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24.04.2017 - 28.04.2017: Usedom

Usedom, nach Rügen die zweitgrößte Insel Deutschlands und zugleich die östlichste (die Grenze zu Polen verläuft durch den Ostzipfel), wird auch "Sonneninsel" genannt, denn statistisch gesehen bekommt Usedom die meisten Sonnenstunden des ganzen Landes ab. Davon, dass das selbst im diesjährigen kalten Frühling zutraf, konnten wir uns während eines Kurzurlaubs vom 24. bis 28. April überzeugen. Während es bei uns zu Hause die ganze Woche fast nur geregnet hat, hatten wir von Dienstagabend bis Freitag auf Usedom herrlichen Sonnenschein!

Ende des 19. Jahrhunderts galt Usedom als Berlins Badewanne. Adlige und Mitglieder der gehobenen Gesellschaft kurten hier, vorzugsweise in den Kaiserbädern Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin an der Nordküste, die durch einen endlosen feinsandigen Strand und eine schöne Uferpromenade, die Europapromenade, miteinander verbunden sind. Kaiser Wilhelm II. hat sich regelmäßig auf Usedom aufgehalten, viele Reichsmark sind vor allem in die Kaiserbäder geflossen. So hat sich eine wunderbare, ganz typische "Bäderarchitektur" entwickelt, die den real existierenden Sozialismus gut überstanden hat und in den letzten Jahren aufwändig restauriert wurde. Altehrwürdige Hotels wurden wieder in Betrieb genommen, neue sind entstanden. Unseren Aufenthalt haben wir in Ahlbeck verbracht, dem östlichsten Kaiserbad, von dem aus die polnische Stadt Swinoujscie (Swinemünde) nur einen ausgedehnten Spaziergang entfernt ist, und zwar im luxuriösen Hotel Ahlbecker Hof, entstanden im Jahre 1890 und laut Reiseführer ein Prunkstück der Bäderarchitektur.



Usedom

(Bild 1: Am Strand von Ahlbeck, im Hintergrund das Seetel-Hotel Ahlbecker Hof)


Seine fünf Sterne hat das Hotel auf jeden Fall verdient (insbesondere das riesige, hochwertige Frühstücksbüffet), auch wenn die Einrichtung mal modernisiert werden könnte. Kronleuchter, dunkles Holz, Messing, Stuck und Schnörkel mögen das Flair vergangener Zeiten vermitteln, mein Ding ist dieser Stil nicht. Der Service ist prima. Housekeeping morgens und abends, aufmerksame Bedienung beim Frühstück, stets hilfsbereites Personal, eigener Spa-Bereich und kostenloser Fahrservice. Das Hotel steht sehr zentral an der Strandpromenade und ist dennoch ruhig gelegen. Strand und Seebrücke sind praktisch direkt vor der Tür. Am Anfang der Seebrücke steht ein ebenfalls historisches Gebäude; ein Brückenhaus aus dem 19. Jahrhundert, in dem sich jetzt eine Kneipe befindet. Die Seebrücke dient als Anleger für Ausflugsschiffe.

In Ahlbeck gibt's recht viel Gastronomie, an zwei Abenden zog es uns jedoch ins Brauhaus im benachbarten Heringsdorf. Dort gibt’s Inselbier, Bierschnäpse und –liköre sowie deftige Hausmannskost und zum Nachtisch unter anderem Bierami Su. Nach Heringsdorf spaziert man ganz gemütlich innerhalb einer halben Stunde über die Europapromenade, die übrigens bis Swinoujscie führt.



Usedom

(Bild 2: An der Europapromenade: Gusseiserne Uhr und Brückenhaus in Ahlbeck)


Man sollte mindestens eine ganze Woche auf Usedom verbringen, um alle sehenswerten Orte besuchen und die herrliche Natur erkunden zu können. Bei schönem Wetter, wenn man auch mal den einen oder anderen Tag im Strandkorb verbringen möchte, sollten es vielleicht sogar zwei Wochen sein. Wir hatten leider nur drei Tage, An- und Abreise nicht mitgerechnet. Diese Zeit haben wir hauptsächlich für lange Wanderungen und Strandspaziergänge genutzt, daher kann ich hier gar nicht so viel schreiben.

Zwischen Ahlbeck und Swinoujscie erstreckt sich ein überraschend weitläufiger Forst. Durchquert man ihn Richtung Osten, so erreicht man irgendwann eine Schneise in der Landschaft. Am Wegesrand stehen Pfeiler in den deutschen und polnischen Nationalfarben – das ist die Grenze. Kontrollen finden nicht statt, es gibt keine Mauern, Zäune, Schlagbäume, Checkpoints oder dergleichen. Auf der polnischen Seite, an der Hauptstraße praktisch direkt hinter der Grenze, erstreckt sich ein Labyrinth kleiner Buden durch die Gassen eines Wohngebietes. Auf diesem "Polenmarkt" kann man Zigaretten, allerlei Krimskrams, Süßigkeiten, Ramsch und "Markenartikel" zweifelhafter Herkunft sowie vermutlich raubkopierte Filme kaufen. Aus reiner Neugier haben wir uns das mal angeschaut. Preise verglichen oder gar eingekauft haben wir nicht, ich kann also nicht sagen, ob die Angebote günstig sind. Auf deutscher Seite fand gerade das Sandskulpturenfestival statt. Viele phantasievolle Figuren und Arrangements konnten bewundert werden.



Usedom

(Bild 3: Sandskulpturenfestival 2017)


In Swinoujscie sind der Kurpark mit verschiedenen alten Wehranlagen sowie die Mühlenbake am Beginn der Hafeneinfahrt einen Besuch wert. Das alles kann man von Ahlbeck aus gut erwandern. Für weiter entfernte Ziele, zum Beispiel Peenemünde, empfiehlt sich ein Tagesticket, mit dem man die Usedomer Bäderbahn, alle Busse sowie Mietfahrräder nach Belieben nutzen kann. Das kostete im Jahre 2017 nur 24 Euro für zwei Personen und wurde von uns weidlich ausgenutzt. In Peenemünde sind nur noch wenige Überreste der Heeresversuchsanstalt zu sehen, in der Wernher von Braun während des zweiten Weltkrieges an den "Wunderwaffen" der Nazis gearbeitet hat. Diese Zeit wird in einem Museum dokumentiert. Im Hafen liegt ein ausgemustertes Raketen-U-Boot, das betreten werden kann. Interessanter fand ich die Phänomenta, eine Art Wissenschaftsmuseum zum Anfassen. Man kann unzählige verblüffende Experimente durchführen, wenn man nicht das Pech hat, gleichzeitig mit Schulklassen dort zu sein.

Nach so vielen per pedes zurückgelegten Kilometern gönnten wir uns am letzten Tag eine Rundfahrt mit einem Minizug. Diese Gefährte fahren nicht über Schienen, sondern ganz normal über die Straßen, aber nur mit 25 km/h, sodass man alles in Muße genießen kann – Erklärungen eines Fremdenführers inbegriffen. Es werden verschiedene Touren angeboten. Bei der von uns gewählten wurden drei Stopps eingelegt. Der erste in Benz, wo man die Kirche St. Petri aus dem 17. Jahrhundert besichtigt.



Usedom

(Bild 4: Der Minizug beim ersten Halt in Benz)


Zweite Station ist Rankwitz am Peenestrom, wo man in einem wirklich sehr guten Fischrestaurant schlemmen kann. Den letzten und schönsten Aufenthalt hat man beim Wasserschloss Mellenthin. Dieser stattliche Herrensitz beherbergt heute ein Hotel, ein Restaurant und eine Brauerei. Wer das Schloss besuchen will, muss den Burggraben überqueren und zwei Euro Brückenzoll entrichten. Der wird im Restaurant zurückerstattet. Dort gibt es gar köstlichen selbstgebackenen Kuchen! Das eigentliche Highlight der Tour sind allerdings die Natur und das dörfliche Leben im Hinterland. Ich hatte die ganze Zeit den Eindruck, durch ein Freilichtmuseum zu fahren! In so manchem winzigen Dorf scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Zugegeben, die landwirtschaftlichen Betriebe sind nicht unbedingt Hingucker (die glücklichen Schweine, Kühe, Schafe usw. aber schon), einzelne Gebäude machen einen etwas heruntergekommenen Eindruck und auf den teils ziemlich schlechten Straßen wird man manchmal ganz schön durchgeschüttelt. Die herrlichen Ausblicke auf den Gothensee, das Achterwasser, die Mellenthiner Heide usw. machen das mehr als wett. Man kann allerlei Wildtiere beobachten und mit etwas Glück sieht man einen der auf Usedom heimischen Seeadler. Ich könnte mir durchaus vorstellen, hier meinen Lebensabend zu verbringen.



Usedom

(Bild 5: Dorfidyll in Benz)


Wir hatten einen tollen Urlaub auf Usedom, er war nur viel zu kurz. Es gibt so viel mehr zu unternehmen, also müssen wir wohl wiederkommen!

Mehr Fotos von diesem Urlaub findet ihr hier.


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