierend. Besonderheit ist diesmal die Atmosphäre aus Tausendundeiner Nacht, die bei den auf der Erde spielenden Kapiteln entsteht. Nur reicht das nicht als Motivation, den Trilogie-Abschluss in einer Fremdsprache zu lesen. (05.12.2018)

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