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Dies ist der 18. Teil einer Übersicht meiner Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



869
Der Stahlplanet M.F. Thomas: Mondstation 1999 – Der Stahlplanet
Bastei Lübbe, 1978
141 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Mondbasis Alpha 1.

25. Dezember 2006. Den Bewohnern der Mondbasis Alpha steht nicht der Sinn nach Weihnachtsfeierlichkeiten, denn die Versorgungslage ist prekär und viele Alphaner verzweifeln angesichts der Tatsache, dass sich Luna seit der Katastrophe vom September 1999 unaufhaltsam immer weiter von der Erde entfernt. Chefpilot Alan Carter leitet ein Manöver im All, bei dem ein neues Verfahren zur Bergung havarierter Eagles getestet wird. Plötzlich wird eines der Schiffe von einem Lichtstrahl getroffen. Der Eagle verliert sämtliche Energie und wird wie von einer riesigen Faust zerknüllt. Der Pilot stirbt. Alan macht sich schwere Vorwürfe, aber es stellt sich schnell heraus, dass es nicht etwa infolge einer von ihm verschuldeten Fehlfunktion zu dem Unglück gekommen ist, denn der Lichtstrahl erscheint nochmals, und zwar innerhalb der Mondbasis. Maya betritt das Licht wie ferngesteuert, spricht mit fremder Stimme und verschwindet.

Es kommt zu Energieverlusten in verschiedenen Sektionen Alphas. Offensichtlich ziehen Unbekannte mittels des Strahls Energie von verschiedenen Quellen ab – auch von den hydroponischen Anlagen. Die für die Ernährung der Alphaner unverzichtbaren Pflanzen werden vernichtet. Man geht davon aus, dass sich die Fremden dem Mond im Schutze einer Art Energiefeld genähert haben, welches Ortung und optische Wahrnehmung verhindert. Commander Koenig hält die Vorfälle geheim, damit es nicht zur Panik kommt. Ein Gutes haben die Aktivitäten, denn die Unbekannten schicken ihren Zapfstrahl auch zu den verbliebenen Atommülldepots. Koenig und Carter fliegen mit einem Eagle dorthin und können sich davon überzeugen, dass der Atommüll jetzt völlig harmlos ist. Er gibt keinerlei Strahlung mehr ab. Plötzlich wird der Eagle vom Zapfstrahl gepackt und ins All gerissen. Die Funkverbindung mit der Basis wird gestört.

Koenig traut seinen Augen nicht, als er zu Gesicht bekommt, was sich hinter dem unsichtbar machenden Feld verbirgt. Es handelt sich nicht etwa um ein Raumschiff. Das einer überlegenden Technologie entstammende Objekt ist mindestens so groß wie Luna – es ist ein Stahlplanet ...

Die Fernsehserie "Mondbasis Alpha 1" (1975 – 1977) gehört zu meinen prägendsten Erfahrungen als Science-Fiction-Fan. Ich habe mich immer gefragt, was wohl aus den Alphanern geworden sein mag, denn die aus zwei Staffeln zu je 24 Episoden bestehende Serie hat kein zufriedenstellendes Ende. Zumindest erfährt man nicht, wie die Geschichte von der Odyssee des aus dem Erdorbit gerissenen Mondes ausgeht. Sind die Alphaner für immer in den Tiefen des Alls verschollen? Nach all den Jahren habe ich neulich erst erfahren, dass es 1978 erschienene Novelizations bestimmter Folgen gibt, und nicht nur das, sondern auch Romane, die nicht auf Episoden der TV-Serie basieren, sondern diese fortsetzen. Interessanterweise stammen letztere von deutschsprachigen Autoren und sind auch nur in Deutschland erschienen.

"Der Stahlplanet" ist der letzte Band in dieser Reihe. Er wäre an sich nicht weiter erwähnenswert, denn die Sache mit den Energiedieben und ihrem gigantischen Raumschiff ist weder originell noch spannend. Obendrein wimmelt es im Text nur so vor Rechtschreibfehlern und manchmal fehlt der Beginn eines Absatzes. Doch nach Abschluss der Story, also nach Beseitigung der von den Fremden ausgehenden Gefahr, folgt noch ein kurzes Kapitel, in dem die Alphaner Kontakt mit Texas City erhalten (siehe TV-Episode Schottische Geschichten). Es stellt sich heraus, dass sich der Mond der Erde nähert! Die Alphaner dürfen also hoffen, schon bald wieder zu Hause zu sein. In einem früheren Kapitel wird übrigens erwähnt, Prof. Victor Bergman (eine der Figuren, die mit Ende der 1. Staffel sang- und klanglos aus der Serie verschwunden sind) habe sich für Alpha geopfert. So findet eine meiner Lieblingsserien doch noch einen ganz netten Abschluss. (06.05.2019)


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868
Jack L. Chalker: Fünf Zaubersteine zu binden fünf verschied'ne Welten Jack L. Chalker: Fünf Zaubersteine zu binden fünf verschied'ne Welten
Goldmann, 1983
280 Seiten

Unsere Welt ist nur eine unter unzähligen, die von den Forschern einer jahrmillionenalten interuniversellen Universität studiert werden. Wenn jemand aus den neun Fakultäten der Universität eine Hypothese überprüfen möchte, so muss er sich nur ans Wahrscheinlichkeitsamt wenden. Dann wird ein Arbeitsmodell – also ein Planet oder ein komplettes Universum – mit den gewünschten Parametern für ihn erschaffen. Die hierfür eingesetzten Werkzeuge sind Energieverstärker in Form perfekter Juwelen. Wer einen Verstärker sein Eigen nennt, erlangt Fähigkeiten, die von Magie nicht zu unterscheiden sind. Nicht umsonst werden die Fakultätsmitglieder von den unwissenden Bewohnern der planetengroßen Versuchsanordnungen für Dämonen gehalten, sofern deren Tätigkeit überhaupt jemandem auffällt. Asmodeus Mogart war bis vor einigen Jahrzehntausenden für die Universität tätig. Er wurde wegen eines von ihm verursachten Skandals auf die Erde strafversetzt, wo er seinen Trübsinn in Strömen von Alkohol ertränkt.

Dummerweise hat dieser Planet ein Riesenproblem. Die Menschen haben versucht, einen Asteroiden voller wertvoller Bodenschätze in den Erdorbit zu bugsieren, doch einige der zur Abbremsung gedachten Superbomben waren Blindgänger. Jetzt rast der Asteroid direkt auf die Erde zu und wird diese innerhalb weniger Tage vernichten. Es ist bereits zu schrecklichen Naturkatastrophen gekommen; unter anderem wurde ein Teil des Mittleren Westens der USA überflutet und der Pazifik brandet jetzt an die Sierra Nevada. Asmodeus kann entweder zusammen mit allen Erdbewohnern sterben oder in seine Heimat zurückkehren. Dort allerdings droht ihm die Persönlichkeitslöschung oder gar die Verbannung in eine Existenzform, in der es nichts zu saufen gibt. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit. Wenn es Asmodeus gelingt, fünf weitere Juwelen an sich zu bringen, dann kann er ein Baalsauge erschaffen, einen Verstärker mit so großer Macht, dass der Weltuntergang rückgängig gemacht werden könnte.

Asmodeus braucht Helfer, um diese Aufgabe zu vollbringen, denn die fünf Juwelen, auf die er es abgesehen hat, befinden sich in anderen Realitätsebenen und sind im Besitz von Universitätsangehörigen. Asmodeus kann die eigene Realitätsebene nicht verlassen und seine Kollegen müssen dazu gebracht werden, ihre Juwelen freiwillig herzugeben. Daher rekrutiert er Jill McCulloch, eine ehemalige Sportlehrerin, die am Meeresufer Selbstmord begehen wollte, und den Ex-Footballstar Mac Walters. Sie schließen einen Pakt mit ihm und lassen sich in verschiedene bizarre Welten versetzen, um die zur Rettung ihrer Heimat benötigten Juwelen zu beschaffen. Da die Zeit dort viel schneller verläuft, haben sie einen gewissen Spielraum. Zu spät wird ihnen klar, welche Absichten Asmodeus wirklich verfolgt und dass er keineswegs zufällig genauso aussieht wie der Leibhaftige…

Dieser Roman stammt aus einer Zeit, in der Fantasybücher mit ca. 300 Seiten für umfangreich gehalten wurden. Heute würde man aus dem Ideenfeuerwerk, das Chalker hier abfeiert, zweifellos entweder einen mindestens doppelt so dicken Roman oder gleich eine ganze Serie machen. Stoff genug wäre vorhanden!

Allein schon die Idee, dass das Multiversum nichts anderes ist als eine gigantische Spielwiese für allmächtige Verhaltensforscher ... genial! Jill und Mac ergreifen jeweils Besitz vom Körper eines Bewohners dieser Welten, die vom Wahrscheinlichkeitsamt nach dem Prinzip "was wäre wenn" erschaffen wurden. So muss Jill mit den Gegebenheiten einer Welt zurechtkommen, in der jede Sünde sofort von einer göttlichen Macht bestraft wird, während sich Mac inmitten von Urzeitmenschen wiederfindet. Er gelangt danach in eine Art Übungsgelände für Universitätsmitglieder, wo buchstäblich alles möglich ist. Derweil wird Jill in eine Welt versetzt, die frappierend an ein Fantasy-Rollenspiel erinnert. Am Schluss agieren beide gemeinsam in Chicago zur Zeit der großen Gangsterbosse, mit dem Unterschied, dass Magie dort funktioniert, elektrischer Strom aber so gut wie nicht genutzt wird. Zwischendurch kehren sie immer wieder in eine Bar in Reno zurück. Dort lässt sich Asmodeus systematisch volllaufen ...

Die Abenteuer der beiden menschlichen Helfer des versoffenen Dämons in den fünf Parallelwelten, bei denen es sich natürlich um Parodien typischer Fantasy-Topoi handelt (sogar Lovecrafts Mythenwelt spielt mit hinein), hätten es verdient, genauer ausgearbeitet und epischer erzählt zu werden. So bleibt es bei einem kurzen, knackigen und etwas episodenhaften Fantasyspaß mit humoristischem Grundcharakter, aber auch ernsthaften Untertönen. Das heißt, eigentlich gehört der Roman eher ins Science-Fiction-Genre, denn wenn von Magie die Rede ist, dann ist Technologie im Spiel, die so hoch entwickelt ist, dass sie von unsereins nicht verstanden werden kann. (29.04.2019)


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867
Es Stephen King: Es
Heyne, 2017
1534 Seiten

In der Kleinstadt Derry im US-Bundesstaat Maine ereignen sich seit Menschengedenken überdurchschnittlich viele Gewalttaten und die Anzahl vermisster Personen ist höher als irgendwo sonst im Land. Dennoch wächst und gedeiht die Stadt. Ihre Bewohner haben eine Art selektiver Wahrnehmung entwickelt, und so gelangen Geschehnisse, die anderswo für einen allgemeinen Aufschrei sorgen würden, nicht immer in die Schlagzeilen. Das alles ist auf das Wirken einer bösen Macht zurückzuführen, die sich vor langer Zeit in Derry eingenistet hat. Das Böse vergiftet die Gedanken und Gefühle vieler Stadtbewohner, so mancher wird sogar in den Wahnsinn getrieben. Es selbst verbirgt sich in der Kanalisation und tritt nur alle 27 Jahre in Erscheinung, um sich Opfer zu holen. Ungefähr ein Jahr lang benutzt Es dann bestimmte Zugänge zur Oberwelt, verschleppt Kinder und labt sich an ihrem Fleisch sowie ihrer Todesangst. Der Zyklus kulminiert stets in einer Orgie der Gewalt, woraufhin Es sich gesättigt zurückzieht. Es kann jede beliebige Form annehmen. Dabei bedient Es sich der schlimmsten Ängste der Menschen. Seine bevorzugte Erscheinungsform ist die des unheimlichen Clowns Pennywise.

Im Jahre 1958 ist Es wieder aktiv. In den Sommerferien kreuzen sich die Lebenswege von sieben Kindern, die alle von Pennywise attackiert wurden oder auf andere Weise mit Es in Berührung gekommen und knapp entkommen sind. Bill Denbrough, Richie Tozier, Eddie Kaspbrak und Stanley Uris sind schon länger befreundet. Beverly Marsh, Ben Hanscom und Mike Hanlon werden später Mitglieder der verschworenen Gemeinschaft. Sie nennen sich selbst "Club der Verlierer", denn sie sind Außenseiter, die von ihren Mitschülern – insbesondere dem brutalen Henry Bowers – gemobbt werden. Im vergangenen Herbst hat Bill seinen jüngeren Bruder Georgie verloren. Bisher konnte niemand ahnen, dass der kleine Junge wie unzählige Kinder vor ihm von Pennywise getötet worden ist. Durch ihre Erlebnisse mit den verschiedenen Inkarnationen des Bösen wird Bill und seinen Freunden zumindest teilweise bewusst, was in Derry vorgeht. Sie erkennen, dass sie Pennywise verletzen können, wenn sie zusammenhalten und ihre Ängste überwinden. Es gelingt ihnen, den Zyklus des Schreckens zu durchbrechen. Es verschwindet, ohne wie in all der Zeit zuvor eine Katastrophe verursacht zu haben. Die Kinder schwören, dass sie den Kampf erneut aufnehmen werden, sollte Es sich jemals wieder zeigen.

In den folgenden Jahren verlieren sich die sieben einst so engen Freunde aus den Augen. Sie lassen sich in anderen Städten nieder und vergessen einander sowie die schrecklichen Geschehnisse des Sommers 1958 so gründlich, dass es einer Amnesie gleichkommt. Mike bleibt in Derry. Nur er bewahrt die Erinnerung an Es und an den Blutschwur. Er wird zum Leiter der städtischen Bibliothek und bringt eine Chronik Derrys zu Papier. Im Rahmen seiner Recherchen erfährt er, dass Es schon seit Jahrhunderten in der Gegend sein Unwesen treibt. Im Jahre 1985 verdichten sich die Anzeichen auf einen Neubeginn des Zyklus. Ein Serienmörder, so scheint es, geht in Derry um. Mike weiß es besser, zögert aber lange, bevor er Kontakt mit seinen alten Freunden aufnimmt. Doch irgendwann kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass Es damals zwar schwer verwundet, aber nicht getötet wurde. Mike ruft Bill, Bev, Richie, Eddie, Ben und Stan an, um sie an ihren Eid zu erinnern. Damit wird die Amnesie zunächst nur teilweise aufgehoben, doch auch das reicht aus, Stan in den Selbstmord zu treiben. Die anderen kehren nach Derry zurück und halten Kriegsrat.

Nicht nur die verbliebenen Mitglieder des Clubs der Verlierer schmieden Pläne. Das personifizierte Böse ist sich der Gefahr sehr wohl bewusst. Diesmal will Es auf Nummer Sicher gehen und die lästigen Menschen ein für alle Mal beseitigen. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn Bill und seine Freunde sind jetzt erwachsen und besitzen nicht mehr die Macht kindlicher Phantasie, die sie dem Bösen damals entgegengesetzt haben. Es rekrutiert eigene Helfer, mit deren Ankunft in Derry niemand rechnen konnte ...

Dies ist Kings zweitlängster Roman nach "Das letzte Gefecht" und er kann als Musterbeispiel für die Stärken und Schwächen des Autors bezeichnet werden. Auf der einen Seite stehen exzellente Figurenzeichnung, fesselnde Atmosphäre und bis ins kleinste Detail stimmig ausgearbeitete Situationen. Meisterhaft erweckt King die Protagonisten für den Leser zum Leben, so dass sie nicht nur Namen auf Papier sind, sondern gute alte Bekannte. Und er bringt das Kunststück fertig, die Orte des Geschehens so plastisch vor das innere Auge des Lesers treten zu lassen, dass es fast so ist, als wäre man selbst schon dort gewesen. In "Es" wird ständig zwischen den Jahren 1958 und 1985 hin- und hergewechselt bzw. mehrere Handlungs- und Zeitebenen verlaufen nicht nur parallel, sondern sind mehrfach verschachtelt und gehen oft direkt ineinander über. Die Innenwelten der Helden – sowie der psychopathischen Killer – werden glaubwürdig dargestellt. Bei den Kindern ist das allerdings so eine Sache. Wir reden hier von Elf-/Zwölfjährigen, aber so verhalten sie sich oft nicht, sondern eher wie Erwachsene. King zieht sich aus der Affäre, indem er sie zu Werkzeugen einer höheren Macht werden lässt. Sie sind in der Phase des Kampfes gegen Es quasi nicht ganz sie selbst.

Genau die soeben gelobte Ausführlichkeit fällt auch gleich in die andere Waagschale, denn man könnte die Expositionsphase als ausufernd bezeichnen, das heißt, auf das eine oder andere Kapitel hätte vielleicht verzichtet werden können. Außerdem ist die Auflösung des so lange vorbereiteten Endkampfs beziehungsweise der Endkämpfe – der Showdown findet ja gleich zweimal statt – nicht hundertprozentig überzeugend. Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee war, dem im Grunde gestaltlosen Bösen körperliche Formen zu geben, auch wenn es sich dabei nur um Interpretationen handelt: Die menschlichen Sinnesorgane können die Essenz des Bösen nicht wahrnehmen und was sie wahrnehmen, kann vom menschlichen Geist nicht begriffen werden. Deshalb sehen diejenigen, die Es gegenübertreten, immer das, was sie zu sehen erwarten.

Aber genug geschwafelt! "Es" gehört zur Top Ten der King-Romane. Wer ihn noch nicht gelesen hat, sollte das schleunigst nachholen. Hier folgen ein paar ganz persönliche Anmerkungen. "Es" war der erste Roman Stephen Kings, der mich so richtig in seinen Bann gezogen hat. Das war 1989. Vorher hatte ich nur ältere Romane ("Carrie", "Brennen muss Salem" und "Shining") sowie die Kurzgeschichtensammlung "Katzenauge" gelesen. Die fand ich alle gut, aber keiner hat mich so gepackt wie "Es". Bei diesem Roman hat sich erstmals der von mir so genannte King-Effekt eingestellt. Ich konnte voll und ganz in die Geschichte eintauchen und es war mir kaum mehr möglich, das Buch aus der Hand zu legen – ebenso wenig, wie ich eine angebrochene Chipstüte zur Seite legen kann. Vor allem jedoch hat mich mit Ausnahme von "Carrie" keiner der zuvor gelesenen Romane Stephen Kings auf einer derart persönlichen Ebene berührt. Warum das bei "Carrie" so war? Vgl. den Abschnitt zur Erziehung in meinem kleinen Lebenslauf, den ich nebenbei bemerkt dringend überarbeiten müsste. Im Falle von "Es" konnte ich mich selbst im Club der Verlierer wiederfinden, denn ich hatte lange Zeit eine ähnliche Außenseiterrolle. Man könnte mein damaliges Ich als harmlosere Mischung aus Richie Tozier und Eddie Kaspbrak bezeichnen.

Ich habe Ende der Achtziger die Paperbackausgabe mit schlichtem rotem Cover gelesen und war jetzt einigermaßen überrascht zu erfahren, dass diese Fassung leicht gekürzt ist. Die seit 2011 erhältliche Ausgabe, 2017 anlässlich der Neuverfilmung neu aufgelegt, enthält erstmals den komplett Text und ist obendrein fehlerbereinigt. (25.04.2019)


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866
Das Andromeda-Rätsel H.W. Springer: Mondstation 1999 – Das Andromeda-Rätsel
Bastei Lübbe, 1978
155 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Mondbasis Alpha 1.

Mehr als sechs Jahre sind vergangen, seit der Mond durch die Explosion des dort gelagerten Atommülls aus dem Erdorbit gestoßen wurde. Die gut 300 Besatzungsmitglieder der Mondbasis Alpha haben viele Gefahren überstanden und nie die Hoffnung aufgegeben, eine neue Heimat zu finden. Doch jetzt haben sie den sicheren Tod vor Augen, denn Luna hat die Milchstraße verlassen und rast mit relativistischer Geschwindigkeit in den Leerraum zwischen der heimatlichen Sterneninsel und der Nachbargalaxis Andromeda hinaus. Alle Planeten, auf denen die Alphaner ihre zur Neige gehenden Ressourcen auffrischen könnten, sind außerhalb der Reichweite der Adler-Raumschiffe. In dieser aussichtslosen Situation verschlechtert sich die Moral rapide und selbst Commander Koenig hat düstere Gedanken. Da wird eine große Masseansammlung geortet, auf die sich der Mond zubewegt. Es handelt sich um unzählige bewegungslos im Leerraum hängende Raumschiffe der unterschiedlichsten Größen und Bauarten. Gleichzeitig nimmt Lunas Geschwindigkeit aus unbekannten Gründen immer weiter ab.

In der Nähe des Raumschiffsfriedhofes werden Funksignale aufgefangen. Ein Adler wird zu der Quelle des Signals geschickt. Der Ingenieur Leroy Nilsson betritt das medusenförmige, irgendwie organisch wirkende Gebilde und begegnet dort drei Menschen, die für ihn die Idealbilder einer wunderschönen Frau, eines weisen alten Mannes und eines etwa elfjährigen Kindes darstellen. Sie nennen sich selbst Djuaner und sind angeblich die letzten Überlebenden einer Katastrophe. Da sie in ihrem Schiff nicht überleben können, wird ihnen Asyl auf dem Mond gewährt. Zum Dank stellen sie den Alphanern das gesamte spaltbare Material ihres Schiffes zur Verfügung. Zu spät erkennen die Alphaner, welches Grauen sich hinter dem harmlosen Erscheinungsbild der vermeintlich so freundlichen Djuaner verbirgt ...

In den Siebzigerjahren ist einiges an Merchandisingmaterial zur Fernsehserie "Mondbasis Alpha 1" auf den Markt gekommen, darunter auch Romanfassungen einzelner Episoden. Diese wurden kurz nach dem Ende der TV-Serie eingestellt – aber nicht in der BRD! Hierzulande wurde die Serie in Romanform von deutschsprachigen Autoren fortgesetzt. "Das Andromeda-Rätsel" ist das erste dieser zwar im Universum von "Mondbasis Alpha 1" angesiedelten, aber nicht auf Episoden der TV-Serie basierenden Bücher, und die Story fügt sich gut ins Serienuniversum ein. Fünf weitere Romane sind damals erschienen. Soweit ich weiß, sind sie nie im englischsprachigen Raum veröffentlicht worden. Kurios!

Lobenswerterweise wird die Handlung des letzten aus der Feder von Michael Butterworth stammenden Romans (Kampf um die Zukunft) direkt fortgesetzt, allerdings wird das Ganze am Ende dadurch ad absurdum geführt, dass der Mond von irgendwelchen supermächtigen Wesen einfach in die Milchstraße zurückversetzt wird. Abgesehen von dieser für meinen Geschmack etwas zu billigen Auflösung der recht eindringlich geschilderten deprimierenden Ausgangssituation gefällt mir der Roman besser als Butterworths Werke, die kaum mehr sind als ausführliche Inhaltsangaben von Serienepisoden. Der positive Eindruck hängt sicher auch damit zusammen, dass einer meiner Hauptkritikpunkte, nämlich die erbärmliche Übersetzung vom Englischen ins Deutsche, diesmal natürlich wegfällt. Einige Kapitel sind aus der Perspektive der bizarren Djuaner geschrieben und mir scheint, der Autor hatte hierbei besonders viel Spaß. Die amöbenartigen Wesen vermehren sich durch Teilung, allerdings nimmt die Intelligenz dabei ab... Es fällt ihnen nicht leicht, die menschliche Form beizubehalten und sie müssen sich sehr zurückhalten, um nicht sofort über die Alphaner herzufallen, denn die Menschen sind für Vier-dju, Drei-dju und Zwei-dju eine besonders leckere Speise! (15.04.2019)


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865
Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute Frederik Pohl & C.M. Kornbluth: Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute
Heyne, 1982
240 Seiten

Auf der überbevölkerten Erde haben Großkonzerne die Macht übernommen. Regierungen werden im Grunde nur noch aus nostalgischen Gründen beibehalten, denn Staatsgrenzen sind für die international agierenden Wirtschafts- und Finanzmagnaten bedeutungslos geworden. Auch die Kirchen haben keinen Einfluss mehr; ungebremster Turbokapitalismus ist die neue Religion. Die großen Firmen halten sich gegenseitig in Schach. Auftragsmorde sind hierbei, sofern eine offizielle Industriefehde verkündet wurde, ein legitimes Mittel. Alle Ressourcen des gequälten Planeten werden gnadenlos ausgebeutet und gehen allmählich zur Neige. Holz ist inzwischen mindestens so wertvoll wie Gold und nur die Superreichen können sich natürliche Nahrungsmittel leisten. Normalverbraucher müssen sich mit kaum genießbaren Ersatzprodukten zufriedengeben, die obendrein teils mit süchtig machenden Substanzen versetzt sind. Die Welt-Naturschutz-Gesellschaft versucht diese Missstände zu ändern. Die "Natschus" werden als Terroristen verunglimpft. Sie können daher nur im Untergrund tätig werden und sind in Zellen organisiert, die nichts voneinander wissen.

Werbeagenturen haben in dieser vollständig auf Massenkonsum ausgerichteten Welt mehr Einfluss als je zuvor. Die Fowler Schocken AG mit Sitz in New York ist der größte Global Player dieser Branche - und mehr als das. Schocken beherrscht ein gewaltiges Firmenkonglomerat und hat die Verschmelzung des indischen Subkontinents zu einem einzigen gigantischen Fabrikationskomplex erreicht. Schockens neuester Coup soll der Firma die absolute Vorherrschaft sichern. Die Kolonisierung der Venus steht bevor und Schocken hat sich die Exklusivrechte zur Nutzung des Nachbarplaneten der Erde gesichert. Mitchell Courtenay, ein hochrangiger Vertrauter Schockens, leitet das Projekt. Den potentiellen Siedlern werden blühende Landschaften vorgegaukelt. In Wahrheit wird die Venus noch in Jahrzehnten eine karge, lebensfeindliche Wüste sein. Kurz nachdem Mitch seinen Posten angetreten hat, werden Mordanschläge auf ihn verübt, die er mit viel Glück überlebt. Er nimmt an, Schockens größter Konkurrent, die Taunton AG, stecke dahinter. Dann stellt er fest, dass das Venusprojekt von Matthew Runstead sabotiert wird, dem Leiter der Martkforschungsabteilung in der eigenen Firma.

Mitch stellt Runstead zur Rede und tappt in eine Falle. Er findet sich mit geänderter Identität auf einem Arbeiterfrachter mit Ziel Costa Rica wieder. Er ist nun William Groby und muss in den Chlorella-Proteinplantagen schuften. Unter normalen Umständen hätte er keine Chance, sich jemals aus dieser erbärmlichen Existenz zu befreien oder zu beweisen, dass er ein Werbetexter der Starklasse ist. In dieser Situation kommt ihm sein manipulatives Talent zugute. Es gelingt ihm, das Vertrauen eines Mitglieds der lokalen Natschu-Zelle zu gewinnen und sich den Respekt der Untergrundkämpfer zu verdienen, indem er deren Propagandamaterial überarbeitet. Er steigt in den Rängen auf und kann schließlich nach New York zurückkehren. Zu spät erkennt er, wer seine wahren Gegner sind ...

 ...und dass es an dieser Stelle nicht zu der klischeehaften Wendung kommt, dass Mitch, Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans, seine Fehler durch die Erlebnisse beim "einfachen Volk" erkennt und auf diese Weise geläutert wird, so dass er sich von Fowler Schocken abwendet, um sich den Natschus anzuschließen, ist bezeichnend für diese köstliche SF-Satire, die auch nach bald 70 Jahren nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Überbevölkerung, Umweltzerstörung, Klimawandel, Globalisierung, Politiker als Sockenpuppen für Lobbyisten und allmächtige Konzerne, Volksverdummung durch Fake News, allgegenwärtige personalisierte Werbung ... das sind die großen und geradezu prophetisch wirkenden Themen einer Story, die zumindest teilweise von der Realität eingeholt worden ist. Es ist unfassbar, wie viele Ideen in den Roman hineingepackt wurden. Mit leichter Übertreibung könnte ich behaupten, dass jeder Aspekt des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebens teils bis zur Groteske, aber keineswegs unplausibel extrapoliert wurde. Pohl und Kornbluth haben eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass gute Science Fiction mehr zu bieten hat als Space Operas!

Nicht nur inhaltlich liest sich der Roman so, als sei er gerade erst geschrieben worden. Auch der Stil lässt nicht vermuten, dass der Roman im Jahre 1953 veröffentlicht und 1982 in der Reihe »Bibliothek der Science Fiction Literatur« neu aufgelegt worden ist, was bedeutet, dass die deutsche Übersetzung nun auch schon fast 40 Jahre auf dem Buckel hat! Die Geschichte wird auf keinen Fall bierernst oder sonstwie kopflastig erzählt, sondern höchst unterhaltsam, witzig und bissig. Der Humor ist tiefschwarz, etwa wenn Mitch beschreibt, wie er als Arbeitssklave von Chlorella immer mehr Schulden aufhäuft, weil man von den dort ausgeteilten Lebensmitteln Mangelerscheinungen kriegt, die sich nur durch den Konsum anderer Produkte ausgleichen lassen, welche wiederum suchterzeugende Beimengungen enthalten usw. – ein endloser Kreislauf, aus dem niemand ausbrechen kann. Ironischerweise machen sich die Natschus genau dieselben Mittel zunutze, mit denen Mitch bisher bei ihrem Erzfeind brilliert hat. Definitive Leseempfehlung! (13.04.2019)


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864
Föhnlage Jörg Maurer: Föhnlage
Fischer, 2017
333 Seiten

Die für ihre skandalträchtigen Auftritte bekannte Pianistin Pe Feyninger gibt ein Konzert in einem noblen bayerischen Kurort. Böse Zungen behaupten, sie sorge weniger durch künstlerische Qualität für Aufsehen, sondern durch exzentrisches Verhalten. Deshalb glauben manche Konzertbesucher zunächst an einen Showgag, als ein Mann wie aus dem Nichts auf den zwölften Platz in der vierten Reihe stürzt. Schnell wird klar, dass sich ein schreckliches Unglück ereignet hat. Der Mann ist tot! Außerdem hat er einen Konzertbesucher unter sich begraben. Da der Gestürzte ein Schwergewicht war, wurde das zweite Opfer, ein klein gewachsener Mann namens Ingo Stoffregen, geradezu zerquetscht. Hauptkommissar Hubertus Jennerwein wird auf die Sache angesetzt. Er stellt fest, dass es sich bei dem Gestürzten um einen Angestellten des Kulturzentrums namens Eugen Liebscher handelt und dass er keineswegs, wie Anfangs angenommen, vom weit in den Konzertsaal hineinreichenden Balkon gefallen oder gesprungen sein kann. Wie sich herausstellt, war er auf dem Speicher und ist durch eine der nicht trittsicher befestigten dünnen Holzplatten der in zwölf Metern Höhe angebrachten Zwischendecke gebrochen. Was hatte der Mann auf dem Speicher zu suchen? Wollte er Selbstmord begehen?

Verwertbare Zeugenaussagen sind nicht zu erhalten, denn alle Konzertbesucher haben sich auf die Pianistin konzentriert, niemand hat den Sturz gesehen. Hausmeister Peter Schmidinger kann erst recht nicht helfen, denn seit er vor Jahren auf dem Speicher die Leiche eines Selbstmörders entdeckt hat, ist er dort nicht mehr gewesen. Den zum Öffnen der verschlossenen Speichertür benötigten Vierkantschlüssel hätte sich jedermann in einem Baumarkt besorgen können. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf eine unbekannte Begleiterin Stoffregens, die sich seltsam verhalten und den Ort des Geschehens verlassen hat, ohne sich um den tödlich Verletzten zu kümmern. Der Fall nimmt eine neue Dimension an, als auf dem Speicher Chemikalien entdeckt werden, die zum Mixen von hochbrisantem Sprengstoff benutzt werden können. Gemeinderat Toni Harrigl verbreitet die Theorie, es habe sich um einen gegen ihn gerichteten Mordanschlag gehandelt, denn eigentlich hätte er in Reihe 4 auf Platz 12 sitzen sollen. Er hatte zwei Konzertkarten als Geschenk erhalten und diese mangels Interesse an Stoffregen weitergegeben.

Der Vorfall bereitet dem Ehepaar Ignaz und Ursel Grasegger großes Kopfzerbrechen. Sie betreiben ein alteingesessenes Bestattungsinstitut und nutzen diese Tätigkeit, um Opfer der italienischen Mafia verschwinden zu lassen. In Dutzenden Gräbern liegen zwei Tote! Ein äußerst lukrativer, aber riskanter Nebenerwerb. Auf dem Speicher des Kulturzentrums haben die Graseggers einen USB-Stick versteckt, mit dessen Inhalt sie ihre Auftraggeber erpressen wollen, sollten diese auf die Idee kommen, ihnen etwas anzuhängen. Die polizeiliche Aktivität im einst so ruhigen Kurort kommt der Mafia zu Ohren. Man beschließt, den Friedhof aufzugeben und alle Mitwisser zu beseitigen. Ein Killer macht sich auf den Weg ins Voralpenland ...

Regionalkrimis, insbesondere solche, die in der Alpenregion spielen, gibt es wie Sand am Meer. Man könnte meinen, die Ermittler müssten sich gegenseitig auf die Füße treten und die Verbrechensrate sei in dieser Gegend besonders hoch! Vielleicht liegt's ja wirklich am Föhn, jenem warmen Fallwind, der bei Menschen mit entsprechender Veranlagung angeblich zu Depressionen, Gereiztheit und anderen Beschwerden führt? Bei der Vielzahl dieser besonderen Art von Heimatromanen braucht's schon ein Alleinstellungsmerkmal, damit das Interesse des Lesers geweckt wird. Nach meiner Erfahrung sind die Kriminalfälle an sich hierfür weniger geeignet, es sei denn, dass sie sich so nur aufgrund unverwechselbarer Besonderheiten des Schauplatzes ereignen können. Will sagen: So richtig originell oder aufregend sind die aufzuklärenden Verbrechen in der Regel nicht. Das trifft auch auf "Föhnlage" zu. Der Autor legt viele falsche, teils total abwegige Spuren, um den Leser an der Nase herumzuführen. Er füllt viele Seiten mit Nebenhandlungen, Personenbeschreibungen und sonstigen Details, die weder relevant für den Fall sind noch als atmosphärische Elemente gebraucht werden oder sonst irgendeine Rolle spielen. 30 Seiten gehen allein schon drauf, bis Liebscher auf Stoffregen geplumpst und Jennerwein am Tatort eingetroffen ist. Das zieht sich durch den ganzen Roman, so dass es mir schwerfällt, nicht von Seitenschinderei zu sprechen. Die Handlung zieht sich ohne echtes Vorankommen der Ermittler, bis die Auflösung am Ende mehr oder weniger herbeigezaubert wird.

Moment, wir haben es ja mit einem Regionalkrimi zu tun! Da ist der Fall eigentlich nicht so wichtig. Vielmehr machen Lokalkolorit, Atmosphäre und so weiter den Reiz solcher Romane aus. Unverzichtbar ist natürlich eine typische Hauptfigur, also ein Ermittler, der entweder am Ort des Geschehens ansässig ist und die (nicht selten bis zum Klischee gesteigerten) Eigenheiten der Region repräsentiert, oder eben nicht von dort kommt und sich mit besagten Eigenheiten herumschlagen muss. Diese Alleinstellungsmerkmale fehlen meiner Meinung nach bei "Föhnlage". Gut, was das Lokalkolorit angeht, kann man nicht allzu viel meckern. Da gibt es die zu erwartenden Männer in Lederhosen und Wadlstrümpfen, es werden Stammtischgespräche und sonstige skurrile Dialoge geführt, man genießt den Ausblick aufs Gebirge sowie diverse lokale kulinarische Spezialitäten. Im Grunde genommen könnte der Roman allerdings überall südlich des Weißwurstäquators spielen. Der Kurort bleibt eher gesichtslos – leider auch Kommissar Jennerwein. Ich kann nicht umhin, ihn mit Kluftinger zu vergleichen, dem Helden der Allgäukrimis aus der Feder von Volker Klüpfel und Michael Kobr (siehe z.B. Milchgeld). Das Autorenduo mag oft allzu dick auftragen, aber ihre Figuren haben definitiv Profil, sind wiedererkennbar. Jennerwein und seine Kollegen kommen mir dagegen völlig austauschbar vor. Jedenfalls kann ich mich in Klufti eindeutig wiederfinden, während Jennerwein einfach irgendwer mit einer besonderen Krankheit ist. Er leidet an Akinetopsie (Bewegungsblindheit). Wenn er einen seiner seltenen Anfälle hat, nimmt er nur noch Einzelbilder wahr. Dadurch gerät er manchmal in brenzlige Situationen.

Obendrein hat mich Maurers (bemühter) Humor nicht überzeugt. Zugegeben, in den Klufti-Romanen sorgt die manchmal slapstickhafte Situationskomik für Fremdschämen, aber den Autoren gelingen doch immer wieder ganz köstliche Momente. So etwas muss man bei Maurer mit der Lupe suchen. Er versucht es mit Wortwitz. Bei mir ist der nicht angekommen. Ich fand den Roman zu geschwätzig. (06.04.2019)


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863
Todeszauber Jürgen Kehrer / Petra Würth: Todeszauber
Grafit-Verlag, 2007
285 Seiten

Zum 50. Geburtstag bekommt der Münsteraner Privatdetektiv Georg Wilsberg von seiner Tochter Sarah einen Varietébesuch geschenkt. Es hätte ein schöner Abend werden sollen, doch die Vorstellung des Magiers Stefano Monetti wird zum Debakel. Es wird angekündigt, Monettis Assistentin und Lebensgefährtin Anna Ortega werde mit einer Pistole auf den hinter einer Glasscheibe stehenden Zauberkünstler schießen, der das Projektil mit den Zähnen auffangen werde. Natürlich sollte die Pistole so präpariert sein, dass das Geschoss zwar eine Glasscheibe durchschlagen, danach aber keinen Schaden mehr anrichten kann. Doch Monetti wird genau zwischen die Augen getroffen und stirbt. Um seine schockierte Tochter zu beruhigen, geht Wilsberg hinter die Bühne und bietet Anna Hilfe an. Im Gegensatz zur Polizei glaubt Anna nicht an einen Unfall. Sie meint, jemand habe die Trickpistole manipuliert. Wilsberg soll den Mörder finden. Es gibt nur eine vage Spur. Sie führt nach Hamburg. Monetti war regelmäßig ohne Anna in der Elbmetropole, um reichen Unbekannten privaten Zauberunterricht zu geben. Von seinem letzten, nicht lange zurückliegenden Termin ist Monetti zutiefst deprimiert zurückgekehrt und er wollte dieses Engagement beenden. Anna meint, Monettis alter Lehrer, der in Hamburg einen Zauberladen betreibt, wisse möglicherweise mehr.

Wilsberg reist mit gemischten Gefühlen nach Hamburg, denn diese Stadt ist das Revier seiner Kollegin Pia Petry, mit der ihn mehr verbindet als berufliches Interesse. Die Beziehung ist gescheitert, bevor sie richtig beginnen konnte, denn Pia hat Wilsberg in flagranti mit einer anderen Frau erwischt. Die beiden laufen sich zwangsläufig über den Weg, denn ohne es zu wissen, ermitteln sie in zusammenhängenden Fällen. Pia hat durch Zufall die Leiche der Freundin ihres Salsa-Tanzpartners Miguel Lopez gefunden. Die Kubanerin namens Isabel Ortega (Annas Schwester) wurde in der eigenen Wohnung stranguliert. Pia bleibt an der Sache dran, um Hauptkommissar Lademann eins auszuwischen, von dem sie am Tatort zur Rede gestellt und schlecht behandelt wurde. Pia hat Hinweise darauf gefunden, dass Isabel Varietékünstlerin war. Auf gut Glück besucht sie das Hanse-Theater und landet einen Treffer. Sie begegnet Florian von Sandleben, einem sehr wohlhabenden Hobbymagier, der sie in sein Anwesen einlädt. Dort entdeckt Pia das Gegenstück zu einem auffälligen Ohrring, den sie in Isabels Wohnung gesehen hat. Ihr neuer Verehrer hat allerdings behauptet, er sei Isabel nie begegnet.

Unabhängig voneinander stoßen Wilsberg und Pia bei ihren Ermittlungen auf Ernst Reichweiler, einen reichen Reeder, der eine Affäre mit Isabel hatte. Der Mann leugnet die Sache nicht, hat aber ein Alibi. Immerhin wird klar, dass in Hamburg ein Club oder vielmehr eine Art Geheimloge mächtiger Männer existiert, die sich im Hanse-Theater gegenseitig riskante Zaubertricks vorführen. Zur Loge gehören neben Magnaten wie Reichweiler und von Sandleben auch hochrangige Politiker, die nicht daran interessiert sind, dass ihre besonderen Vorlieben an die Öffentlichkeit geraten. Doch hinter den Morden muss mehr stecken. Hat Isabel womöglich während einer Vorführung assistiert, die furchtbar schiefgegangen ist, und wollte sie die Logenmänner mit Monettis Hilfe erpressen? Die Tatsache, dass die Kubanerin früher Prostituierte war und von "women's help" nach Deutschland geholt worden ist, einer von Reichweilers Gattin betriebenen Wohltätigkeitsorganisation, könnte auf Mädchenhandel hindeuten. Und wer ist Cagliostro, der geheimnisvolle Logenmeister, auf dessen Namen Anna in Monettis Tagebuch stößt?

Während Wilsberg und Pia gezwungenermaßen zusammenarbeiten, wobei sie sich einander auch in Liebesdingen wieder annähern, ereignet sich ein weiterer Mord. Wilsberg gerät unter Tatverdacht. So richtig kompliziert wird es, als Anna nach Hamburg kommt, um bei der Aufklärung des Falles zu helfen. Mit untrüglichem Instinkt merkt Pia sofort, dass Wilsbergs Hormone von der schönen Kubanerin in Wallung gebracht werden…

Der 18. Wilsberg-Roman ist der zweite, der in Zusammenarbeit mit Petra Würth entstanden ist. Wie bei Blutmond werden die Kapitel im ständigen Wechsel aus der Ich-Perspektive Georg Wilsbergs und Pia Petrys erzählt, wobei Wilsberg in der Vergangenheitsform berichtet, Pia Petry dagegen im Präsens. In "Blutmond" kennen sich die beiden noch nicht und wissen nicht, was sie voneinander zu halten haben. Diese reizvolle Besonderheit fällt diesmal weg und es dauert auch nicht lang, bis klar wird, dass sie eigentlich in derselben Angelegenheit ermitteln. Trotzdem arbeiten sie zunächst getrennt und zum Teil sogar gegeneinander, was natürlich die Schuld des Mannes ist. Eine alte Freundin hat sich ihm an den Hals geworfen und dummerweise ist Pia Petry genau im falschen Moment hereingeplatzt. Jetzt beteuert Wilsberg seine Unschuld, beißt aber erst einmal auf Granit. Ich spoilere ein wenig, wenn ich verrate, dass die beiden schließlich doch wieder zusammenkommen. Ich bezweifle aber, dass die Beziehung von Dauer sein wird – Wilsberg und Pia Petry sind doch zu verschieden.

Die problematische Beziehung verleiht dem Roman zusätzliche Würze, steht aber nicht im Vordergrund. Leider funktioniert das Zusammenspiel der beiden Charaktere nicht ganz so gut wie in "Blutmond", das heißt, anders als bei ihrer ersten Kooperation hatte ich nicht das Gefühl, aus völlig verschiedenen Richtungen an den Fall herangeführt zu werden. Die Vorgehensweise der so gegensätzlichen Detektive ähnelt sich diesmal sehr. Die Story entwickelt sich bis auf die Tatsache, dass den Ermittlern zu viele Zufälle zur Hilfe kommen, durchaus spannend. Nicht alle Zusammenhänge müssen erarbeitet werden, manche kommen quasi auf dem Silbertablett daher und wirken teils ein wenig überkonstruiert. Das fand ich ein bisschen schwach. Ansonsten kann ich nicht viel zu dem Roman sagen – es ist eben ein typischer Wilsberg wie ich ihn mag: Bodenständig, unaufgeregt, in diesem speziellen Fall aufgepeppt durch Pia Petrys Eigenheiten. Hamburg kommt übrigens viel zu kurz. Mit einer Ausnahme. Ich kenne kleine alte Hotels im Hamburg wie jenes, in dem Wilsberg absteigt, sehr gut. Daher kann ich sagen, dass diese spezielle Atmosphäre gut getroffen ist. (28.03.2019)


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862
Der dunkle Wald Cixin Liu: Der dunkle Wald
Heyne, 2018
815 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Die drei Sonnen.

Der Planet Trisolaris, Schauplatz des VR-Computerspiels Three Body, existiert wirklich. Seine Bewohner suchen nach einer neuen Heimat, weil sie aufgrund der auf Trisolaris herrschenden chaotischen Verhältnisse auf Dauer nicht überleben können. Die Trisolarier haben eine riesige Flotte entsandt, die die Erde in gut 400 Jahren erreichen wird. Zur Vorbereitung der Invasion haben sie die Sophonen vorausgeschickt; mit menschlichen Mitteln nicht wahrnehmbare künstliche Intelligenzen, die mit ihren Auftraggebern in überlichtschnellem Funkkontakt stehen. Die Sophonen sind die perfekten Infiltrateure. Kein noch so gut abgesichertes Geheimnis ist vor ihnen sicher und es ist ihnen bereits gelungen, bestimmte Bereiche der Grundlagenforschung lahmzulegen. Außerdem wurden viele Menschen zu Agenten der Trisolarier gemacht. Sie haben die Erde-Trisolaris-Organisation (ETO) gegründet, deren Ziel in der Vernichtung der Menschheit besteht.

All das ist den Regierungen in aller Welt wohlbekannt. Da die Sophonen jeden Verteidigungsplan umgehend durchschauen und an die Trisolarier weitergeben würden, wird ein ungewöhnliches, nie dagewesenes internationales Projekt ins Leben gerufen: Die Operation Wandschauer. Vier Männer werden mit nahezu uneingeschränkter Macht und unbegrenzten Mitteln ausgestattet. Sie sollen nach Wegen zur Sicherstellung des Überlebens der Menschheit suchen, müssen ihre Ideen aber für sich behalten. Ihre Anordnungen, egal wie absurd sie erscheinen mögen, dürfen von niemandem hinterfragt werden, denn nur wenn niemand weiß, welche Ziele die Wandschauer wirklich verfolgen, bleibt dies auch den Sophonen verborgen. Natürlich erfährt die ETO sofort von der Operation. Auf jeden Wandschauer wird ein Wandbrecher angesetzt, der die wahren Pläne "seines" Wandschauers enthüllen soll.

Die Wandschauer kommen gut voran und erzielen Erfolge, die den Wandbrechern nicht verborgen bleiben. Nur der Wandschauer Luo Ji, ein Astronom und Soziologe, scheint überhaupt nichts zu unternehmen. Paradoxerweise bereitet genau diese Untätigkeit den Trisolariern größte Sorgen. Während die anderen Wandschauer gewaltige Geldmittel und Ressourcen verbrauchen, um eine Weltraumflotte aufzubauen, neuartige Bomben zu entwickeln und so weiter, frönt Luo dem Müßiggang. Er benutzt seinen Wandschauerstatus, um seine Traumfrau zu finden und sich eine idyllisch gelegene, streng gesicherte Luxusvilla einrichten zu lassen. Erst als die Aufsichtsbehörde veranlasst, dass Luos Frau und ihre gemeinsame Tochter in den Kälteschlaf geschickt werden (viele Menschen nutzen dieses Verfahren, weil sie hoffen, in einer besseren Welt wiedererweckt zu werden), wird Luo aktiv. Er schickt ein durch Sonnenenergie verstärktes Funksignal in die Milchstraße hinaus, bei dem es sich, wie er behauptet, um einen Fluch handelt, der zur Vernichtung eines ganz bestimmten Sterns führen wird.

So phantastisch dieses Vorhaben klingen mag – die Trisolarier scheinen es ernst zu nehmen. Verschiedene Mordanschläge werden auf Luo verübt. Er wird mit einem auf ihn zugeschnittenen Krankheitserreger infiziert. Eine Heilung ist unmöglich, zumindest mit den derzeitigen Mitteln. Also wird Luo ebenfalls in Hibernation versetzt. Zweihundert Jahre vergehen, während denen die Trisolaris-Krise ungeahnte Ausmaße annimmt. Der Aufbau der Raumflotte verschlingt so große Mittel, dass die Weltwirtschaft zusammenbricht. Das globale Ökosystem gerät ins Wanken. Unfassbares Leid ist die Folge. Als Luo erweckt wird, nachdem seine Krankheit geheilt werden konnte, hat sich die Weltbevölkerung halbiert. Doch die Menschheit hat das "tiefe Tal" hinter sich gelassen. Die jetzige Generation lebt in großem Wohlstand, Energie steht in unbegrenzter Menge zur Verfügung und auch sonst hat sich vieles verbessert. Eine Flotte aus tausenden Kampfraumschiffen steht bereit, die Trisolarier abzufangen. Die Menschen glauben fest an ihren Sieg (außerdem scheint Luos "Fluch" tatsächlich funktioniert zu haben) und man blickt optimistisch in die Zukunft. Umso größer ist der Schock, als die Trisolarier ihre ganze Macht demonstrieren ...

Der zweite Band der Trisolaris-Trilogie unterscheidet sich inhaltlich recht deutlich vom ersten und gefällt mir nicht so gut wie dieser, was nicht zuletzt daran liegt, dass dem Roman das Alleinstellungsmerkmal fehlt. Sicher, der Autor schüttet wieder ein Füllhorn voller ungewöhnlicher, gar verblüffender Ideen über dem Leser aus. Meiner Meinung nach ist aber die Handlung, in die die Ideen eingebettet sind, weder besonders originell noch so kohärent, dass sich ein Spannungsbogen entwickeln könnte. Mein Hauptkritikpunkt bei Band 1 besteht darin, dass im Grunde lediglich eine Invasionsgeschichte erzählt wird. Auf eben dieses abgedroschene Klischee konzentriert sich Band 2. Die vielen großen und kleinen Zeitsprünge sowie das Fehlen eines Hauptantagonisten tragen ebenfalls zu einem Gesamtbild bei, das auf mich uneinheitlich, gar zerfahren wirkt. Sehr lange wird auf der Operation Wandschauer verweilt, die letztlich scheitert, so dass ich mich frage, warum der Autor überhaupt so großen Wert auf ihre Ausarbeitung legt. Die Hälfte des Umfangs hätte gereicht. Umso krasser ist nach diesem ziemlich langatmigen Teil der Übergang zur Epoche nach Luos Kryoschlaf, und das Finale ist, wenn ich die ausufernde Vorbereitungsphase berücksichtige, geradezu enttäuschend. Achtung, der folgende Satz enthält einen massiven Spoiler: Mit einer gewagten Aktion rettet Luo die Menschheit, das heißt, eigentlich müsste die Invasion der Trisolarier jetzt abgeblasen werden!

Obendrein bleibt manches Handlungselement bloße Behauptung. Beiläufig wird erwähnt bzw. es wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass die gesamte Weltbevölkerung zuerst akzeptiert, dass vier Typen mit unvorstellbarer Machtfülle installiert werden, deren Entscheidungen ohne jegliche Rückfrage umgesetzt werden müssen, und im weiteren Verlauf unfassbare Einschränkungen mehr oder weniger klaglos hinnimmt. Mir persönlich wäre es ziemlich wurscht, wenn jemand behaupten würde, dass die Erde in 400 Jahren vernichtet wird! Das Wiedererstarken der Menschheit nach der Überwindung des "tiefen Tals" muss man ebenso als gegeben hinnehmen wie das sang- und klanglose Verschwinden der ETO. Erklärungen werden durchaus geliefert, aber wie gesagt: Es sind Behauptungen. "Erlebbar" wird nur wenig. Aber zurück zum Alleinstellungsmerkmal! An "Die drei Sonnen" hat mir der Abwechslungsreichtum besonders gut gefallen. Es gibt drei Handlungsebenen, von denen zwei wirklich stark sind, nämlich Ye Wenjies Leidensweg während der Kulturrevolution in China bis hin zu ihrer Arbeit in der Militärbasis "Rotes Ufer" und die phantastischen Geschehnisse in der virtuellen Welt des Online-Computerspiels "Three Body". Die dritte Ebene, also die reale Welt, in der allmählich klar wird, wie die beiden anderen Ebenen miteinander verknüpft sind, hat mich am wenigsten gefesselt – und in "Der dunkle Wald" existiert nur diese minder interessante Ebene.

Der Ideenreichtum reißt es zumindest teilweise heraus. Zum Beispiel die Operation Wandschauer. Auf sowas muss man erstmal kommen! Die Absurdität der Situation kommt gut rüber. So versucht Luo mit beinahe kafkaesker Verzweiflung, seinen Mitarbeitern klarzumachen, dass er sich überhaupt nicht für diese Tätigkeit eignet. "Schon klar", sagen sie und lächeln wissend, denn sie glauben, Luos Behauptung gehöre zum großen, undurchschaubaren und supergeheimen Weltrettungsplan ... Außerdem liefert Luo eine einleuchtende Erklärung für das Fermi-Paradoxon, in dem es grob gesagt darum geht, dass das Universum voller intelligenter Lebensformen sein müsste, so dass wir längst Kontakt mit ihnen gehabt haben müssten. Auch hier wieder massive Spoiler, die mit dem obigen Spoiler zusammenhängen: Die fremden Zivilisationen existieren tatsächlich, aber sie verhalten sich wie Jäger in einem dunklen Wald (daher der Romantitel). Sie wollen nicht auffallen, weil sie nicht wissen können, ob sich die anderen Zivilisationen im Falle eines Kontakts friedlich oder feindlich verhalten würden und ob sie technisch über- oder unterlegen sind. Nach Cixin Lius Argumentationskette muss das zwangsläufig dazu führen, dass jede Zivilisation, die sich zu erkennen gibt, sofort von einer anderen vernichtet wird. (23.03.2019)


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861
Kampf um die Zukunft Michael Butterworth: Mondstation 1999 - Kampf um die Zukunft
Bastei Lübbe, 1978
159 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Mondbasis Alpha 1.

25. Dezember 2005 – in der Mondbasis Alpha kann von Weihnachtsstimmung nicht die Rede sein. Seit mehr als sechs Jahren treibt der aus dem Erdorbit geschleuderte Mond durchs All. Bisher konnten die gut 300 Besatzungsmitglieder der Basis ihre zur Neige gehenden Ressourcen stets auffüllen, wenn Planeten in der Nähe waren. Diese Möglichkeit wird in absehbarer Zeit nicht mehr gegeben sein, denn der Mond wurde durch eine Zeitverwerfung an den Rand der Galaxie geschleudert und wird die Milchstraße bald verlassen. Im intergalaktischen Leerraum ist die Wahrscheinlichkeit, auf eine Rohstoffquelle zu stoßen, gleich Null. Eine der letzten Gelegenheiten bietet sich, als der Mond einen Planeten mit reichen Mineralvorkommen passiert. Doch das von Commander Koenig angeführte Landeteam gerät dort in größte Gefahr und muss unverrichteter Dinge zurückkehren.

Währenddessen erhalten die Alphaner Kontakt mit der Erde. Dort ist viel mehr Zeit vergangen als auf dem Mond und es wurde eine neue Technik entwickelt, mit der es Dr. Charles Logan zufolge möglich sein müsste, die Besatzung der Mondbasis trotz der unfassbaren Entfernung zurück nach Hause zu holen. Commander Koenig, Dr. Helena Russell und Alan Carter stellen sich für den ersten Versuch am lebenden Objekt zur Verfügung. Da es während des Transportvorgangs auf der Erde zu seismischen Erschütterungen kommt, erreichen die drei Alphaner zwar ihr Ziel, machen dabei aber eine Zeitreise und landen im Jahre 1339. Kurz nachdem Dr. Logan den Fehler korrigiert hat, so dass die Zeitreisenden wohlbehalten in die Mondbasis zurückkehren können, bricht der Kontakt mit der Erde für immer ab.

Wenig später nähert sich ein Raumschiff der Dorkoner der Mondbasis. Diese Wesen sind alte Feinde von Mayas Volk. Die Dorkoner verlangen die Herausgabe der letzten Psychonerin, denn nur durch die Verpflanzung ihres Hirnstamms kann Archo, der gealterte Lord der Dorkoner, sein Leben verlängern. Natürlich sind Mayas Freunde nicht bereit, auf die Forderungen der Dorkoner einzugehen, selbst wenn es ihren eigenen Tod bedeutet. Nachdem diese Bedrohung beseitigt ist, kommt ein Planet in Reichweite, der ideale Lebensbedingungen zu bieten scheint. Eine Evakuierung dorthin stellt die letzte Chance der Alphaner dar. Doch nach der Landung eines Erkundungsteams verwandelt sich das vermeintliche Paradies in eine wahre Hölle ...

Zur Fernsehserie Mondbasis Alpha 1, die in Deutschland in den Jahren 1977 und 1978 erstmals zu sehen war, ist seinerzeit einiges an Merchandisingmaterial erschienen. Ich bin stolzer Besitzer eines Modell-Adlers aus Metall und des Panini-Stickeralbums, habe aber bis vor kurzem nicht gewusst, dass damals auch Novelizations erschienen sind, also Romanfassungen einzelner Episoden. Noch weniger habe ich geahnt, dass es möglich ist, mehr als eine TV-Episode in einen Roman hineinzuquetschen, erst recht, wenn dieser nicht mal 160 Seiten umfasst! Tatsächlich werden diesmal gleich vier Episoden aus der zweiten Staffel verwurstet, nämlich Nr. 28, 29, 47 und 48 – allerdings sind die Geschehnisse aus Ep. 48 (letzte Folge der Serie) hier vor denen aus Ep. 47 angesiedelt.

In der Fernsehserie gibt es bei diesen vier Episoden keine inhaltlichen Zusammenhänge, entsprechend episodenhaft bzw. fragmentarisch liest sich der "Roman". Die Rahmenhandlung mit dem allmählich in den intergalaktischen Leerraum hinausdriftenden Mond kommt in der TV-Serie überhaupt nicht vor. Die genannten Episoden sind schon keine Highlights der Serie. Ihre literarische Adaption ist sogar noch schlechter. Da agieren irgendwelche Leute, über die man praktisch nichts erfährt, auf kaum nachvollziehbare Weise in einem minimal beschriebenen Umfeld und torkeln von einer Gefahrensituation in die nächste. Von Figurenentwicklung, Atmosphäre, Handlung oder gar Spannung kann keine Rede sein. Außerdem kann ich die Übersetzung nur als katastrophal bezeichnen. Das Ergebnis könnte nicht holpriger sein, wenn man den Text durch eine Übersetzungssoftware jagen würde. Ich hatte mehrmals den Eindruck, dass der Übersetzer gar nicht verstanden hat, um was es in der zugegebenermaßen teils ziemlich wirren Story eigentlich geht. (12.03.2019)


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860
Hellas Channel Petros Markaris: Hellas Channel
Diogenes, 2000
464 Seiten

Kommissar Kostas Charitos, Leiter der Mordkommission in Athen, muss sich Tag für Tag mit Personal- und Budgetmangel, aufdringlichen Journalisten und unfähigen Beamten wie dem Kriminalhauptwachtmeister Thanassis Kouris herumschlagen, dessen Hauptaufgabe darin besteht, seinem Chef jeden Morgen ein Croissant und Kaffee zu bringen. In der knapp bemessenen Freizeit beschäftigt sich Charitos neben dem Kleinkrieg mit Ehefrau Adriani hauptsächlich mit dem Studium von Wörterbüchern, zumal sich Adriani mehr für den permanent laufenden Fernseher als für ihren Gatten interessiert. Charitos vergöttert seine in Thessaloniki studierende Tochter Katerina. Deren Freund Panos ist ihm allerdings ein Dorn im Auge. Der Behördenfilz und die Intrigen seines Vorgesetzten Nikolaos Gikas bringen es nur allzu oft mit sich, dass Charitos Delinquenten laufen lassen muss, die er überführen könnte. Da der Kommissar es aufgrund seiner Sturheit nicht lassen kann, weiter nachzubohren, wenn ihn der Ehrgeiz erst einmal gepackt hat, handelt er sich immer wieder Ärger ein. Charitos macht sich deshalb längst keine Illusionen mehr über seine Karriere.

Den Fall eines ermordeten albanischen Gastarbeiterpaares würde Charitos gern zu den Akten legen, denn ein Landsmann der Opfer hat ein Geständnis abgelegt, dem zufolge es sich um ein Verbrechen aus Eifersucht handelt. Doch eine Bemerkung der Polizeireporterin Janna Karajorgi vom bekannten Sender Hellas Channel lässt ihm keine Ruhe. Nach Kindern soll Charitos suchen (das Ehepaar war kinderlos), stattdessen findet er 500.000 Drachmen in einem leerstehenden Rohbau, in dem die Albaner gehaust haben. Für die toten Albaner interessiert sich in Athen so gut wie niemand, aber als Janna Karajorgi im Schminkraum des Senders ermordet aufgefunden wird, entsteht gewaltiger Presserummel. An diesem Abend wollte die Journalistin eine sensationelle Enthüllungsstory bringen. Sollte sie zum Schweigen gebracht werden? Im Sender war sie nicht bei jedermann beliebt, außerdem finden sich in ihrer Wohnung mehrere Briefe, deren Tonfall zunehmend bedrohlich wird. Unterzeichnet sind sie mit dem Buchstaben "N". Als Charitos erfährt, dass die Karajorgi ein Verhältnis mit Nestor Petratos hatte, dem Chef der Nachrichtenredaktion bei Hellas Channel – sie hat ihn nur ausgenutzt – beginnt er gegen diesen zu ermitteln.

Kyriakos Delopoulos, Inhaber von Hellas Channel, ist damit ganz und gar nicht einverstanden. Wieder einmal eckt Charitos an höchster Stelle an, weil er selbst dann nicht lockerlässt, als seine Widersacher einen anderen Verdächtigen präsentieren. Die Karajorgi war vor einigen Jahren maßgeblich daran beteiligt, dass ein gewisser Petros Kolakoglou wegen Kindesmissbrauchs hinter Gitter gewandert ist. Jetzt ist Kolakoglou, der stets seine Unschuld beteuert und Rache angedroht hat, wieder auf freiem Fuß. Die Presse veranstaltet eine Hetzjagd auf den Mann. Dann wird Martha Kostarakou ermordet, die Nachfolgerin Janna Karajorgis. Der Mörder hat in ihrer Wohnung offensichtlich etwas gesucht – einen Aktenordner, den Charitos einige Zeit später von der Nichte der Karajorgi erhält. Diesen Unterlagen zufolge existieren Zusammenhänge zwischen den Mordfällen und dem Tod der Albaner. Und es muss einen Maulwurf bei der Athener Polizei geben ...

"Hellas Channel" ist der erste von zurzeit elf Romanen mit Kostas Charitos. Meine bessere Hälfte hat fast alle gelesen und findet sie gut. Welche bessere Empfehlung könnte es geben? Also bin ich jetzt ebenfalls in die Reihe eingestiegen. Zu meiner Verblüffung habe ich mich an Kommissar Kluftinger erinnert gefühlt, den Hauptprotagonisten der Allgäu-Krimis von Volker Klüpfel und Michael Kobr (siehe z.B. Milchgeld), denn zum einen ist das Lokalkolorit hier wie dort nicht unmaßgeblich für den Reiz der Romane, wobei es wahrscheinlich leichter ist, sich ins Allgäu einzufühlen als in die Metropole Athen, wenn man diese nicht kennt. Ich leide nicht unter diesem Handicap, will sagen, mir sind die Eigenheiten Griechenlands und der Griechen sehr vertraut. Ich kenne nicht alle Straßen und Orte, deren Namen vielleicht etwas allzu oft erwähnt werden (wer hat denn bei der Romanlektüre einen Stadtplan Athens dabei), aber ich kann es durchaus nachempfinden, wenn Charitos mal wieder angesichts des totalen Verkehrschaos verzweifelt. Auch kenne ich schäbige Rohbauten wie jenen, in dem die toten Albaner gefunden werden, und wenn der Kommissar ältere Damen in ihren mit unzähligen Häkeldeckchen ausgestatteten guten Stuben befragt, dann entsteht vor meinem inneren Auge sofort ein ganz bestimmtes Bild. Zum Thema "Lokalkolorit" könnte man vielleicht auch noch Charitos' Vergangenheit zählen. In der Zeit des Obristenregimes, die (was heute gern ignoriert wird) erst 1974 zu Ende gegangen ist, scheint sich Charitos so einiges geleistet zu haben ...

Zum anderen haben Charitos und Klufti durchaus ähnliche Charakterzüge. Beide sind knurrige Eigenbrötler, die ein bisschen länger brauchen, bis sie richtig in Fahrt kommen, sich dann aber umso heftiger in ihre Fälle verbeißen und diese durch solide Ermittlungsarbeit sowie mit Köpfchen und Instinkt lösen, ohne dass es zu großartigen Verfolgungsjagden, Schießereien und dergleichen kommt. Technischer Hilfsmittel bedienen sie sich nicht – Charitos, weil ihm keine zur Verfügung stehen (wir sind im Athen der Neunziger!), Klufti, weil er mit der Technik auf Kriegsfuß steht. Knauserig sind sie beide, hier hat Klufti die Nase aber ganz weit vorn. Die Kollegen in Kempten und Athen sind eher als Knallchargen zu bezeichnen und der Chef nervt, weil er nach oben eine gute Figur machen will, weshalb er nach unten austeilt. Zu Hause gibt's sowohl im Hause Kluftinger als auch im Hause Charitos mehr als genug Zündstoff. Der Grieche kommt dabei schlechter weg als der Allgäuer, was allerdings mit der griechischen Wesensart zu tun hat. Was für nordeuropäische Ohren wie ein übler Streit kurz vor Ausbruch von Handgreiflichkeiten klingt, ist für Griechen ganz normaler Konversationston! Ich weiß das, dennoch war Charitos mir zunächst sogar unsympathisch. Er kriegt aber schließlich die Kurve, hat das Herz also wohl doch am rechten Fleck. (25.02.2019)


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859
Rückkehr nach Gateway Frederik Pohl: Rückkehr nach Gateway
Heyne, 2004
329 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Jenseits des blauen Horizonts.

Durch die Nutzbarmachung einer gigantischen, überlichtschnell flugfähigen Hitschi-Nahrungsmittelfabrik konnte das Problem der Ressourcenknappheit auf der Erde nur vorübergehend gelöst werden, denn die Überbevölkerung nimmt bedrohliche Ausmaße an. Nicht einmal alle Hitschi-Raumschiffe zusammengenommen würden ausreichen, um es der Menschheit zu ermöglichen, andere Planeten zur Entlastung der Erde zu kolonisieren. Die internationalen Spannungen wachsen. Terroristen verüben immer wieder schwere Anschläge, bei denen sie auch Hitschi-Technik einsetzen. Obwohl Robin Broadhead einen großen Teil seines Vermögens in den Dienst der Menschheit stellt, gerät ausgerechnet er in den Fokus der Extremisten. Obendrein hat er ernste gesundheitliche Probleme. Er ist reich genug, um sich medizinischen Vollschutz leisten zu können, hat aber moralische Bedenken, wenn es um die Transplantation von Organen geht, deren "Spender" sich möglicherweise nicht freiwillig unters Messer gelegt haben. Auf der anderen Seite möchte Broadhead sein Leben weiter verlängern, solange noch die Chance besteht, dass Klara Moynhin aus dem Ereignishorizont jenes Schwarzen Loches gerettet werden könnte, in dem sie seit Jahrzehnten gefangen ist, ohne dass für sie eine nennenswerte Zeitspanne vergeht.

In der Hitschi-Nahrungsmittelfabrik wurde seinerzeit ein Teenager namens Wan gefunden, der dort ohne menschliche Fürsorge aufgewachsen ist. Wan hat sich zu einem unerträglichen Egoisten mit den verschiedensten negativen Eigenschaften entwickelt. Mit einem gestohlenen Hitschi-Raumschiff durchstreift er das All auf der Suche nach seinem Vater. Wan glaubt, sein Vater sei in einem Schwarzen Loch gefangen, und setzt Hitschi-Technik ein, die es ihm ermöglicht, quasi in Singularitäten "hineinzuhören". Eines Tages erhält er tatsächlich Kontakt mit einem anderen Bewusstsein, aber es handelt sich nicht um seinen Vater, sondern um Klara, Broadheads verlorene Liebe. Gleichzeitig erhält ein alter Freund Broadheads, der als Besatzungsmitglied der Hitschi-Nahrungsmittelfabrik unterwegs ist, durch ein Missgeschick mentalen Kontakt mit einer außerirdischen Spezies. Anders als von ihm angenommen handelt es sich nicht um die legendären Erbauer Gateways, denen kein Mensch je zuvor begegnet ist, sondern um eines von vielen Intelligenzvölkern, für die sich die Hitschi einst interessiert haben.

Die zufällige Kontaktaufnahme sowie Wans "Herumstochern" in Schwarzen Löchern bleiben den Hitschi nicht verborgen. Sie haben sich vor Äonen zurückgezogen, weil sie von der Existenz einer Bedrohung unfassbaren Ausmaßes erfahren haben, der selbst sie nichts entgegensetzen können. Als sie jetzt aus ihrem Versteck hervorkommen, um nach dem Rechten zu sehen, müssen sie mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen, dass ihre Hinterlassenschaften von den Menschen zu Zwecken benutzt werden, für die sie nie vorgesehen waren. Es besteht die Gefahr, dass die Menschen auf diese Weise die Assassinen auf sich aufmerksam machen. Die Assassinen sind den Hitschi weit überlegen und haben vor Jahrhunderttausenden alle Zivilisationen ausgelöscht, die nicht wie die Hitschi vor ihnen fliehen konnten ...

Frederik Pohl hat nicht nur eine Trilogie geschrieben und somit ist es nicht verwunderlich, dass "Rückkehr nach Gateway" ein offenes Ende hat, zumindest insoweit, als man nicht erfährt, ob die Befürchtungen der Hitschi zutreffen. Darum geht es in einem vierten Roman, der leider nie in deutscher Übersetzung erschienen ist. Außerdem gibt es noch eine Sammlung von Kurzgeschichten, die im selben Universum spielen, sowie einen weiteren zum Gesamtzyklus gehörenden Roman.

Pohls Erzählkunst und sein Sinn für Humor machen auch Band 3 zu einem großen Lesevergnügen, dennoch halte ich diesen Roman für den schwächsten Teil der "Trilogie". Das liegt hauptsächlich an der Entmystifizierung der Hitschi. Diese Wesen treten in den ersten beiden Romanen überhaupt nicht in Erscheinung, und das ist gut so, denn so kann der Nimbus des Geheimnisvollen, der Fremdartigkeit gewahrt bleiben. Die Menschen wussten bisher so gut wie nichts über sie (es gab nicht einmal Bilder von ihnen) und konnten allenfalls Rückschlüsse anhand der von den Hitschi zurückgelassenen Supertechnik ziehen. Man konnte sich keinen Reim auf ihre Absichten, Gedanken und Gefühle machen, ja man wusste nicht einmal, ob sie überhaupt Gefühle haben. Jetzt sind die Hitschi plötzlich da, tatsächlich sind einige Kapitel sogar aus ihrem Blickwinkel geschrieben. Und prompt sind sie nichts Besonderes mehr. Abgesehen von ein paar Seltsamkeiten in der Anatomie könnten sie auch Menschen sein. Das finde ich sehr schade, dadurch geht ein Gutteil dessen verloren, was den Reiz insbesondere des ersten Romans ausmacht. Immerhin kommen mit den Assassinen neue, noch unverständlichere Wesenheiten hinzu. Auch die Schlammbewohner – intelligente, aber sehr langsam denkende Kreaturen mit sehr eigenartigen Gewohnheiten – können gefallen.

Künstliche Intelligenz und Transhumanismus sind andere Themen des Romans, die zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung (das war im Jahre 1984) wahrscheinlich noch höchst spekulativ und faszinierend waren, heute aber nur als alte Hüte bezeichnet werden können. So gibt es Ärger mit einem besonders fortschrittlichen Computerprogramm, welches die Identität Albert Einsteins simuliert und unerwartet allzu menschliche Reaktionen zeigt. Außerdem wartet Broadhead etwas zu lange mit den dringend nötigen Organtransplantationen, so dass es nur noch eine Möglichkeit gibt, wie er "weiterleben" kann: Sein Bewusstsein muss mittels Hitschitechnik digitalisiert werden. Andere Ideen wie die angespannte Weltlage aufgrund der Überbevölkerung werden leider nur angesprochen, nicht weiter vertieft. (18.02.20119)


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858
Der Zauberberg Thomas Mann: Der Zauberberg
Kindle Edition

Zum Inhalt dieses 1924 erschienenen Romans, den ich vor über 25 Jahren zum ersten Mal gelesen habe, verweise ich auf meine Handlungszusammenfassung des gleichnamigen Films aus dem Jahre 1982, denn was die vordergründige Story angeht, so hält sich der Film recht eng an Thomas Manns Text. Eine Interpretation erspare ich mir und euch – wird sind hier schließlich nicht in der Schule. Es gibt einen Wikipedia-Artikel, der auf die zahlreichen im Roman behandelten Themen, die Bedeutung der Protagonisten sowie auf die mehr oder weniger verborgene Symbolik dieses komplexen und trotz aller Ernsthaftigkeit durchaus humorvollen Epochalwerks eingeht, in dem die in sich abgeschlossene, ganz auf sich selbst bezogene Welt eines Hochgebirgssanatoriums stellvertretend für Europa in der Zeit kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs steht. Es wird viel geredet, insbesondere führen zwei sehr gegensätzliche "Erzieher" der jugendlichen, noch ungefestigten Hauptfigur (Hans Castorp) ermüdend lange Monologe und Streitgespräche. Ich weiß diese Textstellen heute besser zu würdigen als bei der ersten Lektüre, aber sie sind sicher nicht der Grund dafür, dass ich das Buch seinerzeit faszinierend fand. Tatsächlich verzaubert mich der Zauberberg immer noch. Es liegt wohl an der ganz besonderen Atmosphäre, die jeder kennen dürfte, dem es mal so ähnlich wie Castorp ergangen ist, der also einen längeren aus dem "normalen Leben" herausgehobenen Lebensabschnitt hinter sich hat. Das ist natürlich nur ein kleiner Teilaspekt dieses vielschichtigen Meisterwerks. Sollte man gelesen haben. (14.02.2019)

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857
Quicksilver Neal Stephenson: Quicksilver
Goldmann, 2006
1146 Seiten

Hat dieses Buch eine vielschichtige, verwickelte, komplexe und auf mehrmals wechselnden Zeitebenen angesiedelte Handlung – oder überhaupt keine? Ich habe lange über diese Frage nachgedacht, bin aber zu keinem Ergebnis gekommen. Jedenfalls könnte ich keinen Handlungsabriss schreiben, ohne mehrere Seiten zu füllen, und wüsste dennoch nicht zu sagen, worum es in dem Roman eigentlich geht! Tatsächlich geschieht sehr viel, aber es fällt nicht leicht, hinter den sich über mehrere Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts erstreckenden Geschehnissen eine Story mit Auftakt, Mittelteil, Höhepunkt und Schluss zu entdecken. Das liegt auch daran, dass "Quicksilver" drei Einzelromane enthält, die nur wenige Berührungspunkte untereinander haben und nicht in sich abgeschlossen sind, sondern den Auftakt des "Barock-Zyklus" bilden, zu dem noch fünf auf zwei weitere Bücher verteilte Romane gehören. Selbst wenn ich davon ausgehe, dass "Quicksilver" die Expositionsphase des Zyklus bildet, komme ich kaum umhin, das Buch als weitschweifig zu bezeichnen, allerdings ist diese Weitschweifigkeit angemessen. Nur so ließ sich ein umfassendes, lebendiges Bild einer Epoche zeichnen, die von großen politischen, religiösen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Umwälzungen geprägt war. Dies wird durch die Erlebnisse dreier (fiktiver) Hauptfiguren ermöglicht, die zahlreichen (historischen) Persönlichkeiten begegnen, verschiedene Länder durchreisen und in bedeutende geschichtliche Ereignisse verwickelt werden.

Hauptfigur des ersten Buches (Quicksilver) ist Daniel Waterhouse, Spross einer Puritanerfamilie. Während des Studiums am Trinity College, Cambridge, freundet er sich mit Isaac Newton an, soweit das bei jemandem wie Newton, dessen Geistesgaben denen seiner Zeitgenossen unendlich weit überlegen sind und dessen Charakter mit dem Begriff "exzentrisch" nur unzureichend beschrieben wäre, überhaupt möglich ist. Im Pestjahr 1665 wird die Universität geräumt. Während Newton von Louis Anglesey, dem Earl of Upnor, gefördert wird, schließt sich Daniel den Naturphilosophen der Royal Society an. Er unterstützt John Wilkins bei der Ausarbeitung einer universalen Sprache und assistiert Robert Hooke bei diversen Experimenten. Zu einem Wendepunkt in Daniels Leben kommt es 1666 während des großen Brandes in London. Sein Vater Drake, ein radikaler Sektierer, stirbt bei der Sprengung von Häusern, durch die eine weitere Ausbreitung der Feuersbrunst verhindert werden soll. Dieser Teil des Gesamtromans ist einerseits vollgestopft mit den Theorien, Erkenntnissen und Errungenschaften, denen Daniel durch seine Bekanntschaft mit Newton, Wilkins, Hooke und anderen Genies begegnet, andererseits treten besagte Persönlichkeiten dem Leser als "echte Menschen" vor Augen, nicht nur als Namen auf den Seiten von Geschichtsbüchern.

Das zweite Buch (König der Landstreicher) liest sich ein wenig wie ein Schelmenroman nach dem Vorbild von "Der abenteuerliche Simplicissimus". Die Ereignisse gleiten manchmal fast ins Phantastische ab, was allerdings der Tatsache geschuldet ist, dass die Hauptfigur Jack Shaftoe an Syphilis leidet, allmählich den Verstand verliert und manchmal halluziniert. Jack wächst als Straßenkind in London auf, erlebt Abenteuer (die größtenteils nur angedeutet werden) in aller Welt und landet schließlich in jenem Heer, das im Jahre 1683 die türkische Belagerung Wiens beendet. Im Kampfgetümmel eignet er sich ein prächtiges Schlachtross sowie ein wertvolles Schwert an und tötet zwei Janitscharen, die gerade dabei sind, alle Sklavinnen aus dem Harem des Sultans zu ermorden. So rettet er Eliza das Leben, einer wunderschönen jungen Frau, die als Kind zusammen mit ihrer Mutter von Piraten entführt worden ist. Um möglichst viel Profit aus der Kriegsbeute herauszuschlagen, machen sich die beiden auf die beschwerliche Reise durch ein Land, das immer noch unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges leidet. Sie erreichen Leipzig, wo sie Gottfried Wilhelm Leibniz begegnen, der zu dieser Zeit eine Silbermine im Harz betreibt. Nach einer wahrhaft apokalyptischen Walpurgisnacht auf dem Brocken geht die Reise weiter nach Amsterdam. Jack, der sich längst unsterblich in Eliza verliebt hat, fühlt sich ziemlich nutzlos, denn im Gegensatz zu ihm besitzt die hochintelligente Exsklavin den nötigen Geschäftssinn, um ein Vermögen zu machen. Die beiden trennen sich, was nach weiteren aberwitzigen Abenteuern dazu führt, dass Jack auf einem Sklavenschiff landet.

Im dritten Buch (Odaliske) spielt Jack keine Rolle mehr. Daniel Waterhouse und Eliza werden unabhängig voneinander in die politischen Ränke der Adelshäuser Englands, Frankreichs und der Niederlande hineingezogen; einmal begegnen sie sich sogar. Während der Stuart-Restauration wird Daniel zu einer wichtigen Triebfeder von Entwicklungen, die eines Tages zur Abschaffung des Absolutismus in England führen werden. Auch Eliza ist in diese Angelegenheiten verstrickt, denn sie spioniert für Wilhelm von Oranien, dem es bereits gelungen ist, einen Angriff des französischen Königs Ludwig XIV auf die Niederlande abzuwehren und der schließlich nach dem Thron von England greift. Wiederholt wird die gewohnte Erzählstruktur dadurch unterbrochen, dass die Geschehnisse in Form verschlüsselter Briefe und geheimer Tagebucheinträge wiedergegeben werden. Manche Kapitel sind wie Theaterstücke, Gesprächsprotokolle und dergleichen aufgebaut. Eliza bewegt sich in den höchsten Kreisen und wird geadelt, lässt sich aber nicht von der Macht korrumpieren. Aus eigener Betroffenheit ist sie eine entschiedene Gegnerin der Sklaverei, und so erklärt sie sich bereit, Jacks Bruder Bob beizustehen, dessen Geliebte als Slavin an den Earl of Upnor verkauft worden ist.

Hiermit habe ich wirklich nur ganz vorsichtig an der Oberfläche gekratzt und einige der wichtigsten Ecksteine, aber längst nicht alle Themen eines vielleicht etwas überambitionierten Epos genannt, in dem sich Fakten und Fiktion auf faszinierende Weise miteinander vermischen. Ich glaube, ich habe durch die Lektüre mehr über die genannten historischen Personen (plus viele, viele mehr), ihr Werk und die Welt gelernt, in der sie gelebt haben, als in zehn Jahren Geschichtsunterricht – und auf weit unterhaltsamere Weise. Zugegeben, manchmal wird recht lang über wissenschaftliche Erkenntnisse diskutiert, aber doch immer auf eine Art und Weise, dass man dem Ganzen auch ohne Vorkenntnisse folgen kann, und obendrein mit viel Humor. Außerdem war das Buch für mich ein Anreiz, mich genauer mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert zu beschäftigen, einer Ära, in der Alchemie noch denselben Stellenwert hatte wie Naturwissenschaft. Nach allem, was ich bis jetzt gelesen habe, ist "Quicksilver" im Großen und Ganzen historisch korrekt. Interessant finde ich dabei, dass Stephenson meist keinen historisierenden Stil und keine altertümliche Sprache verwendet – ganz abgesehen davon, dass mit Action, Sex und Gewalt nicht gegeizt wird. Keine leichte Kost, aber lohnend. (05.02.2019)

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856
Eric Terry Pratchett: Eric
Piper, 2018
151 Seiten

In den Kerkerdimensionen, einer bizarren Welt neben der Realität, hausen uralte, schreckliche, wahnsinnige Dinge – und Rincewind. Den erfolglosesten Zauberer der Scheibenwelt hat es vor einiger Zeit dorthin verschlagen und aus eigener Kraft konnte er sich nicht befreien. Als Rincewind sich plötzlich in einem ganz normalen Haus in der Stadt Pseudopolis auf der vertrauten Scheibenwelt wiederfindet, nimmt er an, dass er das einem mächtigen Dämonenbeschwörer zu verdanken hat. Tatsächlich steht er einer bärtigen Gestalt gegenüber, die mit einem Schwert herumfuchtelt und von Rincewind die Erfüllung dreier Wünsche verlangt: Herrschaft über alle Königreiche, die schönste Frau aller Zeiten und ewiges Leben. Es stellt sich schnell heraus, dass der Dämonologe in Wahrheit ein dreizehnjähriger Junge namens Eric Thursley ist (der Bart ist angeklebt), doch dessen Fähigkeiten sind durchaus beachtlich. Rincewind wird durch ein auf den Fußboden gezeichnetes magisches Symbol gebannt, muss dem Beschwörer also zu Willen sein. Um dem Jungen zu demonstrieren, dass er keineswegs die Macht hat, Wünsche mit einem Fingerschnippen zu erfüllen, schnippt Rincewind mit den Fingern.

Prompt werden der verdutzte "Dämon" und sein Beschwörer ins Tezumanische Königreich versetzt, dessen Bewohner Eric als neuen Herrscher verehren. Dummerweise haben die Tezumaner einen ganz bestimmten Verwendungszweck für Könige: Sie müssen dem Gott Quezovercoatl geopfert werden! Rettung naht in Gestalt von Rincewinds Truhe, deren ohnehin meist miese Laune erheblich durch die Tatsache verschlechtert wurde, dass sie gezwungen war, ihrem Herrn quer durch Dimensionen und Kontinente zu folgen. Beim nächsten Fingerschnippen ist eine Zeitreise fällig, denn die schönste Frau aller Zeiten – Elenor von Tsort – hat während des lange zurückliegenden Tsortanischen Krieges gelebt, an dessen Ausbruch sie nicht ganz unschuldig war. Rincewind und Eric geraten mitten in einen Angriff auf die Stadt Tsort hinein. Lavaeolus der Listenreiche ist gerade dabei, Elenor zu befreien. Eric ist begeistert, muss aber feststellen, dass seine Traumfrau ein paar Pfunde zugelegt hat – von den Haaren auf den Zähnen ganz zu schweigen.

All diese Geschehnisse werden aufmerksam vom Astfgl beobachtet, dem König der Hölle. Unter Astfgls Herrschaft werden nicht nur die Verdammten gequält, sondern auch die Dämonen, und zwar durch Rundschreiben, Aktennotizen, allerlei neue Arbeitsregeln und sonstigen langweiligen Verwaltungskram. Nicht alle Höllenfürsten sind mit den Reformen einverstanden. Manche intrigieren gegen den König – und Eric soll ihr Werkzeug sein ...

Es ist schon erstaunlich, welche Fülle von Ideen Terry Pratchett in seinen neunten Scheibenweltroman hineingepackt hat, erst recht, wenn man den geringen Umfang berücksichtigt! 150 Seiten sind heutzutage ja gar nichts für einen Fantasyroman.

Ich fand "Eric" äußerst kurzweilig, was natürlich damit zu tun hat, dass der Schauplatz innerhalb kurzer Zeit häufig wechselt. Los geht’s mit TOD (er verabschiedet sich übrigens gern mit "auf Wiedersehen" – ganz schön gemein!), der von den Zauberern der Unsichtbaren Universität herbeigerufen wird, weil ein Phantom durch Ankh-Morpork geistert. Das ist natürlich Rincewind, der seit Band 5 (Der Zauberhut) Pause hatte. Nach einer kurzen Episode in Erics Kinderzimmer, in der nicht nur Eric und Rincewind für Amüsement sorgen, sondern auch ein fast völlig kahler Papagei namens Polly, führt uns der Weg in Windeseile zu einem an die Azteken erinnernden Volk, dessen Religion ins Wanken gerät, als sich herausstellt, dass Gott Quezovercoatl, zu dessen Ehren gewaltige Statuen errichtet wurden, nur 15 Zentimeter groß ist und sein Leben unter den Beinchen der Truhe aushaucht. Es folgt eine Parodie des trojanischen Krieges, in der alles ein klein wenig anders (und viel lustiger) abläuft als bei Homer, gefolgt von einer köstlichen Begegnung mit dem Schöpfer der Scheibenwelt, die mich ein wenig an Slartibartfast in Per Anhalter durch die Galaxis erinnert hat.

Den wahrhaft furiosen Abschluss dieses wunderbaren Kurzromans bildet ein Abstecher in die Hölle, den ich umso witziger finde, als ich mit den dämonischen Tücken der Bürokratie nur allzu vertraut bin. Dantes Inferno ist nichts dagegen! Ganz wie in der Realität gilt in der Scheibenwelt-Hölle offensichtlich das Prinzip, dass bestimmte Personen solange befördert werden, bis sie die Spitze der Machtpyramide und gleichzeitig die maximale Nutzlosigkeit erreicht haben ... (26.01.2019)


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855
Der Weltenfresser Michael Butterworth: Mondstation 1999 – Der Weltenfresser
Bastei Lübbe, 1977
159 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Mondbasis Alpha 1.

Ein uraltes intelligentes Lebewesen – eine Raumamöbe, deren hauchdünner Körper sich über Millionen von Kilometern erstreckt – nähert sich dem Mond auf der Suche nach einer neuen Energiequelle. Bisher hat das Wesen seinen Hunger durch das Verschlingen ganzer Sterne gestillt, doch mit zunehmendem Alter sind seine dafür benötigten Kräfte geschwunden. Die stetig schrumpfende Amöbe hat noch eine Möglichkeit, ihr Leben zu verlängern: Die explosive Freisetzung der Energie, die in den Atomreaktoren der Mondbasis Alpha sowie in den noch vorhandenen Nukleardepots gespeichert ist. Die Kreatur kann das nicht selbst bewerkstelligen, aber sie kann sich Werkzeuge schaffen. Sie manipuliert den Geist einiger Besatzungsmitglieder der Mondbasis und verstärkt die in ihnen schlummernden parapsychischen Fähigkeiten, indem sie starke Lambdawellen abgibt. So kommt es, dass der Bordalltag in der Mondbasis durch seltsame Phänomene gestört wird, die zunächst nur lästig sind, so dass sie nicht weiter beachtet werden. Dann kommt die Technikerin Sally Martin auf unerklärliche Weise ums Leben. Die Alphaner glauben an ein Beziehungsdrama, denn Sally und ihre Zimmergenossin Carolyn Powell lieben denselben Mann.

Die Alphaner kommen der Wahrheit zumindest teilweise auf die Spur, denn die Lambdawellen können geortet werden. Es stellt sich heraus, dass Carolyn unter dem Einfluss der Wellen starke psychokinetische Kräfte entwickelt hat. Sie hat ihre Nebenbuhlerin ermordet und tötet nun auch ihren Geliebten, da er sie verlassen will. Anschließend reißt sie das Kommando in der Hauptzentrale Alphas an sich. Commander John Koenig findet einen Weg, um Carolyn unschädlich zu machen. Carolyn mag versagt haben, doch der Raumamöbe stehen noch andere Möglichkeiten zur Verfügung. Als ein mit einem Überlichtantrieb ausgestattetes, mit Freunden und Verwandten der Alphaner bemanntes Raumfahrzeug von der Erde auf dem Mond landet, erkennt niemand außer Koenig, dass eine gefährliche fremde Macht nach der Mondbasis greift ...

Die Fernsehserie "Mondbasis Alpha 1" (1975 bis 1977) mag in Vergessenheit geraten sein – zumindest sind ihre Fans, soweit es heute denn außer mir überhaupt noch welche gibt, nie so aktiv gewesen wie zum Beispiel die Trekkies – aber nach der Erstausstrahlung hat es doch auch in Deutschland einiges an Merchandising gegeben. Unter anderem sind in den Siebzigern insgesamt zwölf Romane zur Serie erschienen. "Der Weltenfresser" ist Band 4 dieser Reihe und enthält die Handlung von drei Episoden aus der zweiten Staffel der Fernsehserie, nämlich "Tödliche Strahlung" (Ep. 44) und "Besuch von der Erde?" (Ep. 41/42).

Man merkt deutlich, dass da einiges zusammengeworfen wurde, das nicht so recht zusammenpassen will. Der Bruch zwischen dem Ende von Carolyns kurzer Herrschaft und der vermeintlichen Ankunft eines Raumschiffes von der Erde ist allzu krass, die Verbindung zwischen den beiden Storylines wird wenig überzeugend herbeigezwungen. Die Raumamöbe wurde eigens für den Roman hinzugedichtet, sonst hätte das Gesamtkonstrukt überhaupt keinen Sinn ergeben. Das Ergebnis ist ein ziemlich uneinheitlicher Kurzroman, der trotzdem ganz unterhaltsam sein könnte, wenn der Autor etwas weniger Pathos eingesetzt hätte – und wenn die Qualität der Übersetzung besser wäre. Letztere ist über weite Strecken hinweg so holprig, dass es schon wehtut. Wäre das Buch nicht schon 40 Jahre alt, hätte man denken können, anstelle eines Übersetzers sei Google Translate eingesetzt worden! (14.01.2019)


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854
Die Erhaltung der Wirklichkeit Bernd Kreimeier: Seterra 3 – Die Erhaltung der Wirklichkeit
Goldmann, 1986
266 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Seterra 2 – Die Macht der Ursachen.

Die Besiedelung Seterras musste vorübergehend unterbrochen werden, ist nach Beendigung der Alptraumkrise aber mehr oder weniger reibungslos verlaufen. Das im Orbit treibende Mutterschiff wurde weitgehend zerlegt, Bug- und Hecksektion wurden voneinander getrennt. Alle überlebenden Mitglieder des regierenden Militärrates residieren in den Überresten des kilometergroßen Raumschiffes, denn dort befindet sich der Zentralcomputer, von dem aus alles kontrolliert wird. Außerdem ist noch der größte Teil der Schockfrostkammern aktiv. Ein Pendelbetrieb mit Shuttles ist vorerst nicht möglich; die unterbesetzten und schlecht ausgerüsteten Montageteams auf Seterra hinken bei der Arbeit an den Startkomplexen dem Zeitplan hinterher. Nach dreieinhalb Monaten soll die PEGASUS, der letzte große Absetzcontainer mit 500 Personen an Bord, auf dem Planeten landen, doch es kommt zu einer Fehlfunktion. Die PEGASUS stürzt ab. Über 100 Personen sterben, hauptsächlich Sicherheitsoffiziere. Man geht davon aus, dass es sich nicht um Zufall handelt, sondern um einen gezielten Anschlag. Nur wenige Soldaten und Sicherheitsleute wurden bereits abgesetzt und weitere Landeunternehmen sind vorerst nicht möglich – somit haben die rund 900 auf Seterra lebenden Menschen die Möglichkeit, sich aus dem Unterdrückungssystem des Militärrates zu befreien. Es kommt zu einem Aufstand und die Kommunikation mit dem Mutterschiff bricht ab. Auch in der Hecksektion der SETERRA wird gekämpft.

Die in der SETERRA verbliebene Ziviltechnikerin Chris Morand wird festgenommen und gefoltert. Sie wird verdächtigt, die PEGASUS sabotiert zu haben. Morand erfährt, wie umfassend die vom Zentralcomputer ausgeübte Überwachung aller Besatzungsmitglieder wirklich ist. Der Militärrat ist in der Lage, Computeravatare von lebenden und toten Personen anzufertigen. Wer nur per Bildschirm mit einer derartigen Simulation spricht, muss glauben, er habe es mit einem echten Menschen zu tun. In dieser Situation meldet sich Errik Eibermend zu Wort, das tot geglaubte Oberhaupt des Militärrates. Er verlangt, dass der Aufstand binnen 18 Stunden niedergeschlagen wird, und droht mit der Selbstzerstörung der SETERRA. Hastig wird ein kleines Landefahrzeug flugfähig gemacht, mit dem ein Kommandotrupp zum Planeten fliegen und den dortigen Gasphasenreaktor zerstören soll. Durch die Explosion würde das Siedlungsgelände mit tödlicher Strahlung verseucht werden, so dass sich die Rebellen zurückziehen müssten. Die Aufständischen wiederum arbeiten mit Hochdruck an der Fertigstellung der Startanlagen, um ein mit improvisierter Bewaffnung ausgestattetes Shuttle in den Orbit zu bringen. Und so sind die letzten Menschen auf dem besten Wege, sich gegenseitig auszulöschen ...

Für den letzten Teil der "Seterra"-Trilogie müsste ich dieselben Kritikpunkte anbringen wie bei den ersten beiden, sodass ich wieder auf meinen Kommentar zu Band 1 verweisen kann, allerdings gilt die Kritik nur in abgeschwächter Form, denn endlich geht es nicht mehr fast ausschließlich darum, dass sich die Raumfahrer mit allzu ausführlich beschriebenen technischen Problemen und Alpträumen herumschlagen müssen. Die Rebellion sorgt dafür, dass die Story an Spannung gewinnt. Die meisten Hauptfiguren der Trilogie sind nach wie vor gesichtslos und austauschbar, aber diesmal sind ein paar dabei, die aufgrund einer Besonderheit hervorstechen. Es sind Menschen mit kybernetischen Prothesen und/oder künstlichen Sinnesorganen. Manche von ihnen sind kaum noch als menschlich zu bezeichnende, mittels Drogen am Leben erhaltene Cyborgs. Ein Thema des Romans ist also die zunehmende Abhängigkeit des Menschen von technischen Hilfsmitteln, ein anderes ist die selbst herbeigeführte Evolution hin zu einer postbiologischen Existenz sowie die damit verbundene Frage, wie Realität zu definieren ist, wenn die Sinne durch perfekte Simulationen so getäuscht werden können, dass praktisch kein Unterschied feststellbar ist. Ein Vorgriff auf die Matrix! In einer Hinsicht ist der Roman sogar verblüffend aktuell. Die Sabotage der PEGASUS bleibt unbemerkt, weil die Überwachung zu perfekt ist – es werden so viele Daten gesammelt, dass man sie gar nicht vernünftig auswerten kann ... (07.01.2019)

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853
Future Dmitry Glukhovsky: Futu.re
Heyne, 2014
925 Seiten

Die Menschheit hat den Tod besiegt. Das für den Alterungsprozess verantwortliche Gen wurde identifiziert und mit einem Virus unwirksam gemacht. Somit können alle Menschen ewige Jugend genießen – zumindest in Europa, wo jedes Neugeborene mit dem Recht auf Unsterblichkeit zur Welt kommt. Das Virus wurde ins Trinkwasser gemischt, und wer es einmal aufgenommen hat, braucht keine weitere Dosis. In anderen Ländern steht das Virus entweder gar nicht zur Verfügung oder wird nur an zahlungskräftige Kunden verkauft. Schon bald werden die negativen Folgen der Unsterblichkeit offenkundig. Die Bevölkerung explodiert und der Raubbau an den natürlichen Ressourcen der Erde nimmt ungeahnte Ausmaße an. Im 25. Jahrhundert ist Europa hoffnungslos überbevölkert. Milliarden Menschen leben in den kilometergroßen Wohntürmen einer gigantischen Stadt, in der es so gut wie kein unbebautes Fleckchen Erde mehr gibt. Überreste der alten europäischen Hauptstädte wurden integriert; so befindet sich das Straßburger Münster mit Teilen der Altstadt im Erdgeschoss eines Wohnturmes. Nur die Superreichen können sich den Luxus einer aus mehreren Zimmern bestehenden Wohnung und abwechslungsreicher Mahlzeiten leisten. Die Ärmsten drängen sich auf den unteren Ebenen zusammen, ernähren sich von Zuchtheuschrecken oder Kunstprodukten und schlucken allerlei Psychopharmaka, um ihr erbärmliches Dasein ertragen zu können. Regierungsmitglieder leben buchstäblich an der Spitze der Gesellschaft: In Penthouses auf den über die Wolken hinausragenden Dachebenen.

Durch die Bevölkerungsexplosion werden die Menschen zu drastischem Maßnahmen gezwungen. Kinder dürfen nur geboren werden, wenn ein Elternteil auf die Unsterblichkeit verzichtet. Derjenige erhält eine Akzelerator-Injektion und vergreist innerhalb von maximal zehn Jahren, kann die Zeit bis zum Tod aber mit dem Kind verbringen. Unregistrierte Geburten sind ein Kapitalverbrechen. Kommt eine solche Tat ans Licht, so wird einem Elternteil die Injektion zwangsweise verabreicht. Außerdem müssen die Kinder abgegeben werden. Sie landen in "Internaten", wo sie unter unmenschlichen Bedingungen zu Killern gedrillt werden. Nur wer verschiedene Prüfungen besteht und sich ganz von seinen Eltern lossagt, hat eine Chance, das Heim zu verlassen. Anschließend wird er in die Phalanx eingegliedert, eine mehrere zehntausend Mann starke Organisation von Unsterblichen, die Jagd auf Familien mit nicht angemeldeten Schwangerschaften macht. Die Phalanx der Unsterblichen ist einem strengen Verhaltenskodex unterworfen. Unter anderem dürfen die Mitglieder keine Partnerschaften eingehen.

Im Jahre 2454 erhält Jan Nachtigall 2T, Mitglied eines Einsatzteams der Phalanx, von Senator Erich Schreyer einen Spezialauftrag. Bei seinem nächsten Einsatz soll er Jesús Rocamora ermorden, den Anführer der als Terrororganisation gebrandmarkten "Partei des Lebens", die die Reglementierung von Geburten ablehnt. Rocamoras (bis jetzt nicht registrierte) schwangere Freundin Annelie Wallin 21P soll ebenfalls sterben. Zur Belohnung winken Jan sozialer Aufstieg und die damit verbundenen Vergünstigungen. Er muss schnell handeln, denn ein alter Feind aus dem Internat wird den Job an seiner Stelle übernehmen, sollte sich Jan als zu schwach erweisen. Der Einsatz geht schief. Jans Kameraden vergewaltigen Annelie. Er selbst bringt es nicht fertig, Rocamora zu töten. Er lässt den Mann laufen und beschützt dessen Freundin, die er eigentlich beseitigen sollte, denn er verliebt sich in die junge Frau ...

Jan Nachtigall ist der Ich-Erzähler dieses dystopischen Romans, der von Anfang bis Ende von einer beklemmenden Atmosphäre der Hoffnungs- und Ausweglosigkeit geprägt ist. Das Grundrecht auf Unsterblichkeit ist für die Europäer eher Segen als Fluch, dennoch möchte verständlicherweise niemand darauf verzichten. Und so lernen wir aus Jans Perspektive viele Aspekte einer Welt kennen, die ihren Bewohnern zwar ewige Jugend verheißt, für die meisten aber auch ein ewiges Jammertal. Nur die Reichen und Mächtigen können diese Existenz wirklich genießen. Jan haust in einem winzigen Kabuff, vergleichbar mit den heutigen Kapselhotels, und muss noch froh sein, überhaupt eine solche vergleichsweise geräumige Wohnung für sich allein zu haben. Wie alle anderen schluckt er verschiedene Pillen zur Stimmungsaufhellung und zur Unterdrückung gewisser Triebe. Als er gemeinsam mit Annelie aus dieser Existenz ausbricht, führt ihn sein Weg nach Barcelona, wo die Phalanx (noch) keine Macht hat. In diesem chaotischen Schmelztiegel gewinnt die Düsternis nochmal eine ganz eigene Qualität. Zwischendurch wird immer wieder in Jans Jugend zurückgeblendet. Sein Martyrium im "Internat" nimmt breiten Raum ein, was ich zunächst als nicht unbedingt notwendig betrachtet habe, bis klar wurde, dass diese Vergangenheit sehr wichtig für den finalen Plot-Twist ist. Den Ausgang, also die Erklärung dafür, was Schreyer wirklich von Jan will, fand ich allerdings überkonstruiert. Spoiler: Jan ist Rocamoras Sohn, den dieser illegal mit Schreyers früherer Frau gezeugt hat ...

Die sehr eindrucksvoll und bildgewaltig geschilderten Verhältnisse in Europa sind in sich stimmig. Hier spricht der obige Teaser wohl für sich. Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund, er hält sich mit Sex- und Gewaltdarstellungen nicht zurück. Das ist dem Thema durchaus angemessen und geht für mich in Ordnung. Die Welt der Unsterblichen ist extrem, sie ist eine Monstrosität, entsprechend drastisch muss man sie dem Leser vor Augen führen. Bei den Figuren hapert es dagegen ein wenig. Zumindest ist Jan für mich trotz wortreicher innerer Monologe nicht so recht "greifbar" geworden. Er ist ein Getriebener, der wohl selbst nicht weiß, was er eigentlich will – oder der zumindest nicht entsprechend handelt. Als er es endlich tut, ist es zu spät. Bei den anderen Figuren herrscht leider zu oft Eindimensionalität vor. Insgesamt ist "Futu.re" sicher kein schlechter Roman, aber irgendwie hat er mich nicht gepackt. Vielleicht liegt es daran, dass ich Dystopien wie diese früher heiß und innig geliebt habe – heute aber nicht mehr so sehr, weil sich unsere Realität in vielen Punkten eben jenen düsteren Zukunftsvisionen immer weiter annähert ... (26.12.2018)


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852
Prador Mond Neal Asher: Prador Mond
Bastei Lübbe, 2011
285 Seiten

Seit der Entwicklung der als "Runcibles" bezeichneten Materietransmitter haben sich die Menschen über zahlreiche Sonnensysteme ausgebreitet. Eines Tages berührt die Polis – das von Künstlichen Intelligenzen geführte Staatswesen der Menschheit – bei ihrer Expansion die Grenzen des Königreichs der Prador. Die an riesige Krabben erinnernden Wesen betreiben überlichtschnelle Raumfahrt und kennen die Runcibletechnik nicht, sind der Polis aber auf dem Gebiet der metallverarbeitenden Technik weit überlegen. Die Prador sind paranoide Individualisten. Sie leben in einem streng hierarchisch gegliederten System, in dem die Familienoberhäupter uneingeschränkte Macht besitzen und ihre Nachkommen mittels spezieller Pheromone und purer Gewalt gefügig machen. Unter den Erst- und Zweitkindern jedes Prador-Clans (noch jüngere Exemplare liegen buchstäblich auf Eis, bis sie gebraucht werden) tobt ein ständiger Konkurrenzkampf. Wenn ein Familienoberhaupt Schwäche zeigt, endet es gewöhnlich in den Mandibeln der eigenen Brut. Der erste Kontakt zwischen Menschen und Prador findet in der Raumstation Avalon statt. Ein Botschafter soll eine Abordnung der Krabbenwesen in Empfang nehmen. Jebel Krong, ein Sicherheitsoffizier der Station, wird Zeuge, wie der Anführer der Prador den Botschafter mit seinen Scheren in zwei Hälften teilt ...

Die Prador sind nicht an einer friedlichen Koexistenz interessiert. Sie kommen als Eroberer, überrennen die Station, töten tausende Zivilisten und nehmen hunderte gefangen, um mit ihnen zu experimentieren oder sie zu verspeisen – Menschenfleisch ist für die Prador besonders lecker, wenn auch schwer verdaulich. Die Menschen führen ein aussichtsloses Rückzugsgefecht, um die Flucht der Bewohner Avalons zu decken. Jebel versucht vergeblich, die Entführten zu retten. Durch eine wagemutige Aktion gelingt es ihm, den Anführer der Prador zu töten, doch unzählige Zivilisten sterben, darunter eine Frau, in die sich Jebel verliebt hat. In der folgenden Zeit greifen die Prador einen zur Polis gehörenden Planeten nach dem anderen an und metzeln gnadenlos alles nieder, was ihnen in die Quere kommt. Die Menschen kämpfen auf verlorenem Posten, weil nicht genug Schlachtschiffe zur Verfügung stehen und die Panzerungen der gegnerischen Einheiten fast unzerstörbar sind. Nur langsam läuft die Produktion neuer, besser bewaffneter Einheiten an.

Um jeden Preis muss verhindert werden, dass den Prador ein Runcible in die Hände fällt. Genau dieses Ziel verfolgt Immanenz, Kapitän jenes Prador-Kampfschiffes, das Avalon angegriffen hat. Sein Ziel ist das Trajeen-Runcible, ein experimenteller Großtransmitter für Fracht und Raumschiffe. Moria Salem, eine beim Trajeen-Torprojekt eingesetzte Technikerin, entwickelt eine tollkühnen Plan zur Rettung des Runcibles und zur Vernichtung des unbezwingbar scheinenden Feindes.

"Prador Mond" ist Bestandteil des Polis-Universums und spielt vor dem ebenfalls in dieses Universum eingebetteten fünfbändigen Ian-Cormac-Minizyklus, den ich jüngst beendet habe. In den Bänden des Minizyklus, vor allem in Band 4 (Das Tor der Zeit) wird immer wieder auf den lange zurückliegenden Pradorkrieg angespielt, durch den die Polis an den Rand des Untergangs getrieben wurde und der weitreichende Veränderungen nach sich gezogen hat. Um den Ausbruch genau dieses Krieges und nicht viel mehr geht es im vorliegenden Roman. Asher erweist sich wieder einmal als nicht zimperlich bei der Schilderung von Gewalt, und so geht es in den Jebel-Krong-Kapiteln sehr, sehr blutig zur Sache. Die Prador wirken wie Klischees aus Space Operas der Fünfzigerjahre, allerdings wird das Ganze einerseits durch Gedanken der Protagonisten ironisch gebrochen, die sich darüber wundern, dass die Prador aussehen und sich verhalten wie B-Film-Monster, andererseits sind die Prador nicht einfach böse. Sie entstammen nun einmal einer ganz anderen Kultur, in der Rücksichtnahme auf Schwächere völlig unbekannt ist. Bei ihnen gilt der Grundsatz "Fressen und gefressen werden". Die Prador gehen mit den Menschen einfach genauso um wie mit ihresgleichen und verstehen gar nicht, warum sich diese weichlichen Zweibeiner so sehr darüber aufregen. Das sorgt in den Kapiteln, bei denen die Perspektive der Prador eingenommen wird, für einige sehr schwarzhumorige Situationen.

Die Kämpfe zwischen Menschen und Prador sind durchaus packend, hätten aber auf die Dauer doch langweilig werden können. Zum Glück springt Asher nicht nur zwischen beiden Parteien hin und her. In einer dritten Handlungsebene erleben wir mit, wie Moria Salem ihren ersten Zerebralverstärker erhält. Im Ian-Cormac-Zyklus trägt praktisch jeder Bürger der Polis so ein Ding, mit dem sich die Leistungsfähigkeit des menschlichen Hirns steigern lässt und das zur Vernetzung mit den allgegenwärtigen KIs dient. Hier ist das noch nicht so. An Morias Beispiel erfahren wir, wie es sich anfühlt, einen Verstärker zu benutzen. Hinzu kommt der eine oder andere Querverweis. So lässt sich Moria von Aubron Sylac aufrüsten, einem gewissenlosen Arzt, der Arian Pelter in Der Drache von Samarkand mit Hardware zur Steuerung des Killer-Golems Mr. Crane ausstattet, außerdem erleben wir das Polis-Schlachtschiff Occam Razor in Aktion. Insgesamt ist die Handlung dieses kurzen, knackigen Romans ziemlich simpel, als kleine Facette eines größeren Universums ist das Buch dennoch OK. (10.12.2018)


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851
Fraktal Hannu Rajaniemi: Fraktal
Piper, 2013
396 Seiten

Ich gebe offen zu, dass ich nicht ganz kapiert habe, um was es in diesem Roman eigentlich geht. Das soll nicht heißen, dass man der Handlung nicht folgen könnte; man kommt schon irgendwie mit. Mir ist auch klar, dass der Autor uns ein Universum des Posthumanismus vorführen möchte, in dem Körper und Bewusstsein schon lange keine Einheit mehr bilden und in dem es keine Individualität gibt, weil ein Bewusstsein beliebig oft kopiert sowie in die verschiedensten Trägermedien eingespeist werden kann; sei es ein aus Nanomaschinen bestehender Kunstkörper, eine virtuelle Realität oder ein planetengroßes Supergehirn. Aber welche Ziele die Protagonisten verfolgen? Warum sie sich diese Ziele gesetzt haben? Was sie tun, um die Ziele zu erreichen? Und wer oder was die Protagonisten überhaupt sind? Das ist mir größtenteils schleierhaft geblieben. Deshalb müsste ich mir wie schon beim Vorgängerroman Quantum einiges zusammenreimen, um einen vernünftigen Teaser schreiben zu können. Ehrlich gesagt fehlt mir dazu die Lust.

Soweit ich es verstanden habe, soll der Meisterdieb Jean le Flambeur den Kaminari-Stein für die Gründerin Josephine Pellegrini stehlen (keine Ahnung, was das für ein Ding ist). Der Stein befindet sich im Besitz Matjek Chens, des derzeitigen Herrschers des Sobornost, und er wird zur Vollendung des großen Plans dieser Halbgötter benötigt. Ein virtuelles Universum soll entstehen, in dem alle Menschen, die vor dem Großen Zusammenbruch auf der Erde gelebt haben, wiedergeboren werden und ewig leben können. Um an Chen heranzukommen, benötigt Jean dessen Gründercodes. Diese kann er am ehesten mit der unfreiwilligen Hilfe einer Bewusstseinskopie Chens erlangen. Eine solche Kopie soll sich auf der Erde in einem Tiefbunker befinden, der so perfekt gesichert ist, dass er den Großen Zusammenbruch überstanden haben könnte. Die Sicherung stellt natürlich ein Problem dar, außerdem ist die Erde eine Wüste, in der eine ungeschützte Person von wilden Naniten zerfressen oder durch die Einwirkung von Chaoscode mutieren würde. Nur die herrschenden Muthasib-Familien können schützende Siegel verleihen. Um sich in Chens VR einschleusen zu können, nimmt Jean die Identität eines Abgesandten des Sobornost an, der einen Mord aufklären soll. Er bedient sich einer jungen Frau namens Tawaddud Gomelez, die bei ihrem Vater in Ungnade gefallen ist und sich nun rehabilitieren will. Derweil lässt sich Mieli als Söldnerin anheuern, um ebenfalls auf der Erde aktiv werden zu können.

Ich hatte dieselben Probleme wie beim ersten Roman der Trilogie, die ich jetzt wohl doch nicht wie ursprünglich beabsichtigt beenden werde. Teil 3 ist bis jetzt nur in englischer Sprache erschienen. Wenn ich bei den ersten beiden Bänden schon meistens Bahnhof verstanden habe, dann wird das beim dritten sicher noch schlimmer sein. Der Autor konfrontiert den Leser ununterbrochen mit nicht immer nachvollziehbarem Technobabble, unverständlichen Neologismen und sonstigen Fantasiebegriffen, zu denen nur in den seltensten Fällen irgendwann später wenigstens Häppchen jener Informationen geliefert werden, die man bräuchte, um zu begreifen, was der Autor einige Kapitel vorher gemeint hat. Ein Glossar wäre sehr hilfreich gewesen und über einen Abriss der Vorgeschichte, auf die in den beiden Romanen immer wieder – allerdings stets nur andeutungsweise – Bezug genommen wird, hätte ich mich gefreut. Der ständige Wechsel zwischen der selbst für SF-Fans nicht leicht verständlichen Zukunftswelt und unzähligen ineinander verschachtelten virtuellen Realitäten/Träumen/Visionen, in denen sowieso alles möglich ist, macht die Lektüre nicht gerade leichter. Irgendwann wusste ich buchstäblich nicht mehr, "wo" ich gerade war. Wie schon bei Band eins finde ich den Roman durchaus faszinierend. Besonderheit ist diesmal die Atmosphäre aus Tausendundeiner Nacht, die bei den auf der Erde spielenden Kapiteln entsteht. Nur reicht das nicht als Motivation, den Trilogie-Abschluss in einer Fremdsprache zu lesen. (05.12.2018)

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